Barbaren der Oberschicht – Maskeraden systemischer Gewalt

04.11.12
BerlinBerlin, News 

 

von Sabine Winkler

Herzliche Einladung zur Ausstellung:
'Barbaren der Oberschicht – Maskeraden systemischer Gewalt'

Eröffnung: 07.11.2012, 19.00 Uhr
Dauer: 08.11.2012 – 18.01.2013
Ort: ratskeller – Galerie für zeitgenössische Kunst Berlin
Kuratorin: Sabine Winkler

MERIÇ ALGÜN RINGBORG
MARIANNE FLOTRON
SØREN THILO FUNDER
FLORIAN GÖTTKE
NAOMI HENNIG
MIGRAFONA
OLIVIA PLENDER
PILVI TAKALA
FLORIN TUDOR & MONA VĂTĂMANU
KATARINA ZDJELAR

Die Bezeichnung "Barbaren der Oberschicht" ist von einem Ausspruch des englischen Justizministers Kenneth Clarke abgeleitet, der anlässlich der Aufstände im Sommer 2011 in London nicht nur alle TeilnehmerInnen der Proteste undifferenziert als kriminell bezeichnete, sondern die Demonstranten auch als "Barbaren der Unterschicht" verunglimpfte. Premier David Cameron setzte auf harte Strafen und Disziplinierungsmaßnahmen, um den "Werteverfall der Jugendlichen", wie er es nannte, zu bekämpfen.

Die eigene konservative Politik, die Sparprogramme und Kürzungen im sozialen Bereich forcierte, Reiche hingegen in steuerlicher und gesellschaftlicher Hinsicht unterstützte, indem sie beispielsweise extreme Erhöhungen von Studiengebühren und Elitisierungsprozesse innerhalb des Bildungssystems durchführte, wurde in keinem Zusammenhang mit den Unruhen gesehen.

Die Ausstellung beschäftigt sich mit unterschiedlichen Formen systemischer und symbolischer, oft nicht sichtbarer, anonymer Gewalt, die subjektive Gewalt (oft sichtbar, an Personen gebunden) als Reaktion hervorruft und auslöst. Die gezeigten Arbeiten erforschen unterschiedliche Bereiche systemischer Gewalt des Kapitalismus und analysieren unterschiedliche Formen der Maskerade, die dieses Gewaltpotenzial versteckt. Nicht die Akteure stehen im Vordergrund, sondern die den sozialen Bedingungen des globalen Kapitalismus innewohnenden, systemischen Gewaltmechanismen.

Wie gelingt es systemischer Gewalt so erfolgreich, unsichtbar zu agieren, ohne entdeckt zu werden? Welcher Maskeraden bedient sie sich? Einer ideologischen Maskerade, die das gesellschaftliche Wohl aller proklamiert und Profit und Reichtum für einige wenige meint? Die Maske und die Inszenierung funktionieren perfekt, um zu verhüllen, dass hinter dem Kapitalismus kein moralischer Kern, sondern Gewalt steht. Was sind die Techniken des sich immer wieder neu generierenden und anpassungsfähigen Kapitalismus? Was hat es mit diesen unterschiedlichen Maskeraden systemischer Gewalt auf sich, was verbergen sie und welche Rolle spielen sie im gesellschaftlichen Kontext?

Meriç Algün Ringborg versammelt in einem Buch alle existierenden Visa-Antragsformulare der Welt. Sie verweist auf Maskeraden systemischer Verordnungen, um Ausschlussmechanismen und Praxen der Verhinderung in Gesetzen zu institutionalisieren. Søren Thilo Funder fotografierte ausgewählte Seiten der Autobiografie des Black Panther Mitbegründers Bobby Seale. In den Fotografien der Buchseiten sind ausschließlich Namen von Waffenbezeichnungen sichtbar, nicht aber der Text, um Folgewirkungen systemischer Gewalt, deren Leerstellen und Symbolisierung innerhalb machtpolitischer Strukturen von Legalität und Illegalität aufzuzeigen. Marianne Flotron beobachtet in ihrem Video "Fired" eine Trainingssituation, in der Manager Techniken lernen, wie Angestellte zu entlassen sind. Sie entlarvt diese gecoachten Verhaltensweisen als Methoden neoliberaler Maskierung und macht deren systemisches Gewaltpotenzial im Kontext von Arbeitsverlust sichtbar. Florian Göttke erforscht repräsentative Ebenen und mediale Inszenierungen von Akten symbolischer Entmachtung am Beispiel der Sturzes von Statuen Saddam Husseins. Sie repräsentierten sowohl ein totalitäres System, als auch dessen systemische Zerstörung durch die Bush Regierung. Naomi Hennig dreht den Terminus "Soros Realism" ironisch um und zeigt ein Porträt von George Soros im sozialistisch-realistischen Stil. Naomi Hennig verweist auf die Methoden Soros', die dieser zur Umsetzung seiner Vorstellungen einer offenen Gesellschaft benutzte: u.a. wurden kulturelle Mittel, wie Förderprogramme und Kulturzentren eingesetzt, um das Gewaltpotenzial der Transformationsprozesse in den postkommunistischen Ländern zu maskieren. MigrafonA berichtet in (Comic-)Heften über den österreichischen rassistischen Konsens, der sich u.a. in den Fremdengesetzen, hegemonialer Werte- und Wissensproduktion, sowie in der Geschichtsschreibung manifestiert. In den Comics treffen die Glorreichen 7, sieben Märchenfiguren in der Aufenthaltsbehörde für MigrantInnen aufeinander und tauschen ihre Erfahrungen mit der Hydra, dem Behördenapparat aus. Die Märchenfiguren sind fiktiv, die Geschichte systemischer Schikane Realität. In ihrem Brettspiel "Set Sail For the Levant" bezieht Olivia Plender Stellung gegen den bildungspolitischen Auftrag des Spiels Monopoly, das systemisch vorzeigt, wie man in einer kapitalistischen Gesellschaft zu agieren hat und Gewalt als immanenten Bestandteil des Systems nicht nur mitkalkuliert, sondern positiv besetzt. Pilvi Takala verkleidet sich als Schneewittchen im originalen Disneykostüm und tritt als authentisches Schneewittchen im Disneyland auf. Sehr schnell wird sie vom Sicherheitspersonal daran gehindert. Der Disneykonzern repräsentiert ein geschlossenes System, das ein Monopol auf Mythen- und Wahrheitsbildung beansprucht: Annäherungen und Neuinterpretationen von Außen werden systemisch verhindert und spiegeln ideologische Maskierung im Sinne von, wir sind die Guten, die anderen die Bösen, wider. Mona Vătămanu & Florin Tudor zeigen Szenen von Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und der Polizei. Konkreter Anlass für diese Bilderserie waren die Aufstände in Griechenland im Jahr 2008. Die beiden KünstlerInnen fragen nach der Rolle des politischen Imaginären innerhalb der dramatischen Realität Griechenlands, die durch die Spekulanten der Finanzmärkte verursacht wurde. Ein norwegischer Laienchor singt auf Bitten von Katarina Zdjelar den Beatles Song "Revolution". Im Lied geht es um das Verhältnis von Revolution und Gewalt, um die Ablehnung von Gewalt als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung im Kontext der 1960er Jahre. Katarina Zdjelar untersucht Verhaltensweisen und deren Veränderungspotential an der Schnittstelle von privater und öffentlicher Sphäre.

Veranstaltungen

Freitag, 09.11.2012, 15 Uhr
Publikumsführung mit Sabine Winkler

Freitag, 09.11.2012, 19 Uhr
Künstlergespräch
Florian Göttke: Toppled
Bagdad gefallen, Saddam gestürzt – Inszenierungen symbolischer Entmachtung

Mittwoch, 16.01.2013, 19 Uhr
Kontext und Subtext:
KünstlerInnen diskutieren ihre Arbeitsweisen
Naomi Hennig: Friendly Capitalist. Soros und die Politik des Schenkens
Moderation: Seraphina Lenz
in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunst im Kontext,
Universität der Künste, Fakultät Bildende Kunst

ratskeller – Galerie für zeitgenössische Kunst
Möllendorffstraße 6, 10367 Berlin, Tel.: 030-902963712
ratskeller@kultur-in-lichtenberg.de
www.kultur-in-lichtenberg.de

Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–18 Uhr
U- und S-Bahn Frankfurter Allee (S41, S42, S8, S9, U5),
Tram 16, M13

Bezirksamt Lichtenberg von Berlin
Amt für Weiterbildung und Kultur
Fachbereich Kunst und Kultur

www.barbaren-der-oberschicht.net

 


VON: SABINE WINKLER






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