Wieso Dogmatismus und Reformismus in der Wirtschaftstheorie gut zusammenpassen

30.09.10
KrisendebatteKrisendebatte, Theorie, Debatte 

 

Wer hat das wohl erfunden - die "allgemeine Krise des Kapitalismus"

Von Herbert Steeg

Woran leidet die heutige Weltwirtschaft, wie heißt ihre Krankheit? "Allgemeine Krise des Kapitalismus"? Gerade die Phrasenverliebten in der linken Szene beten diese Formel gern herunter1. Die Erklärung eines "internationalen kommunistischen Seminars" im Mai 2010 in Brüssel spricht von der "allgemeinen Krise des Systems" (unterzeichnet von 35 Kommunistischen Parteien und anderen Organisationen des dogmatischen Lagers). Nur was ist unter "allgemeiner Krise" zu verstehen?

Bei Marx und Engels gibt es keine Kategorie "allgemeine Krise des Kapitalismus". Wenn Marx in den "Theorien über den Mehrwert"2 einmal das Wort "allgemeine Krise" verwendet, dann allein um aufzuzeigen, wie eine Krise von einer Branche auf andere Bereichen überspringt, und die Krise zu einer die gesamte Wirtschaft betreffenden, einer allgemeinen, macht. Wie der Schnupfen, wenn er sich im Herbst verbreitet, zu einer allgemeinen Krankheit wird.
Auch bei Lenin kann ich eine Theorie der "allgemeinen Krise" nicht finden.

Zu finden ist diese Theorie in den Lehrbüchern des zusammengebrochenen realsozialistischen Lagers. Im "Kleinen Politischen Wörterbuch"3 heißt es dazu: "allseitige, für die Bourgeoisie unüberwindliche Gesellschaftskrise. Die a. K. erfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens:
Ökonomie, Politik, Kultur, Ideologie, Moral usw. Sie umfasst jenen historischen Zeitabschnitt der Existenz des Kapitalismus, in dem sich der Prozess seines Niedergangs und seiner revolutionären Ablösung durch den Sozialismus und Kommunismus im Weltmaßstab gesetzmäßig vollzieht." Entstanden ist sie hiernach etwa 1917: "Mit dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution trat die a. K. offen zutage." Ein neues Zeitalter wurde gesehen: "Es ist dies die Epoche der a. K. und des Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems, die Epoche des Kampfes zwischen den beiden Weltsystemen, die Epoche der sozialen Revolutionen der Arbeiterklasse und des Sieges der sozialistischen Gesellschaftsordnung, die Epoche der demokratischen und nationalen Revolutionen der kolonial unterdrückten Völker."
So ist das Modell der "allgemeinen Krise" keine gesonderte Wirtschaftstheorie und keine Erklärung der Krisen. Für Marx war eine andauernde, über eine ganze historische Periode gehende Krise Unsinn: "Krise ist was andres. Permanente Krisen gibt es nicht."4

Bekanntlich sieht seit 1990 die Welt anders aus, und diese Theorie könnte, wenn sie jemals richtig war, als erledigt abgelegt werden. Das wurde sie aber nicht und besonders bei ihrem ökonomischen Teil wird es spannend.

Betrachten wir die Problematik historisch: Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und danach, war bei Sozialisten der Glaube an eine bald bevorstehende Weltrevolution verbreitet. Auch Friedrich Engels erwartete sie. Dann, nach dem 1. Weltkrieg und dem folgenden Kollaps, redeten alle von der Todeskrise des Kapitalismus. Das war eine verständliche Falscheinschätzung der Entwicklungsmöglichkeiten des Systems. Ein fataler Fehler, da doch Marx und Engels immer und immer wieder hervorgehoben hatten, dass die Errichtung einer neuen Gesellschaft nur als die bewusste Tat der Arbeitenden möglich ist. An dieser Todeskrisenstimmung knüpften nun Kommunisten mit dem Konzept der "allgemeinen Krise des Kapitalismus" an. Entwickelt wurde die Theorie in den 20er Jahren und ausgearbeitet nach Lenins Tod. Auf dem VI.Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1928 wurde sie in das Programm der KI aufgenommen, in dem 2. Abschnitt mit dem Titel "Die allgemeine Krise des Kapitalismus und die erste Phase der Weltrevolution".  Der ökonomische Teil die Theorie stammt von Eugen Varga, dem damals führenden Wirtschaftskopf innerhalb der KI. Um zu erklären, woraus er seinen Ansatz entwickelt hat, ist ein Rückblick in die Geschichte der ökonomischen Diskussion nötig.

Die "ökonomischen Romantiker"

Karl Marx' ökonomische Analyse hatte im 19. Jahrhundert den theoretischen Sieg davongetragen, aber innerhalb der Arbeiterbewegung war sie stets von Verflachungen und Verfälschungen umgeben. Eine der populärsten Ideen ging (und geht) davon aus, dass die Krisen ein Problem des Gegensatzes zwischen Produktion und Konsumtion sind. Schon Sismondi vertrat das, und Marx hat seine Theorie im Gegensatz dazu entwickelt.
Zuerst war es Dühring, der diese Ansicht aufwärmte (Krisen folgen aus dem "Zurückbleiben der Volkskonsumtion") und der dafür von Friedrich Engels scharf zurechtgewiesen wurde5.

In Russland entstand eine theoretische Strömung die Lenin 1897 als "ökonomische Romantiker" bezeichnete6. U.a. reduzierten sie, irriger Weise, alle Produktion auf die Produktion von Konsumtionsmitteln und in ihrer Theorie entsteht die Krise aus dem Widerspruch zwischen Produktion und Konsumtion. Darauf entgegnete Lenin u.a.: "Die wissenschaftliche Analyse der Akkumulation in der kapitalistischen Gesellschaft und der Realisation des Produkts untergrub alle Grundlagen dieser Theorie und wies außerdem nach, daß gerade in Zeiten, die den Krisen vorausgehen, die Konsumtion der Arbeiter steigt, daß es Unterkonsumtion (die angeblich die Krisen erklärt) bei den verschiedensten Wirtschaftsordnungen gegeben hat, während die Krisen das Unterscheidungsmerkmal nur eines Systems sind, des kapitalistischen. Diese Theorie erklärt die Krisen aus einem anderen Widerspruch, nämlich den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion (die durch den Kapitalismus vergesellschaftet worden ist) und der privaten, individuellen Aneignungsweise. ... Die beiden Krisentheorien, von denen wir sprechen, erklären die Krisen völlig verschieden. Die erste Theorie erklärt sie aus dem Widerspruch zwischen der Produktion und der Konsumtion der Arbeiterklasse, die zweite aus dem Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und dem privaten Charakter der Aneignung. Die erste sieht also die Wurzel der Erscheinung außerhalb der Produktion ...; die zweite sieht sie gerade in den Produktionsbedingungen. Mit einem Wort: die erste erklärt die Krisen aus der Unterkonsumtion, die zweite aus der Unordnung der Produktion."7 Wie weit diese russische Debatte innerhalb der 2. Internationale bekannt war, weiß ich nicht.

Karl Kautsky entfacht eine Debatte ...

1902 veröffentlichte Karl Kautsky einen Artikel zu Krisentheorien8, in dem er sich mit dem russischen "legalen Marxisten" Tugan-Baranowski auseinandersetzt und dabei die Marx'schen Auffassungen zur Werttheorie und das Gesetz vom Fall der Profitrate verteidigt. Jedoch bei den Krisenursachen schreibt er: "darum entscheidet auch in letzter Linie stets die Ausdehnung des menschlichen Konsums über die Ausdehnung der Produktion."9 Wird das konsequent zu Ende gedacht, entsteht eine Vorstellung vom Kapitalismus, als einer auf Gebrauchswerte (Konsum) ausgerichteten Produktion, und nicht, wie Marx meint, der Produktion um der Produktion willen.10 Kautsky meint auch, die Unterkonsumtion sei der letzte Grund der Krisen. "So führt die kapitalistische Produktionsweise mit Notwendigkeit einerseits zur Einschränkung des persönlichen Konsums der Kapitalisten und andererseits gerade in Folge dessen zu steter Vermehrung der Produktionsmittel und zu steter Erhöhung der Produktivität der Arbeit, also zu steter Erweiterung der Produktion von Konsumtionsmitteln. Die Unterkonsumtion der Ausgebeuteten wird jetzt nicht mehr wettgemacht durch einen entsprechenden persönlichen Konsum der Ausbeuter. Darin liegt der Grund des ständigen Dranges nach Überproduktion in der heutigen Produktionsweise."11 Kautsky sieht also in der Akkumulation eine Einschränkung des Konsums der Kapitalisten.
Marx: "Daß die Akkumulation sich auf Kosten der Konsumtion vollziehe, ist - so allgemein gefaßt - selbst eine Illusion, die dem Wesen der kapitalistischen Produktion widerspricht, indem sie voraussetzt, daß ihr Zweck und treibendes Motiv die Konsumtion sei, nicht aber die Ergatterung von Mehrwert und seine Kapitalisation, d.h. Akkumulation."12

Kautsky blieb aber hier nicht stehen, sondern entwickelte seine Ideen weiter: "Die Kapitalisten und die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter bieten einen mit der Zunahme des Reichtums der ersteren und der Zahl der letzteren zwar stets wachsenden, aber nicht so rasch wie die Akkumulation des Kapitals und die Produktivität der Arbeit anwachsenden und für sich allein nicht ausreichenden Markt für die von der kapitalistischen Großindustrie geschaffenen Konsumtionsmittel. Diese muß einen zusätzlichen Markt außerhalb ihres Bereiches in den noch nicht kapitalistisch produzierenden Berufen und Nationen suchen."13 Daraus folgert er logisch, dass wenn es diesen Bereich außerhalb des Kapitalismus einmal nicht mehr gibt, das System Probleme bekommt. "Es muß eine Zeit kommen, und sie liegt vielleicht schon sehr nahe, von der an es unmöglich wird, daß der Weltmarkt sich jemals auch nur vorübergehend rascher ausdehnt als die gesellschaftlichen Produktivkräfte, wo für alle industriellen Nationen die Überproduktion chronisch wird."14 In diesem Stadium müsse die kapitalistische Produktion krisenhaft im Zustand ständiger Depression stattfinden.

... und Rosa Luxemburg geht darauf ein

Kautsky's Artikel brach eine breite Diskussion los. Soweit es um die Unterkonsumtion als Krisenursache ging, hielt Rosa Luxemburg dagegen: "daß Kautsky dieser Theorie den schiefen und zweideutigen Namen einer Erklärung der Krisen 'aus Unterkonsumtion' anhängt, welche Erklärung Marx gerade im zweiten Bande des 'Kapitals', S. 289, verspottet."15 Ihre grundlegende Kenntnis der Reproduktion im 2. Band des 'Kapital' ließ sie auch die Schieflage der Argumentation Kautsky's, der das raschere Wachstum der Produktionsmittel im Vergleich zum Konsum anzweifelte, erkennen: "Diese Tatsache läßt sich gar nicht bestreiten, und zwar nicht bloß für alte Industrieländer, sondern überall, wo technischer Fortschritt die Produktion beherrscht. Auf ihr beruht auch das Marxsche Fundamentalgesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate."16 Doch Rosa Luxemburg ließ sich auch von Kautsky's Text beeindrucken und folgte Teilen seiner Vorstellungen in ihrer Schrift "Die Akkumulation des Kapitals"17. So zur erwartenden Krisenhaftigkeit: "Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlußphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestaltet."18 Das sah sie indes weniger mechanistisch als Kautsky: "gerade weil die Akkumulation des Kapitals nicht bloß ökonomischer, sondern politischer Prozeß ist."19

Rosa Luxemburg's Buch führte zu harschen Reaktionen in der SPD und zu Kritiken, wie "völlig verfehlt" etc. Gegen die wenigen positiven Besprechungen gab es Druck von "Oben".20 Vorgeworfen wurde Luxemburg's Text er sei eine "Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus". Das war er so weit, wie der Artikel von Kautsky. Rosa Luxemburg verteidigte sich auch damit: "die 'Sachverständigen' der marxistischen Orthodoxie bekämpfen bei mir als horrende Abirrung vom wahren Glauben genau dieselbe, nur exakt durchgeführte und auf das Problem der Akkumulation angewandte Auffassung, die Kautsky vor nun 14 Jahren dem Revisionisten Tugan-Baranowski als 'allgemein angenommene' Krisentheorie der orthodoxen Marxisten entgegenhielt."21

In der Komintern wird "neues" erdacht

Der 1. Weltkrieg galt bei vielen als der Gipfelpunkt aller gekannten Krisen des Kapitalismus, und die Oktoberrevolution als der daraus folgende Übergang. Dabei war der Kapitalismus in seiner Entwicklung noch recht jung und nur auf einem kleineren Teil des Planeten verbreitet. Die finale Hoffnung wurde gleichwohl in Theorie und Politik der KI überführt22 und der Weltzustand als "allgemeine Krise des Kapitalismus" interpretiert. Eugen Varga knüpfte in seinem Ideengebäude an die Debatte in der SPD Anfang 1900 an.

Aus Platzgründen kann ich hier nicht das gesamte Konzept von Eugen Varga vorstellen, möchte aber wesentliche Punkte anführen. Varga geht von einem modifizierten Krisenzyklus aus: "In der Periode der allgemeinen Krise des Kapitalismus erfährt der zyklischen Verlauf der kapitalistischen Reproduktion eine starke Änderung. Die Phase der Prosperität fällt aus dem Zyklus weg. Wurden vor der allgemeinen Krise des Kapitalismus in der Zeit der Depression die Voraussetzungen für den Übergang zur Phase der Belebung und sodann zum Aufschwung der Produktion vorbereitet, so hat jetzt die Wirtschaft des Kapitalismus es nicht mit einer gewöhnlichen Depression, sondern mit einer Depression besonderer Art zu tun, die zu keinem Aufschwung zu keiner neuen Prosperität der Wirtschaft der kapitalistischen Länder führt."23 Eine besondere Rolle spiele dabei die Rationalisierung die eine erhöhte Monopolisierung begünstige. Ergebnis: "Wir sind damit an der ökonomischen Wurzel der allgemeinen Krise des Kapitalismus auf dem noch kapitalistischen Gebiet angelangt ... Am schärfsten tritt in der Periode der allgemeinen Krise der Widerspruch zwischen dem durch die Konkurrenz erzwungenen Bestreben des Kapitals - ungeachtet der monopolistischen Verfaulung - nach einer unbegrenzten Ausdehnung der Produktion und den durch die inneren Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise relativ immer enger beschränkten Konsumtionskraft der kapitalistischen Gesellschaft hervor. Während dieser Widerspruch in den früheren Perioden des Kapitalismus nur in den periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen zum offenen Ausbruch kam, zeigt er in der Periode der allgemeinen Krise des Kapitalismus die Tendenz, chronisch scharf zu werden. Die Aufnahmefähigkeit des kapitalistischen Absatzmarktes genügt selbst in den Hochkonjunkturphasen nicht, um eine volle Ausnutzung des Produktionsapparates zu ermöglichen."24 Wem kommt die beschränkte Konsumtionskraft, die  chronisch wird, nicht bekannt vor? Varga muss übrigens zugeben, dass es Rationalisierung immer schon gab25, aber er sieht einen graduellen qualitativen Unterschied. Nur: ist sie ein stets benutztes Mittel, können wir logischerweise noch nicht an der Wurzel der "allgemeinen Krise" angekommen sein, es sei denn, diese habe es allzeit (untergründig) gegeben.

Eine weitere Begründung wird hinzugezogen: das Marktproblem. "Auf diese Weise, infolge der inneren Bewegungsgesetze des Kapitalismus; infolge des Wegfalls oder der Schwächung jener Faktoren, die in früheren Stadien der Entwicklung markterweiternd wirkten; infolge der Wirksamkeit neuer oder Verstärkung früherer markteinengender Faktoren ist eine Lage entstanden, in der das Marktproblem - wie Stalin sagt - zum Grundproblem des Kapitalismus geworden ist. Oder anders ausgedrückt: während das Marktproblem in früheren Stadien des Kapitalismus nur in der Krisenphase akut war, hat dasselbe in der Periode der allgemeinen Krise des Kapitalismus die Tendenz, chronisch akut zu werden."26 Marx: "Wollte man antworten, das die stets sich erweiternde Produktion ... eines stets erweiterten Marktes bedarf und das die Produktion sich rascher erweitert als der Markt, so hat man das Phanomen, das zu erklaren ist, nur anders ausgesprochen, statt in seiner abstrakten in seiner realen Gestalt. Der Markt erweitert sich langsamer als die Produktion, oder im Zyklus, den das Kapital wahrend seiner Reproduktion durchlauft - ein Zyklus, in dem es sich nicht einfach reproduziert, sondern auf erweiterter Stufenleiter, nicht einen Zirkel beschreibt,
sondern eine Spirale -, tritt ein Augenblick ein, wo der Markt zu eng für die Produktion
erscheint. Dies ist am Schluss des Zyklus. D.h. aber bloss: Der Markt ist glutted. Die Überproduktion ist manifest. Hatte die Erweiterung des Markts Schritt gehalten mit der Erweiterung der Produktion, there would be no glut of markets, no overproduction."27 Oder, wie Marx an anderer Stelle sagt, die Überproduktion aus dem Widerspruch von Produktion und Markt zu erklären, bedeute nur "die Krise durch die Krise erklären"28.

War Kautsky über den Widerspruch zwischen Produktion und Konsumtion zum Gedanken der Endzeitkrise gekommen, kam Varga über die notwendige Begründung der "allgemeinen Krise" zu Argumentationsmustern die Kautsky's arg ähnlich sehen. Bei Varga ist das Ende des Kapitalismus zum greifen nahe: "Man kann jedoch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß das 20. Jahrhundert das letzte Jahrhundert der Existenz des Kapitalismus ist. Ende dieses Jahrhunderts wird es entweder überhaupt keinen Kapitalismus mehr geben oder es werden nur geringe Reste davon übrig geblieben sein."29 Rosa Luxemburg, der stets eine Zusammenbruchsidee zugeschrieben wurde und von der sich Varga distanzierte, war sehr viel vorsichtiger: "Die kapitalistische Produktionsweise als solche umfaßt bis jetzt, nach mehreren Jahrhunderten ihrer Entwicklung, erst noch einen Bruchteil des Gesamtproduktion der Erde, ihr Sitz ist bisher vorzugsweise das kleine Europa, in dem sie auch noch ganzer Gebiete - wie die bäuerliche Landwirtschaft, des selbstständigen Handwerks - und großer Landstrecken nicht Herr geworden ist, ferner große Teile Nordamerikas und einzelne Strecken auf dem Kontinent der übrigen Weltteile."30

Die Theorie von der "allgemeinen Krise" war keine Privatidee von Eugen Varga, sie blieb weiter erhalten als er in Ungnade fiel. Er war nur ihr Experte. 1929 wurde Varga vorgeworfen, dass er 1921, auf dem III. Weltkongress der KI, das wirtschaftspolitische Referat zusammen mit Leo Trotzki vorbereitet hatte. Varga verlor seine Stellung als Experte der KI für weltwirtschaftliche Fragen und die Redaktion der "Inprekorr" distanzierte sich von ihm.31 Voll rehabilitiert wurde er erst an seinem 80. Geburtstag am 6.11.1959.

Eine seltsame Allianz ruft: Es fehlt die Nachfrage

Heute herrscht die seltsame Konstellation, dass die dogmatisch-kommunistische Richtung sich durch das Konzept von der "allgemeinen Krise" mit der keynesianisch-reformistischen Position in der tagespolitischen Praxis trifft. Beide sehen in der Überproduktion und im mangelnden Massenkonsum das Kardinalproblem. Zwar verbinden die einen damit die Hoffnung auf eine unlösbare Endzeitkrise, während die anderen denken, durch staatliche Nachfragestimulierung ließe sich der Kapitalismus neu flott machen. Auf der Strecke bleibt so der marxistische Standpunkt, der zunehmend unsichtbar wird.

Noch mal zum Herzstück des Gesamtproblems. Varga sieht, wie Kautsky, in der Überproduktion von Konsum32 einen unlösbaren Widerspruch der Akkumulation. Oder anders ausgedrückt, das System könnte krisenfrei funktionieren, wenn der gesamte Mehrwert konsumiert wird.
Nur: der Arbeiter produziert grundsätzlich über den eigenen Konsum hinaus. Das ist die Grundlage der Mehrwertproduktion. Die Arbeitenden sind "stets Überproduzenten", wie Marx sagt, das darf jedoch nicht mit der Erklärung der Krisen verwechselt werden.33 Von der Überproduktion, ohne die es keinen Profit gibt, konsumiert der Kapitalist nur den kleinsten Teil, der Hauptanteil wird akkumuliert, d.h. zur Erweiterung der Produktion eingesetzt. Die Anhänger aller "Nachfragemodelle" erfassen nicht, dass der Hauptanteil der Nachfrage, nicht Nachfrage nach Konsum, sondern nach Produktionsmitteln ist.34 Generelle Überproduktion löst keine Krise aus, sondern Wirtschaftswachstum. Krisenauslösend ist partielle Überproduktion, oder anders gesagt, das unterschiedlich schnelle Wachstum in den verschiedenen Branchen und Teilen der Wirtschaft. Das ist durch die unterschiedliche organische Zusammensetzung des Kapitals in den einzelnen Industriezweigen unvermeidlich.

Die Krisen bringen den Untergang einzelner (oder vieler) Kapitalisten, sie bringen Not für die Arbeitenden, aber für den Kapitalismus als System sind sie so wenig eine Bedrohung, wie der Orkan für den Ozean.

Herbert Steeg

1Z.B. im 84er-Papier innerhalb der DKP-Diskussion brachte die "Allgemeine Krise des Kapitalismus" es zur Zwischenüberschrift. Die "Kommunistische Initiative" lehrt diese Theorie in ihrem Fernstudium. Bei der MLPD gehört sie zu den theoretischen Grundlagen. In der Zeitschrift TuP wird kritisiert, dass im Antrag zum DKP-Parteitag 2010 die Krise nicht als "zyklische Krise und allgemeine Krise des Imperialismus" bezeichnet wird ...
2MEW 26, S. 512
3Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin (DDR) 1973, S. 25
4MEW 26.2, S. 497
5MEW 20, S. 266
6W.I. Lenin "Zur Charakteristik der ökonomischen Romantik", LW 2, S. 121ff.
7LW 2, S. 160/161
8Karl Kautsky, Krisentheorien, in: Die Neue Zeit, XX. Jahrgang, 1901/02. Im folgenden zitiert nach: Die Langen Wellen der Konjunktur, Edition Prinkipo, Berlin 1972
9ebda, S. 57
10Marx meint, dass "eine gewisse Höhe der Profitrate über Ausdehnung oder Beschränkung der Produktion entscheidet, statt des Verhältnisses der Produktion zu den gesellschaftlichen Bedürfnissen". MEW 25, S. 269
11Karl Kautsky, a.a.O., S. 48
12MEW 24, S. 498
13Karl Kautsky, a.a.O., S. 48
14ebda, S. 66
15Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 5, Berlin 1975, S. 449
16ebda, S. 272
17ebda, S. 7 - 411
18ebda, S. 391/392
19ebda, S. 519
20Z.B. Franz Mehring hatte eine positive Rezension an das sozialdemokratische Pressebüro gegeben, die von 25 sozialdemokratischen Zeitungen nachgedruckt worden war. Vom Parteivorstand und von der Redaktion des "Vorwärts" war Mehring daraufhin wegen "mißbräuchlicher Ausnutzung" des Pressebüros gerügt worden.
21Rosa Luxemburg, a.a.O., S. 450
22Als ein Beispiel dafür, wie dieses Ende herbei gewünscht wurde, kann angeführt werden, dass Lenins berühmte  Schrift "Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus", die die damalige Jetztzeit beschreiben sollte, einige Jahre nach Lenins Tod den Titel "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" erhielt. Das klang stärker nach: die Entwicklung ist zu Ende. Das hätte Lenin so wohl nicht gesehen, er stand mehr für eine größere Zahl von Etappen des Kapitalismus. So sah er den vorimperialistischen Kapitalismus in zwei Stadien, was heute vermutlich keiner so einschätzt.
23E. Varga, Grundfragen der Ökonomik und Politik des Imperialismus, Berlin 1955, S. 16
24E. Varga, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik, Band 4, S. 1032
25"Die Rationalisierung ist daher nichts prinzipiell Neues; sie ist nur eine besonders systematische, bewußte, gehäufte Anwendung jener Mittel, die die Kapitalisten in ihrer Jagd nach dem Profit stets anwenden, mit dem Unterschied, daß die Erhöhung der Produktivität der Arbeit relativ zurücktritt gegenüber der Ausbeutung der Arbeiter bei gleichem oder vermindertem Lohn."  ebda, S. 1032
26Eugen Varga, 20 Jahre Kapitalismus und Sozialismus, Straßburg 1938, S. 92 f.
27MEW 26.2., S. 524
28MEW 26.2, S. 502
29 E.S. Varga, Ausgewählte Schriften 1918-1964, Dritter Band, Berlin: Akademie-Verlag 1979, S. 99f.
30Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 5, Berlin 1975, S. 306
311935 wurde er wieder in einem Protokoll der KI erwähnt. Er konnte damals verschiedene Schriften veröffentlichen. 1948 gab es erneut Angriffe gegen Varga. In der Schlussresolution zweier Debatten im "Institut für Wirtschaft" wurde Varga als Anhänger der "bourgeois-reformistischen Ideologie" bezeichnet. Im März 1949 leistete er daraufhin "Selbstkritik" und bezichtigte sich des Reformismus.
32"Der Prozeß der Akkumulation selbst ergibt zwangsmäßig eine Disproportion, indem die Kapitalisten einen Teil des angeeigneten Mehrwerts statt zum Kauf der Waren der Abteilung II immer wieder zum Ankauf von Waren der Abteilung I, zur Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion verwenden, während gleichzeitig parallel mit der Erhöhung der Produktivität der Arbeit ein Sinken des Wertes der Arbeitskraft, eine relative Verminderung von v eintritt, was die Konsumtionskraft der Arbeiter verhindert. Es muß daher immer wieder eine relative Überproduktion in Abteilung II entstehen." E. Varga, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik, Band 4, S. 1027
33"Es ist eine reine Tautologie zu sagen, daß die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger Konsumtion oder an zahlungsfähigen Konsumenten hervorgehen. Andere Konsumarten als zahlende kennt das kapitalistische System nicht, ausgenommen die sub forma pauperis oder die des 'Spitzbuben'. Daß Waren unverkäuflich sind, heißt nichts, als daß sich keine zahlungsfähigen Käufer für sie fanden, also Konsumenten (sei es nun, daß die Waren in letzter Instanz zum Behuf produktiver oder individueller Konsumtion gekauft werden). Will man aber dieser Tautologie einen Schein tiefrer Begründung dadurch geben, daß man sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eignen Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, so ist nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größern Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährichen Produkts erhält. Jene Periode müßte - von dem Gesichtspunkt dieser Ritter vom gesunden und 'einfachen' Menschenverstand - umgekehrt die Krise entfernen. Es scheint also, daß die kapitalistische Produktion vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingungen einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvogel einer Krise." MEW 24, S. 409 f.
34"Die Produktion schafft sich tatsächlich selber einen Markt: zur Produktion bedarf es der Produktionsmittel, und diese bilden eine besondere Sphäre der gesellschaftlichen Produktion, die einen bestimmten Teil der Arbeiter beschäftigt und ein bestimmtes Produkt liefert, das teilweise innerhalb dieser Sphäre selbst, teilweise im Austausch mit der anderen Sphäre - der Produktion von Konsumtionsmitteln - realisiert wird. Die Akkumulation bedeutet tatsächlich ein Überwiegen der Produktion über das Einkommen (über die Konsumtionsmittel)." W.I. Lenin, LW 2, S. 148







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