Erneuerung der Ökonomie – Was für eine Erneuerung?

30.04.12
KrisendebatteKrisendebatte, Ökologiedebatte, Umwelt 

 

von Saral Sarkar

Neulich bekam ich einen Text mit dem Titel "Für eine Erneuerung der Ökonomie" [1]. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Da ich aber zu diesem Thema einiges geschrieben habe, war ich sehr interessiert.

Ich dachte, wenn über einhundert besorgte Wirtschaftswissenschaftler Gedanken über die Erneuerung der Ökonomie gemacht haben, dann muss ich ihr Memorandum lesen. Nach der Lektüre war ich aber etwas enttäuscht. Es war ein Missverständnis. Den Unterzeichnern geht es nicht um eine Erneuerung der Wirtschaften (Ökonomien) der Welt oder der von Deutschland, sondern um eine Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften.

Aber eine Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften könnte auch der erste Schritt für die Erneuerung der Wirtschaften sein. Schauen wir also, was für eine Erneuerung die Unterzeichner anstreben.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise konstatieren sie eine tiefe Krise ihrer Wissenschaft. Sie ziehen folgerichtig das herrschende Kernparadigma der Ökonomik in Zweifel, in dessen Rahmen die meisten Ökonomen schon seit Jahren denken, lehren, forschen und die Politik beraten. Dieses Paradigma bezeichnen die Unterzeichner nicht klar. Sie bemängeln nur, dass es "sich in verschiedenen Varianten der Fürsprache des Marktes verschrieben hat." Sie fordern eine paradigmatische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften, eine "paradigmatische Pluralität von Sichtweisen". Sie fordern, dass im Wissenschaftsbetrieb, in der Lehre und Forschung, "andere, von der vorherrschenden Lehre abweichende Sichtweisen" aktiv gefördert werden. Sie wünschen sich eine Streitkultur, Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Sichtweisen.

Hier bin ich etwas unsicher geworden. Geht es hier um verschiedene Paradigmen oder nur um verschiedene Sichtweisen und Lehren?. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Denn auch im Rahmen desselben Paradigmas kann es unterschiedliche Sichtweisen und Lehren geben. Einen Hinweis darauf, was die Autoren des Memorandums meinen, bekommt man, wenn man liest, dass sie Joseph Stiglitz, Paul Krugman und Amartya Sen als Entwickler eines «New Economic Thinking» verstehen. Diese drei sind keine Gegner der Marktwirtschaft, sie sind auch keine Gegner des Kapitalismus. Da ist nichts wesentlich Anderes. Stiglitz und Krugman sind Keynesianer, und Amartya Sen hat mit seiner Wohlfahrtsökonomik ein Herz für die Armen der Welt. Das sind nur unterschiedliche Sichtweisen bzw. Schwerpunkte im Rahmen des herrschenden Paradigmas, verschiedene Varianten der «Fürsprache des Marktes», genauer, der Fürsprache der kapitalistischen Marktwirtschaft.

Es gibt schon genug Auseinandersetzungen unter Ökonomen – z.B. zwischen marktradikalen Neoliberalen und Keynesianern – aber alles im Rahmen desselben herrschenden Paradigmas. Darum konnte der Keynesianismus schon vor langem in die herrschende Lehre integriert worden. Es gibt schon seit langem eine Keynes-Neoklassik-Synthese. Auch in der Praxis wechseln die Herrschenden leicht von der einen zu der anderen Politik.

Thomas Kuhn hatte aber in seinem berühmten Buch von Paradigmenwechseln (paradigm shift) geschrieben, nicht von paradigmatischer Pluralität. Heute ist wirklich ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaft, Wirtschaftspolitik und den Wirtschaftswissenschaften dringend notwendig – ein Wechsel von dem herrschenden Wachstumsparadigma zu dem, was ich das Grenzen-des-Wachstums-Paradigma nenne. Das Kernparadigma des herrschenden Wirtschaftssystems, mithin der Wirtschaftswissenschaften, ist der feste Glaube an die Möglichkeit von unbegrenztem Wirtschaftswachstum. Der feste Glaube an die Überlegenheit der freien Marktwirtschaft ist ein Unterparadigma dieses Kernparadigmas. Unter diesem hat es auch andere Unterparadigmen gegeben, nämlich, Planwirtschaft, soziale Marktwirtschaft, regulierten bzw. keynesianischen Kapitalismus. Alle diese basier(t)en auf dem festen Glauben an die Möglichkeit unbegrenzten Wirtschaftswachstums.

Die Herrschenden haben kein Problem damit, dass in den Unis ein Nebeneinander von friedlich streitenden Unterparadigmen existiert. Ein Keynesianer, Peter Bofinger, ist sogar einer der fünf Wirtschaftsweisen. Vor ihm war Stiglitz der Chefwirtschaftsberater von Bill Clinton. Rudolf Hickel war (oder ist noch) sogar Aufsichtsratsmitglied bei mehreren deutschen Konzernen. Das ist alles unwichtig.

Heute sind die Grenzen des Wachstums spürbar geworden. Die Menschheit leidet daran, dass ihr Wirtschaften an diese Grenzen gestoßen ist. Wir müssen diese Realität hinnehmen. Die Wirtschaften mancher Industrieländer schrumpfen schon. In absehbarer Zukunft wird die ganze Weltwirtschaft schrumpfen, ob es uns gefällt oder nicht. Es ist höchste Zeit, einen geordneten Rückzug vom heutigen Wachstumswahn zu beginnen.

Die Memorandumautoren schreiben aber selbst, die paradigmatische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften muss "vor allem von außen angestoßen werden." Das geschieht schon. Wenn die Staatslenker unter dem Druck der ökologischen und Ressourcenlage die Notwendigkeit der Wirtschaftsschrumpfung eingesehen haben, werden sie von sich aus den Wirtschaftswissenschaftlern den Auftrag geben, eine solche Schrumpfung wissenschaftlich vorzubereiten, ja zu planen. Die Wissenschaftler werden dann den oben genannten Paradigmenwechsel vollziehen müssen. Dann muss vieles neu und anders gedacht werden. Dann werden sie auch den heutigen "perspektivischen Monismus" in Frage stellen dürfen. Sie werden dann keine Appelle an die Regierenden zu richten brauchen.

Bis dahin aber können sie doch, als Bürger, von außerhalb ihrer Unis diesen angefangenen Paradigmenwechsel forcieren. Dafür braucht man keine Forschungsarbeiten und kein Fördermittel. Wie ein früher Keynesianer, Lawrence R. Klein schrieb, "praktische Ökonomik ist einfach gesunder Menschenverstand, während theoretische Ökonomik schwierig gemachter gesunder Menschenverstand ist."

[1] www.mem-wirtschaftsethik.de/memorandum-2012/das-memorandum

s. auch:
Saral Sarkar -'Die Krisen des Kapitalismus'
Eine andere Studie der politischen Ökonomie

http://www.oekosozialismus.net/krisendeskapitalismus.pdf

 







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