Was mich wirklich ärgert

15.11.12
KrisendebatteKrisendebatte, Internationales, Wirtschaft 

 

von Hanne Hilse

Offener Brief an die Medien


Heute, am 15.11.2012, nach den europaweiten Demonstrationen gegen die Sparpolitik und deren sozialen Folgen, bei denen Millionen Menschen in Südeuropa auf die Straßen gingen, denen das Wasser bis zum Hals steht, die ihre Familien nicht mehr ernähren können etc., die massenweise auswandern – flüchten - , die sich aus Verzweiflung umbringen (siehe gestiegene Selbstmordrate in Griechenland um das Dreifache), hat unsere deutsche Presse nichts Besseres zu tun, als entweder überhaupt nicht, oder aber mit der Überschrift „Randale bei Massenprotesten“ zu berichten.

In den Online-Portalen der Zeitungen habe ich heute Morgen, am Tag nach den Generalstreiks und Demonstrationen genau DREI Berichte darüber auf newstral.com gefunden. Und alle machten auf mit der Überschrift, dass es entweder (reißerisch bei 'Zeit-online') zu Straßenschlachten gekommen sei, oder zu Randale am Rand der Demos. Irgendwo im Artikel wurde dann erwähnt, dass es Tausende waren, die da protestierten und es wurden auch ein paar Gründe genannt.

Dass aber in einem großen Teil von Europa MILLIONEN MENSCHEN gegen die Politik der Ausgrenzung, der Verelendung und der Entrechtung protestieren, dass damit auch die deutsche Politik, die gemeinsam mit der sogenannten Troika Südeuropa in die Knie zwingt, kritisiert wird, und vor allem warum, das geht in unseren ach so unabhängigen Medien fast vollständig unter!

Warum wohl? Über die tatsächliche Situation der Menschen in Griechenland, Spanien, Portugal wird sehr selten berichtet. Und dann kommen solche unglaublich dümmlichen Kommentare zustande, wie ich sie eben auf einigen Online-Portalen lesen musste. Die Dummheit und völlige Ahnungslosigkeit eines Großteils der Menschen kann ich ihnen nur bedingt zum Vorwurf machen, da die Medien und die herrschende Politik alles dafür tun, dass sich daran auch nichts ändern möge.

Ich habe eine Bitte an euch alle:
Bitte informiert euch selbst! Und zwar aus möglichst vielen Quellen. Nicht nur über eure Tageszeitung und das Fernsehen. Informiert euch über das Internet, geht mal auf die Seiten von sozialen Bewegungen wie Attac oder telepolis oder indymedia oder scharf-links. Dort wurde übrigens auch auf die vielen kleinen – leider viel zu kleinen! – Solidaritätsaktionen in deutschen Städten hingewiesen.

Fragt Menschen in eurem Umfeld, was sie hören und sehen und vielleicht erfahren von Angehörigen in Spanien, Portugal, Griechenland etc.
Und an die Medienvertreter: Recherchiert doch mal wieder selber, statt euch nur auf die Berichte von dpa zu stürzen und die immer gleichen Kommentare wiederzukäuen.

Leider habe ich die Befürchtung, dass es erst auch bei uns solche Situationen und solche Kürzungs–Marathons geben muss, damit hier ein paar mehr Menschen wach werden! Fühlen wir uns zu sicher? Haben wir keinen Funken mehr an Mitgefühl, an Solidarität übrig?

Lasst euch doch nicht weiterhin diesen zynischen Quatsch erzählen, dass die südeuropäischen Länder selber schuld an ihrer Misere seien, sie hätten eben über ihre Verhältnisse gelebt.

Zum besseren Verständnis der sogenannten Euro-Krise empfehle ich die Bücher:
'Euroland wird abgebrannt' von Lucas Zeise und 'Retten wir den Euro' von Christian Felber.

Wenn ich in seriösen Medien Sätze wie diese höre: „Trotz des harten Sparkurses in Portugal (Spanien, Griechenland etc.) springt die Wirtschaft einfach nicht an.“ ???? Ja, wie soll sie denn? Da frage ich mich doch, wie weit unser Denken, unser Verstand schon vernebelt ist, um die völlige Unlogik und Dummheit dieses Satzes zu erkennen. Wie soll denn eine Wirtschaft anspringen, wenn ich das Land zu Grunde spare, den Menschen, die ja potenzielle Konsumenten sind, jegliche Möglichkeit wegnehme, zu konsumieren, zu kaufen?

Ich bin völlig ratlos, wieso intelligente Journalisten solche in sich widersprüchlichen und dummen Sätze von sich geben können!
Was momentan passiert, ist doch keine Eurorettung, es ist eine Verschleierung der Krise des Kapitalismus mit seiner Wahnsinnsideologie des immer währenden Wachstums, das eine Überproduktion zur Folge hat und unseren Planeten zerstört.

Nach dem Streik:
News nach dem Generalstreik in Portugal, der von der CGTP als voller Erfolg gewertet wird:
Besonders aktiv beteiligt waren das Transportwesen, der öffentliche Dienst und die Häfen. Auf der Website der CGTP wurde gestern aus dem ganzen Land berichtet, wer wo mit welcher prozentualen Beteiligung streikt und bei der Mehrzahl der angegeben Betriebe und Einrichtungen wurde die Zahl 100% genannt. Viele Bilder dokumentieren die Situationen vor Ort.
Gestern Abend gab es vor dem portugiesischen Parlament eine kurze Auseinandersetzung mit der Polizei, die durch Bilder im TV gut dokumentiert ist. Interessant fand ich die Wortwahl im öffentlichen Sender RTP, der übrigens ab 2013 keine staatliche Förderung mehr erhält, die nämlich von einem „polizeilichen Überfall auf Demonstranten“ sprach. Dabei wurden 48 Menschen verletzt und 8 Demonstranten inhaftiert, die heute Morgen vor die Presse traten und angaben, dass sie völlig überrascht wurden und im Übrigen absolut passiv waren. Die beiden brennenden Autos und einige brennende Müllcontainer gingen wohl auf das Konto von Menschen, die mit der Demo gar nichts zu tun hatten. Das soll aber noch geklärt werden. Die Anwältin, die sofort nach der Verhaftung der jungen Leute benachrichtigt wurde, spricht völlig empört darüber, dass sie nicht zu den Inhaftierten gelassen wurde und dass diese gezwungen würden, irgendwelche Papiere blanko zu unterschreiben, von denen sie nicht wüssten, welche Inhalte sich dahinter verbergen.
www.rtp.pt/play/p34/e98977/telejornal
www.dn.pt/galerias/fotos/?content_id=2886786&seccao=Portugal

Statt aber immer nur von Ausschreitungen zu berichten, kann man auch die Zahlen und Bilder in portugiesischen und spanischen Medien auf sich wirken lassen. Allein in Madrid und Barcelona sollen sich zwei Millionen Menschen an den Demonstrationen beteiligt haben. In Portugal über 800 000.




VON: HANNE HILSE






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