Zum Stand der NaO-Essential-Debatte


Bildmontage: HF

06.08.12
OrganisationsdebatteOrganisationsdebatte, TopNews 

 

von DGS_TaP

Im März 2011 veröffentlichte die Sozialistische Initiative Berlin (damals noch mit dem Zusatz: -Schöneberg) ihr Papier „Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich!“ [0].

An der dort vorgeschlagenen „solidarischen und kontroversen, ergebnisoffenen und zielgerichteten Debatte“ (kurz: NaO-Prozeß oder NaO-Debatte) zwischen „‚Marxismus’ und ‚Autonomie’, Links-Sozialisten / Links-Kommunisten und Bewegungslinken“ mit dem Ziel der Überwindung des Zirkelwesens durch eine gemeinsame Organisation der ‚subjektiven RevolutionärInnen’ beteiligen sich mittlerweile neun Organisationen/Gruppen/Publikationsorgane (GAM [1], InterKomms [2], isl [3], MI [4], RSB [5], scharf-links [6], SIB [7], SoKo [8] und trend. Onlinezeitung [9]) auf einer gemeinsamen mailing-Liste und bei gemeinsamen Treffen in Berlin und bundesweit miteinander sowie mit weiteren Diskussionsbeteiligten.

Zahlreiche weitere Stellungnahmen liegen von Gruppen, auch aus ganz anderen Spektren der Linken, vor und stehen im internet zur Verfügung [10]; diese Gruppen haben sich aber (mit Ausnahme der RSO, die beobachtend an einem Treffen teilnahm [11]) noch nicht an gemeinsamen Treffen beteiligt.

Hinsichtlich der theoretisch-strategischen Grundlagen der evtl. zugründenden Organisation hatte die SIB in ihrem Papier vom März 2011 fünf für sie „unverhandelbare Punkte“ benannt:

„1. Konzept des revolutionären Bruchs

2. Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise

3. Klassenorientierung

4. Einheitsfront-Methode

5. (Eine gewisse) organisatorische Verbindlichkeit“ [0].

Nachdem es im Mai bereits einen ersten längeren gemeinsamen Text von InterKomms, RSB, SIB und SoKo gab, der nachträglich auch von der scharf-links-Redaktion unterschrieben wurde: „Neue antikapitalistische Organisation. – Muss das wirklich sein?!“ [12], liegen nun individuelle Vorschläge für die Ausformulierung von Essential 1., 3. und 5. sowie für eine Einleitung zu halten fünf Essentials vor. [12a]

Aktuell schlagen im Diskussions-blog, der zum NaO-Prozeß eingerichtet wurde, die Wellen wegen der „Klassenorientierung“ hoch.

Äußerlicher Anlaß dafür ist die Antwort, die die Sozialistische Initiative Berlin („Mit Lenin Ums Ganze kämpfen!“ [13]) auf den Text der – im kommunistische, antinationalen „Ums Ganze“-Bündnis [14] organisierten Basisgruppe Antifa aus Bremen [15] „Der Klassenkampf und die KommunistInnen. Ein Strategievorschlag“ [16] geschrieben hat.

Der Gen. Karl-Heinz Schubert sieht in der Antwort eine Aufgabe des Essentials der Klassenorientierung. Der SIB zitiere in ihrer Antwort nicht etwa deshalb Lenin lang und breit, um – wie sie es selbst sieht – den „Ums Ganze“-GenossInnen den Schrecken vor den vermeintlich ‚geschichtsdeterministischen Leninisten’ im NaO-Prozeß zu nehmen und vielmehr zu zeigen, daß Lenin ein veritabler Kritiker des Geschichtsdeterminismus war, und daß schon Lenin – genauso wie die Basisgruppe Antifa – der Ansicht war, daß Klassenkämpfe nicht automatisch einen antikapitalistischen bzw. revolutionären Charakter haben.

Nein, so Gen. Schubert in einem auch hier bei scharf-links veröffentlichten Artikel [17], die SIB zitiere nur deshalb Lenins Kritik des Trade-Unionismus, des Nur-Gewerkschaftertums, so ausführlich, um – Abschied vom Proletariat und Abschied von der Klassenorientierung zu nehmen.

Ich habe darauf mit einem Artikel mit der ironischen Überschrift „Wie die SIB das Proletariat entsorgte…“ geantwortet:
http://www.nao-prozess.de/blog/wie-die-sib-das-proletariat-entsorgte.

Im Hintergrund der jetzigen Kontroverse stehen vier strittige Punkte, über die im NaO-Prozeß schon seit längerer Zeit immer mal wieder kontrovers diskutiert werden:

1.a) Gen. Schubert hängt der These der marxistisch-leninistischen Geschichtsphilosophie, „Das Proletariat IST das revolutionäre Subjekt.“, an.

b) Die SIB-Antwort an die Basisgruppe Antifa verzichtet auf derartigen geschichtsphilosophischen Ballast und auch auf das Wort „Proletariat“, in dem sich heutige Lohnabhängige kaum wiedererkennen können, und impliziert die These, „Die Lohnabhängigen WERDEN das Subjekt einer antikapitalistischen Revolution WERDEN, FALLS die RevolutionärInnen ihre Arbeit gut machen und die Lohnabhängigen von ihren über systemimmanente Streiks und Lohnkämpfe hinausweisende politischen Perspektiven überzeugen können und die Lohnabhängigen die revolutionäre Sache dann zu ihrer eigenen Sache machen.“

Abgesehen davon, daß diese Kontroverse auch schon punktuell im blog zum NaO-Prozeß eine Rolle spielte, geht sie auf die Teilnahme des Gen. Schubert an einer SIB-Sitzung im März 2012 zurück. Karl-Heinz Schubert hat jetzt sein damaliges Referat veröffentlicht [18] und ich meine damalige Antwort [19], wozu auch eine Rückantwort des Gen. Schubert [20] und eine aktuelle Rück-Rück-Anwort von mir vorliegt [21].

2.a) Außerdem drängt es Gen. Schubert in ‚die Praxis’. [22]

b) Mein Einwand dagegen lautet: Ich teile die Ansicht, daß das Ziel des NaO-Prozesses, die Gründung einer politischen Organisation ist und, daß auch bereits jetzt „politische Praxis notwendig ist, um Vertrauen zwischen den beteiligten Gruppen zu schaffen. Nur bin ich entschieden der Ansicht, daß – bis zur Realisierung der beiden dort [23] [2.b)aa) und bb)] genannten Bedingungen – der Schwerpunkt zunächst weiterhin auf der theoretischen Praxis liegen muß, weil uns anderenfalls die gemeinsamen KRITERIEN zur BESTIMMUNG der politischen Praxis fehlen.“

Zu diesen beiden Kontroversen liegen auch Stellungnahmen von systemcrash, Bronsteyn und Gerion vor. [24]

3. Impliziert sind in die Kontroverse auch unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschlechterverhältnis und auf Rassismus:

a) Die Formulierung des Gen. Schubert, daß das „Proletariat“ „DAS revolutionäre Subjekt“ sei, impliziert, daß das „Proletariat“ auch das Subjekt der Überwindung von Patriarchat und Rassismus sei (sofern bei dem fraglichen geschichtsphilosophischen Satz überhaupt an diese beiden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gedacht wird.)

b) Folglich lehnt Gen. Schubert meinen Satz, „Das Subjekt der eventuellen Überwindung des Patriarchats ist nicht die ArbeiterInnenklasse, sondern [sind] die Frauen.” [19], ab. [25]

4.a) Schließlich kann vermutet werden, daß im Hintergrund des Drängens des Gen. Schubert ‚zur Praxis’ – und damit anscheinend zu einem Abbruch der Essential-Diskussion und damit dann wohl schließlich auch zu einer ‚Suspendierung’ des Essentials des revolutionären Bruchs – sein Vorschlag aus dem vergangenen Jahr eine Rolle spielt, zunächst nicht die RevolutionärInnen, sondern das zu vereinigen, was er „Klassenlinke“ nennt. [26]

b) Die InterKomms antworteten damals darauf:

„In der derzeitigen Diskussion scheinen sich […] zwei gegensätzliche Ansätze herauszukristallisieren:

a.) Antikapitalistische Organisierung, was aus unserer Perspektive eine kommunistische Orientierung impliziert

b.) Organisierung auf klassenkämpferischer Grundlage=’Klassenlinke’ (Ablehnung von Sozialpartnerschaft, keine Mitverwaltung der Krise und allgemeine sozialistische Orientierung ohne explizit revolutionäre Politik, diffuser Antikapitalismus) […]

Vorneweg: Wir wollen als Gruppe zusammen mit anderen interessierten Gruppen und Einzelpersonen eine antikapitalistische Organisierung aufbauen.

a.) Was ist das Ziel einer antikapitalistischen Organisierung?

Für eine antikapitalistische Organisation steht das Ziel einer befreiten Gesellschaft und die Frage, wie wir dorthin kommen, im Vordergrund bei der Ausrichtung der theoretischen und praktischen Politik.

b.) Was ist eine Organisierung auf klassenkämpferischer Grundlage?

Hier steht im Gegensatz zu einer antikapitalistischen Organisierung der Aufbau und die Unterstützung gesellschaftlicher Kämpfe im Vordergrund. Ein allgemeiner Antikapitalismus spielt hier zwar eine Rolle, ist aber nicht das zentrale Ziel.“ [27]

Ich teile die Präferenz der InterKomms für die Schaffung einer nicht nur klassenkämpferischen, sondern konsequent, d.h.: revolutionär, antikapitalistischen Organisation. Und in diesem Sinne hat die SIB ihre Unterstützung für den Satz in dem Papier der Basisgruppe Antifa ausgesprochen: „Dass Klassenkampf bereits schon selber antikapitalistisch [… ist], ist […] im besten Fall ein schlechtes Gerücht.“, und in ihrer Antwort an die Basisgruppe Antifa Lenins Unterscheidung in „Was tun?“ zwischen gewerkschaftlichem (systemimmanentem) und politischem (revolutionärem) Bewußtsein stark gemacht.

Für den Kommunismus!

Für einen revolutionären Aufbauprozeß ohne geschichtsphilosophischen Ballast.

[0] www.nao-prozess.de/blog/neue-antikapitalistische-organisation-na-endlich-worueber-muessen-wir-uns-verstaendigen-und-worueber-nicht/.

[1] www.arbeitermacht.de.

[2] www.interkomm.nao-prozess.de.

[3] www.islinke.de.

[4] www.marxismus-online.eu.

[5] www.rsb.nao-prozess.de.

[6] www.scharf-links.nao-prozess.de.

[7] www.sib.nao-prozess.de.

[8] www.soko.nao-prozess.de.

[9] nao-prozess.de/nao-prozess-beteiligte/beobachterinnen/trend/.

[10] www.nao-prozess.de/gruppen-stellungnahmen.

[11] nao-prozess.de/nao-prozess-beteiligte/beobachterinnen/rso/.

[12] www.nao-prozess.de/blog/in-kuerze-auch-als-flugi-nao-muss-das-wirklich-sein-von-ik-rsb-sib-u-soko/.

[12a] – rev. Bruch:
www.nao-prozess.de/blog/e-1-vorschlag-zur-ausformulierung-des-essentials-zum-revolutionaeren-bruch/,
www.nao-prozess.de/blog/e-1-alternativer-vorschlag-zur-ausformulierung-des-essentials-zu-revolutionaerer-bruch/ (von Frank Braun),
www.nao-prozess.de/blog/e-1-alternativer-vorschlag-zur-ausformulierung-des-essentials-zu-revolutionaerer-bruch/ (systemcrash),

- Einleitung:
www.nao-prozess.de/blog/e-0-der-zweck-einer-nao-der-subjektiven-revolutionaerinnen/,

- Einleitung + rev. Bruch überarbeitet:
www.nao-prozess.de/blog/essential-diskussion-ueberarbeiteter-vorschlag-zu-e-0-einleitung-und-e-1-revolutionaerer-bruch/

- ‚Klassenorientierung’:
www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/

- ‚Verbindlichkeit’:
www.nao-prozess.de/blog/e-5-vom-netzwerk-zum-revolutionaeren-buendnis-zur-revolutionaeren-organisation-vormals-gewisse-verbindlichkeit/.

[13] www.nao-prozess.de/blog/sib-antwortet-basisgruppe-antifa-mit-lenin-ums-ganze-kaempfen/. Vgl. dazu auch noch meinen Artikel: „Eine NaO muß K E I N E leninistische Organisation sein! – 7 ganz kurze Anmerkungen und 5 noch kürzere Fragen“:
www.nao-prozess.de/blog/eine-nao-muss-keine-leninistische-organisation-sein-7-ganz-kurze-anmerkungen-und-5-noch-kuerzere-fragen/.

[14] umsganze.org/ueber-uns/.

[15] basisgruppe-antifa.org.

[16] www.nao-prozess.de/blog/elaborierter-antikapitalismus-konkret-bremer-ums-ganze-gruppe-nimmt-zum-klassenkampf-stellung/.

[17] scharf-links.de/266.0.html.

[18] www.nao-prozess.de/blog/die-naechsten-schritte/ (ab „Die nächsten Schritte“).

[19] www.nao-prozess.de/blog/latest/wordpress/wp-content/uploads/2012/08/Anm_z_Karls_Papier_3-2012.pdf.

[20] www.nao-prozess.de/blog/die-naechsten-schritte/

[21] www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/ und
www.nao-prozess.de/blog/die-naechsten-schritte/ (harrt im Moment noch der Freischaltung durch den Artikel Autor).

[22] Siehe insb. den Anfang des in FN 18 bereits verlinkten Textes.

[23] www.nao-prozess.de/blog/die-naechsten-schritte/.

[24] www.nao-prozess.de/blog/wie-weiter-im-nao-prozess/,
www.nao-prozess.de/blog/wie-weiter-im-nao-prozess/ und www.nao-prozess.de/blog/wie-weiter-im-nao-prozess/.

[25] Vgl. dazu maedchenmannschaft.net/selbermach-sonntag-5-8-2012/ sowie – von systemcrash –
www.nao-prozess.de/blog/ueberlegungen-zum-revolutionaeren-subjekt/.

[26] www.nao-prozess.de/blog/ueber-den-revolutionaeren-bruch-als-phrase/.

[27] www.nao-prozess.de/blog/kommunistische-organisierungsdebatte-na-endlich/.


VON: DGS_TAP






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