Feminismus als Fußnote


Bildmontage: HF

13.08.12
OrganisationsdebatteOrganisationsdebatte, Feminismus, TopNews 

 

von DGS_TaP

Gen. khs schrieb am 4. August im blog zur NaO-Programm- und Organisierungsdebatte unter Bezugnahme auf ein zuvor von mir veröffentlichten Papier [1] u.a.:

„Im Grunde genommen erscheint mir diese Argumen[ta]tion nur als Krücke, um einer queer-feministischen Glaubensfrage Plausibilität zu verleihen, die in dem Satz gipfelt:
‚Das Subjekt der eventuellen Überwindung des Patriarchats ist nicht die ArbeiterInnen-klasse, sondern [sind] die Frauen.’ Woraus Georgia linear ableitet: ‚Abgesehen davon, daß ich den Begriff >Lohnabhängige< dem Ausdruck >Proletariat< vorziehe, ist antipatriarchale und antirassistische Politik notwendigerweiser interklassistisch: FrauenLesben, die sich bspw. gegen Männergewalt und für Quotierung engagieren wollen, können und sollten dies auf der Grundlage einer inhaltlichen Einigung zu diesen Frage – ungeachtet etwaiger unterschiedlicher Klassenzugehörigkeiten – tun.’

Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Kampf gegen Gewalt schließt den Kampf gegen Männergewalt, wie auch den Kampf gegen die Gewalt, die gegen Kinder ausgeübt wird, usw. usf. ein. Jede Gewaltkonstellation ist anders, aber sie bleibt durch die Klassenlage/-erfahrungen grundiert und geprägt. D.h. Wenn sich Frauen gegen Gewalt zusammenschließen, dann auf der Grundlage ihrer Klassenerfahrungen mit Gewalt. Diesen Zusammenhang als ‚interklassistisch’ umzudeuten, heißt für mich Abschiednahme von der ‚Klassenorientierung’ revolutionärer Politik.

Dass diese meine Interpretation von Georgias Standpunkt zutreffend ist, ergibt sich auch aus seiner Kritik am Begriff des revolutionären Subjekts. Geflissentlich übersieht Georgia, dass ich den Subjektbegriff in Bezug auf das Proletariat, nicht empiristisch[,] sondern im Sinne des dialektischen und historischen Materialismus verwende.“ [2]

Darauf hatte ich am 5.8. [3] meinerseits in etwa erwidert (die folgende Version ist durchgesehen, um Abschnitt 7. ergänzt und mit Literaturhinweisen versehen). Leider ist es notwendig, zunächst einige Klarstellungen dessen vorzunehmen, was ich tatsächlich in dem von khs kritisierten Text geschrieben habe; zum politischen Kern der Diskussion kommen wir dann in den Abschnitten 3.b) bis 7.

1.
„Im Grunde genommen erscheint mir diese Argumen[ta]tion nur als Krücke, um einer queer-feministischen Glaubensfrage Plausibilität zu verleihen, die in dem Satz gipfelt: ‚Das Subjekt der eventuellen Überwindung des Patriarchats ist nicht die ArbeiterInnenklasse, sondern [sind] die Frauen.’“

a) Ich sehe meinerseits keinen Zusammenhang zwischen dem zuvor in dem Kommentar von khs erörterten Thema des Umfeldes einer politischen Organisation und dem – in dem hier angeführten Zitat angeschnitten – Thema der Überwindung des Patriarchats.

b) ‚Queer-Feminismus’ ist ein für mich negativ besetzter Begriff; er bezeichnet in meinen Texten, einen (neo)liberal und kulturalistisch weichgespülten Feminismus. Für das von mir präferierte Feminismus-Verständnis verwende ich die Begriffe „dekonstruktivistischer Feminismus” bzw. “revolutionärer Feminismus” [4] – wahlweise auch zu einem Begriff zusammengezogen.
Vgl. dazu:
www.nao-prozess.de/blog/queere-identitaetspolitik-contra-revolutionaer-dekonstruktivistischem-feminismus/.
Der queer ‚Feminismus’ sowie das marxistische Verständnis und die marxistische Antwort auf die sog. „Frauenfrage” konvergieren gerade in einer – in dem einen Fall: pluriversen; in dem anderen Fall: dualen – gender-PartnerInnenschaft (= Analog-Bildung zu SozialpartnerInnenschaft), die den Antagonismus zwischen Frauen und Männern eliminiert!
Siehe dazu:
theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/03/gegen-den-strom/, in und bei FN 5, 6 und 7.

c) Und kann eine „GlaubsFRAGE” Plausibilität haben – oder kann Plausibilität vielmehr allenfalls die ANTWORT auf diese Frage haben?

d) Gerade queers würden – in ihrer Blindheit für gesellschaftliche Strukturen [5] – sagen, daß zwischen Männern, Frauen, Trans*, Intersexuellen, … keine Unterschiede bestehen; und sagen, daß von allen genauso wahrscheinlich sei, daß sie feministisch sind bzw. werden. Genau dies ist aber meine These NICHT.

e) Vielmehr haben sich (und zwar durchaus nicht nur zufällig) lohnabhängige MÄNNER – genauso wie bürgerliche MÄNNER – nicht gerade als Subjekte des Feminismus hervorgetan – um es mal gelinde auszudrücken. Es besteht auch wenig Anlaß zu der Hoffnung, daß sich das in Zukunft ohne Weiterentwicklung des feministischen Kampfes von FrauenLesben ändern wird.

2.
„Woraus Georgia linear ableitet:“
Da ich keine HegelianerIn bin, pflege ich nichts ‚abzuleiten’. – ‚Ableitungen’ sind (in der typischen Verwendungsweise des Ausdrucks [6]) begriffsgebärende Begriffe – eine idealistische Methode, die auch schon ein gewisser Kommunist namens Karl Marx abgelehnt hat [7].
Was ich mache, ist – außer, wenn ich mich irre ;-) : a) Logische Schlußfolgerungen ziehen und Beweise führen und b) politisch Partei ergreifen.
Manchmal stelle ich auch nur – der Kürze halber – mehrere Thesen hintereinander, OHNE ein Begründungsverhältnis zwischen ihnen zu behaupten.

3.
Die gesamte vorstehend erörterte Passage aus khs Kommentar noch einmal im Zusammenhang mit dem unmittelbar anschließenden Text von khs:
„Im Grunde genommen erscheint mir diese Argumention nur als Krücke, um einer queer-feministischen Glaubensfrage Plausibilität zu verleihen, die in dem Satz gipfelt: ‚Das Subjekt der eventuellen Überwindung des Patriarchats ist nicht die ArbeiterInnenklasse, sondern [sind] die Frauen.’ Woraus Georgia linear ableitet: ‚Abgesehen davon, daß ich den Begriff >Lohnabhängige< dem Ausdruck >Proletariat< vorziehe, ist antipatriarchale und antirassistische Politik notwendigerweiser interklassistisch: FrauenLesben, die sich bspw. gegen Männergewalt und für Quotierung engagieren wollen, können und sollten dies auf der Grundlage einer inhaltlichen Einigung zu diesen Frage – ungeachtet etwaiger unterschiedlicher Klassenzugehörigkeiten – tun.’“

a) Ich weise – nur der Genauigkeit halber – darauf hin, daß der zunächst von khs zitierte Satz in Abschnitt 1. auf S. 2 meines fraglichen Textes steht. Die danach angeführte Passage steht dagegen erst in Abschnitt 4. auf S. 3. – Also von wegen „linear ableite[n]“…!

b) Viel spannender finde ich allerdings die Frage, was denn nun eigentlich der EINWAND von khs gegen die Sätze, die er aus meinem Text zitiert, ist. Dazu schweigt seine Antwort!
Khs mißt meine Position an einem bestimmten – nicht einmal genauer explizierten Maßstab – und stellt vermutlich zurecht meine Abweichung fest. Aber er unterläßt in seinem Text jede Aussage dazu, warum denn sein Maßstab wahr (wissenschaftlicher Aspekt) bzw. richtig (philosophisch-politischer Aspekt) sein soll.

4.
„Der Kampf gegen Gewalt schließt den Kampf gegen Männergewalt, wie auch den Kampf gegen die Gewalt, die gegen Kinder ausgeübt wird, usw. usf. ein. Jede Gewaltkonstellation ist anders, aber sie bleibt durch die Klassenlage/-erfahrungen grundiert und geprägt. D.h. Wenn sich Frauen gegen Gewalt zusammenschließen, dann AUF DER GRUNDLAGE ihrer Klassenerfahrungen mit Gewalt.“ (meine Hv.)
Satz 1 und 2 sind zwischen uns völlig unstrittig. – Wie gelangt khs aber zu der in Satz 3 ausgedrückten Auffassung?
Die HIER in Rede stehende Grundlage ist Männergewalt gegen Frauen – und die ERFAHRUNG der Männergewalt mag durch Klassenlagen überlagert / konkretisiert / modifiziert werden – aber keinesfalls ist die Klassenlage die GRUNDLAGE der fraglichen Gewalt und auch nicht der fraglichen GewaltERFAHRUNG!

5.
„Diesen Zusammenhang als ‚interklassistisch’ umzudeuten, heißt für mich Abschiednahme von der ‚Klassenorientierung’ revolutionärer Politik.”
Wenn Du das so ausdrücken willst – meinetwegen. Aber es gibt nicht „revolutionäre Politik“ GANZ ALLGEMEIN – sondern die „Orientierung” revolutionärer Politik ist IM HINBLICK darauf zu bestimmen, welches KONKRETES gesellschaftliches Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis umgewälzt werden soll. – Und eben deshalb erfordert die Umwälzung des Patriarchats eine andere (nicht: gegenteilige, sondern hinzukommende/’zusätzliche) „Orientierung“ als die Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise.

6.
Zur Begründung seiner Auffassung, daß (allein) das „Proletariat“ „DAS revolutionäre Subjekt“ sei, schreibt khs:
„Geflissentlich übersieht Georgia, dass ich den Subjektbegriff in Bezug auf das Proletariat, nicht empiristisch[,] sondern im Sinne des dialektischen und historischen Materialismus verwende.”

a) Nicht (nur) „nicht empiristisch“ (das würde ich begrüßen), sondern überhaupt losgelöst von jeder Empirie ist die These von khs in Bezug auf „Proletariat“ als revolutionäres Subjekt. Ebendas ist mein zentraler Kritikpunkt: Daß khs seine politische Hoffnung oder geschichtsphilosophische Setzung in die Form einer scheinbar empirischen Aussage („Das Proletariat IST das revolutionäre Subjekt.“) gießt, aber für seine Behauptung, die er beständig wiederholt, seit Monaten jede Begründung schuldig bleibt!
(Im Gegensatz zu khs bin ich der Auffassung, daß die Lohnabhängigen das POTENTIELL revolutionäre Subjekt in Bezug auf die kapitalistischen Klassenverhältnisse sind, daß aber die Frauen bzw. die Schwarzen die POTENTIELL revolutionären Subjekte in Bezug auf Patriarchat und Rassismus sind.)

b) „sondern im Sinne des dialektischen und historischen Materialismus“ – na, was denn nun?
Historischer Materialismus (= die von Karl Marx begründete Geschichtswissenschaft)? Dann müßtest khs seine Aussage im empirischen Sinne verstehen – und dann müßte er Beweise für die (empirische) Wahrheit seiner Behauptung anführen (was Theorie einschließt).
Oder Dialektischer Materialismus (= die von Stalin aus den verstreuten philosophischen Interventionen von Marx, Engels und Lenin kompilierte ‚marxistische Philosophie’)? – Dann handelt es sich um einen Übergriff ebendieser Philosophie in den Zuständigkeitsbereich der (von Marx begründeten) Geschichtswissenschaft. Und dann rechtfertigt dies meine Kritik, daß sein Satz – sofern ihm überhaupt ein theoretischer Status zugebilligt werden kann (und es sich nicht nur um einen politischen Wunsch handelt) – eine bloße geschichtsphilosophische Setzung ist, für die er weder wissenschaftliche Beweisführung noch – im Zuständigkeitsbereich der Wissenschaften unmögliche! – philosophische Begründung liefert.

khs restauriert die – von Marx seit der „Deutschen Ideologie“ angefochtene – Rolle der empirielosen Philosophie als Königsdisziplin gegenüber den Wissenschaften! Ebendies ist Idealismus.
MarxistInnen brauchen keine Philosophie, die den Wissenschaft die Antworten VORSCHREIBT, sondern eine Philosophie die FRAGEN stellt; die die Wissenschaften immer wieder zur „konkreten Analyse konkreter Situationen“ (Lenin) ‚PROVOZIERT’ statt ihnen ewige, philosophische ‚Wahrheiten’ zu oktroyieren und an die Stelle von wissenschaftlichen Untersuchungen und der dabei produzierten ERKENNTNISSE zu setzen.
Das von khs behauptete ‚revolutionäre Subjekt’ ist keine ERKANNTES Subjekte (keine Erkenntnis), sondern das Produkt ‚dialektischer’ Scharlatanerie (um nicht zu sagen: Hegelianismus), mit der khs seinem GlaubensSATZ, das das Proletariat DAS revolutionäre Subjekt sei, den ANSCHEIN marxistischer Plausibilität verleiht!

7.
Warum müssen wir derartige philosophische Fragen im NaO-Prozeß überhaupt erörtern, wo es uns doch um POLITIK geht? Wir müssen sie deshalb diskutieren, weil der Arbeitskreis Kapitalismus aufheben (AKKA) (siehe scharf-links vom 11.8.12 [8]) seinen POLITISCHEN Vorschlag, den er den anderen am NaO-Prozeß Beteiligten unterbreitet, auf die Geschichtsphilosophie des Gen. khs stützt. Dieser politische Vorschlag lautet:

Eine „Plattform“ solle geschrieben werden, die „[b]egonnen werden müsste […] mit der ‚Klassenorientierung’ (3.NaO-Eckpunkt). Hier wäre zu entwickeln, warum das Proletariat das historische Subjekt ist, welches durch die kapitalistischen Verhältnisse gezwungen wird, als Klasse den Kapitalismus aufzuheben.“
Alles was nicht in den Bereich des vermeintlich alleinigen „Grundwiderspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital“ fällt und alle anderen Komplizierungen des glatten geschichtsphilosophischen Schemas vom „Proletariat“ als „revolutionärem Subjekt“, bekommt den Status einer Fußnote oder – wie sich der AKKA ausdrückt – den Status einer „Protokollnotiz als Anlage“ zugewiesen:

„In einer Art PROTOKOLLNOTIZ ALS ANLAGE müsste im Hinblick auf die konkreten Widerspruchskonstellationen eine Stellungnahme […] formuliert werden, wie mit anderen politisch-ideologischen Strömungen im Klassenkampf, im Geschlechterkampf, im ökologischen, Antira und Antifa-Kampf zusammengearbeitet wird (Stichwort: Bündnisarbeit, Aktionseinheit, Einheitsfront).“ (meine Hv.)

Wegen dieser vom AKKA vorgeschlagen Schwerpunktsetzung ist im NaO-Prozeß die Diskussion über die Geschichtsphilosophie und deren Kritik aufgekommen!

Literaturhinweise:

Siehe im übrigen zur Stellungnahme des AKKA meine dortige Kritik:

‚Politisches Kartell der proletarischen Klassenlinken’ oder revolutionäre Organisation des 21. Jahrhunderts? – Zum AKKA-Papier
www.nao-prozess.de/blog/erklaerung-des-arbeitskreises-kapitalismus-aufheben-akka-zum-nao-prozess/

Siehe zur Verflechtung (triple oppression, Intersektionalität, Überdeterminierung) von rassistischer, patriarchaler und klassistischer Herrschaft und Ausbeutung:

Drei zu Eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus
www.nadir.org/nadir/initiativ/id-verlag/BuchTexte/DreiZuEins/DreiZuEinsViehmann.html

sowie meine dortigen – sich auf eine lesbar Anzahl beschränkenden – Literaturhinweise:
www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/
und
www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/

Siehe des weiteren zur Kritik des geschichtsphilosophischen Denkens

Braucht eine revolutionäre Organisation eine Geschichtsphilosophie?
theoriealspraxis.blogsport.de/2012/08/06/braucht-eine-revolutionaere-organisation-eine-geschichtsphilosophie/

und (als Antwort auf Kritiken):
www.nao-prozess.de/blog/ueberlegungen-zum-revolutionaeren-subjekt/

[1] www.nao-prozess.de/blog/latest/wordpress/wp-content/uploads/2012/08/Anm_z_Karls_Papier_3-2012.pdf.
[2] www.nao-prozess.de/blog/die-naechsten-schritte/.
[3] www.nao-prozess.de/blog/e-4-parteilichkeit-antagonistische-orientierung-vormals-klassenorientierung/.
[4] theoriealspraxis.blogsport.de/tag/rev.-fem.
[5] theoriealspraxis.blogsport.de/2011/08/05/aus-gegebenen-anlass-gegen-queere-politische-und-gesellschaftsanalytische-indifferenz/.
[6] Vgl. dagegen als Ausnahme von der Regel und Kritik an der typischen Verwendungsweise das dortige Kitschelt-Zitat: theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/05/was-haette-eigentlich-staats-ableitung-sinnvollerweise-heissen-koennen/.
[7] www.mlwerke.de/me/me13/me13_615.htm: „ein Gedankenkonkretum [ist] in fact ein Produkt des Denkens, des Begreifens […]; keineswegs aber des außer oder über der Anschauung und Vorstellung denkenden und sich selbst gebärenden Begriffs“.
[8] scharf-links.de/266.0.html.
 


VON: DGS_TAP






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