Offener Brief an Thomas Strobl

03.11.10
PolitikPolitik, Antifaschismus, Baden-Württemberg, TopNews 

 

Von Wolfgang van Deuverden

Guten Tag Herr Strobl, Sie belegten in Ihrem Abgeordneten - Newsletter "Berlin Aktuell" v. 29.10.2010 den Schauspieler und Stuttgart21 - Gegner Walter Sittler mit dem nachfolgenden Zitat:  "Tatsächlich entlarvt sich Sittler mit dieser Äußerung als das, was er ist: jemand, der in Wahrheit mit unserer Demokratie nichts am Hut hat."

Sie nehmen damit Bezug auf die Äußerung Sittlers in der TV-Show "Markus Lanz", in der Sittler bedauerte, daß "Wählerinnen und Wählern in Baden-Württemberg den Fehler begingen, seit über 50 Jahren eine Regierungsbeteiligung der CDU ermöglicht zu haben."

In der Bildunterschrift, unter einem Portrait Sittlers in diesem Beitrags, bereichern Sie Ihrer Äußerung um den Hinweis:  "Sein Vater war Nazi-Funktionär und arbeitete für Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: Walter Sittler, Propagandist der S21-Bewegung."

So weit, so schwachsinnig. Es "entlarvt" sich also jemand als Undemokrat, der bedauert, daß Ihre Christenunion Wahlen gewinnt? Haben Sie es noch nie bedauert, daß die Linke in nahezu alle Landesparlamente einzog, daß die NPD Landtagsmandate gewann? Aus dem Bedauern eines Wahlergebnisses kann man selbst bestwillig Ihre Interpretation nicht herleiten. Aber dies alleine wäre mir einen Brief an Sie nicht wert gewesen - perfide wird es, im besten Nazi-Propaganda-Stil, wenn Sie dann die Sittlersche Familiengeschichte bemühen, um Walter Sittler unter Hinweis auf seinen Vater zu diskreditieren und in ein undemokratisches Licht zu rücken. (Und das auch noch mit falschen Angaben, Sittlers Vater arbeitet nicht für Goebbels sondern für das Reichsaußenministerium, aber das Propagandaministerium passte wohl einfach besser).

Wie fänden Sie es denn, unter Ihrem Konterfei zu lesen "Thomas Strobl, MdB, Generalsekretär der BW-CDU. Sein früherer Ministerpräsident (oder ersatzweise auch Landesvorsitzender oder gar Bundeskanzler) war Nazi". Ungeheuerlich? Unverschämt? Sie würden aufgeregt fragen, was dieser Umstand denn mit Ihnen zu tun hat? Tja, Herr Stobl, wahr wäre es dennoch. Und deutlich schlimmer als das, was Sie Herrn Sittler nun unterstellen. Der kann nämlich nichts für die Taten seines Vaters, Ihre BW-CDU aber, die heranwuchs auf einem Haufen braunem Mist, mit zahllosen Mitgliedern in hohen und höchsten Ämtern und Würden, die vor und im Kriege Mitglied der NSDAP und zum Teil auch hohe Funktionsträger im Nazistaat waren, hat ihre Vergangenheit nie aufgearbeitet und sogar - zuletzt beim Tode von Nazi-Richter Filbinger - stets zu beschönigen und vertuschen versucht. Herr Sittler tat solches nie, seine Familiengeschichte wurde unter seiner Mitarbeit schon 2007 in einer TV-Dokumentation aufgearbeitet.

Aber insgesamt ist Ihr Beitrag über Herrn Sittler dankenswerter Weise ein Lehrbuchbeispiel für den direkten Schuss ins eigene Knie schlechthin. Das wiederum freut mich doch sehr, fast so sehr wie meine sichere Hoffnung, daß die Regierungsbeteiligung Ihrer CDU in Baden-Württemberg ab dem kommenden Frühjahr Geschichte sein wird. Und vorher wird man sich das ja noch wünschen dürfen.

Viele Grüße von der Ostsee

Wolfgang van Deuverden
Mitglied des VS-Verband deutscher Schriftsteller







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz