Interview mit MdB Annette Groth bei der Pressekonferenz am 4.6. 2010 zu den Angriffen auf die Gazahilfsflotte im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart.

05.06.10
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von Thomas Mitsch

Thomas Mitsch: Annette, erstmal herzlich willkommen. Ich freue mich dich gesund wieder zu sehen. Erst letzten Sonntag habe ich ein Telefoninterview mit Dir gemacht, als du kurz vor der Weiterfahrt auf Kreta ein Training absolviertest. Wie ging es weiter?

Annette Groth: Eigentlich hätten wir mit der Challenger1 weiterfahren sollen, aber wie die Challenger 2 hatten wir technische Probleme, sodass wir am 29.5. auf das türkische Passagierschiff "Mavi Marmara" umgestiegen sind. Die Vermutung einer Sabotage wurde von einigen geäußert.

T.M.: Wer war bei der deutschen Delegation dabei?

A.G.: Die deutsche Delegation bestand aus dem Völkerrechtler Norman Paech, dem stellvertretenden IPPNW-Vorsitzenden und Frankfurter Arzt Matthias Jochheim, dem Mitglied der Palästinensischen Gemeinde Deutschland Nader al Sakka, meiner Bundestagskollegin Inge Höger und mir.

T.M.: Wie war die Stimmung an Bord?

A.G.: Es war eine muntere Stimmung, man könnte fast meinen euphorisch. Einige spielten Instrumente und sangen Lieder. Al Jazeera machte konstant Interviews und sendete sie in die Welt. Auf der "Mavi Marmara" waren wir Frauen auf dem untersten Deck dem "Frauendeck" untergebracht ein Deck darüber die Männer.

T.M.: Was passierte auf hoher See in internationalen Gewässern?

A.G.: Nun, am 31. Mai, es muss so gegen 20 nach vier Uhr morgens gewesen sein, wurden wir Frauen - wir waren unten auf dem Frauendeck, - aufgefordert, Schwimmwesten anzulegen, da israelische Schiffe um unser Schiff seien.  Um 5.20 kam die Durchsage des Kapitäns, dass  die israelische Marine die Kontrolle über das Schiff übernommen hat, und dass wir ruhig bleiben und keinen Widerstand leisten sollten.

Wir hörten komische Geräusche, Treppengelaufe. Nach ca. einer 3/4 Stunde sollten wir eine Etage höher, aufs Männerdeck. Da waren wir eine ganze Weile, gut bewacht von schwer bewaffneten israelischen Soldaten, die uns von draußen in Schach hielten. Haneen Zoubi, eine palästinensisch-israelische Parlamentarierin, ging nach einer Weile durch den Gang und hielt den Soldaten durch die Scheiben ein Schild auf Hebräisch hin, dass man dringend ärztliche Hilfe und Medikamente bräuchte.
Nach einer Weile wurden wir einzeln auf das Außendeck beordert, wurden gefilzt, die meisten Sachen wurden uns abgenommen. Ich konnte meine Bauchtasche behalten mit Portemonnaie, Diplomatenpass und M3 Player. Wir wurden alle mit Kabelbindern gefesselt, ich als eine der wenigen sogar mit den Händen auf dem Rücken.

T.M.: Hattet ihr Verletze oder Tote?

A.G.: Ja, es machte die Runde, dass es 4 oder 5 Tote gegeben hätte und etliche Verletzte. Die Verletzten wurden später auf das höhere Deck getragen, und zwar mit dem Kopf nach unten -  anstatt umgekehrt.  Wie mir eine britische Krankenschwester später erzählte, mussten die Verletzten 1 3/4 Stunden auf medizinische Versorgung warten!

T.M. Hattest Du Angst?

A.G. Schon, aber ich versuchte mich, mit meinem mp3 Player abzulenken und habe die Brandenburger Konzerte von Bach gehört, bis ein Soldat mir den mp3 Player wegnahm.

Einige Stunden später konnten wir wieder auf das ehemalige Männerdeck - getrennt nach den Geschlechtern - und erhielten Wasser und Kekse. Alle Gepäckstücke waren offen, teilweise aufgeschlitzt und lagen auf einem Haufen. Vieles lag auf dem Boden, z.B. eine kaputte Brille, Zigaretten, After Shave etc.. Unter den europäischen, aber auch mit den englisch sprechende Türkinnen hat sich so eine Art von internationaler Frauensolidarität entwickelt. Und wir haben uns gegenseitig versprochen, dass wir in Zukunft enger auf europäischer und internationaler Ebene zusammenarbeiten wollten. Unter den Frauen war z. B. eine Türkin, deren Mann morgens erschossen wurde, eine palästinensische Israelin vom Free Gaza Orga Team,  eine südafrikanische Journalistin, eine US-amerikanische Journalistin und Producerin,  eine Norwegerin, eine junge Belgierin und eine britische Krankenschwester.

T.M.: Wann und wie wurdet ihr freigelassen?

A.G.: Gegen 19.00 erreichten wir Port Ashdod, Israel. Um 20.30 Uhr ging ich zu einem Soldaten und sagte, dass ich Kontakt mit meiner Botschaft will. Gegen 21.15 konnten Inge Höger und ich dann von Bord. Im Hafen von Aschdod hatten die Israelis eine Zeltstadt aufgebaut. Man war gut vorbereitet, dass alles erscheint mir im Nachhinein minutiös und generalstabsmäßig geplant. Das Terrain mit den Zelten war abgesperrt und militärisch bewacht. Draußen war eine Demo aus Solidarität mit uns, wir konnten Hupen und Trillerpfeifen hören, was uns allen gut tat.
Gegen 02:00 Uhr morgens, am 01.06.2010, wurden wir fünf Deutsche mit einem Gefängnisbus zum Abschiebebereich des Flughafens gebracht, um 6.20 startete die Maschine Richtung Berlin.

T.M.: Was waren Deine Motive an dieser Hilfsaktion teilzunehmen und würdest du wieder an so einer Aktion teilnehmen?

A.G.: Ich bin vor einiger Zeit von pax christi gefragt worden, ob ich bei dieser Hilfsaktion mitmachen wollte. Und das habe ich gern gemacht.
Ich wollte auf die menschliche Notlage im Gazastreifen durch die Blockade hinweisen und darum wollten wir auch die vielen Tonnen Hilfsgüter dahin bringen. Hier geht es um 1.5 Millionen Menschen die kollektiv bestraft und in ihrem eigenen Land gefangen gehalten werden, davon die Hälfte unter 18 Jahren. Menschen sterben dort, weil keine Medikamente vorhanden sind. Es ist eine Farce, wenn die israelische Regierung behauptet, es gäbe keine humanitäre Katastrophe im Gazastreifen.

Durch meinen Diplomatenstatus konnten ich und meine Parlamentskollegin Inge Höger unseren mitreisenden Delegationsangehörigen auch einen gewissen Schutz bieten.
Und, ja ich würde es wieder machen, aber wir hoffen jetzt auf ein Ende der Blockade.

T.M.: Vielen Dang für das Gespräch

Annette Groth menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE
Thomas Mitsch ist Landessprecher der LAG roter reporter/innen BaWü







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