Offener Brief an LINKE.NRW


Bildmontage: HF

04.07.08
PolitikPolitik, Netzwerk, NRW, TopNews 

 

Ihr braucht den mutigen Journalismus im Internet

Offener Brief des Chefredakteurs der Linkszeitung, www.linkszeitung.de , Werner Jourdan, an den Landesvorstand der LINKEN.NRW

Lieber Ralf Michalowsky,

wie ich höre, setzt beim Landesvorstand der LINKEN.NRW nun doch allmächlich Tauwetter ein. Im juristischen Streit mit den Online-Publizisten Edith Bartelmus-Scholich ("scharf-links") und Peter Weinfurth ("Linke Zeitung") seid ihr offenbar dabei, euch zu einigen. In diesem Fall nachzugeben, ist keine Niederlage, denn niemand braucht die mutigen Schreiber, die verrückten Online-Pioniere und exzentrischen Internet-Prediger so sehr wie die LINKE. Ihr seid auf sie angewiesen, nicht sie auf euch - und das weit mehr als euch bisher klar war.

Wenn ich an die vergangenen drei Jahre der Linkszeitung zurück denke, dann haben wir uns täglich Themen gewidmet, die völlig gegen den Trend standen. Wir haben die Meinungen veröffentlicht, die uns Kopf und Kragen hätten kosten können. Wir haben uns für Menschen eingesetzt, nach denen kein Hahn mehr krähte. Wir haben dafür wachsende Zustimmung und steigende Nutzerzahlen geerntet, aber auch Hohn, Spott, Beschimpfungen, Drohungen und juristische Attacken kassiert.

Trotz alledem haben wir uns bis morgens um vier an den PC gesetzt und nicht aufgegeben. Wir haben vieles dafür geopfert und nichts dabei verdient. Doch umsonst war das alles wohl nicht. Ich wage sogar zu behaupten, ohne die halsstarrigen Online-Journalisten von "Nachdenk-Seiten", "Radio Utopia", "scharf links" und von vielen Webseiten, die ich nicht zählen und schon gar nicht alle aufzählen kann, würde der Wind im Land immer noch eiskalt aus nur einer Richtung blasen.

Wer nun, egal ob persönlich initiiert oder nur davon profitierend, solche Mittel der Auseinandersetzung gut heißt, wie sie sonst Konzernvorstände oder eine für politische Zwecke missbrauchte Polizei anwenden, setzt sich allein schon aufgrund seiner Wahl der Waffen ins Unrecht. Da mag er vor Gericht noch so oft siegen - er fährt nur Pyrrhussiege ein. Eure Waffe ist in diesem Fall das Wort und nicht die juristische Keule. Man schießt einfach nicht mit Kanonen auf Spatzen -  schon gar nicht ohne dabei an die Kollateralschäden zu denken. Meine Empfehlung, da nun offenbar schon ein Umdenken beginnt: Geht in euch und setzt gleich eine Klausur an, unter dem Thema "Mit welcher Politik können wir die Meinungsfreiheit schützen?"

Wer jedoch den kritischen Journalismus bekämpft oder schwächt, der liefert seine Wähler und die Bürger, für die er vorgibt, zu kämpfen, vollends den bestehenden Massenmedien, der "Bewusstseinsindustrie" (Detlef Hensche) aus. Nur mutige und verantwortungsbewusste Journalisten bringen Licht dahin, wo finstere Absichten herrschen. Sie hellen auf, wo die Massenpropaganda ihre Nebelwerfer stehen hat. Nur durch ihre enormen Leistungen und ihre - auch unter Gefahren erkämpfte - Aufklärung werden die Konturen dessen sichtbar, was die Gesellschaft und das Leben des einzelnen Menschen zerstört: die Manipulation der Massen. Deshalb seid gerade ihr angewiesen auf diese Wächter - selbst in ihrer schrulligsten Form und selbst dann, wenn sie Salz in eure eigenen Wunden streuen.

Werner Jourdan

erstveröffentlicht in der Linkszeitung, www.linkszeitung.de







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