Deutsche Geschichte:
Intellektuelle, Staats- und Beamtenapparat
und faschistische Ideologie


04.09.09
PolitikPolitik, Antifaschismus, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Ein aktueller Quellenauszug in Zeiten von „Hartz IV und modifizierten gesellschaftspolitischen Sozialdarwinismus im Imperialismus: 'Die Erwartung, dass ein höheres Bildungsniveau und die Bindung an tradierte humanistische Wertorientierungen die Mehrheit der deutschen Intelligenz gegen die faschistische Demagogie und repressive politische Praxis der NSDAP hätte immunisieren oder gar mobilisieren können, erwies sich als eine Illusion.' (S.24)

Die Schwerpunkte und Formen der faschistischen Wissenschaftspolitik bei der Ausnutzung der Intelligenz für die Machtausweitung und die Kriegsführung.

"Die unmittelbar nach der so genannten „Machtergreifung vom 30. Januar 1933 von seiten der NSDAP veranlassten staatlichen und sonstigen politischen Maßnahmen zur Sicherung ihres Einflusses im Bereich der Kultur, Wissenschaft und des Hochschulwesens zielten darauf ab, die Vertreter marxistischer, sozialistischer und dem neuen Regime gefährlich scheinender liberaler Ideen aus ihren Stellungen zu vertreiben, zu diskriminieren und einzuschüchtern, um auf diese Weise eine wirkungsvolle Opposition gegen die diktatorische Machtausübung zu unterbinden (SCHLICKER; GLASER 1983). Diese Repressionspolitik traf zunächst solche Angehörige der Intelligenz besonders hart, die sich der revolutionären Arbeiterbewegung angeschlossen oder sonst öffentliche Kritik am aufkommenden Faschismus vertreten hatten; sie wurden ebenso in die „Schutzhaft- bzw. Konzentrationslager gebracht wie die aktiven Funktionäre der Kommunistischen Partei und der dieser nahestehenden Organisationen. Zu einer systematischen Kampagne ausgebaut wurden nach dem Reichstagsbrand vom 5. März 1933 die Angriffe auf weitere wegen ihrer politischen Einstellungen unerwünschte Persönlichkeiten auch im Hochschul- und sonstigen Wissenschaftsbetrieb, wobei die antisemitische Doktrin der faschistischen Bewegung bereits in stärkerem Maße als Mittel der Legitimation solcher Willkürmaßnahmen zur Geltung kam und die extremen Anhänger der NS-Ideologie in der deutschen Studentenschaft als Träger dieser Verfolgungspolitik fungierten. Typisch für dieses Vorgehen waren die Boykottaktionen gegen jüdische Hochschullehrer, die der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund an fast allen Hochschulen initiierte, wobei die umfassendste dieser Aktionen am 1. April 1933 stattfand und mit der Forderung verbunden wurde, sämtliche jüdische Hochschullehrer und Assistenten von Hochschulen zu entfernen (vgl. Kennzeichen J 1981, S. 42f.). Auf Initiative des bereits im März geschaffenen Reichspropagandaministeriums organisierte die Führung des Studentenbundes über ihr „Hauptamt für Presse und Propaganda danach eine stufenweise aufgebaute weitere Aktionsfolge gegen Vertreter progressiver Ideen an den deutschen Hochschulen, die mit der Veröffentlichung von „Zwölf Thesen wider den undeutschen Geist am 12. April 1933 begann, die Erfassung des als „undeutsch geltendenSchrifttums und dessen Entfernung aus den öffentlichen Bibliotheken einschloss und in die am 10. Mai 1933 an fast allen Hochschulorten inszenierten öffentlichen Bücherverbrennungen einmündete (STRÄTZ 1983). Die Diffamierung wissenschaftlicher und literarischer Werke als „undeutsch betraf dabei in erster Linie das marxistische Schrifttum und die Repräsentanten pazifistischer Ideen, des weiteren aber auch viele andere bedeutende Leistungen des kritischen Realismus und der damaligen Sexualforschung - bei den zentral herausgegebenen „Feuersprüchen, mit denen am 10. Mai herausragende Werte der Weltkultur den Flammen übergeben wurden, stand die Verurteilung der Schriften von Karl Marx und Karl Kautsky, von Heinrich Mann und Erich Kästner, von Sigmund Freud, von Erich Maria Remarque, von Alfred Kerr sowie von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky im Mittelpunkt. Obwohl es für die von Studentengruppen vorgenommenen Beschlagnahmungsaktionen in den privaten und öffentlichen Bibliotheken keinerlei gesetzliche Grundlage gab, wurden sie durchweg widerstandslos und aus angst vor Repressalien geduldet. Ein besonders makabres Zeichen des an den Hochschulen herrschenden Opportunismus und der Anbiederei an die neuen Machthaber kann darin gesehen werden, dass bei fast allen der durchgeführten Bücherverbrennungen Germanisten in offiziellen Reden diesen im Ausland als Ausdruck der geistigen Barbarei gewerteten Akt zu rechtfertigen suchten. Erreicht wurde mit dieser Aktion vor allem eine massive Einschüchterung der Hochschulintelligenz und die fortan stillschweigende Duldung einer bald darauf staatlich organisierten umfassenden Zensurpolitik, zu deren perfekter Durchsetzung ab 1935 der „Reichsschrifttumskammer eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung standen wie die jedes Jahr neu zusammengestellten Listen des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums u. a. (DAHM 1983).

 Die Repressionsmaßnahmen gegen politisch missliebige und rassistischer Abwertung ausgesetzte Wissenschaftler wurden bereits im April 1933 durch staatliche Gesetze und Verordnungen zementiert, wobei vor allem das am 7. April verkündete „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums eine zentrale Rolle spielte. Dieses Gesetz erzwang die fristlose Entlassung aller in staatlichen und kommunalen Diensten tätigen Beamten, die kommunistischer oder sonstiger staatsfeindlicher Gesinnung verdächtigt wurden, insbesondere aller ehemaligen Mitglieder der KPD oder ihr nahestehender Organisationen, sowie die vorzeitige Pensionierung der als Juden geltenden Personen mit Ausnahme einer kleinen Minderheit, die besondere Verdienste im ersten Weltkrieg nachzuweisen vermochte. Da Hochschullehrer und verantwortliche Mitarbeiter sonstiger staatlicher wissenschaftlicher Institutionen als Beamte galten, war ein großer Teil von ihnen von diesen Maßnahmen unmittelbar betroffen. Weitere Verschärfungen erfuhr die Auslegung dieser Gesetzgebung nach dem Erlass des „Reichsbürgergesetzes am 15. September 1935. Vielen der von diesen ganz abrupt einsetzenden Diskriminierungen Betroffenen blieb kaum eine andere wahl als die Emigration, wobei vor allem ältere Personen keine Chance hatten, in Deutschland selbst oder im Ausland angemessene Beschäftigungen zu finden. Die menschliche Tragik derartiger Konsequenzen hat die neuen Machthaber ebensowenig interessiert wie die für ihre eigene Perspektive doch ganz beachtlichen Auswirkungen auf die Situation der deutschen Wissenschaft, deren personelles Potential eine starke Einbuße erfuhr. Immerhin sind im Gefolge der zwangsweisen Entlassungen und Pensionierungen bis zum Jahre 1936 annähernd 1.000 Professoren und etwa 1.300 Dozenten und andere habilitierte Mitarbeiter aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgeschieden, d. h. 20 bis 25 % des erfahrenen und fachlich bereits ausgewiesenen Lehr- und Forschungspersonals. Zu den aus rassischen gründen Diskriminierten und Entlassenen gehörten dabei solche weltbekannten Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger wie Albert Einstein, James Franck, Erwin Schrödinger, Viktor Hess, Otto Meyerhof und Otto Loewi. Diese Vertreibungen jüdischer Gelehrter betrafen alle Wissenschaftsdisziplinen und darüber hinaus auch die Bereiche der Kunst und der Kultur, da auch die künstlerischen Hochschulen, die Museen und die bedeutenden wissenschaftlichen Bibliotheken von diesen Eingriffen nicht verschont blieben. Typisch für die neu entstandene Lage in Deutschland war dabei, dass die mit der Durchsetzung dieser Maßnahmen beauftragten Rektoren, Dekane und Kuratoren der Hochschuleinrichtungen nur in seltenen Ausnahmefällen für den Verbleib von Wissenschaftlern in ihren Stellungen eintraten und im allgemeinen rasch und mit bürokratischer Gründlichkeit die ihnen übertragenen Aufgaben erfüllten (KAISER 1983). Als besonders verlässliche Erfüllungsgehilfen bei der faschistischen Politik der „Entjudung der Hochschulen erwiesen sich die Vertrauensleute des NS-Studentenbundes, denen durch ein am 22. April 1933 erlassenes „Gesetz über die Bildung von Studentenschaften an den wissenschaftlichen Hochschulen Mitspracherechte bei den Leitungsentscheidungen eingeräumt und die Verantwortung für die Erziehung der studentischen Jugend übertragen worden sind.
Nur in wenigen Fällen haben von dieser antisemitischen Politik selbst Betroffene in Deutschland von Kollegen spürbare öffentliche Unterstützung erfahren, da derartige Bekundungen das Risiko der eigenen Verfolgung beinhalteten. In mutiger und wirksamer Form hat sich Albert Einstein gegen diese mit allen wertvollen Traditionen der Wissenschaft brechende Praxis des Nazi-Regimes gewandt, der Ende März 1933 seinen Austritt aus der Akademie der Wissenschaften erklärte und nicht nach Deutschland zurückkehrte (HERNECK 1985a); von seinen vielen namhaften in Deutschland bleibenden Kollegen hat nur der Physiker Max von Laue den Mut aufgebracht, Einsteins herausragende wissenschaftliche Leistungen nachdrücklich zu verteidigen (HERNECK 1985b).

 Da es in der NSDAP und den neuen staatlichen Machtorganen zunächst vor allem darum ging, die Hochschulen als Stätten der Reproduktion des wissenschaftlichen Nachwuchses zu erobern und hier die Bedingungen für eine ihrer Ideologie und Politik entsprechende Ausbildung zu schaffen, blieben andere wissenschaftliche Einrichtungen, etwa die Berliner Akademie der Wissenschaften oder die Forschungsinstitute der „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in der gleichen Zeit weniger hart von solchen Repressionen betroffen. Das Interesse der Großindustrie an der Erhaltung besonders leistungsfähiger wissenschaftlicher Potentiale in den von ihnen mitfinanzierten Einrichtungen bot hier mehr Möglichkeiten, für einzelne Personen Ausnahmegenehmigungen für die Weiterführung begonnener Arbeiten zu erreichen (HOFFMANN; SCHLICKER 1987).

 Obwohl die terroristische Machtausübung der faschistischen Regierung, deren offenkundige Missachtung der Menschenrechte bei der Unterdrückung ihrer politischen Gegner und deren weitreichende Eingriffe in den Wissenschaftsbetrieb im Sommer des Jahres 1933 deutlich zutage traten, erfuhr das Regime von vielen der in einflussreichen Positionen verbliebenen oder in solche neu berufenen Wissenschaftler öffentliche Anerkennung und Unterstützung. Ein charakteristisches Beispiel dafür stellt das von etwa 800 namhaften Hochschullehrern unterzeichnete „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat vom 11. November 1933 dar, das bei einer Großkundgebung in Leipzig verabschiedet worden ist und anschließend als Buch mit den Hauptreden dieser Veranstaltungen in mehrere Sprachen übersetzt in aller Welt verbreitet wurde. Im Mittelpunkt dieser Vertrauensbekundung stand dabei die vorbehaltlose Zustimmung zu Hitlers Programm zur Erringung einer Vormachtstellung Deutschlands in Europa und die Verniedlichung der terroristischen Formen seines Machtgebrauchs, die als Erfindungen einer bösartigen Gräuelpropaganda bezeichnet worden sind.

 Um die für ihr Anliegen einer straffen zentralistischen Führung der Wissenschaftseinrichtungen erforderlichen staatlichen Instrumente einsetzen zu können bzw. aufzubauen, begann nach dem 30. Januar 1933 auch die zielstrebig vorangetriebene Neubesetzung derartiger Institutionen mit als politisch verlässlich angesehenen Wissenschaftlern und Verwaltungsbeamten. Dies betraf vor allem die für die Hochschulen und sonstigen wissenschaftlichen Einrichtungen zuständigen Hochschulabteilungen der Länderministerien für Kultur bzw. für Volksbildung, wobei in Preußen mit dem bedeutendsten Wissenschaftspotential im März 1933 der dem Faschismus treu ergebene Mathematiker Theodor Vahlen zum Leiter der Hochschulabteilung des Kultusministeriums berufen worden ist (SIEGMUND-SCHULTZE 1984). Um die Durchsetzung einheitlicher Vorgehensweisen bemühten sich dabei zunächst Parteidienststellen der NSDAP, bis der starke Drang zu weiteren Zentralisierungen der staatlichen Machtkompetenzen zur Errichtung des „Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung führte, mit dessen Leitung ab Mai 1934 Bernhard Rust beauftragt wurde. Vorrangig vorangetrieben wurde mit Hilfe dieser neuen Instanz die faschistische Personalpolitik im Hochschulbereich, die Durchführung einer weitreichenden Studienreform und die Lenkung der verschiedensten wissenschaftlichen Vereinigungen und Gesellschaften. Im Bereich der Personalpolitik, wo es u. a. um die Besetzung von leitenden Stellungen und um die Ersatzberufungen für die Vielzahl ausgestoßener und zur Emigration getriebener Wissenschaftler ging, galt politische Zuverlässigkeit mehr als fachliche Kompetenz, wobei jedoch auch die Mitwirkung verschiedener Parteidienststellen, etwa der im Juli 1934 beim Stellvertreter des Führers Rudolf Hess geschaffenen „Hochschulkommission oder der Gauvertretungen des Nationalsozialistischen Dozentenbundes die Einheitlichkeit der Urteilsbildung erschwerte und manche Möglichkeiten bot, derartige Instanzen gegeneinander auszuspielen (KELLY 1980; ZOMACK 1985). Sehr schwer zu beurteilen ist dabei, wie sich die Wissenschaftler an den Hochschulen und vor allem in den nach wie vor bei Berufungen zu Vorschlägen und Stellungnahmen berechtigten Fakultäten mit den neuen Bedingungen auseinandersetzten oder auch arrangierten, wobei wohl gerade von hier auch in vielen Fällen Impulse zur Aufwertung des Leistungsaspekts ausgegangen sein dürften. Eingehende Analysen der in diesen Prozessen dann für ganze Fachdisziplinen bedeutsamen Wandlungen des Hochschullehrerbestandes liegen bislang nur in Ansätzen vor und dürften noch interessante Einsichten erbringen (BEYERCHEN 1980). Außerordentlich großen Wert legten die neuen Machthaber auf jeden Fall auf die systematische und umfassende Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Sinne ihrer Ideologie und Politik, wozu ebenfalls neue Formen und rechtliche Regelungen geschaffen worden sind. Bereits in den Jahren 1934 und 1935 wurde den Fakultäten das Recht der Erteilung der „venia legendi und der Zulassung zur Habilitation entzogen und dem neuen Ministerium übertragen und über die am 13. Dezember 1934 erlassene „Reichshabilitationsordnung überdies die Trennung der Habilitation von der Erteilung der Lehrbefugnis verfügt, wobei für die letztere der Nachweis der Eignung für eine Lehrtätigkeit im Geiste des nationalsozialistischen Staates zu erbringen war. In den von 1934 an regelmäßig durchgeführten „Dozentenlagern bzw. „Habilitationslagern, die sowohl der nationalsozialistischen Schulung als auch der wehrsportlichen Ertüchtigung dienten, waren solche Nachweise zu erwerben, sofern sie nicht durch länger dauernde Tätigkeit in Funktionen der NSDAP erbracht werden konnten (LOSEMANN 1980).
Das wesentliche Ziel der angestrebten grundlegenden Reform des Studiums wurde darin gesehen, den akademischen Nachwuchs politisch fest an die neue Ordnung zu binden und zur Ausübung sogenannter „Führungsfunktionen zu befähigen. Faktisch ging es dabei vor allem um die Einführung einer breiten wehrpolitischen und „rassenhygienischen Grundausbildung, die in den einzelnen Fachdisziplinen in unterschiedlicher Weise realisiert worden ist. Die Zulassungen zum Hochschulstudium wurden 1933 zunächst wesentlich reduziert, da angeblich für eine große Zahl von Absolventen keine Beschäftigungsmöglichkeiten bestanden. Während 1933 und 1934 noch eine kleine Zahl von jüdischen Studenten zur Hochschulausbildung zugelassen worden ist, erfolgten danach weitere radikale Einschränkungen für derartige Ausbildungen.

 Die sogenannte „Gleichstellung der wissenschaftlichen Vereinigungen und Gesellschaften erfolgte ab 1933 zunächst in der Weise, dass nichtarische Wissenschaftler aus den Vorständen und dann auch aus diesen Organisationen generell ausgeschlossen, dass die Vorstände bzw. Leitungen vom Reichsministerium für Wissenschaft überprüft, z.T. neu strukturiert oder eingesetzt und dass übergreifende neue Vereine mit einer nach dem Führerprinzip gestalteten Leitung begründet wurden, wie etwa die dem Zusammenschluss aller technisch-wissenschaftlichen Vereine dienende „Reichsgemeinschaft der technisch-wissenschaftlichen Arbeit oder der „Nationalsozialistische Bund Deutscher Technik (WEINGART 1985).

 Innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums von annähernd drei Jahren hatte die faschistische Wissenschaftspolitik in Deutschland eine völlig neuartige Situation für die Wissenschaft hervorgebracht, die vor allem gekennzeichnet war:
a) durch die Ausschaltung fast aller Möglichkeiten zur Äußerung von Opposition und Kritik am gegebenen System der politischen Verhältnisse;
b) durch die Ausprägung einer umfassenden zentralen staatlichen und politischen Kontrolle der wissenschaftlichen Institutionen und
c) durch die weitgehend erzwungene Bereitschaft der Wissenschaftler, ihre Tätigkeit in der Lehre und in der Forschung nach den Interessen und Orientierungen der neuen Mitglieder zu gestalten.

Dem massiven Druck von oben kam dabei eine stark ausgeprägte Anpassungsbereitschaft entgegen. Damit waren die wichtigsten Voraussetzungen dafür entstanden, dass die deutsche Wissenschaft auch in der folgenden Phase der unmittelbaren Kriegsvorbereitung für die Zwecke der faschistischen Diktatur nutzbar gemacht werden konnte.

 Diese nächste Phase der Entwicklung begann 1936 mit der im Oktober dieses Jahres erfolgten Verkündung des Vierjahresplanes, mit dessen Hilfe die wirtschaftlichen und militärischen Potentiale des deutschen Reiches rasch ausgebaut und zu einer weitgehend autarken Leistungsstruktur geführt werden sollten. Für die Wissenschaft bedeutete dies in erster Linie die Forderung nach einer stärkeren Orientierung auf die für die Industrie und das Militär vorrangig wichtigen Aufgaben. Zum Zwecke der strengen staatlichen Lenkung und Kontrolle wurden dabei auch neue Instrumente der Wissenschaftssteuerung geschaffen, etwa der 1937 gebildete „Reichsforschungsrat, zu dessen Präsidenten der Artilleriegeneral und Dekan der „Wehrtechnischen Fakultät der Technischen Universität Berlin, Becker, berufen wurde, und die „Abteilung Forschung und Entwicklung des 1938 eingerichteten „Reichsamtes für Wirtschaftsaufbau, deren Leitung dem IG-Farben-Direktor Krauch übertragen worden ist. Die Bereitstellung umfangreicher staatlicher Mittel für die Forschungsförderung in den als besonders wichtig geltenden Bereichen der Rohstoffablösung, der Treibstoffentwicklung, der Nachrichten- und der Waffentechnik sowie des Flugzeug-, des Schiffs- und des Kraftfahrzeugbaus ermöglichte den raschen Ausbau von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen in der Industrie und im Militärwesen, die einer großen Zahl junger Wissenschaftler technisch interessante Arbeitsmöglichkeiten boten und den Eindruck einer wissenschaftsfreundlichen Haltung des Regimes hervorriefen (MEHRTENS 1980). Ein besonderes Gewicht erlangten dabei die zentral gesteuerten Einrichtungen der Luftforschung - die bereits 1936 wegen ihres Vorranges bei den Aufrüstungsbestrebungen durch die Bildung einer Akademie für Luftfahrtforschung in Berlin einen weiteren Ausbau erfuhren -, die Technischen Hochschulen und die Industrieforschungslabors der großen Konzerne. In diesen Jahren gelang es deutschen Wissenschaftlern auch noch, in durchaus bemerkenswertem Umfange bedeutende Entdeckungen und Erfindungen zu machen, die allerdings überwiegend im Bereich der Industrieforschung realisiert wurden. Dazu gehörten u. a. die Entwicklung leistungsfähiger Elektronenmikroskope, der technischen Voraussetzungen der elektronischen Bildübertragung und des Baus leistungsfähiger rechentechnischer Systeme sowie eine große Zahl neuer Verfahren zur chemischen Stoffumwandlung. Die wichtigste Leistung der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung dieser Jahre war die Entdeckung der Urankernspaltung im Jahre 1938 am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie durch Otto Hahn und Lise Meitner, deren Bedeutung für neue Verfahren zur Energiefreisetzung erst später begriffen wurde. Für die staatliche Wissenschaftspolitik waren derartige Leistungen weitgehend irrelevant, was seinen Ausdruck auch darin fand, dass die als Jüdin geltende Lise Meitner noch 1938 zur Emigration gezwungen wurde; das vorrangige Interesse galt unmittelbar technisch nutzbaren und möglichst umgehend für die Produktion oder das Militär einsetzbaren Ergebnissen (HOFFMANN; SCHLICKER 1987).  Von solchen pragmatischen Zielstellungen bestimmt wurden auch weitere wissenschaftliche Arbeitsfelder wie die Landwirtschaftswissenschaften, die Veterinärmedizin oder auch die Psychologie. Bei letzterer stand das Interesse im Vordergrund, neue Mittel und Methoden zur Steigerung des individuellen Leistungsvermögens der Menschen in der Produktion und in einem künftigen Kriegseinsatz zu gewinnen, weshalb auch vorrangig solche Gebiete ausgebaut worden sind wie die Arbeitspsychologie und die Eignungsdiagnostik für Kadereliten, u. a. für das im raschen Ausbau befindliche Offizierskorps der Wehrmacht (GEUTER 1984; Psychologie 1985).

 Welchen ungeheuer großen Preis die deutsche Wissenschaft für diese scheinbar großzügig gewährten Entwicklungsmöglichkeiten zahlen mußte, wurde offensichtlich, als das faschistische Regime die unmittelbare Umsetzung seiner aggressiven Eroberungspolitik begann und mit der Auslösung des zweiten Weltkrieges auch die endgültige und totale Unterordnung aller wissenschaftlichen Tätigkeiten unter seine Herrschaftsinteressen erzwang. Diese Unterordnung umfasste die Unterbrechung aller längerfristig angelegten Entwicklungsprojekte zugunsten der direkt als kriegsentscheidend angesehenen Vorhaben durch Verfügung von Göring und Speer aus den Jahren 1940 und 1942, die fortlaufende weitere Einschränkung des Lehrbetriebes an den Hochschulen und auch erhebliche Verschärfungen der politischen Kontrollen und Eingriffe durch die Sicherheitsdienste des Staates. Zu den unmittelbaren Auswirkungen der ersten Kriegsjahre gehörten dabei:
- die Einberufung eines erheblichen Teils der wissenschaftlichen Kader zum Militärdienst,
- die Kürzung der Forschungsmittel und
- die Reduzierung des Lehrbetriebes an den Hochschulen.

Vor allem ab dem Jahre 1943 erfuhren diese Restriktionen weitere Verschärfungen, wobei die Zerstörung vieler wissenschaftlicher Einrichtungen durch die Ausweitung der Luftangriffe die Bedingungen für die Fortführung von Forschungs- und Lehraufgaben weiter verschlechterte. Die Neukonstituierung des Reichsforschungsrates im Juni 1942, bei der Göring das Amt des Präsidenten übernahm, und eine 1943 eingeleitete Aktion zur Rückbeorderung wissenschaftlicher Kader aus dem Wehrmachtsdienst sollten diesen Verfallsprozessen zwar entgegenwirken; diese genannten Maßnahmen mußten jedoch angesichts der schon eingetretenen Verluste und zunehmend enger werdenden Spielräume für wirksame Investitionen bereits ohne Erfolg bleiben.

In welch starkem Maße es dem faschistischen Regime unter diesen Bedingungen dennoch gelang, Wissenschaftler für ausgesprochen antihumane Wirkungsformen zu gewinnen, belegen die zahlreichen Beispiele der bedenkenlosen Mitwirkung von Intellektuellen an den von dieser Diktatur veranlassten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Mitwirkung betraf ebenso die Staats- und Rechtswissenschaften wie etwa Wirtschaftswissenschaften und Statistik, deren Vertreter im Justiz- und Polizeiapparat oder bei der Erarbeitung der Planungsunterlagen für die Germanisierung eroberter Territorien an der Umsetzung der faschistischen Weltherrschaftspläne mitarbeiteten. Eine besondere Rolle spielten dabei die in den Kriegsjahren in den okkupierten Territorien Polens geschaffenen Ostforschungsinstitute, über deren unmittelbare Mitwirkung bei der Planung und Organisation der wirtschaftlichen Ausplünderung und der Menschenvernichtung uns erst wenige aufschlussreiche Untersuchungen vorliegen (GOGUEL 1964; HEIM; ALY 1986). In dem Maße allerdings, in dem die Kriegserfahrungen deutlich werden ließen, dass das faschistische System dem weltweiten Widerstand der Anti-Hitler-Koalition nicht standhalten konnte, traten auch Besinnungsprozesse ein, die Wissenschaftler häufiger zögern ließen, ihre Sachkenntnis vorbehaltlos und uneingeschränkt in den dienst des Regimes zu stellen. Die unmittelbare Beteiligung an Aktionen des antifaschistischen Widerstandes blieb auch zu dieser Zeit bei Wissenschaftlern die seltene, aber hoch anzuerkennende Ausnahme; wachsendes Gewicht erlangten jedoch im Ausland die von Emigranten getragenen Vorbereitungen auf eine demokratische Erneuerung Deutschlands nach der Zerschlagung der faschistischen Diktatur (SCHLICKER 1986).

 Da viele Aspekte der Entwicklung der Wissenschaft in Deutschland unter dem direkten Einfluss der kriegsbedingungen, sowohl die der Wandlungen staatlicher Eingriffsmodalitäten als auch die der inhaltlichen Ausrichtung der Forschung und der dabei erreichten Ergebnisse, noch einer weiteren eingehenden Untersuchung bedürfen oder für die Medizin in den folgenden Kapiteln dargestellt werden, kann der Überblick über die wesentlichen Entwicklungstrends an dieser Stelle abgeschlossen werden."

Quelle: Medizin unterm Hakenkreuz. Herausgegeben von Achim Thom und Genadij Ivanoviè Caregorodcev. VEB Verlag Volk und Gesundheit 1989.
Hier: Wissenschaft und Medizin im Faschismus - die Voraussetzungen ihrer Indienstnahme für die Machtabsicherung und Kriegsvorbereitung eines reaktionären Regimes. - Auszug: 1. Die Wesensmerkmale des Faschismus - der Faschismus in Deutschland und sein Verhältnis zur Wissenschaft, S.24-30. Autor: Prof. Dr. sc. phil. Achim Thom. Karl–Marx-Universität Leipzig, Bereich Medizin, Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften.


VON: REINHOLD SCHRAMM






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