Kommentar zum Betreuungsgeld - aus linker Elternsicht

08.11.12
SozialesSoziales, Debatte, Feminismus, Wirtschaft, TopNews 

 

von Karsten F.G. Müller

Das Betreuungsgeld – unter Beschuss von rechts bis links. SPD/GRÜNE wollen vor das Verfassungsgericht um es zu stoppen, die LINKE schäumt und der Wirtschaftsflügel der CDU murrt.

Seit das Thema auf der Agenda ist, ergiesst sich in allen Medien ein wahrer Shitstorm über das Projekt: Es hindere Frauen (Was ist eigentlich mit den erziehenden Vätern?

Die kommen nämlich in der Diskussion nur als patriarchalische Unterdrücker oder Absenz-Väter vor.) an der Karriere (ist die alles?), verurteile sie zu Altersarmut (da könnte man/frau ob schwarz, ob rot, ob grün ja etwas dran ändern – indem man die Rente wieder entsprechend ausstattet), verhindere ihre “Entwicklung zu autonomen Persönlichkeiten” (kann frau nur im Bezahlberuf sein – sagen selbst Antikapitalisten!) usw. usf.

Dann kommen die selbsternannten Volks- und speziell Unterschichtenerzieher und barmen: “Kann denn mal jemand an die Kinder denken – die verblöden doch in ihren proletarischen Herkunftsfamilien!” Welche Arroganz, welch Oberlehrerhafte Attitüde, welch Paternalismus spricht hier, bis in den Ortsverein meiner eigenen LINKEN – es ist zum Speien! Die Unterschicht ist hier schon längst der “Neue Nigger”, den man mit entsprechenden Gesetzen vor sich selber schützen muss – zu seinem eigenen Besten versteht sich!

Und zu guter Letzt jammert die Wirtschaft – vorgeblich um die ach so gut ausgebildeten Frauen, die ja dann zu Hause blieben (schon wieder: über Väter wird nicht gesprochen!) und dem Wirtschaftskreislauf fehlen würden, denn wir haben ja “Fachkräftemangel”. Das die Realität ganz anders aussieht, Millionen Frauen nur als “Industrielle Reservearmee des Arbeitsmarktes” in Niedriglohnjobs verbraten wird – geschenkt!

Auch das – wie die Wahlfreiheit AUCH für Väter – schert die Diskursemanzen, die den Medientenor im Verein mit den Wirtschaftschauvis bestimmen (merkwürdige Allianz übrigens, nicht wahr?), nicht im Mindesten – weil es ihrer eigenen Lebenswirklichkeit nicht entspricht. Was ihrer Lebenswirklichkeit ebenfalls nicht entspricht, für Millionen Familien im Lande aber knallharte Realität ist, kommt ebenfalls nicht vor: Das über die Verschränkung mit den Hartz-Gesetzen aus der “Selbstverwirklichung-und-Armutsschutz-für-Frauen-nur-im-Bezahljob-Ideologie” ein brutales Zwangsarbeitsregime entstanden ist: Geschiedene müssen so z.B. bereits wieder Vollzeit arbeiten, wenn ihr Kind drei Jahre alt wird – Wahlfreiheit, sein Kind selbst zu Erziehen? Fehlanzeige.

So werden heute bereits Einjährige zu Schlüsselkindern gemacht – mitten in der Prägungsphase (mal die Hirnforscher fragen, was das bedeutet ihr SchlaumeierInnen!). Schauen wir doch mal in zwanzig Jahren, was das für Folgen haben wird – das weiss heute nämlich niemand, es ist ein einziger riesiger Menschenversuch, die totale Mobilmachung des Kapitalismus bis in die Familien hinein. Besonderer Schutz der Familie – Quatsch von Gestern!

In der gesamten Debatte weht mehr als nur ein Hauch von Huxleys “Brave New World”: Vollständig verwertbar für die Wirtschaft und den Staat werden die Menschen erst sein, wenn das Brutgeschäft genetisch kontrolliert in der Retorte stattfindet und direkt nach der Geburt der Neukosument direkt in die Hände “Professioneller Erzieher” übergeben wird – so können Mütter und Väter ungestört von Aufzucht und Erziehung weiter arbeiten und konsumieren.

Und das ist genau das, worum es den Urhebern des Shitstormes und der Allianz selbst ernannter Frauenbefreier und Volkserzieher geht: Um die vollständige Verwertbarkeit des Humankapitales “Familie” und um die Kontrolle der “Unterschichten”. Das sich die LINKE hier zum Erfüllungsgehilfen des Kapitales macht, den Menschen eine Wahlfreiheit vorenthalten will und letztlich in Kauf nimmt, das in der Wirklichkeit der Hartz-IV-Sklaven bald das Argument vollzogen wird: “Ihr Kind ist sechs Monate alt, es gibt Krippen, sie müssen wieder in den eineurojob sonst wird sanktioniert..!” ist ein Armutszeugnis!

Für einen Emanzipationsplacebo wie “Lohnarbeit” bekämpft die LINKE einen wirklich emanzipatorischen Ansatz – so kümmerlich das CSU-Konzept auch sein mag – nämlich die Anerkennung, das Erziehung Arbeit für die Gesellschaft ist, welche diese auch entsprechend honorieren sollte!

Wie wäre es mit einem Gegenkonzept gewesen – ein “Erziehungsgehalt” beispielsweise? Verschenkt, die Gelegenheit. Verschenkt auch, über die Rolle der Familie als Basis der menschlichen Gesellschaft und über ihren Wert im Spätkapitalismus mal neu und laut nachzudenken.

Stattdessen: Feministischer Beissreflex: “Die Männer wollen uns an den Herd ketten!” – ventiliert mehrheitlich von Kinderlosen und Karrierefrauen, die ihr Lebtag kaum mal am Herd standen. Ebenfalls verschenkt die Möglichkeit an der “Herdprämie” und ihrer Bekämpfung durch SPD/Grüne entlang eine Diskussion über die QUALITÄT der Betreuung auch und gerade von Kleinkindern neu zu entfachen. Die ist nämlich lausig!

Jeder BWL-Rechenschieber-Jockey braucht ein abgeschlossenes Studium – Erzieher für Kleinkinder nicht, da reicht notfalls umgeschultes “Schlecker”-Personal (Vorschlag aus der Politik) oder Eineurojobsklaven (Vorschlag aus der Wirtschaft)! Denn billig soll sie sein, die Betreuung unserer Kleinsten – und da bricht sie dann nämlich für alle sichtbar hervor, die unsägliche Heuchelei der Protagonisten: In die Krippe sollen die Blagen der Unterschichten schon, nur kosten solls nix!

Und also – bei aller Liebe und bei allem Respekt für das Personal der Kita unserer Ältesten – unsere Jüngste bleibt genauso bis zum dritten Geburtstag im eigenen Hause, wie die Ältere es war. Weil ich ehrlicherweise meiner erzieherischen Kompetenz mehr zutraue, wir Eltern mehr spielen, vorlesen, basteln als es in einer Kitagruppe mit 15-20 Kindern überhaupt möglich wäre und weil ich gerne möchte, das mein Kind gewisse Grundlagen auf unsere eigene, familiäre Weise erlernt – ohne morgendlichen Terminstress, ohne Konkurenz in der Gruppe und mit viel Liebe. Also gebt uns auch die Freiheit dies zu tun!

Für HOTSPOT

Karsten F.G. Müller

Der Author ist freier Journalist, 48 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder – sechs Monate und fünf Jahre alt. Nach dem Abstillen übernahm er für zwei Jahre den Haushalt und die Erziehung der älteren Tochter und wird dies in fünf Monaten wieder für die Jüngere tun. Die Erfahrung war für ihn eine Ambivalente – einerseits: “Die großartigste Erfahrung in meinem Leben – ein Kind AUFWACHSEN sehen, nicht nur am Wochenende!”, andererseits das Erleben, wie ein ideologischer Konsens der Gesellschaft (“Wir wollen den neuen Vater, der mehr Erziehungsarbeit übernimmt und der Frau Raum zur Selbstverwirklichung im Beruf gibt!”) mit der gesellschaftlichen Realität pausenlos kollidiert: Das reicht von behördlichem und beruflichem Unverständnis (“Wie können sie als Mann ihre Frau die Familie ernähren lassen?”), über Anfeindungen im Privaten (“Lässt seine Frau ackern, die faule Sau!”) bis hin zu Mobbing am Arbeitsplatz gegen die Gattin. Wegen seiner kritischen Haltung zu Themen wie Frauenquote und Betreuungsgeld ist er in seiner Partei DIE LINKE. im OV Kassel als Sexist, Frauenfeind und ähnliches bepöbelt worden.


VON: KARSTEN F.G. MÜLLER






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