Die „Verwahrlosung“ schreitet voran

12.07.13
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von Karl Wild

Zur Unterschichtensdiskussion

Anmerkung zur „Gesellschaftsanalyse“ unserer politischen Klasse

Was seit vielen Jahren in unzähligen Aufsätzen und Büchern von kritisch eingestellten Zeitge- nossenInnen thematisiert, analysiert, beleuch- tet wurde, hat nun auch den herrschenden Diskurs der „staatstragenden“ Politik erreicht.

Gibt es eine wachsende Differenz zwischen „Unten“ und „Oben“ in der Gesellschaft, wenn ja, warum ist dies so, wer ist daran schuld und wie bitteschön darf diese Spaltung in der Gesellschaft begrifflich benannt werden?

Diese und ähnliche Fragen stellen sich auf einmal denjenigen, die jahrein, jahraus all ihr Tun darauf konzentrierten, einerseits den „Niedriglohnsektor“ auszubauen und für die Beschäftigungsaufnahme darin „Anreize“ in Form von Leistungskürzungen staatlicher Transferzahlungen zu schaffen und andererseits mit Steuer- und Abgabensenkungen „Leistung zu belohnen“ und die „Leistungsträger“ der Gesellschaft, den Mittel- wie Oberstand, zum alleinigen Adressaten der Politik zu erwählen.

Empirisch lässt sich der Erfolg des „Umbaus der Gesellschaft“ weg vom Sozial- und Wohlfahrtsstaat hin zur „Zukunftsgesellschaft“ nüchtern in den Zahlen der Volkswirt- schaftlichen Gesamtrechnung ablesen, wo konstant der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen Jahr für Jahr sinkt und reziprok der Anteil der Kapitaleinkünfte und der unternehmerischen Tätigkeit steigt.

Nun auf einmal stellt man fest, dass das Ergebnis der Anstrengung von über zwanzig Jahren die Neuformierung einer Gruppe von Menschen ist, die an den Rand der Gesell- schaft gedrängt werden und, so der Vorwurf, sich in diesem Randdasein gemütlich ein- gerichtet zu haben, Leistung verweigern und zufrieden mit der staatlichen Alimentierung ihres nutzlosen Daseins sind.

Die Rede ist von der Herausbildung einer „Unterschicht“ von mehreren Millionen Bürgern, - zumindest die sieben Millionen ALG II Empfänger - was nicht sein darf, da es in unser- er Mittelstandsgesellschaft kein Oben und Unten, keine Klassen und Schichten gibt und geben darf.

Manche sehen hingegen in einer Unterklasse ganz und gar nichts Neues, da es Klassen in einer „Klassengesellschaft“ nun einmal gibt. Während die einen Angst haben, dass ihre SPD dank ihrer Agenda 20-10 Politik für die Verschärfung der Gegensätze haftbar gemacht werden, machen aus demselben Beweggrund andere den Kapitalismus an sich für das Unterschichtenphänomen verantwortlich, während die gute alte SPD doch immer für den Ausgleich der Interessen steht.

Nun könnte man den Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des Unterschichtsdis- kurses getrost sich selbst überlassen, würde sich nicht ein etwas unappetitlicher Zug in der Diskussion breit machen. Das fängt damit an, dass nicht soziale Unterschiede für die Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsschichten verantwortlich gemacht werden, sondern der fehlende Aufstiegswille und die mangelnde Bildungsbereitschaft von zwanzig Prozent der Gesellschaft wird beanstandet.

Und es geht weiter in der Klage von der „Verwahrlosung“ immer mehr Menschen (Kindern!), für die niemand verantwortlich ist als diese Menschen selbst. Reaktionären aller Schattierungen fällt statt Gesellschaftsanalyse wie immer nur die Warnung vor dem „Pöbel“ ein!

Nun ist es durchaus nicht so, als dass nicht auch in der Marxschen Gesellschaftsanalyse die Distanz zu den Ausgegrenzten der Gesellschaft, dem „Pauperismus“ und dem „Lumpenproletariat“ betont wird, die Verantwortung dafür wird aber in der Gesellschaft selbst gesehen, in der Notwendigkeit einer „industriellen Reservearmee“ und dem Aussondern überzähliger Menschen aus dem Reproduktionszusammenhang der Gesellschaft.(1)

Während die Reaktionäre mit der Warnung von der „Verwahrlosung“ die eigenen Reihen geschlossen halten wollen und Ressentiments in der Gesellschaft schüren, um sich als die „starke Partei“ zu präsentieren, so sollte die Herausbildung eines neuen alten 'Pauperismus' bei kritischen Geistern die Kapitalismuskritik an sich befördern. Die Lobpreisung des Ausstiegs aus der Gesellschaft, und sei es mit ALG II, wie auch die Romantisierung einer „Unterschicht“ ist für eine grundsätzliche Kritik der bürgerlichen Unordnung hingegen wenig hilfreich.

(1) Siehe MEW 23, Das Kapital, Band 1

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Zille

 


VON: KARL WILD






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