Hat Josef Joffe auf seinen Laptop gekotzt?

06.05.14
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von Reyes Carrillo

Über das deutsche TV-Kabarett im Allgemei- nen und „Die Anstalt“ vom 29. April im Besonderen

Ich lebe noch nicht so lange in diesem Land, um mir ein Urteil darüber erlauben zu können, ob es ein wirklich politisch linkes TV-Kabarett (inkl. Systemhinterfragung) hierzulande je gegeben hat.

In „meiner“ Zeit jedenfalls nicht. Über peinli- chen Karikaturen ihrer selbst wie Mathias Richling oder schwer Haltungsgeschädigten wie dem Neoliberaliebling und selbsternannten INSM-Botschafter Dieter Nuhr liegt eh das große schwarze, schwere Tuch der kaum steigerbaren Fremdscham.

Aber auch Urgesteine aus der seriösen Abteilung wie (der von mir wegen seiner Lebens- leistung und vor allem als Mensch hoch geachtete und geschätzte!) Dieter Hildebrandt wusste meiner Wahrnehmung nach kabarettistisch dem schleichenden Gift des entde- mokratisierenden, vielschichtig gewalttätigen Neoliberalismus nichts entgegenzusetzen – oder auch, er erkannte diese Gefahr einfach nicht? Seine grundsätzliche Abneigung gegenüber jener Partei links der SPD konnte er ja zudem bis zum Schluss nicht auf- geben.

Mit Urban Priol und Georg Schramm standen dann jedoch mit „Neues aus der Anstalt“ plötzlich ein – vor allem durch Schramms Tiefe dominiertes – erstmals die wirklich dunk- len Zeichen und Zusammenhänge der Zeit wahrnehmendes, linkes Kabarett ausgerech- net unter dem ZDF-Label. Da erinnere ich mich gern an einige wunderbare Highlights! Vor allem, wenn noch der starke, linke Baum Volker Pispers mit von der Partie war.

Mit dem Weggang Schramms ging’s jedoch bergab. Frank-Markus Barwasser alias Pelzig konnte freilich nicht ansatzweise einen Georg Schramm ersetzen. Ohne dabei unter- schlagen zu wollen, dass er in dieser Zeit einige beachtliche Solos und mit seiner „Goldman-Sachs“-Flipchart-Nummer einen jetzt schon als legendär geltenden Höhepunkt hatte. Heute allerdings ist sich Barwasser nicht zu schade, am beliebten, öffentlichen Putin- und Russland-Bashing munter teilzunehmen. Arschloch!

Nun, und beim in seinem komödiantischen Stil eigentlich immer sehenswerten Urban Priol schien nach dem Verlust seines genialen Kollegen oft eine kleine Schere hinterm aufge- bürsteten Haar zu stecken. Und dann – war Schluss mit dieser Anstalt, die wollten nimmer. Blickt man heute zurück, konnte nichts Besseres passieren.

Dieser ausführliche Abriss war notwendig, um das angemessen würdigen zu können, was Max Uthoff und Claus von Wagner in der neuen, nunmehr besetzten „Anstalt“ auf die Bühne bringen: Linkes, scharfes, wirklich aufklärendes, immer auch systemhinterfra- gendes - und, wunderbar! – auch wütendes und fantastisch moralisierendes Kabarett! Das ist in dieser Art geradezu sensationell – für hier und heute in diesem Land.

Und dann ist da noch eine andere Dimension des Trostes: Dass Georg Schramm, der ja vor Kurzem in aufrechter, erschreckend realistischer Hoffnungslosigkeit und tiefer Des- illusion in Rente ging, nun diese vergleichsweise jungen Kollegen mit einer solchen kämpferischen Frische nachfolgen und ein riesiges, imaginäres Trotzdem-Schild in die Luft halten, das ist wunderbar. Und, nicht zuletzt, dass das ZDF Solches ermöglicht (aus welchen Gründen auch immer), das ist diesem seltsamen Regierungssender zu danken!

Gäste diesmal: Alfons, Abdelkarim und Konstantin Wecker. Was auf den ersten Blick in vielerlei Hinsicht nicht zwingend homogen erscheint – ist es auch nicht. Alfons und Abdelkarim jedoch stören nicht nur nicht, sondern sie sind dankenswerterweise in die Bühnenshow so integriert, dass echte Brüche ausbleiben. Bonmot von Abdelkarim „Ich find’ das gut, dass Putin und Russland jetzt die Bösen sind. So hab’ ich als Moslem mal 'ne kleine Verschnaufpause!“.

Und Konstantin Wecker muss bis zum fulminanten Finale mit Konstantin Wecker den 'running gag' am Leben halten, einfach nicht, so sehr es ihn auch drängt, an den Flügel gelassen zu werden. Eine der Begründungen: „Ach wissen Sie, Herr Wecker, diese engagierten Lieder, ja, die hatten in den 80er-Jahren durchaus ihre Berechtigung, aber heute…“. „Zu pathetisch?“, fragt Wecker. „Ja“.

Thema der Sendung sollte eigentlich Europa sein, aber das gelang aus zwei gegensätz- lichen Gründen nicht. Der positive Grund: Der Ukraine-Krise mit allen ihren Lügen, insze- nierten Feindbildern und willfähriger, bellizistischer Journaille war ein geradezu traumhaft aufbereiteter etwa gleichgroßer Block wie Europa gewidmet. Auf der anderen Seite wurden fast singulär die katastrophalen Auswirkungen auf die südlichen Mitgliedsländer thematisiert, nicht aber die Hintergründe dieser vor allem von Deutschland forcierten Politik. Da half auch das schöne Bild nichts, wenn Konstantin Wecker als siecher Kranker auf einer Bahre liegend auf die Bühne gefahren wurde und ihm Abdelkarim hinter einem Paravent als Chirurg mit dem blutigen Beil noch die Gliedmaßen abhackte.

Der nun Verblichene wurde dann mit einer griechischen Fahne zugedeckt. Schwitz! Welch Symbolik! Auch noch zwei weitere Szenarien zu Europa vermochten kaum Licht in das gewollt herbeimanipulierte Dunkel des Ursache-Wirkungs-Prinzips dieser skandalösen Politik zu bringen. Schade.

Ganz anders jedoch beim schon angesprochenen Thema Ukraine mit all seinen widerwär- tigen Facetten! Zunächst liest der sprachmächtige Jurist Uthoff (auch in der dritten Sendung noch etwas nervös wirkend) in seinem Solo vor allem der deutschen Außenpo- litik und ihren Feindbildern die Leviten. Dabei neu: diese ungewohnte Schärfe. Gut, Spargel Uthoff wirkt natürlich nicht unbedingt angsteinflössend, wenn er sich dann mit fixierendem Blick direkt in die Kamera an Steinmeier persönlich wendet: „Jetzt hör’ mal zu, du Bundes-Uhu…!“, aber er tut es und sagt sowas und man glaubt ihm seine Wut.

Und wenig später hat Claus von Wagner, der zehn Jahre Jüngere und doch irgendwie ausgebuffter Wirkende seinen furiosen, pelzigesken Auftritt: Wieder wird eine Schauta- fel auf die Bühne gerollt, die es in sich haben soll. Auf dem oberen Drittel sind so gut wie alle relevanten transatlantischen Lobbyorganisationen aufgeführt („Atlantik-Brücke“, „Aspen-Institute“, „Münchner Sicherheitskonferenz“, „The German Marshall Fund of the United States“ usw. usf.) und im unteren Drittel sieht man u.a. die Visagen von (den „NATO-Verstehern“) Josef Joffe (Die Zeit), Stefan Kornelius (Süddeutsche), Nonnenmacher, Frankenberger (FAZ) usw. Das mittlere Drittel ist – noch abgeklebt.

Schließlich reißt von Wagner diesen Teil frei – und sichtbar wird das dicht gehäkelte Verbindungsnetzwerk, das genannte Journalisten zu diesen Lobbyorganisationen in serviler, inniger Verbundenheit unterhalten.
(Ohne die Untersuchungen von Uwe Krüger wäre diese Aufklärungsarbeit sicher nicht so detailliert möglich gewesen. Buch: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitme- dien und Alpha-Journalisten - eine kritische Netzwerkanalyse.)

Uthoff danach resümierend: „Dann sind also diese ganzen Zeitungen eigentlich nur die Lokalausgaben der NATO-Pressestelle!“. Von Wagner: „Das haben jetzt Sie gesagt!“. Im Nachsatz: „Aber Sie haben es schön gesagt!“.

Das Finale rückt näher. Von Wagner zündet eine Kerze an und sagt mit Sentiment in der Stimme: „Für eine Lichterkette für den Frieden.“ Uthoff macht es ihm nach.
Von Wagner: „Sie auch? Ich hab’ schon immer gedacht: Im Innern sind Sie ein Softie!“. Der: „Quatsch! Aber alles, was Josef Joffe dazu bringt, auf seinen Laptop zu kotzen, da bin ich dabei!“. (Und alles, was ich - u.a. - in einem guten Kabarett brauche, sind Sätze wie dieser.)

Es wird still. Von Wagner, mit der Kerze in der Hand: „Irgendwas fehlt hier…“. „Vielleicht ein bisschen Pathos?“, fragt eine Stimme aus dem Hintergrund. - Konstantin Wecker hat seinen Auftritt. Was dazu sagen? Gänsehaut pur. Wecker spricht zu seinem Willi ins Grab und kotzt all das heraus, was jedem und jeder an dieser Zeit, an diesem Land, an dieser Welt Verdurstenden wie süßer Wein die Gurgel bis tief hinab in die Seele rinnt und für Momente jenes großartige, vor allem in Deutschland schon längst vergessen geglaubte Gefühl zurückbringt: Das wunderbare Pathos des gemeinsamen Auflehnens, des Kampfes um den Frieden, des Kampfes um eine bessere Welt! Und sich dies vor allem voller Stolz zu trauen, dieses Pathos als wunderbares Pathos zu bejahen und, selbstverständlich, sich in diesen Kontexten auch als guten Menschen zu begreifen, dies also alles als Speisung und Trank des Menschseins zu erfahren im Bewusstsein davon, wie viel weiter weg denn je all diese Ziele liegen und wie lächerlich moralisch und gutmenschlerisch solches auf den „modernen Menschen“ wirkt. Scheiß’ doch drauf! Lasst in der Zeit des neuen Kriegsgeheuls in Europa, lasst in Zeiten des Homo Oeconomicus pathetische Gutmenschen auf den Strassen in Massen um uns sein!

Die Frankfurter Rundschau war übrigens die einzige (!) im Netz zu findende Stelle, die diese „Anstalt“-Sendung einer Besprechung für würdig befand. Ansonsten wurde sie tot geschwiegen. Freilich kein Wunder.

Kritiker Daland Segler rezipierte nach einigem Lob für Uthoff und von Wagner Konstantin Weckers Auftritt allerdings so: Konstantin Wecker „wärmte seinen „Willy“ auf und wurde so schrecklich moralisch und mit seinem Appell, wieder massenhaft zu demonstrieren, irgendwie auch so vorgestrig, dass diese Ausgabe des Kabaretts statt mit Gelächter eher trist endete.“

Wenn Sätze aus Scham rot werden könnten vor ihrem angepassten Zeitgeist-Kotau, dann dieser. Ach ja, und die Tristesse: Die war in Wahrheit ein orkanartiger Applaus. Da muss unser Freund Daland wohl kurz auf dem Klo gewesen sein.

www.rationalgalerie.de/kritik/hat-josef-joffe-auf-seinen-laptop-gekotzt.html

[1] http://staatsreport.deviantart.com/art/Genosse-Josef-Joffe-02-199208472


VON: REYES CARRILLO






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