Was macht die Globalisierung mit uns?


Bildmontage: HF

05.10.08
SozialesSoziales, Theorie, Debatte, TopNews 

 

Vortrag im Rahmen der Tagung "Solidarität - die andere Globalisierung" von Dr. Reinhold Bianchi, Freiburg, an der Ev. Akademie, Meißen vom 23. bis 25. März 2007

Mitautor von "Solidarisch Mensch werden"
(Duchrow, Bianchi, Krüger, Petracca)

Der amerikanische Sozialwissenschaftler Jeremy Rifkin spricht von einer "unheimlichen ökonomischen Krankheit", die unsere Gesellschaften befallen habe, Oskar Negt spricht von einer "Erosionskrise unserer Gesamtgesellschaft, in der kein Stein mehr auf dem anderen bleibe". Wir alle kennen die Symptome dieser Krise mehr oder weniger- die enorme Vertiefung der sozialen Spaltung - weltweit, so besitzen die 250 reichsten Personen etwa ein so großes Vermögen wie das Bruttosozialprodukt der ärmeren Hälfte der Welt, so sterben ständig etwa 100 000 Menschen täglich! an den Folgen von Unterernährung, aber angesichts der produktiven Möglichkeiten unserer Weltwirtschaft ist, wie Jean Ziegler sagt, jeder, der verhungert, eigentlich ermordet worden. Bei uns erzielen einerseits Großkonzerne exorbitante Gewinnsprünge - die Deutsche Bank übertraf das ihr von ihrem Chef Josef Ackermann gesteckte Ziel einer Kapitalrendite von 25% !, gleichzeitig setzt sie ihren Kurs der Arbeitsplatzvernichtung ungerührt fort- bei uns in Deutschland ist Hartz 4 zum Stichwort für Verarmung und soziale Ausgrenzung geworden und für die Absturzangst, die die Mittelschicht zunehmend ergreift.
Diese Stichworte- und sie ließen sich mühelos vermehren- kennzeichnen die Auswirkungen der Globalisierung; aber dieses Stichwort bedarf der Präzisierung; Globalisierung an sich, die fortschreitende weltweite Vernetzung bildet an sich eine konstruktive Entwicklung, die die Menschen einander näher bringen und Kommunikation und Kooperation ausdehnen kann. Nicht diese Globalisierung ist die Ursache der unheilvollen Prozesse, sondern ihre Gestalt als neoliberale Globalisierung, ihre Prägung durch die neoliberalen Eliten und das neoliberalen Programm in Ökonomie und Politik.
Daher werde ich im Folgenden in der Regel den Begriff des Neoliberalismus als den politisch eindeutigeren für den Zusammenhang der neoliberalen Globalisierung verwenden. In unserem Buch " Solidarisch Mensch werden- psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus und Wege zu seiner Überwindung" haben meine befreiungstheologischen Freunde U. Duchrow, R. Krüger, V. Petracca und ich als Psychoanalytiker den psychisch und sozial traumatisierenden Charakter der neoliberalen Globalisierung mit ihrem Kern des neoliberalen Reformprozesses untersucht. Ich möchte auf dieser Grundlage hier einige grundlegende Aspekte der psychischen und sozialen Traumatisierungswirkung des Neoliberalismus in Ökonomie, Politik und Medien erörtern.

Meine Ausführungen gliedern sich in folgende Punkte:
1. Kurze Skizze von Grundgedanken der Relationalen Psychoanalyse;
2. Stichworte zum neoliberalen Reformprozess;
3. Neoliberale Traumatisierungsprozesse:
* Massenarbeitslosigkeit als individuelles und soziales Trauma, v. a. Viktimisierung und Opfer-Bestrafung;
* "Pensée unique" und das Bündnis von Politik und Medien zur Desorientierung der Bevölkerung;
* Absturzangst der Mittelschicht;
4. Neoliberale Eliten und ihr pathologischer Narzißmus
5. Zum Schluss möchte ich auf solidarische Gegenperspektiven eingehen - quasi als Umkehr der Ausgangsfrage, nämlich nun "Was können wir mit der neoliberalen Globalisierung machen ?" und der zentralen Antwort: Starve the cancer- nurture life !

Unser Ansatz ist durch die zentrale Bedeutung von Relationalität geprägt, d.h. von dem grundlegenden Verständnis des Menschen als Beziehungswesen, und durch die Bemühung, durch Relationales Denken und Verstehen diese Bezogenheit des Menschen in seinen psychischen, sozialen und ökonomischen Verhältnissen angemessen zu begreifen.


1. Stichworte zur Relationalen Psychoanalyse

Die Relationale oder Intersubjektive Psychoanalyse ist eine wichtige Strömung der zeitgenössischen Psychoanalyse, die sich auf die Erkenntnisse der primären Intersubjektivität der psychischen Entwicklung gründet von dem englischen Psychoanalytiker Winnicott stammt das ingeniöse Diktum "there is no such thing as a baby"- so etwas wie ein Baby gibt es gar nicht, es gibt zunächst nur die Mutter-Baby-Einheit. Den Beziehungspersonen der psychischen Frühzeit kommt eine basale psychische Funktion zu, vom deutsch-amerik. Psychoanalytiker Kohut die Selbstobjektfunktion genannt, d.h. sie tragen konstitutiv zur Strukturbildung des Selbst bei, und ihr Versagen führt zur Fragmentierung des Selbst durch die Beschädigung und den Verlust seiner Kohärenz. Die früheste intersubjektive Situation des Säuglings ist durch seine umfassende Abhängigkeit bestimmt- so wie er vom Saugen an der Mutterbrust abhängig ist, so versucht er auch psychisch durch Einsaugen, durch primäre Verinnerlichung sein spannungsvolles Erleben von Frustration und Abweisung durch die frühesten Beziehungspersonen zu verarbeiten. Dies geschieht in dieser frühen Entwicklungsphase zentral durch Verinnerlichung und Spaltung- insbes. der schottische Psychoanalytiker Fairbairn hat herausgearbeitet, wie sehr das werdende Selbst gerade die aggressiven und ängstigenden Anteile der Beziehungspersonen einsaugt, in der bewußtlosen Orientierung auf Sicherung der überlebenswichtigen Realbeziehung zu den frühen Beziehungspersonen, die das Kind als gut zu erleben bestrebt ist. Eine Formulierung Fairbairns besagt, daß das Kind lieber ein Teufel in einer Welt von Engeln sein will, als ein Engel in einer Welt von Teufeln. Dadurch erhält die Innenwelt eine bedrohliche Schicht, in der sich frühe Ängste und Schuldgefühle lagern und insbesondere auch eine Strömung pathologischer Idealisierung übermächtiger Beziehungspersonen durch das kleine Kind. Fairbairn erkennt hier eine wichtige mikrotraumatische Strukturkomponente der psychischen Entwicklung, die durch belastende Erfahrungen im späteren Leben zu aktuell-bedrohlichen Traumata reaktiviert und verstärkt werden kann. Diese Einsicht unterstreicht die psychische Bedeutsamkeit der intersubjektiven Kontexte auch im Leben des erwachsenen Individuums. Zur Sicherung einer reifen Identitätsstruktur bleiben wir auf konstruktive innere und reale Basalbeziehungen angewiesen, die nun mikro- und makrostrukturelle Bezüge umfassen: zu Schule, Beruf und Arbeitsplatz, eigener Familie, Freunden und Kollegen, auch zu religiösen und politischen Institutionen. Dementsprechend besitzen konstruktive sozioökonomische Strukturen eine wichtige Grundfunktion für die Sicherung eines ausreichend guten Selbstwert- und Identitätsgefüges- eine Grundfunktion, die in ihrer Tiefe erst durch ihre Beschädigung durch eine destruktive oder traumatische Mutation der sozialstrukturellen Verhältnisse deutlich wird.
Die intersubjektive Trauma-Konzeption geht von dieser basalen intersubjektiven Einbettung des Menschen aus und sieht Traumatisierung als men made disaster durch den massiven Bruch zwischen Individuum und intersubjektiver Einbettung bestimmt, was eine "dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt".
Einige Konzepte und Ergebnisse der Psychotraumatologie ermöglichen ein differenzierteres Wahrnehmen traumatischer Prozesse. Viktimisierung etwa bedeutet eine fundamentale Täter-Opferverkehrung; dies heißt, dass ein Individuum in einer Opfer-Situation von übermächtigen Tätern Schuld zugewiesen erhält und die Sichtweise des Täters auch selbst übernimmt, d.h. sich dann oft selbst beschuldigt und den Täter rechtfertigt.
Zur Übernahme der Täter-Opferverkehrung trägt wesentlich der Vorgang einer kognitiv-affektiven Verwirrung unter dem Druck traumatischer Gewalt- und Übermachterfahrung bei. Diese Konfusion können wir als Desorientierungstraumatisierung begreifen; sie führt zur affektiv-kognitiven Bindung an die Deutungsschemata der Täter und trägt zu den schweren depressiven Verstimmungen und zu den Selbstbeschuldigungen bei, unter denen Viktimisierungs-opfer in der Regel leiden.
Insbesondere ergibt sich durch die Konzepte der Relationalen Psychoanalyse auch eine Klärung unseres kritischen Maßstabs. Im Licht ihrer Erkenntnisse führt eine grundlegende Linie von der Notwendigkeit einer guten frühen intersubjektiven Erfahrungswelt des Kindes für dessen persönliche Entwicklung zur Notwendigkeit einer psychisch konstruktiven Gestaltung sozioökonomischer Großstrukturen für alle Gesellschaftsglieder. Die Makrostrukturen müssen sich an den zentralen Lebensbedürfnissen und -rechten der Menschen - vor allem im Blick auf Verwurzelung, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, Recht auf Arbeit und Bildung,  demokratische Mitbestimmung und Mitverantwortung - orientieren und damit die Grundlage für eine autonome Existenzgestaltung und Lebensplanung für die Einzelnen und Familien bieten.

2. Stichworte zum Neoliberalismus.

Die Entwicklung unserer sozioökonomischen Verhältnisse wird seit über zwei Jahrzehnten in zunehmender Härte durch destruktive Mutationsprozesse gekennzeichnet. Wir können diese Prozesse als Ablösung des europäischen Sozialstaatsmodells, das die Jahrzehnte nach dem 2.Weltkrieg als konsensuelle ökonomischpolitische Grundlage bestimmte, durch das neoliberale Modell begreifen.
Im Sozialstaat erkämpften sich die Menschen in wichtigen Ansätzen eine psychosozial stabilisierende sozioökonomische Makrostrukturen. Vollbeschäftigung, steigender Lebensstandard, die Errichtung von Strukturen und Institutionen, die dem Solidaritätsprinzip und dem sozialen Ausgleich verpflichtet waren, entsprechen der Ausdehnung des intersubjektiven Reifungsprinzips des Concern, d.h. einer Haltung authentischer Zuwendung zum anderen, die hier auf die Ebene sozialstruktureller Regelungen gehoben wird.
Im Zuge der neoliberalen Wende wurde und wird die sozialstaatliche Einbindung des kapitalistischen Wirtschaftsgeschehens immer stärker und radikaler als Hemmnis der ungehinderten Entfaltung der Herrschaft des sog. shareholder value angegriffen, d.h. der Orientierung am kurzfristigen Renditeziel und am Anstieg des Börsenkurses. Durch die damit einhergehenden beschleunigten Rationalisierungs- und Innovationsprozesse kommt es zu einer Entkoppelung von ökonomischem Erfolg und Beschäftigung- Stichwort jobless growth- Wachstum ohne Arbeitsplätze. Massenarbeitslosigkeit wird hierbei- das zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte- nicht nur in Kauf genommen, sondern im Zuge permanenter Kostensenkungsstrategien durch Arbeitsplatzvernichtung gefördert.
Wenn wir Kriterien unseres oben angeführten auf die intersubjektive Psychoanalyse gegründeten kritischen Maßstabs heranziehen, erkennen wir rasch, wie sehr die neoliberalen Prozesse bedeutende soziopsychische Traumatisierungspotentiale enthalten und aktivieren. Sie sind zentral gegen wesentliche psychosoziale Bedürfnisse der Menschen gerichtet, v.a. das Bedürfnis nach sozialer Bindung und Zugehörigkeit, nach Leben und Arbeiten in Würde, nach sozialer Gerechtigkeit und nach demokratischer Partizipation am sozialen Zusammenhang, nach Anerkennung und nach verläßlichen Planungshorizonten.


3. Die Arbeitslosigkeit als individuelle Traumatisierung

Am stärksten von der neoliberalen Traumatisierung betroffen sind die Opfer der Massenarbeitslosigkeit. Die Etablierung der bürgerlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung implizierte auch die Durchsetzung der Beruflichkeit der sozialen Identitätsbildung; dies bedeutet, daß die soziale Zugehörigkeit des Einzelnen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wesentlich von seiner beruflichen Erwerbsarbeit abhängt, die nicht nur durch materielles Einkommen die soziale Existenz sichert, sondern zugleich soziale Anerkennung und Würde sowie ein sozial verankertes Identitätsgefühl vermittelt.
Die Traumatisierung durch unfreiwilligen Verlust der Erwerbsarbeit führt zu vielfältigen und desaströsen psychischen Belastungen und Schädigungen; die Arbeitslosigkeitsforschung seit der Pionierstudie von Marie Jahoda über den österreichischen Ort Marienthal in der Weltwirtschaftskrise hat dies in vielen Studien konkret belegt.
Die psychotraumatischen Folgen des Arbeitsplatzverlustes vollziehen sich in einem typischen Prozeßverlauf: Nach einer Anfangsphase der Erleichterung, die durch das Ende unerträglicher Ungewissheit und Angst ausgelöst wird, kommt eine Phase von Auflehnung, Ohnmacht, Depression und Wut - die Umstände des Geschehens werden immer wieder durchgespielt und dagegen protestiert; dann setzt sich depressives Ohnmachtserleben durch mit Verzweiflung, Erschöpfung, Gefühlen von Erniedrigung und Wertlosigkeit, gefolgt schließlich von der 4. und letzten Phase, dem Versinken in Apathie.
Die Beschreibungen des traumatischen Erlebens des Arbeitsplatzverlustes dokumentieren m.E. durch die deutliche Tiefe der psychischen Bedrohung, dass der dauerhafte Verlust des Arbeitsplatzes die Betroffenen einer identitätsrelevanten konstruktiven Sozialbindung beraubt. Die Individuen werden durch Langzeitarbeitslosigkeit einem massiven psychischen Haltverlust und drohender  Persönlichkeitsfragmentierung ausgesetzt. Der Dauerverlust des Arbeitsplatzes impliziert die tiefgreifende Beschädigung der konstruktiven vertrauensvollen Sozialbindung und bedroht das Selbst mit fundamentaler Erschütterung und Fragmentierung, dem Verlust von innerem Halt durch einen Bruch in seiner intersubjektiv gebildeten Struktur. Das Arbeitslosen-Selbst wird v.a. von massiven Selbstzweifeln, Selbstwertverlust und Depression bedroht.
Die negativen internalisierten Erfahrungen der Frühphase, in der das werdende Selbst sich noch nicht abgrenzen und wehren kann, werden im hilflosen Erleben der Ausgrenzung aus der Gemeinschaft der Erwerbstätigen reaktiviert. Nicht umsonst ist eines der am schwersten zu ertragenden Gefühle der Arbeitslosen das, überflüssig zu sein, nicht mehr gebraucht zu werden und daran selber schuld zu sein: "Ich bin ein Versager, es muß irgendwie an mir liegen, daß ich mit meinen Bewerbungen keinen Erfolg habe", so ein arbeitsloser Pat. immer wieder.
Einige typische Zitate aus der Literatur können die psychische Leiderfahrung der Arbeitslos-Gemachten verdeutlichen; sie weisen m.E. deutlich auf den Aspekt der Bedrohung des Selbst durch den Verlust des Sozialbindungshaltes und des sozialen Grundvertrauens: eine 52-jährige ungelernte Arbeiterin: "Es ist hart, sich so nutzlos zu fühlen. Ich fühle mich krank...Es gibt keine Hoffnung und keine Zukunft... Ich könnte genauso gut tot sein."1 Weitere charakteristische Äußerungen von Betroffenen lauten etwa so: " Was man verliert, die Ruhe, die Sicherheit, das Ansehen, das Glück, ...." Oder ein Anderer: " Ich fühlte mich, als ob eine Bombe mich getroffen hätte... habe keinen Platz mehr, wo ich hingehöre." (A. Wacker, Arbeitslosigkeit, Ffm 1977, S. 121) die Erfahrung der Arbeitslosigkeit bedingt auch nach Finden einer neuen Stelle weiterwirkende Veränderung so:" Das Vertrauen ist weg, das ist meine neue Grundmentalität" so eine früher arbeitslose Frau. (SZ Magazin, 31.3.06)


4. Stichwort:  Massenarbeitslosigkeit als indirekte oder  soziale Traumatisierung

Von soziologischer Perspektive kommt Oskar Negt zu einer komprimierten Beschreibung der Gewalt der Arbeitslosigkeit: "Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt. Sie ist ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen. Sie ist ein Raub und Enteignung der Fähigkeiten und Eigenschaften, die innerhalb der Familie, der Schule und der Lehre (...) in einem mühsamen und aufwendigen Bildungsprozess erworben wurden und die - von ihren gesellschaftlichen Betätigungsfeldern abgeschnitten in Gefahr sind, zu verrotten und schwere Persönlichkeitsstörungen hervorzurufen"2.
Diese klare Bestimmung des Gewaltcharakters der Arbeitslosigkeit führt mit Notwendigkeit zur Einbeziehung der ökonomisch-politischen Entscheidungsebene in das Feld der psychotraumatologischen Untersuchung der Arbeitslosigkeit
Der angesprochene Wechsel in der ökonomischen und politischen Großwetterlage ist nicht naturgegeben oder zufällig eingetreten, sondern wurde und wird durch die konzertierte Aktion der Eliten in Wirtschaft, Politik und Medien als permanenter sog. Reformprozeß durchgesetzt. Die Dauermassenarbeitslosigkeit stellt ein katastrophales Symptom dafür dar, dass die neoliberale Wirtschaft nicht mehr für die sozioökonomische Kohäsion, die soziale Inklusion aller zu sorgen bereit ist. Wie oben erwähnt, wird die Massenarbeitslosigkeit von den neoliberalen Eliten stereotyp als Problem der individuellen Arbeitssuche der Arbeitslosen behandelt. Sie folgen damit dem sog. Theorem der freiwilligen Arbeitslosigkeit, das aus der neoliberalen Marktvergötzung folgt; dieses Theorem besagt, daß es, wenn man dem Markt nur seine Selbstregulation läßt, keine Arbeitslosigkeit geben könne, weil sich dann der marktgerechte Preis einer im Überfluss vorhandenen Ware automatisch herstellt - wenn er unter dem Existenzniveau liegt, haben die Besitzer der Ware Arbeitkraft eben Pech gehabt.
Arbeitslosigkeit ist dadurch axiomatisch immer nur Folge eines zu hohen Preises der Arbeit. Erwerbslosigkeit, insbesondere in der Form von Langzeitarbeitslosigkeit, ist damit ebenfalls axiomatisch immer freiwillig. Keynes konstatierte schon in den 1930er Jahren die Realitätsfremdheit der Behauptung der klassischen Theorie, wonach es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit gebe3. Aber er sah nicht voraus, zu welchem aggressiven Instrument der Machteliten gegen die sog. "freiwilligen Arbeitslosen" und das bedeutet ja zugleich, gegen die "zu arbeiten Unwilligen" sie im Neoliberalismus entwickelt würde. Das neoliberale Theorem der freiwilligen Arbeitslosigkeit stellt eine Grundfigur traumatisierender Täter-Opfer-Verkehrung und Opferbeschuldigung dar; es bietet damit eine wahnhafte Züge tragende Legitimation ideologischer und sozialer Gewalt gegen die Opfer, zugleich stellt es eine permanente Beleidigung und einen dehumanisierend-ausgrenzenden Anschlag auf ihre moralische Persönlichkeit dar. Durch seine pausenlose und vielfältige Orchestrierung in Politik und Medien und durch seine Bedeutung für die Politik der "Anreize", d.h. die Erwerbslosen durch ständige Schlechterstellung in Billigjobs zu drängen und alle Zumutbarkeitsgrenzen aufzuheben, bildet es einen massiven Kern auch politischer Diskreditierung und sozialer Existenzbedrohung der Arbeitslosen.
Die wahnhaft-aggressive Qualität der Diskreditierung der Arbeitslosen wird allein schon greifbar, wenn man sich vor Augen führt, wie sehr die ArbeitnehmerInnen immer wieder für ihre Arbeitsplätze und gegen die Schließung und Verlagerung ihrer Betriebe- etwa AEG oder BenQ als prominente schlimme Beispiele- kämpfen.
Und kaum haben sie diesen Kampf und ihre Arbeitsplätze verloren, da sollen dieselben Menschen als arbeitslos Gemachte über Nacht zu Faulenzern und Sozialmißbrauchern sich verwandelt haben- aber nicht sie haben sich verwandelt, sondern sie werden als Arbeitslose sofort zu Objekten eines tiefgreifenden soziopolitischen paranoiden und persekutorischen, d.h. mit diskreditierenden und verfolgenden Mechanismen arbeitenden Stimmungsmanagements der Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien.

Die generalisierte Erfahrung der Bedrohung des Arbeitsplatzes, der ja Garant von Lebensstandard, sozialer Sicherheit und sozialer Einbindung ist, strahlt massiv in die Gesamtgesellschaft, in die Masse der Arbeitnehmer hinein. Durch die Erfahrung der Ausgrenzung wachsender Bevölkerungsgruppen wird die Stimmung der Bevölkerung insgesamt beeinflußt, v.a. der Arbeitnehmer, im Sinne gesteigerter Einschüchterung, Disziplinierung, Verunsicherung und Angst.
Als Hinweise auf die gesteigerte traumatisierende Wirkung von Massenarbeitslosigkeit auf die Bevölkerung erwähne ich nur zwei Entwicklungen:
Zum einen den Anstieg des deutschen Angstindex, den die Versicherungsgruppe R+V seit 1991 veröffentlicht und die den Anteil der Deutschen angibt, die der Zukunft mit "großer Angst" gegenüberstehen. 1991 waren dies 25%, 2005 waren es erstmals mehr als 50%. Dabei steigen v.a. die persönlichen Ängste deutlich an: nicht mehr so sehr die Angst vor Kriminalität oder Terrorismus steht im Vordergrund, sondern die Angst vor eigener Arbeitslosigkeit, sinkendem Lebensstandard und schwerer Krankheit. (SZ, 1.-2.4.06)
Zum anderen den ständig sinkenden Krankenstand der Arbeitnehmer, wobei innerhalb dieser Zahlen der Anteil psychischer, v.a. depressiver Erkrankungen angestiegen ist. Immer mehr Menschen gehen aus Angst vor Gefährdung des Arbeitsplatzes zur Arbeit, obwohl sie krank sind.
Diese Angstentwicklung in der Bevölkerung führt zu einer verstärkten Opfer-und Verzichtsbereitschaft bei den Noch- Beschäftigten, um nur die Arbeitsplätze zu sichern. Dadurch geraten sie in weitere spezifische psychosoziale Streß-Zusammenhänge mit Traumatisierungspotential. Mit Richard Sennett- s. sein Buch "Der flexible Mensch"- können wir diese Belastungsseite "emotional drift" nennen. Dieser Begriff umfaßt Auswirkungen der im Neoliberalismus enorm verstärkten Zwänge zur Flexibilisierung von Arbeitsverhalten und Arbeitszeiten, zur psychischen Flexibilisierung i.S. eines überfordernden Motivationsmanagements und zur gesteigerten Mobilität. Der Abbau fester, d.h. unbefristeter Arbeitsverhältnisse und ihre gesteigerte Ersetzung durch befristete Arbeitsverhältnisse bei Abbau des Kündigungsschutzes erzeugt das massenhafte Phänomen der sog. " Prekarisierung", es entsteht geradezu ein "Prekariat", d.h. der Entstabilisierung der mit den Arbeitsverhältnissen insgesamt verunsicherten Lebensverhältnisse, des Wegbrechens der Möglichkeit verlässlicher Lebensplanung für den Einzelnen und für Familien. Es vollzieht sich ein schleichender Prozeß der Beschädigung von sozialer Verwurzelung und Bindung.

5. Der Umschlag zum Neoliberalismus und seine Wirkungen auf die Psyche der Mittelschichten

Massenarbeitslosigkeit und Abbau der sozialen Sicherungssysteme haben inzwischen auch die Mittelschicht erreicht und lösen auch bei ihr immer stärkere Verunsicherung und Ängste aus. Ein Blick auf den historischen Kontext verdeutlicht den Umschlag der soziopsychischen Befindlichkeit der Mittelschicht.
Der europäische Sozialstaat nach dem 2. Weltkrieg bewirkte auch und gerade eine Stärkung der Mittelschichten. In den USA geschah dies schon durch den New Deal in den 30er Jahren, indem Roosevelt eine Verringerung der Einkommensgegensätze erreichte. Das Europa der 50er Jahre ist vom Schlagwort der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" geprägt. Zunehmende Prosperität und Sekurität kennzeichnen die Situation. Arbeitnehmerschaft und Mittelschichten konnten hoffnungsvoll in die Zukunft ihrer Existenzgestaltung sehen. "Wohlstand für alle" und "keine Experimente" hieß die Devise (CDU-Parolen). Sozialpartnerschaft kennzeichnete die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit.
Im Blick auf diese soziopsychische Grundverfassung kommt es zum Bruch durch die neoliberale ökonomischpolitische Gegenrevolution. Für die Masse der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und auch die Angehörigen der Mittelschicht tritt eine neue aggressive Qualität der Politik der Machteliten zu Tage und löst immer mehr Sicherheiten der Prosperitäts- und Sozialstaatsphase auf. Die Bedrohung der Mittelschichten vollzieht sich schleichend, punktuell wird sie in den Medien mit folgenlosem Erschrecken registriert, das ist heute nicht anders als vor zehn Jahren- wie die Zeit-Artikel beweisen.
In Deutschland sticht aber seit kurzem ein Faktor für die Mittelschichten hervor: die Hartz IV-Reformen. Bislang bekamen auch Langzeitarbeitslose eine Arbeitslosenhilfe, die prozentual an ihr letztes Gehalt gekoppelt war. Jetzt werden Erwerbslose gleich welcher Gehaltsstufe erst an das Armutsniveau der Sozialhilfe angeglichen, ehe sie vom Staat einen Cent auf Sozialhilfeniveau erhalten. Das heißt konkret: Nach Auslaufen des begrenzten Arbeitslosengeldes müssen bei weiterer Erwerbslosigkeit auch die Angehörigen der Mittelklasse erst ihre Ersparnisse bis auf einen kleinen Freibetrag aufbrauchen, Verwandte ersten Grades zur Mitfinanzierung ihres Lebensunterhaltes heranziehen, ihr Auto verkaufen, in eine kleinere Wohnung ziehen usw. - dies alles, obwohl sie möglicherweise Jahrzehnte in eine Arbeitslosenversicherung einbezahlt, also eigentlich einen Rechtsanspruch hatten. Wenn der oder die Mittelklasseangehörige dann schließlich 345 Euro im Monat vom 6 Staat erhält, ist das an die Annahme jeder Arbeit, Straße fegen usw., oder einen 1 Euro-Job gekoppelt. Wer diese Arbeit, die als Entwürdigung erfahren wird, ablehnt, bekommt die 345 Euro erst gekürzt, dann gestrichen.
Hartz IV ist in Wahrheit ein Programm zur gigantischen Verarmung des Mittelstandes. Es ließen sich viele weitere, durch die "Reformen" verursachten Verschlechterungen für die Mittelschichten aufzählen - erhöhte Gesundheitskosten, verschlechterte Altersvorsorge usw. - aber der mögliche Absturz z.B. von einem Universitätsjob auf Sozialhilfeniveau ist das deutlichste sozio-ökonomische Symptom, das erklärt, warum sich in der Mittelklasse als zentrale Stimmung Unsicherheit und Angst ausbreitet. Der meritorischen Grundmotivation der Mittelschicht- Aufstieg durch Fleiß und Leistung- kann nicht deutlicher der Boden unter den Füßen entzogen werden. Auch die defensive Rückzugsposition der Mittelschicht, die nicht mehr auf Aufstieg, sondern nur noch die auf Sicherung des Erreichten gerichtet ist, ist in Zeiten von Hartz 4 bedroht.
So führt auch bei der Mittelschicht die verfestigte strukturelle Massenerwerbslosigkeit und ihre neoliberale Behandlung zur Erschütterung des Grundvertrauens in die sozialpolitische Sicherheitsorientierung von Wirtschaft und Politik. Die generelle Verunsicherung im Hinblick auf die Planbarkeit der eigenen Zukunft tritt an die Stelle einer lohnenden Mühe um die Entwicklung einer befriedigenden biographischen Linie, in der man sich als Autor seines Lebensentwurfs bestätigt erleben kann. Lean production bewirkt den Abbau von mittleren Hierarchie-Ebenen im Zuge der Computer-Rationalisierung. Permanente Umstrukturierungen treffen die Angestelltenschicht besonders, die hier mittlere administrative und Leitungsfunktionen ausübten. Erreichte Beschäftigungs-, Einkommens- und soziale Standards werden massiv bedroht und abgebaut. Was im Augenblick noch relativ sicher erscheint, kann morgen durch Verlust des Arbeitsplatzes, durch Krankheit und Überschuldung in einem destruktiven Strudel verloren gehen.
Die meritorische Grundmotivation der Mittelschicht - Aufstieg durch Leistung - wird immer tiefer erschüttert. Immer mehr fragen die Menschen, gerade aus der betroffenen Mittelschicht: Warum müssen wir das erleben? Wir haben doch immer hart gearbeitet und gespart und jetzt verlieren wir unsere Existenz, unseren Halt!
Eine Kernfrage unserer sozioökonomischen und mentalitätsdynamischen Situation lautet nun: Wie reagiert die Mittelschicht auf diese Erschütterung? Dringt sie durch zur kritischen Erkenntnis der Ursachen, der verantwortlichen Mächte und Akteure hinter den Märkten? Orientiert sie sich hin auf die Verbindung mit den anderen Opferschichten und sozialen Bewegungen und gewinnt sie den Mut zur Wendung gegen die aggressiven Machteliten? Oder bindet sie sich wie im Kaiserreich und in der Weimarer Republik psychisch und politisch überwiegend an die sie selber bedrohenden Strukturen und Machtgruppen, die diese Bindung durch geschicktes Feindbild-Management und nationalistische Identitätspolitik auf eine ideologische Volksgemeinschaft orientieren und die Aggression auf äußere und innere Feinde ablenken ?

6. Die Rolle des Zeugen und Anwalts der Opfer

Nachdem wir betrachtet haben, was der Neoliberalismus mit den Opfern der Massenarbeitslosigkeit macht und wie er die Mittelschichten traumatisch bedroht, müssen wir nun unsere Aufmerksamkeit auf einen hochwichtigen Aspekt richten, der die Durchsetzung des neoliberalen Programms in dieser massiven und relativ widerstandslosen Weise erst ermöglicht.
Es geht um die enorme Bedeutung kognitiver und affektiver Mentalitätsformierung durch die Medien, die im Neoliberalismus eine überragende Macht gewonnen hat. Es handelt sich hier um einen Prozeß der massive Züge einer Desorientierungstraumatisierung trägt. Diese besteht, wie oben erwähnt, zentral in der Verwirrung der kognitiven Kategorien und affektiven Wertungen des Opfers, d.h. darin, dem Opfer einer Traumatisierung das Trauma-Geschehen als positiv, als notwendig darzustellen und den Täter zu rechtfertigen, das Opfer damit in seiner Bemühung um Verständnis der Situation zu verwirren, es in seiner Bindung an den Täter zu bestärken und seine Motivation zu Selbstbehauptung und Gegenwehr zu unterminieren.
Die desorientierungstraumatische Beeinflussung der Menschen durch neoliberale Politik und Medien fächert sich in verschiedene Facetten auf, die ich hier nur stichwortartig anführen kann.
Im Rahmen des Verfassungsgutes der "Pressefreiheit" werden die Medien von der Bevölkerung als Vertrauensinstanz erlebt, als Anwalt der Bevölkerung gegen staatliche und wirtschaftliche Machtinteressen. Sie stehen damit in einer hochrelevanten Position eines gesellschaftlichen Wahrnehmungs-und Bewertungsorgans, das der Bevölkerung in der modernen Gesellschaft verläßliche Orientierung vermittelt. Die Rolle der Medien als Anwalt der Bevölkerung entspricht damit der in der Psychotraumatologie hochbedeutsamen Rolle des Zeugen, des Dritten oder Anwalts der Opfer. Bei vielen Traumatisierungen wird deren Wirkung verstärkt, bzw. ihr Zustandekommen erst ermöglicht, indem niemand als Zeuge der Traumatisierung des Opfers durch den Täter vorhanden ist, wenn z.B. die Mutter die Augen vor dem Mißbrauch der Tochter durch den Vater verschließt, um das äußere Zerbrechen der Familie zu vermeiden - innerlich ist sie schon zerbrochen. Umgekehrt ist es ein wesentliches Moment der Traumatherapie, daß der Therapeut als Dritter, als Zeuge und Anwalt des Opfers erlebt wird, der die traumatische Gewalterfahrung sieht und ausspricht und damit auch die vom Täter forcierte Desorientierung aufzuheben bemüht ist.
Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Spiegel-Urteil die Aufgabe der Presse, d.h. der Medien, in einer prinzipiell mit der Orientierungs- und Anwaltfunktion übereinstimmenden Weise bestimmt: "Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muss er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen können, die andere sich gebildet haben. Die Presse hält diese ständige Diskussion in Gang; sie beschafft die Informationen, nimmt selbst dazu Stellung und wirkt damit als orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung.... In der repräsentativen Demokratie steht die Presse zugleich als ständiges Vermittlungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung. Sie fasst die in der Gesellschaft und ihren Gruppen unaufhörlich sich neu bildenden Meinungen und Forderungen kritisch zusammen, stellt sie zur Erörterung und trägt sie an die politische handelnden Staatsorgane heran, die auf diese Weise ihre Entscheidungen ... ständig am Maßstab der im Volk tatsächlich vertretenen Auffassungen messen können."4
Das hier anvisierte Modell kritischer Öffentlichkeit ist unter neoliberalen Bedingungen in einem schwerwiegenden Zerfall begriffen; der Spielraum des rationalen Diskurses ist in den herrschenden Medien auf die Erörterung von Varianten neoliberaler Politik zusammengeschrumpft. Dies bedeutet insbesondere, dass die Medien kaum mehr die Erwartungen und Bedürfnisse der Bevölkerungsgruppen an Staat und Wirtschaft zum kritischen Ausdruck bringen, sondern im wesentlichen die neoliberale Programmatik von oben nach unten, d.h. von den ökonomischen und politischen Eliten in die Bevölkerung hinein zu vermitteln suchen.
Die verstärkten desorientierungstraumatischen Anstrengungen sind eine Folge der sozialfeindlichen neoliberalen Programmatik, die in ihrer ungeschminkten Darbietung nicht mehrheitsfähig wäre, d.h. die neoliberale Politik muß sich in ihren zentralen Achsen der Macht-und Besitzsteigerung der neoliberalen Eliten und Gewinner einerseits und der Verschlechterung der sozialen Situation der Masse der Bevölkerung und des Abbaus sozialer Rechte andererseits immer wieder gegen die Bedürfnisse und Interessen der Mehrheit durchsetzen. Diesen demokratietheoretisch hochrelevanten Gesichtspunkt gilt es in seiner Tiefe zu bedenken. A. Müller schreibt dazu treffend:" Das Volk denkt offenbar anders, als die Eliten wollen. Und dennoch nimmt man auf diesen Willen keine Rücksicht, sondern macht weiter mit dem Versuch, die Menschen mit Hilfe von Propaganda im Sinne der Eliten "rumzukriegen". Das ist ein im Kern undemokratisches Vorgehen... Neoliberalismus und Demokratie vertragen sich nicht." ( A.Müller 2006, 167)
So haben unter neoliberalen Bedingungen die Opfer in den neoliberal vereinten Parteien nicht nur keine Lobby, sondern es fehlt ihnen durch die Komplizenschaft neoliberaler Politik und neoliberaler Medien die grundlegende Instanz eines objektiven Dritten, der als Zeuge die Not wahrnimmt und anerkennt. Das Fehlen dieser Instanz stellt ein wesentliches traumaverstärkendes Element für die Opfer dar. Insbesondere die flächendeckende Übernahme der neoliberalen Reformrhetorik durch die Leitmedien wirkt sich als zusätzliche Traumatisierung der Opfer aus, als moralische Verstoßung aus dem sozialen Kreis der Dazugehörigen durch die enorme Macht der Opferbeschuldigung. Ökonomische Opfersituation, Opferbeschuldigung, Opferverfolgung und Opferbestrafung summieren sich so zu einem multiplen Trauma.
Die radikale Vereinseitigung der sozialen Ausrichtung des Neoliberalismus im Vergleich mit dem sozialstaatlichen Kapitalismus führt nicht nur zu einer schleichenden Entdemokratisierung, sondern auch zu einer historisch sehr bedrohlichen Veränderung seiner geistig-politischen Präsentation und Rechtfertigung. Mit dem Motto "Wohlstand für alle" als einer durch reale sozioökonomische Fortschritte gestützten Orientierung am Wohlergehen aller konnte sich die soziale Marktwirtschaft in einem rational-universalistischen Argumentationsraum positionieren. Dagegen ist der neoliberale Kapitalismus, wie wir gesehen haben, sozial regressiv, er ist desinteressiert am Wohlergehen der Gesamtbevölkerung; sein Programm und seine Auswirkungen sind im Rahmen einer humanen, d.h. universalen Werterationalität nicht zu begründen. Daher verlagert sich seine Rechtfertigung immer stärker von rational-diskursiver Argumentation zu Persuasion, d.h. dem zunehmenden Einsatz irrationaler Einflußweisen. Der Sozialpsychologe Ottomeyer spricht von der zunehmenden Paranoia in den Zeiten der Globalisierung, er registriert diese Regression von einer vorherrschenden rational und emotional reiferen Orientierung auf eine irrationale Atmosphäre. Die im Kern doch gelassene Hoffnung auf rationale Überzeugung rationaler Subjekte wird abgelöst durch die Orientierung auf Verhinderung von Widerspruch; so wird ein latentes Klima der Einschüchterung erzeugt, in dem universal-humane Rationalität durch eine rational nicht ausgewiesene, sondern machtpolitisch dominierte Freund-Feind-Einteilung vorherrscht, und diese bildet einen Grundzug paranoider Entwicklungen.

Einen wichtigen Beitrag zu dieser Irrationalisierung leistet die Sachzwang-Einstellung zum neoliberalen Prozess und der von Politik und Medien hierbei geformte Monolithismus. Autoren wie K.G. Zinn oder Heribert Prantl weisen darauf hin, dass die öffentlichen wie die privatkapitalistisch verfassten Medien zwar einen gewissen politischen Pluralismus präsentieren, dass im Bereich der Wirtschaftsredaktionen jedoch seit Jahren eine Art neoliberale Einheitspartei herrscht (Zinn, 2000, S. 4, ebenfalls Prantl 2005, S.91) Ramonet beschreibt die Macht der neoliberalen "pensee unique", die nicht mehr überzeugen will, sondern durch die schiere Übermacht der täglich wiederholten Dogmen als massive Einschüchterung wirkt (Ramonet, 1997, S. 76, S. 156).).
Eine entscheidende psychische Wirkung dieses Einheitsdenkens und seiner ritualistischen Wiederholung besteht sicherlich in der eindrucksvollen Demonstration einer magischen Macht. Die ständige Wiederholung undiskutierter Formeln zeigt:" Widerstand nützt nichts, hinter den Formeln steht eine unüberwindbare Kraftdu kannst noch so sehr dagegen reden, morgen bringt die Macht unbeeinflußt die Formeln wieder; wer davon abweicht, macht sich zum Außenseiter, denn durch die Formeln wird auch bestimmt, wer dazugehört."
Der Neoliberalismus hat eine Reihe von Dogmen entwickelt, die einen unhinterfragbar mythischen Charakter angenommen haben und durch magische Bekenntnisrituale vor rationaler Reflexion abgeschirmt und geradezu sakralisiert erscheinen. Ich erwähne ein zentrales Beispiel einer solchen unerschütterlich repetierten mythischen Formel: es geht um die stereotype Behauptung, die Bevorzugung der Kapital- und Geldvermögensbesitzer durch die neoliberale Politik sei notwendig, um Arbeitsplätze zu schaffen: "die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen" - so die neoliberale Botschaft der sog. Angebotspolitik.
Unter den Bedingungen von shareholder value und jobless growth bleibt von diesem Dreischritt nur der erste Schritt der Gewinnsteigerung übrig. Aber das hindert den neoliberalen Diskurs nicht, diese These als Axiom ständig zu wiederholen und die gegenläufigen Erfahrungen vieler Jahre neoliberaler Politik zu ignorieren, bzw. sie sofort in die Forderung nach noch mehr Vergünstigungen für die Kapitalseite umzuinterpretieren, damit es zur Schaffung von Arbeitsplätzen kommen könne.
Ein im letzten Jahrzehnt neu entwickeltes direktes Instrument neoliberaler Formierung der Öffentlichkeit stellen Initiativen wie die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" dar, mit denen -von Wirtschaftsverbänden finanziert- neoliberale Politiker medienwirksam als Experten plaziert, neoliberale Themen in die Medien geschleust oder ganze Kampagnen wie "Du bist Deutschland" auf die Beine gestellt werden.
Unter dem Druck des hemmungslosen Neoliberalismus regrediert die soziale und politische Kultur insgesamt immer stärker auf eine sozialdarwinistische Amoralität. Die mühsam erkämpfte Stufe des kollektiven concern wird verlassen zugunsten einer Stärkung verfolgender und paranoider Einstellungen. Die Opfer, Arbeitslose und Sozialhilfe-Empfänger zumal, werden per se unter den Generalverdacht des Sozialmissbrauchs gestellt. Da ist es nur konsequent, dass aus diesem allgemeinen Klima in Politik und Medien die Forderung des seinerzeitigen baden-württembergischen Finanzministers Mayer-Vorfelder nach Sozialdetektiven erwuchs, die- vor kurzem wiederum noch unvorstellbar- im Zuge der Umsetzung der Hartz-4-Gesetze mit der Einführung breiter Kontrollmechanismen tatsächlich auch verwirklicht wurde.

7. Was macht der Neoliberalismus mit den herrschenden Eliten ?

Wo Opfer und Objekte von "man made disasters", von soziotraumatischen Prozessen und Strukturen, existieren, da existieren auch pathologische und traumatisierende Akteure.
Die Erkenntnisse der Relationalen Psychoanalyse implizieren, wie oben dargestellt, einen kritisch-normativen Kern, der auf die Sicherung und Förderung der grundlegenden Entwicklungs-und Lebensbedürfnisse aller in konstruktiven mikro-wie makrostrukturellen Bezügen gerichtet ist. Die strukturell verfestigte Herauslösung von Herrschaftseliten, die ihre eigenen Besitz-und Machtsteigerungsinteressen verfolgen, entspricht in dieser Perspektive einer schwerwiegenden soziopsychischen relationalen Pathologie. Sie beruht auf dem Zerbrechen der grundlegenden Perspektive und Praxis konstruktiver durch wechselseitiger Anerkennung und Förderung geprägten Beziehungen in sozialen Großstrukturen.
Autokratische Elitenherrschaft (s. Bruder 2005) bedeutet auf dem Subjekt-Pol der autokratischen Herrschaft zentral die Entgrenzung des Narzissmus; dieser mutiert dadurch aus einer sozial eingebundenen Regulierung des Selbstwertgefühls zu einer pathologische Züge aufweisenden Formierung der Selbst- und Identitätsstrukturen.
Der Psychoanalytiker Mario Erdheim (1990, XIV u. 390) spricht von der "Explosion" des Narzissmus am sozialen Ort der Herrschaft.
Entgrenzter Narzissmus als Kennzeichen der soziopsychischen Pathologie von Herrschaftseliten impliziert neben der offensichtlichen Etablierung soziopsychischer Grandiositätsvorstellungen v.a. die verfestigte Tendenz zur Dehumanisierung der Anderen und die Paranoia des Macht-Selbst und seine Mechanismen der affektiv-kognitiven Machtausübung über die Beherrschten.
Die Allmachtsphantasien des autokratischen Macht-Selbst verleugnen reale Bezogenheiten und Abhängigkeiten, sie verbinden sich mit manisch getönten Autarkiephantasien, in denen sich das Machtselbst als grandioses absolutes, d.h. losgelöstes Zentrum alles Wertvollen erlebt. Dem Vorgang der Selbstidealisierung und Selbstvergötzung entspricht die Entwertung und Verachtung der machtlosen Beherrschten, zu denen keine innere emotional-mitfühlende Verbindung (Empathie) zugelassen werden kann.
Die narzisstische Struktur autokratischer Macht steht so der Kultur universaler humaner Werte prinzipiell feindselig gegenüber. Die verfestigte autokratische Herrschaft mit ihrer massiven und oft grotesken Selbstidealisierung der Mächtigen und der Entwertung der Beherrschten konstituiert eine Art soziopolitische Apartheid mit mehr oder weniger deutlicher rassistischer Ausprägung. Die Adelsherrschaft stellt den Prototyp dieser selbstvergötzenden Herrschaftsmentalität dar, die aber früh von den "Industrie-Baronen" und der "Finanz-Aristokratie" der aufsteigenden bürgerlichen Schichten übernommen wurde. (Zum Adelsrassismus s. Priester 2003, 46ff.)
V.a. der Mechanismus der Dehumanisierung erleichtert die Instrumentalisierung der Beherrschten; Dehumanisierung von Menschen stellt sich psychoanalytisch gesehen als komplexes psychisches Geschehen dar, das mit verschiedenen Mechanismen die in jedem Menschen angelegte Identifizierung mit den anderen Menschen qua Menschsein aufzulösen trachtet. Der psychoanalytische Affektforscher R. Krause (2001, 954ff.) hat mehrere dieser Mechanismen aufgezeigt. Diese von ihm "Desidentifikationsmechanismen" genannten Prozesse bestehen in ihrem affektdynamischen Kern darin, Differenzen zwischen Menschen hochgradig im Sinne von gut-schlecht und mächtig-ohnmächtig zu polarisieren und zu Exklusionskriterien zu erheben. Desidentifizierung zeigt sich so als triumphierende Herauslösung aus menschlichen Bindungsnetzen in ihrer qualitativen affektiven Verschiedenartigkeit. Der interpersonelle Stil ist monoman auf das Sieger-Verlierer-Schema ausgerichtet, er zielt auf Dominanz-Herstellung durch Auslösung von Angst und Unsicherheit bei anderen. Krause unterstreicht die Funktionalität dieser Mechanismen für die Durchsetzung jeglicher Form von Apartheid (ebd.).
Je mehr Macht, umso größer wiederum die Angst vor ihrer Gefährdung. Die Herrschaftseliten werden daher von der ständigen Angst und Sorge um ihre Machtsicherung und -ausdehnung verfolgt. "Paranoia ist die Krankheit der Herrschaft", fasste Elias Canetti diesen Sachverhalt prägnant (zit. nach Erdheim 2005, 14).
Die innere Instabilität autokratischer Macht mobilisiert eine ständige Suche nach Feinden, die der Feindschaft und der Zersetzung der herrschenden Macht bezichtigt werden; die Aggression sowohl der Herrschaftseliten wie der Beherrschten soll damit auf phantasmatische Bahnen gelenkt und die Herrschaftsstruktur stabilisiert werden. So wird die Entwicklung der westlichen Elitenherrschaft begleitet von einer ständigen Produktion und Aufrechterhaltung von Feindbildern5 - vor allem die Juden, die Hexen, die Fremden -, mittels derer die strukturelle aggressive Binnenspannung immer wieder psychisch abgeleitet wird und sich in Krisen oft auch in massiven aggressiv-explosiven Ausbrüchen entlädt.
Diese prägenden Züge eines pathologischen Narzißmus auf der Seite der abgehobenen Besitz- und Machteliten bestimmen auch die Eliten in der kapitalistischen Gewinnmaximierungswirtschaft und in verschärfter Form die Eliten der neoliberal globalisierten Welt.
Die neoliberalen Eliten verschärfen die in der Verabsolutierung der Gewinnmaximierung liegende "erbarmungslose Amoralität" (J. Robinson zit. nach Negt 2001, 222), die rücksichtslose Dehumanisierung der Arbeitenden als "Kostenfaktor", den es zu reduzieren gilt; letztlich betreiben sie den Abschied aus der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und ihrem Zusammenhalt.
Wir befassen uns hier mit einer strukturell bedingten Psychodynamik, die sich durchaus in Spannung befinden mag mit der persönlich-bewusst akzentuierten Identität einer Person und ihrem Selbstbild; diese strukturell bedingte Psychodynamik erscheint wesentlich durch den Mechanismus der Dissoziation bestimmt. Die psychische Dissoziation der Akteure steht heute in Wechselwirkung mit der sozioökonomischen Dissoziationsentwicklung, der radikalisierten Entbettung der Wirtschaft entspricht die radikalisierte psychische Entbettung von Selbstanteilen, wie Liftons Definition von Dissoziation es ausspricht: "Teile des Selbst lösen sich und formieren eine Gegensphäre, die seinen Zusammenhalt und seine Steuerfunktion als symbolische Repräsentanz der Gesamtperson stört". (ebd. 243)
Eine euphemistische Sprache und Semantik, die kollektive Akzeptanz von Orwells "Schönsprech" in Verbindung mit einer "Sprache der Fühllosigkeit" ermöglicht den aggressiven Akteuren "zu zerstören ohne zu zerstören ", d.h. ohne als Zerstörer gesehen und gewertet zu werden. Die Dissoziation bedeutet auch eine Dissoziation der Gewissensfunktion; diese erfährt eine charakteristische Verschiebung, die sie wegzieht von den konkreten Menschen, den realen und potentiellen Opfern der Akteure, und hinorientiert auf den partikularen Loyalitätsbezug der Gruppe der Akteure oder einen abstrakten Systembezug.
Dementsprechend ist die Herrschaft des shareholder value nur an Finanzindices der Börsenkurse von Unternehmen gebunden; die abstrakte Verabsolutierung dieser kurzfristigen Indices führt zur Entwertung der konkreten Unternehmenseinheiten, der Fabriken, der Beschäftigten, ihres Lebensniveaus, der Unternehmensstandorte. War der Kapitaleigentümer in der Zeit des Industriekapitalismus noch persönlich mit dem Unternehmen verbunden, das er beherrschte, und legte Wert darauf, seine Beschäftigten patriarchalisch an sein Unternehmen zu binden, so bedeutet die finanzkapitalistische Globalisierung eine Destruktion der humanen Aspekte dieser Herrschaft. Das Kapital akzeptiert keine Loyalitätsverpflichtung mehr, es ist nur sich und seinen Gewinnzielen loyal (Roth 2003); allein für die Gnade des Besitzes eines Arbeitsplatzes verlangt es von den Beschäftigten höchste Motivation, Flexibilität und Bereitschaft zu Lohnverzicht, während es selber kaum zu einer minimalen reziproken Loyalitätsverpflichtung bereit ist. Die entbettete Wirtschaft, ihre shareholder und Manager bewegen sich wie aggressiv-narzisstisch gestörte Individuen rücksichtslos durch eine sensible Welt, walzen sich ihren Weg frei und überlassen es den anderen, für die Reparatur von Beschädigungen zu sorgen.
Vielleicht die rücksichtsloseste Verkörperung der neoliberalen Persönlichkeitdeformation stellt der Typus des neoliberalen Unternehmensberaters dar, den D. Kurbjuweit den " McKinsey-Mensch" genannt hat; dieser arbeitet auf einer technokratisch-sadistischen psychischen Grundlage; er setzt das Modell der scheinbar sachzwanghaft vorgegebenen intersubjektiven Herrschaftsrelation als Effizienzzwang praktisch um und wird so zum Feind des sich nicht nach diesem Modell maximal verausgabenden und maximal effizienzbewussten Beschäftigten.
Psychisch essentielle Lebensbedürfnisse nach Verwurzelung, nach Kontinuität einer Identitätsentwicklung und ihrer Stabilisierung in einer überschaubaren und verlässlichen sozialen Lebenswelt finden keine Berücksichtigung mehr. Kurbjuweit (2003, 91ff.) sieht in der "Zertrümmerung von Heimat" ein Kennzeichen der soziopsychischen Destruktivität der neoliberalen Wirtschaft. Die shareholder und ihre Manager und Berater sind die Heimat-Zertrümmerer und damit auch eine tiefgreifende Bedrohung der Bindungsfähigkeit der Menschen. (Negt 2001, 179ff.)
Wer die neoliberalen Imperative lange genug zu seinen eigenen gemacht hat, der hat einen bedeutenden neoliberalisierten Anteil in seinem Selbst entwickelt; d.h. er hat für seinen Wirkungsbereich die neoliberale Ideologie verinnerlicht mit allen sozio- und psychodestruktiven Wirkungen. Er ist damit selbst in seiner Persönlichkeitsganzheit, die mit der Ganzheit der Gesellschaft unhintergehbar verbunden ist, fragmentiert. Die neoliberalen Eliten laden insbesondere durch ihre systematische Abwehr sozialer Verantwortung für die Gesamtbevölkerung und ihre Lebensbedürfnisse eine bedeutende humane Schuld auf sich; auch wenn sie es in ihrer Verblendetheit nicht wahrhaben wollen, so sind sie mit dem Ausdruck von B. Moore "räuberische Eliten", die in ihrer Gier nach Besitz- und Machtsteigerung die Anderen ihrer Lebensgrundlagen berauben. Aber mit der Dehumanisierung ihrer Opfer dehumanisieren sie sich auch selbst, berauben sich selbst der Grundlage wirklicher humaner Anerkennung. Die immer stärkere räumliche Isolation der Reichen in vielen Ländern, ihre Selbst-Ghettoisierung, entspricht ihrer sozialen und psychischen Isolation und ihrer Angst vor den Anderen. Es ist leider nicht zu erwarten, daß die neoliberalen Eliten aus eigener Einsicht von ihrem aggressiv-narzißtischen Weg umkehren, aber einzelne Angehörige der Eliten äußern doch ermutigende kritische Einsichten, so etwa der erfolgreiche Reeder Peter Krämer; er lehnt noch mehr Privilegien für sich ab und beklagt "das Eliteversagen in diesem Land"; er fordert dringend dazu auf, dass "wir Reichen unsere Taschen öffnen", sonst "werden wir scheitern" (Bad. Zeitung v. 4.1.2005).

8. Solidarische Gegen-Perspektiven.

Die neoliberale Umwälzung ist im Kern die Durchführung eines Programms der Spaltung der sozialen und psychischen Lebensganzheit; sie zielt auf die Entbettung einer verabsolutierten Ökonomie aus dem soziorelationalen Zusammenhang und die als psychische Dissoziation wirkende Entbettung ökonomisierter Selbstanteile aus dem Gesamtzusammenhang der psychischen Persönlichkeit. Diese Entbettungsprozesse werden von dem amerikanischen Autor Korten mit dem Wachstum von Krebsgeschwüren verglichen, die sich der gesunden Gesamtregulierung des Organismus entziehen und auf seine Kosten wuchern. Im Gegensatz zu diesem Spaltungs- und Entbettungsvorgang verlangt die Perspektive sozialer und psychischer Heilung die Herstellung lebendiger Grundbezogenheit in der Ganzheit von Psyche und Gesellschaft, um so die psychischen und sozialen Spaltungsfolgen zu überwinden. Dies können wir im Carcinom-Gleichnis durch die prägnante Losung ausdrücken: Starve the cancer- nurture life !
Dieser heilsame Weg soziopsychischer Re-Integration gründet sich auf eine bewußte alternative Mentalitätsentwicklung, die weitere konstruktive Folgen in sozialen Bewegungen und die Vision einer solidarischen Welt impliziert.
Gegen die destruktive Ausrottungs-Mentalität entwickelte Lifton als heilsame Gegenperspektive das Konzept der "Gattungsmentalität", heute muß diese gegen die "Ausgrenzungsmentalität" der neoliberalen Sozialdestruktion gestellt werden. Gegen die Ausgrenzungsmentalität setzt die Gattungsmentalität das solidarische Prinzip, dass wir uns als Angehörige der gleichen Gattung wahrnehmen, respektieren und in den Bereich unserer inneren und realen Fürsorge einbeziehen, d.h. ein neues ganzheitliches Denken und Empfinden entwickeln, die zu Kernelementen des "Gattungsselbst", eines solidarischen Selbst, werden. Dies entspricht einer Mentalität des kollektiven "Concern", eines verallgemeinerten sozialen Sich-Kümmerns. Gattungsbewußtsein und Gattungsmentalität werden getragen vom Prinzip der Solidarität oder - wie H.E. Richter es nennt- vom Prinzip der Sympathie, das von der liebevollen Eltern-Kind-Beziehung zur solidarischen Gestaltung der sozialen Strukturen drängt. Er drückt die die intersubjektive Psychoanalyse prägende Verbindung mikro- und makrostruktureller Verhältnisse aus, wenn er schreibt: " Das Sympathie-Prinzip fordert die Gleichsetzung, das echte Teilen von Stärke und Schwäche, die Symmetrie von Geben und Nehmen. Es verlangt die politische Befreiung der Unterdrückten"6.
Wenn wir heute aus der heute dominierenden ungeheuren Empfindungslosigkeit heraustreten, entziehen wir uns der verordneten Gleichgültigkeit und der latenten oder manifesten Viktimisierungseinstellung. Wir sind dann auf dem Weg, zu hilfreichen Zeugen und Anwälten der Betroffenen zu werden. Wir werden nicht mehr vertrauensselig die Leitmedien für authentische Spiegel der sozialen Wirklichkeit halten, sondern uns um Möglichkeiten kritischer Gegeninformation und Gegenöffentlichkeit kümmern. Wir werden Wege finden, uns im Rahmen unserer Möglichkeiten für konstruktive Veränderungen im Kleinen wie im Strukturellen einzusetzen, sei es in Selbsthilfe-Gruppen, sei es in den Gewerkschaften, in fortschrittlichen christlichen Gruppen, in der attac-Bewegung usw. Damit tragen wir zur Hilfe für die Betroffenen bei, ihr eigenes Selbstwertgefühl zu schützen und ihre Fähigkeiten zur solidarischen Gegenwehr zu stärken.
Die lebendige praktische Brücke von der kritischen Analyse der neoliberal-kapitalistischen psychischen und sozialen Destruktion zur Vision einer solidarischen Gesellschaft bilden die sozialen Bewegungen, die sog. alten wie die neuen, in denen sich Betroffene und Engagierte gegen soziale und ökologische Bedrohungen zur Wehr setzen. Die von den solidarischen Bewegungen repräsentierten Perspektiven enthalten die grundlegende Kritik und Umkehrung der neoliberalen Prozesse. So demonstriert insbesondere das Motto der globalisierungskritischen attac-Bewegung "Eine andere Welt ist möglich" das Bewusstsein und die Ablehnung der grundlegenden neoliberalen Sachzwang-Mentalität;
Gegen neoliberale Ausgrenzungsprozesse setzen die solidarischen Subjekte universale Werte und Perspektiven, die das Leben aller, v.a. der Opfer schützen sollen:
* gegen den latenten und offenen Rassismus der neoliberalen Spaltungen setzen sie die Einsicht, dass die entscheidende Trennlinie nicht zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen besteht, sondern zwischen Oben und Unten, zwischen den besitz- und machtgierigen Eliten und den von ihnen ausgeplünderten Schichten auf der ganzen Welt.
* gegen Dehumanisierung setzen sie die Forderung nach Humanisierung, nach realer Umsetzung vor allem der sozialen Menschenrechte für alle Menschen: v.a. das Recht auf Gesundheit und gesunde Ernährung, auf Arbeit in Würde, auf Wohnung, auf Bildung, auf Verwurzelung.
* Gegen Viktimisierung und Opferbeschuldigung und -verfolgung setzen sie die Forderung nach Entviktimisierung, nach Herstellung der Würde der Opfer und wirklicher Beseitigung der Opfersituationen;
* Gegen Desorientierung durch die neoliberal gelenkte Öffentlichkeit und neoliberale Politik entwickeln sie Wege einer Gegenöffentlichkeit von unten, die ungeschönte Informationen über die oft verschlungenen und geheimgehaltenen Wege neoliberaler Angriffe und über die solidarischen Widerstandsbewegungen und -aktionen geben und zur Kräftigung und Vernetzung der solidarischen Bewegungen beitragen.

Die solidarischen Bewegungen stehen mit ihren Zielen im Kampf zur gesellschaftlichen und politischen Wiederaneignung gestohlener und bedrohter human-sozialer Ressourcen auf allen Ebenen letztlich in einer postkapitalistischen Perspektive. Sie entwickeln sich und setzen da an, wo Menschen sich und ihre Lebenswelt durch den Neoliberalismus und seine politische Durchsetzung in ihrem alltäglichen Leben in Gefahr gebracht sehen.
Dort sind Menschen motivierbar, handelnde Subjekte zu werden und sich aus den zerstörerischen Fängen des neoliberalen Kapitalismus zu lösen und können dabei erfahren, wie das Solidarischwerden auch ihrem eigenen Menschwerden dient. Ob es in solchen Kämpfen etwa um würdige Arbeit für alle geht und um gerechte Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern, oder um eine lebensfördernde Landwirtschaft gegen das Agro-Business, oder um die Bewahrung öffentlicher Güter und Dienste der Grundversorgung gegen deren Privatisierung (Wasser, Transport, Energie, Wohnung, Bildung, Gesundheit usw), ob es um Steuergerechtigkeit, die Abkehr von der neoliberalen permanenten Steuerreform zugunsten der Konzerne, die die bekannte Schere öffentliche Armut - privater Reichtum schafft, ob es um die Sicherung solidarischer Rentensysteme geht, ob es um ein neues internationales Fiananzsystem und die Einführung der von attac zuerst vertretenen internationalen Anti-Spekulationssteuer, um Kampf um Frieden gegen die Militarisierung der imperialen Mächte, allen voran der USA, aber auch der EU, alle diese Kämpfe benötigen die übergreifende Perspektive einer auf menschenfreundlichen solidarischen Strukturen aufgebauten Welt; Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung warnt (in: FR, 5.1.2006, 10): "Die heutige kannibalische Weltordnung ist das Ende sämtlicher Werte der Aufklärung, das Ende der Grundwerte und der Menschenrechte. Entweder wird die strukturelle Gewalt der Konzerne gebrochen, oder die Demokratie ist vorbei und der Dschungel kommt."
Die Überwindung der sozial und psychisch traumatisierenden neoliberalen economy against man wird nur der Anfang einer Epoche vielfältiger, von konkreten Menschen für konkrete Probleme entworfener Lösungsperspektiven sein. Befreit vom Effizienzzwang der entfremdeten Gewinnmaximierungsstrukturen und ihrer besitz- und machtgierigen Befehlshaber werden die Menschen sich der Verwirklichung der primären menschlichen Anliegen zuwenden können; ein Wirtschaften nach menschlichem Maß als Grundlage der Entfaltung der vielfältigen produktiven und kreativen, sozialen und persönlichen Potentiale auf der Basis konstruktiv menschenfreundlicher Makrostrukturen wird möglich werden.


1 1 Ebd. 52.

2 Negt, 2001, 10.
3 Keynes beschreibt in der Leugnung der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit durch die klassischen Theoretiker die typische wahnhafte Realitätsabwehr; er vergleicht sie mit "euklidischen Mathematikern in einer nichteuklidischen Welt, die entdecken, daß scheinbar parallele gerade Linien in Wirklichkeit sich oft schneiden, und denen kein anderes Mittel gegen die sich ereignenden bedauerlichen Zusammenstöße einfällt, als die Linien zu schelten, daß sie nicht gerade bleiben." Keynes (1936) 2000, 14.


4 Zit. nach Arnim, 2001, 199f.

5 Zur Geschichte der europäischen Feindbild-Entwicklung s Wegener 1999.

6 Ebd, 263.


AK-PSI-Aachen: Seminar "Vortrag Reinhold Bianchi (23.-25. März 2007)"

 

 







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