Warum sind so wenig SozialarbeiterInnen gewerkschaftlich organisiert?

01.08.09
SozialesSoziales, Wirtschaft, Hamburg, Debatte, TopNews 

 

Von G.B.*

Auf Arbeitssuche

Nach meinem Studium der Sozialpädagogik begab ich mich verheißungsvoll auf Arbeitssuche und erhielt unter anderem eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch bei einem renommierten öffentlicher Träger aus der sozialen Branche Hamburg. Dort suchte man eine Sozialpädagogin für eine betreute Wohngruppe von 10 Kindern zwischen 8 und 13 Jahren. Geboten wurde ein unbefristeter Teilzeit-Vertrag und die Bezahlung nach der Einkommensgruppe 9. Obwohl ich eigentlich eine unbefristete Vollzeit-Arbeitsstelle anstrebte, rückte ich angesichts der hohen Zahl von befristeten und/oder Teilzeit-Arbeitsangeboten auf dem Stellenmarkt für SozialarbeiterInnen von meinen ursprünglichen Erwartungen ab und nahm den Vorstellungstermin wahr. Die Einrichtung war sehr ansprechend und wunderschön gelegen, das Team war offen und freundlich, und die in der Wohngruppe lebenden Kinder waren mehr als sympathisch. Angesichts dieser zahlreichen Vorzüge war ich fast schon bereit, mich mit der Teilarbeitszeit dieses Arbeitsangebotes anzufreunden und mein Monatsbudget notgedrungen mit einer zweiten Teilzeit-Arbeitsstelle auf die zum Leben nötige Höhe aufzustocken.

Doch nach einer gemeinsamen Kaffeetafel und einer zweistündigen Arbeitsprobe mit zwei kleinen Jungen, von denen mir der eine als "pflegeleicht" und der andere als "besonders schwierig" angekündigt wurde, teilte man mir beiläufig mit, daß der renommierte öffentlicher Träger aus der sozialen Branche Hamburg sich aus dem Tarif des öffentlichen Dienstes ausgeklinkt hätte und pro Monat mindestens 8 Nachtbereitschaften zu leisten wären, die nicht vergütet und die sich im Urlaubs- oder Krankheitsfall erhöhen würden. Ich traute bei diesen Worten kaum meinen Ohren. Ich sollte also wöchentlich mindestens 45 Arbeitsstunden leisten, von denen aber nur 25 vergütet wurden? Da mußte ich mich wohl verhört haben! Also fragte ich noch einmal nach. Doch die unveränderte Antwort bestätigte mir zwar meine erfreulicherweise immer noch gute Auffassungsgabe, aber gleichzeitig auch meine düsteren Berufsaussichten auf dem gegenwärtigen Arbeitsmarkt für SozialarbeiterInnen. Ich erbat mir Bedenkzeit und schickte einen Tag später ein Antwortschreiben, in dem ich mich bereit erklärte, die geforderten 45 wöchentlichen Arbeitsstunden zu leisten, wenn ich als Vollzeit-Arbeitskraft eingestellt würde - allerdings nicht ohne die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen anzuprangern und die Notwendigkeit einer tariflichen Bezahlung zu betonen. Eine Antwort erhielt ich bis heute nicht.
Letztlich ging meine Arbeitssuche doch noch gut aus, denn ich fand eine unbefristete Vollzeit-Arbeitsstelle, wo ich sogar 100 Euro mehr als nach Einkommensgruppe 9 üblich verdiene, und ich sollte eigentlich zufrieden sein. Bin ich aber nicht wirklich! Habe ich mich als alleinerziehende Mutter, die ihren Beruf als Krankenschwester wegen der kinderfeindlichen Schicht- und Nachtdienste nicht ausüben konnte und deshalb den beschämenden Status eines Sozialfalls erlangte, unter großen Entbehrungen wieder auf die Schulbank gesetzt und Sozialpädagogik studiert, nur um schließlich kaum mehr als in der Pflege zu verdienen? Immerhin bin ich jetzt eine Akademikerin! Wie lassen sich die hohe Zahl von unbefristeten und/oder Teizeitstellen im Allgemeinen und die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen im Besonderen mit dem hohen Ausbildungsgrad der Sozialen Arbeit auf Universitätsniveau vereinbaren? Immerhin stellt die Soziale Arbeit bereits die zweitwichtigste Gruppe im Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich dar. Im Zeitraum von 1973 bis 1990 hat sich die Zahl der SozialarbeiterInnen in Deutschland mehr als verdoppelt und steigt trotz der "Reformen" der 90iger Jahre stetig weiter. Dennoch genießt die Soziale Arbeit in Deutschland ein negatives Image,  das weltweit seinesgleichen sucht. Da ist das in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, übliche Lohndumping im Sozialen Sektor nichts weiter als eine logische Konsequenz.  

Arbeits- und Verdienstaussichten für SozialarbeiterInnen

Ein paar Zahlen mögen das von mir beschriebene Bild der Sozialen Arbeit verdeutlichen:1 Zum 30. Juni 2006 gab es 51.992 sozialversicherungspflichtig beschäftigte SozialarbeiterInnen in Deutschland. Davon waren jedoch nur 62,5% in Vollzeit beschäftigt. 37,5% arbeiteten in Teilzeitstellen. Die Zahlen des Jahres 2008 fielen ähnlich aus. Die Bezahlung erfolgt seit 2005 nach Einkommensgruppe 9 der TvöD, was bei einer Vollzeittätigkeit ein Brutto-Anfangsgehalt von 2.061 Euro monatlich ergibt. Und trotz wachsenden Bedarfs und zahlreicher unbesetzter Stellen waren im Jahre 2006 21.992 SozialarbeiterInnen arbeitslos gemeldet. Die desolaten Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit erscheinen noch bedrückender, wenn man berücksichtigt, daß der Anteil der Frauen im Studienbereich der Sozialen Arbeit 78% beträgt, aber der Frauenanteil an den sozialversicherungspflichtig beschäftigten SozialarbeiterInnen nur 66% ausmacht, gleichzeitig jedoch 75% der arbeitslosen SozialarbeiterInnen weiblich sind. Die alljährlich an den 70 Fachbereichen der Sozialen Arbeit in der deutschen Hochschullandschaft ausgebildeten 7.000-10.000 SozialarbeiterInnen erwarten also nicht nur höchst prekäre, sondern ebenfalls frauendiskriminierende Arbeitsbedingungen. Und wenn man bedenkt, daß 60% der SozialarbeiterInnen in der Jugendarbeit und 20% in den Gesundheitsdiensten tätig sind, tritt überdies die geringe Bedeutung zutage, die der Jugend und der Volksgesundheit beigemessen wird.

Zum Vergleich: In anderen Ländern wird die Soziale Arbeit deutlich besser bezahlt.2 In England beispielsweise verdient der durchschnittliche Sozialarbeiter monatlich 3.000 Euro brutto in einem normalerweise dauerhaften Vollzeit-Arbeitsverhältnis. Und da der Bedarf im britischen "social service" nicht von einheimischen Arbeitskräften gedeckt werden kann, lockt man ausländische SozialarbeiterInnen mit Anreizen wie hohen Einstiegslöhnen, unbefristeten Arbeitsverhältnissen, mehrmonatigem Einstiegstraining, Darlehen für die Anschaffung eines Autos, ständigen Fortbildungen und staatlicher Betreuung und Beratung bei der Bewerbung, der Erledigung formeller Aufgaben und der Eingliederung in Beruf und Alltag auf die Insel. Auch in den USA verdient ein Sozialarbeiter mit MA-Abschluß ebenso viel wie ein Psychologe. Ähnlich desolate Arbeitsbedingungen für SozialarbeiterInnen wie in Deutschland finden sich nur in Ländern der sogenannten "dritten" Welt wie z.B. Taiwan.

Image der Sozialen Arbeit

Ähnlich traurig wie um die Arbeitsbedingungen ist es in Deutschland um das Image der Sozialen Arbeit bestellt.3 In Presseberichten wird regelmäßig "durch Mutmaßungen, Andeutungen und ungünstige Darstellungen mit negativer Aussage" das gesamte Erscheinungsbild "einer Organisation, von Projekten oder Zielgruppen der Sozialen Arbeit" belastet oder beschädigt. Dabei werden in holder Regelmäßigkeit der "verschwenderische Umgang mit Fördermitteln" und der "schwache Effekt von Maßnahmen" der Sozialen Arbeit angeprangert und Teile der Bevölkerung, die zu den Ziegruppen der Sozialen Arbeit zählen, durch "unmißverständliche Charakterisierungen" stigmatisiert. "Soziale Themen sind für die Medien attraktiv, allerdings weniger hinsichtlich der Bewältigung sozialer Probleme durch Soziale Arbeit, sondern eher wegen spektakulärer Meldungen, Stories und Bilder". Beispiele für das schlechte Image der Sozialen Arbeit in den deutschen Medien sind die Berliner Fraueneinrichtung Ban Yin für ehemalige thailändische Prostituierte, die regelmäßig von der Boulevardpresse zur Preisgabe schlüpfriger Details aus der Sex-Szene genötigt werden, oder die reißerischen Foto- und Filmdokumentationen über kriminelle oder rechtsradikale Jugendliche, die in Jugendeinrichtungen entstehen. Laut des Journalisten und PR-Beraters Ewald Schürmann geht der Trend bei den deutschen Filmemachern dahin, angesichts des öden deutschen Alltags "arbeitslose Ossis, Schlachthofmalocher und Obdachlose" zu "ihren Helden" zu machen. Im März 2009 erschien in der Hamburger Morgenpost ein Artikel mit der Überschrift "Mißhandelte Lea-Marie: So entsetzlich schlampte das Jugendamt", in dem kein Wort darüber verloren wurde, daß Hamburg, die deutsche Stadt mit den meisten Millionären, gleichzeitig zu den deutschen Städten mit den niedrigsten Sozialausgaben und den höchsten Fallzahlen gehört.
Warum die Soziale Arbeit hierzulande ein derart schlechtes Image genießt, bleibt fraglich. Liegt es etwa an der naiv wirkenden Gutmensch-Miene mancher SozialarbeiterInnen und ihrer waldorfschulartigen Ausdrucksweise bzw. ihren pseudo-alternativen Klamotten? Abgesehen davon, daß heutzutage kaum ein Sozialarbeiter noch diesem Klischee entspricht, verdankt die Soziale Arbeit ihr schlechtes Image wohl eher ihrem Paradigmenwechsel von der barmherzigen und autoritären Fürsorgetätigkeit zur unterstützenden und parteilichen Dienstleistung. In einer traditionell autoritären und gegenwärtig hochkapitalistischen Gesellschaft wie der deutschen können die Medien, insbesondere wenn sie weitgehend dem Springer-Imperium angehören, gar nicht anders als eine Profession diskreditieren, die die "aufstiegsunwillige Unterschicht"4 und andere Randgruppen zu ihrem Gegenstand macht.


Gewerkschaftliche Organisierung von SozialarbeiterInnen

Angesichts dieser beklagenswerten Mißstände in der deutschen Sozialarbeit stellt sich die berechtigte Frage, warum so wenig SozialarbeiterInnen in Deutschland gewerkschaftlich organisiert sind. Es gibt wohl kaum einen Beruf, der so wenig in den Berufsverbänden vertreten ist wie die Soziale Arbeit. Und die wenigen SozialarbeiterInnen, die gewerkschaftlich organisiert sind, verteilen sich auf diverse Verbände wie den DBSH (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit), die DSG (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit), die IFSW (International Federation of Social Workers), die DgfE (Sektion Sozialpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften) und auf ver.di (Zusammenschluß der 5 Einzelgewerkschaften DAG, DPG, HBV, IG Medien und ÖTV). Dem DBSH, dem einzigen Fach- und Berufsverband für SozialarbeiterInnen, HeilpädagogInnen, und ErzieherInnen, gehören bundesweit nur 6.300 SozialarbeiterInnen an. Dieses mangelnde  Engagement für die eigene Profession mag auf das negative Selbstbild der SozialarbeiterInnen zurückzuführen sein, die das in den Medien gezeichnete negative Fremdbild ihrer Profession übernommen haben, oder auf den Zwang, den der gesellschaftliche Anspruch, soziale Probleme zu lösen, für die Soziale Arbeit darstellt, oder auch auf die relativ kurze Tradition der sozialarbeiterischen Berufsverbände. Vor 1933 waren die damaligen FürsorgerInnen kaum gewerkschaftlich organisiert, und nach 1933 wurde die berufspolitische und gewerkschaftliche Arbeit eingestellt. Erst ab 1945 wurden im Sozialen Sektor  Berufsverbände wie der FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) in der ehemaligen DDR sowie der DBS (Deutscher Berufsverband für Sozialarbeit) und der BSH (Berufsverband für Sozialarbeit und Heilpädagogik) in der BRD gegründet. Nach der Wende löste sich der FDGB auf und schloß sich dem DBS an. Am 24.7.1993 erfolgte in Frankfurt am Main deren Zusammenschluß zum heutigen DBSH, dem Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit und Heilpädagogik e. V. Davon abgesehen, gibt es noch die Möglichkeit, sich bei der Gewerkschaftslinken JOUR FIXE zu organisieren. Es bleibt nur zu hoffen, daß die SozialarbeiterInnen irgendwann zu der Erkenntnis gelangen werden, daß ihre gewerkschaftliche Organisierung ihnen selbst zum Vorteil gereichen würde.

*Name der Redaktion bekannt


Anmerkungen:

1 Vgl. Bundesagentur für Arbeit: "Arbeitsmarkt Kompakt. Informationen für ArbeitgeberInnen". 2006
2 Vgl. Kate Brown / Gerd Gehrmann: "Soziale Arbeit in England. Eine Einführung". 1998
3 Vgl. Ewald Schürmann: "Öffentlichkeitsarbeit für Soziale Organisationen". 2004, S. 209
4 Zitat des Ministerpräsidenten und Landesvorsitzenden der SPD in Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, in der Frankfurter Rundschau vom 11.10.2006

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz