Arbeitsverhältnisse und Gesundheitszerstörung - Forschung

01.06.11
SozialesSoziales, Wirtschaft, TopNews 

 

von Reinhold Schramm

(Ein modifizierter Quellenauszug.)
Nach 1970 zeigt sich eine Tendenz der Arbeitenden, sich einem gnadenlosen gesundheitlichen Verschleiß zu unterwerfen. Wirksam sind hier (auch) säkularisierende religiöse Vorstellungen eines „Arbeitsethos“. Unabdingbare Voraussetzung eines Widerstands ist es, mit diesen Vorstellungen zu brechen.

Es verallgemeinern sich gegenwärtig Prozesse des massiven psychischen Verschleißes. Zugleich nehmen physisch-somatische Belastungen und Erkrankungen zu. Gesundheit und Ökonomie stehen sich diametral gegenüber.

Der globale Kapitalismus gründet sich auf einer massenhaften Ausbeutung und gesundheitlichen Zerstörung der Arbeiterinnen und Arbeiter.

In der emanzipatorischen Perspektive geht es um eine weltweite Befreiung aus körperlicher und geistiger Not und einer Entfaltung des Menschen.

Massiv schädigende Arbeitsprozesse sind weitgehend in prekäre Bereiche ausgelagert worden. Arbeitende und Arbeitssuchende werden nach ihrer „Beschäftigungsfähigkeit“ taxiert. Die Zunahme psychischer und psychosomatischer Erkrankungen ist ein Indikator der „schönen neuen Arbeitswelt“. Jede dritte bis zweite psychische Erkrankung hat ihre Ursache in der Arbeitswelt, wobei die Angst vor Arbeitslosigkeit beziehungsweise die eingetretene Arbeitslosigkeit einen bedeutenden Anteil an dieser Entwicklung hat.

„Die systematische Überlastung ist kein Fehler im System, sondern hat selbst System“. (31)

Das (post-)moderne Management legt bewusst unerreichbare Ziele fest, um Abteilung gegen Abteilung, Team gegen Team, Mitarbeiter/in gegen Mitarbeiter/in zu drängen, aus denen „Sieger“ und „Verlierer“ - in der abhängigen Arbeit - hervorgehen. - Auf der Strecke bleiben immer mehr körperlich und psychisch („seelisch“) zerrüttete Menschen.

Die Personal-Anwerbe-Politik der IT-Unternehmen zeigt: Gesucht werden junge Fachkräfte aus so genannten „Schwellenländern“, die bereit sind, sich den Anforderungen zu beugen und sich nicht zu wehren.

Arbeitende sehen sich genötigt, nicht nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen, sondern ihre Gesamtperson im Sinne einer Nachhaltigkeit ihrer Ausbeutung. Das „Aufgehen“ in der Arbeitsrolle ist Ausdruck einer „Entfremdung“ zu sich selbst und zum Anderen.

In der Distanzlosigkeit zur Kapitalbewegung reproduziert sich die Gleichgültigkeit, sie wird zur Gleichgültigkeit gegenüber Mensch und Natur.

„Selbstverwirklichungsverständnisse“ in der abhängigen Arbeit entpuppen sich als Illusion oder  münden in chronischer Krankheit.

Die Management-Philosophie spricht von „Freiheit“, „Autonomie“, „Selbständigkeit“ und „Selbstverantwortung“; nicht selten von „Kreativität“ oder „Selbstverwirklichung“. Zugleich gibt das reale Management harte Kriterien vor, an denen sich die Produktivität und Rentabilität - Wertschöpfung, Gewinn und Profit - der (personenbezogenen) Arbeit misst. - In Wahrheit fürchtet sich das Management vor jeden neuen Gedanken der Autonomie der Arbeitenden und bevorzugt die geistige oder formale Konformität. -

„Man verlangt von den Mitarbeitern Initiative und Verantwortung, aber je selbständiger sie werden, desto bedrohlicher wirken sie auf ihre Vorgesetzten, die befürchten müssen, ihre Macht zu verlieren.“ (45)

Gefordert ist die inhaltliche, zeitliche und örtliche Flexibilität. Erfahrungswissen wird zunehmend entwertet. Persönliche Nischen im Arbeitsalltag werden wegrationalisiert. Möglichkeiten für eine nicht zweckgebundene Kommunikation werden beseitigt.

Die oftmals mit Universitätsabschlüssen versehenen Verfechter des „Totalkapitalismus im Subjekt“ ignorieren bewusst alle Erkenntnisse zur Gemeinschaftlichkeit. Ihre Arbeitsideologie befürwortet die totale Mobilisierung, die einen Verweis auf die Arbeitsideologie des Faschismus nahe legt.

“Nur im kurzen Winter der Anarchie 1919 und in einigen Situationen nach der Befreiung vom Faschismus leuchteten bei Arbeitern Momente der Verantwortung für das Ganze der Produktion auf, einschließlich der Organisation der Arbeitssicherheit und der übrigen Arbeitsbedingungen. Doch die jeweilige Wiederherstellung der Besitzverhältnisse reduzierte die proletarische Verantwortungslogik auf die unmittelbaren Reproduktionsinteressen.“

Die (neuen) Gruppenkonzepte der Arbeit: Die „Langsamen“ werden als „Ballast“ isoliert, ausgegrenzt und ausgestoßen. - Es entwickeln sich Angst, Selbstzweifel, Scham und Schuldgefühle. Die Beschäftigten gehen auch krank zur Arbeit. Leistungsminderung und depressive Episoden bleiben nicht aus. Der in der Gruppe aufgebaute Druck steigert die Selbstselektion. Die Stigmatisierten gehen direkt oder über längere Krankheit in die Arbeitslosigkeit.

Die Wirtschaftsführer wünschen sich Menschen, die ihr eigenes Arbeitshandeln nur noch unternehmerisch sehen und beurteilen. Soziale Interessenkonflikte gibt es in dieser Weltanschauung nicht mehr. - Die Konflikte werden verdrängt und kehren als psychosomatische Symptome wieder. - Die Isolierung und Aussonderung derer, die sich nicht dem Anpassungsdiktat unterwerfen wollen oder können, ist gewollt.

Globalisierung, Renditeerwartungen, Vermarktlichung der betrieblichen und außerbetrieblichen Sozialbeziehungen, Erhöhung des Gruppendrucks, vermehrte psychische („seelische“) Gewalt am Arbeitsplatz (Mobbing) sind gleichsam miteinander verkettet.

Strukturelle Ungerechtigkeiten verwandeln sich zu zwischenmenschlichen Ungerechtigkeiten. - Die Sozialpathologien reichen von der aggressiven Gruppenideologie bis zur Verbissenheit, Verbitterung oder ständiger Angst.

In den letzten Jahren hat sich eine zumeist jüngere Führungselite etabliert. Diese Führungselite rekrutiert sich fast ausschließlich aus ökonomisch hoch privilegierten Schichten, das heißt aus sich selbst. Es ist ein bestimmter Menschentypus, der mit gut vernehmbaren Dienstanweisungen  auffällt. -  Jede/r der solche „Dienstbesprechungen“ mitbekommt, muss feststellen, dass hier ganz erhebliche Defizite an emotionaler Intelligenz vorliegen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für sie nur Elemente in einem ökonomisch definierten System. Es gibt ein „Unternehmens-Über-Ich“, das sich von der Lebenswelt abkoppelt und seine Gefühle hinsichtlich der Arbeitenden in seinen „ökonomischen Regionen“ abspaltet.

Unter diesen Arbeits- und Lebensbedingungen verstärken sich Bestrebungen, universalistische Konzepte und allgemeine Regeln über Bord zu werfen, welche die Schwächeren der Gesellschaft zu schützen in der Lage waren oder zumindest tun sollten. - Diese ideologische Strömung erleichtert es dem Unternehmertum, die Forderung zu erheben, sich von allgemein gültigen Regulierungen zu verabschieden und dies auch durchzusetzen.

Unter dem Motto „Deregulierung“ und „Reform“ (- gemeint ist Sozialabbau) argumentieren Wirtschaftsverbände und Lobby-Politbürokratie, es obläge „den einzelnen Arbeitgebern und einzelnen Arbeitnehmern“, sich als „Wirtschaftsbürger“ darüber zu einigen, was das richtige Maß der Belastung sei. [Das Kapital und seine bürgerliche Ideologie: „Sozialpartner“ - „harmonische Gesellschaft“ - „Soziale Marktwirtschaft“ - „liberale Gesellschaft“ - ‘wir sitzen alle in einem Boot’ usw. usf.] -

“Hier kommt ein hochgradiger Zynismus zum Ausdruck, insofern Menschen, die in extremen Abhängigkeitsverhältnissen stecken und die zumeist über keinerlei Ressourcen und Machtmittel zur Durchsetzung ihrer Lebens- und Gesundheitsinteressen verfügen, „Eigenverantwortung“ für ihre Situation zugeschrieben wird. In Wirklichkeit ist dies eine Schuldzuschreibung an das Individuum, das heißt eine Individualisierung gesellschaftlicher sozialer und betrieblicher Risiken, für die die tatsächlich Verantwortlichen keine Verantwortung übernehmen wollen.“<

Die psychosoziale und psychomentale Situation in der neuen Arbeitswelt: „Eine habituelle Mobilität, die Fähigkeit, mit den heftigsten Veränderungen Schritt zu halten, ein bereitwilliges Anpassen an Vorgaben, Geschmeidigkeit, wenn es darum geht, neue Regeln zu akzeptieren, die Begabung zu gleichermaßen banaler wie allseitiger sprachlicher Kommunikation, schließlich die Fertigkeit, sich angesichts begrenzter Alternativen durchzulavieren.“ (Verhaltensmuster: „Opportunismus“, „Zynismus“ und „Gerede“ etc.) (92)  

Die historische Alternative einer an sozialer Verantwortung orientierten Sozialität kann sich erst dann herstellen, wenn sich Menschen aus den Fesseln des kapitalistischen Fetischs und der kapitalistischen Religion lösen. (Vgl.)

(Ein modifizierter Textauszug. Bitte stets den gesamten Quellentext lesen. R.S.)

Quelle vgl.: Arbeitsverhältnisse und Gesundheitszerstörung der Arbeitenden. Eine Forschungsskizze am Beispiel der Entwicklung in Deutschland seit 1970.
Von Wolfgang Hien. In: Sozial.Geschichte Online, Heft 5 / 2011. Universität Duisburg-Essen. 
http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-26912/05_Hien_Arbeit.pdf

Abweichungen von Reinhold Schramm







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