Täter oder Opfer? Frauen in der Forensik

01.02.14
SozialesSoziales, Kultur, TopNews, Bayern, Feminismus 

 

von Beate Jenkner

Seit der Debatte um Gustl Mollath ist eine Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung festzustellen.

Bisher wurde Maßregelvollzug und Forensik in der Hauptsache assoziiert mit Triebverbrechern und Kinderschändern. Die langen Unterbringungszeiten und Zwangsmaßnahmen wurden daher kaum in Frage gestellt.

Dass diese Denkweise durchbrochen wurde, ist Gustl Mollaths großer Verdienst.

Was in der Diskussion meist nur am Rande Erwähnung findet, ist die Situation der Frauen in der Forensik. Besonders das Schicksal der Frauen, die schwer  traumatisiert sind. Die Lebensgeschichte dieser Frauen ist geprägt von körperlicher Gewalt, Mißhandlungen und/oder sexuellem Mißbrauch, oft von Kindheit an.  Aber nicht die Täter sitzen hinter Gittern, sondern deren Opfer.

Sie sind an den Folgen der Mißhandlungen zerbrochen.

Einige haben versucht, sich mit Drogen oder Alkohol zu betäuben, oder griffen zu Tabletten. Manche haben sich in eine Parallelwelt geflüchtet. Aggressivität, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen, Selbstmordversuche.

Viele leiden an Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, erhöhte Reizbarkeit oder mangelnde Affektintoleranz. Die Folgen sind vielfältig.

Opfer körperlicher und sexueller Gewalt benötigen eine gezielte, intensive Trauma- und Verhaltenstherapie um ihre schmerzhaften Verhaltens- und Denkmuster zu verändern. Um einen Weg zurück ins Leben zu finden.

Sie befinden sich aber nicht in einer Traumatherapie, sondern im Maßregelvollzug. Verurteilt, weil sie erst auffällig und dann straffällig wurden.

Der Schwerpunkt liegt auf der Deliktaufarbeitung. Sie müssen sich schuldig bekennen, denn sie haben ja gegen ein Gesetz verstoßen.

Für Mißbrauchsopfer ist dieser Ansatz fatal. Denn Opfer von Gewalt und sexuellem Mißbrauch suchen die Schuld oft bei sich. Sie fragen sich, ob sie es provoziert haben oder ob sie Mitschuld tragen. Sie suchen nach Gründen, warum ihnen Gewalt angetan wurde. Ob sie ihr Leid verdient haben, weil sie böse oder schlecht sind.

Hier in der Forensik sind sie Täterinnen. Sie müssen sich anpassen, sie dürfen nicht aggressiv sein, sie dürfen keine Gefühlsausbrüche zulassen. Krankheitseinsicht und Compliance wird erwartet. Das Gefühl der Schuld und der Hilflosigkeit wird ihnen nicht genommen.

Die Verletzungen der Seele, die zur Straftat führten, behandelt niemand.

Niemand gibt ihnen das Gefühl, etwas wert zu sein.

Niemand vermittelt ihnen, dass ihre Wünsche und Vorstellungen Bedeutung haben. Niemand gibt ihnen ihre Würde zurück.

Ist eine Patientin aggressiv, nicht auslenkbar oder verweigert Therapien, steht der Klinik eine Reihe von Maßnahmen zur Verfügung. Dazu gehören Ausgangssperre, Zimmereinschlüsse, Effektensperre, im schlimmsten Fall Fixierungen.

Ob und wie viele der traumatisierten Frauen solche Maßnahmen erdulden müssen, ist nicht bekannt.

Was solche Maßnahmen in der Psyche eines Opfers anrichten, mag man sich kaum vorstellen.

Eine Patientin drückte es einmal so aus: Warum muss ich mein Leben lang leiden? Was habe ich verbrochen, dass ich nicht glücklich sein darf? Habe ich denn kein Recht auf Glück?

Welche Antwort will man ihr geben?

Beate Jenkner
Bezirksrätin Oberbayern

 


VON: BEATE JENKNER






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