Neue Kurzstudie: Amazonas vor dem Kipp-Punkt

16.11.22
UmweltUmwelt, Internationales, Ökologiedebatte, TopNews 

 

Von WWF

WWF warnt vor katastrophalen Folgen für Menschen und Planeten

Der WWF hat in der neuen Studie „Risking the Amazon“ alarmierende Erkenntnisse zum Zustand des Amazonas Regenwalds veröffentlicht, wonach der Wald durch Klimawandel, Waldverlust und Zustandsverschlechterung inzwischen sehr kurz vor Erreichen des Kipp-Punktes steht. In der Folge würde der Waldzustand sich drastisch weiter verändern und zunehmende Dürren und Brände seine Erholung verhindern – bis hin zu einem möglichen großflächigen Absterben bis zum Jahr 2030. Die Folgen wären für Mensch und Umwelt weltweit dramatisch: Bei Erreichen des Amazonas-Kipp-Punkts wäre das Ziel des Pariser Klimaabkommens von einem 1,5-Grad-Limit globaler Erwärmung außer Reichweite.
 
„Diese Studie ist ein schrillendes Alarmsignal für die Menschheit, denn sie zeigt, dass die doppelte Bedrohung durch Klimawandel und Abholzung den größten Regenwald der Welt in an den Rand des Abgrunds treibt. Der Amazonas ist von entscheidender Bedeutung für die Biodiversität, da zehn Prozent der weltweit vorkommenden Arten dort beheimatet sind. Aber er ist auch die grüne Lunge unserer Erde“, sagt Roberto Maldonado, Brasilien-Experte des WWF Deutschland.
 
Veröffentlicht am Tag der biologischen Vielfalt auf der UN-Klimakonferenz in Sharm-El-Sheikh, zeigt die Studie, dass mehr als ein Drittel (34 Prozent) der Fläche des Amazonas-Bioms bereits mindestens einen der drei theoretischen Kipp-Punkte erreicht hat. Die vom Science Panel for the Amazon definierten Kipp-Punkte betreffen Niederschlag, Länge der Trockenzeit und Entwaldung oder Umwandlung von natürlichem Lebensraum. Die davon betroffene Fläche von 2,4 Millionen Quadratkilometer entspricht mehr als der Hälfte der EU. Treiber dieser Entwicklung sind einerseits die fortschreitende Entwaldung als auch die globale Erderwärmung. Laut WWF könnte der größte Regenwald der Welt ohne sofortige Gegenmaßnahmen von Politik und Privatsektor weltweit innerhalb des nächsten Jahrzehnts seine Funktion als wichtiger globaler Klimaregulator verlieren. Aktuell sind bereits erhebliche Veränderungen der Niederschlagsmuster zu beobachten, die sich zunehmend negativ auf Brasiliens Landmassen und die der Region auswirken werden.
 
Die Abholzung im Amazonasgebiet hat von Januar bis Oktober dieses Jahres einen neuen Rekordwert erreicht. Allein in den ersten zehn Novembertagen ist die Zahl der Brände sprunghaft angestiegen. Das lässt schließen, dass manche Menschen die schwache Strafverfolgung vor dem Regierungswechsel nutzen wollten. 
 
Zeitgleich zur Studienveröffentlichung wurde bei der UN eine Menschenrechtsbeschwerde von fünf brasilianischen Nichtregierungsorganisationen eingereicht. Sie richtet sich gegen die scheidende Bolsonaro-Regierung und wirft ihr Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen vor. Der unkontrollierte Anstieg der Abholzung im Amazonasgebiet und im Cerrado verschärfe die Erderhitzung, bedrohe die biologische Vielfalt, gefährde die Gesundheit sowie den Zugang zu Nahrung und Wasser von Menschen in Brasilien und weltweit, so die Beschwerdeführer, zu denen auch der WWF Brasilien zählt. Dadurch könnte die brasilianische Regierung das Recht von jedem Menschen weltweit auf eine sichere, saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt verletzt haben. Eine gesunde Umwelt als Menschenrecht wurde von der UN-Generalversammlung im Juli 2022 erstmalig anerkannt.
 
Besonders die Indigenen und traditionellen Gemeinschaften als Hüter der Wälder sähen sich schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen in einem Klima von Gewalt und Einschüchterung ausgesetzt.
 
Der WWF fordert anlässlich der UN-Klimakonferenz Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt auf, dringend zu handeln und ihre Versprechen zur Erreichung der globalen Klimaziele einzuhalten und sicherzustellen, dass die Abholzung von Wäldern und die Umwandlung natürlicher Lebensräume aus den Produktlieferketten gestrichen werden. 
 
Hintergrund zur WWF Studie:
Dem WWF-Papier "Risking The Amazon" ist eine Karte beigefügt. Sie zeigt die Ausdehnung der Regionen, die bereits mindestens eine der drei theoretischen Kippschwellen erreicht haben, die vom Science Panel for the Amazon ermittelt wurden. Diese sind:
1. Gebiete mit weniger als 1500 mm Jahresniederschlag
2. Eine Trockenzeit von mehr als 7 Monaten
3. Kumulierte Abholzung und Umwandlung natürlicher Ökosysteme von mindestens 20 % der ursprünglichen Fläche. 
Die Karte zeigt, dass 34 % der Fläche des Bioms bereits von mindestens einer dieser kritischen Schwellenwerte betroffen sind.  Dies entspricht einer Fläche von 2,4 Millionen Quadratkilometer - etwa halb so groß wie die EU.
100 bis 200 Millionen Tonnen Kohlenstoff sind im Amazonasgebiet gespeichert, was 367-733 GtCO2 (Gigatonnen CO2) entspricht. Der IPCC schätzt, dass die Welt nur noch 360 bis 510 GtCO2 emittieren kann, wenn wir das Ziel einer durchschnittlichen globalen Erwärmung von 1,5 °C einhalten wollen. Das bedeutet, dass der Verlust des Amazonaswaldes das gesamte verbleibende Kohlenstoffbudget von 1,5?C aufbrauchen könnte.??Mindestens 13 % (und bis zu 17 %) des Amazonasgebiets sind in den letzten 50 Jahren verloren gegangen, und wir verlieren weiterhin etwa alle drei Jahre etwa 1 % der Fläche des Bioms. Wir nähern uns schnell dem unteren Ende der geschätzten kritischen Schwellenwerte für die Entwaldung, um den Kipppunkt auszulösen (20 %). Landnutzungsänderungen, landwirtschaftliche Produktion, Bergbau, Infrastrukturbau und illegale Landnahme tragen zur Walddegradierung und zum Waldverlust in der Region bei.

Hintergrund zur UN-Menschenrechtsbeschwerde:
Der WWF Brasilien hat gestern, Dienstag 15. November, als Teil einer NGO-Koalition Beschwerde bei fünf UN-Sonderberichterstattern in Genf gegen die Bolsonaro-Regierung wegen Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen eingereicht. Die Vielzahl der UN-Sonderberichterstatter, an die das Dokument adressiert ist, spiegeln den Umfang der Beschwerde wider: In ihre Verantwortung fallen Menschenrechte und Umwelt, die Rechte indigener Völker, das Recht auf Nahrung, sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen sowie Klimawandel. Die UN-Sonderberichterstatter können die brasilianische Regierung nicht zum Handeln zwingen, aber sie ihr dies empfehlen. Die Beschwerde wurde von WWF Brasilien gemeinsam mit Articulation of Indigenous Peoples of Brazil (APIB), Conectas Human Rights, dem Instituto Socioambiental (ISA) und dem Climate Observatory eingereicht.







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