Kein Genmais in Buggingen: Erfolgreiche Ackerbesetzung vor 25 Jahren

04.05.20
UmweltUmwelt, Bewegungen, Baden-Württemberg, TopNews 

 

Ein Rückblick von Axel Mayer, mitwelt.org

Vor 25 Jahren, am 1. Juni 1995 begann die erste von zwei erfolgreichen Ackerbesetzungen gegen die geplanten Freilandversuche für gentechnisch veränderten Mais im südbadischen Buggingen bei Freiburg.

Der gentechnische Freilandversuch der holländischen Firma van der Have in Buggingen wurde von 1995 bis 1997 durch vielfältige Aktionen von UmweltschützerInnen, von Bürgerinitiativen und BUND verhindert. Über zwei lange Sommer hinweg gab es auf dem Genacker monatelange Feldbesetzungen, stark mitgetragen auch von der örtlichen Bevölkerung. Der Genmais konnte nicht ausgesät werden. Er war mittels hochproblematischer Antibiotika-Resistenzgenen hergestellt worden. Ein Gen aus einem Bodenbakterium war eingebaut worden, um den Mais gegen den Einsatz von Totalherbiziden resistent zu machen.

Der Bugginger Erfolg bestärkte die europäische Umweltbewegung im Konflikt mit den Gen-Multis.

Es war einer dieser Konflikte, in die vernünftige Menschen angesichts der ungeheuren Macht der Konzerne, ziemlich verzweifelt hinein gehen. Wer hätte damals, vor genau 25 Jahren, einen nahezu europaweiten Gentechnik-Rückzug von van der Have, Syngenta, Bayer/Monsanto und BASF für möglich gehalten? Wer hätte gedacht, dass es heute nicht nur am Oberrhein, sondern in ganz Europa so viele Bündnisse gegen Gentechnik in der Landwirtschaft geben würde?

Unsere damaligen Sorgen und Befürchtungen haben sich in vielerlei Hinsicht bestätigt:

  • Die Anwendung von Gentechnik und Totalherbiziden in der außereuropäischen Landwirtschaft verstärkt die globale Tendenz zur großen, globalen, artenvernichtenden Agrarfabrik, die keine Bauern mehr braucht, sondern landwirtschaftliche Angestellte von global agierenden Agrar-Konzernen
  • Zunehmende, massive Gesundheitsgefahren durch Antibiotikaresistenzen zeigen wie berechtigt die Sorgen vor den damals zum Einsatz geplanten Marker-Genen waren. Das für Fragen der Gentechnik zuständige Expertengremium der EFSA hat zwischenzeitlich empfohlen, keine neuen transgenen Pflanzen mehr zuzulassen, wenn sie Resistenz-Gene gegen medizinisch wichtige Antibiotika enthalten
  • 1998 gab es ein EU-Moratorium für den Anbau von genveränderten Pflanzen. In der Praxis betraf das den damals bereits zugelassenen GVO-Mais MON 810. Das Moratorium wurde wissenschaftlich damit begründet, dass die Auskreuzung von Fremdgenen über Pollenflug bekannt geworden war, die die Betreiber in Buggingen noch bestritten hatten.
  • Das Auftreten von Schädlingen, die gegen die Bt-Proteine gentechnisch veränderter Nutzpflanzen resistent sind, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Nicht weniger, (wie 1995 von der Genlobby behauptet) sondern mehr Pestizide werden in der globalen "Gentechnik-Landwirtschaft" eingesetzt. Es zeigt sich, dass die damaligen, vorgeschobenen, scheinökologischen Argumente der Genkonzerne Lug und Trug waren.


Manchmal ist die Geschichte auch "ein wenig gemein" zu Umweltaktiven...
1995 waren fast alle Bio-Landwirte und ein kleiner Teil der konventionellen Bauern auf Seiten der Umwelt-Aktiven und Ackerbesetzer. Heute finden fast alle Landwirte die damalige Aktionen gut. Durch die Ackerbesetzungen konnte die Auskreuzung von Genmaispollen auf die umliegenden Felder verhindert werden. Der Mais am Oberrhein ist immer noch gentechnikfrei. Der Mais und das Maissaatgut vom Oberrhein kann auf den Weltmärkten teurer verkauft werden. Großabnehmer von Mais, z.Bsp. Tereos Syral (früher Jungbunzlauer in Marckolsheim), die ihren Mais bisher aus den USA bezogen, nehmen jetzt für die Nahrungsmittelproduktion auch gentechnikfreien Mais vom Oberrhein. So haben die Besetzungen, als ungeplanten Nebeneffekt, durchaus auch den konventionellen Maisanbau am Oberrhein gefördert.

Der Rückzug von van der Have und die damit verbundene Niederlage von Syngenta, Bayer/Monsanto und BASF

im kleinen südbadischen Buggingen war ein wichtiger Teilerfolg der europäischen Umweltbewegung. Der, ein viertel Jahrhundert später, fast vergessene Bugginger Protest und die zweisommerlichen Ackerbesetzungen brauchen den Vergleich mit den erfolgreichen AKW-Protesten in Wyhl, Kaiseraugst und Gerstheim nicht zu scheuen.

Angesichts der Konzernmacht waren die Ackerbesetzungen 1995 und 1997 für viele Menschen ein Akt der Verzweiflung und der Versuch, das Unmögliche zu versuchen. Wir haben einen für unmöglich geglaubten Teilerfolg erreicht, auch wenn die Macht von Syngenta, Bayer/Monsanto und BASF natürlich noch lange nicht gebrochen ist. Heute werben die noch mächtiger gewordenen Konzerne für "neue Züchtungsmethoden" wie CRISPR Cas, die natürlich auch Genmanipulation sind. Es werden mit denselben Versprechungen Stimmung gemacht wird wie 1995 für die "alte" Gentechnik. Für das immer noch bestehende Problem, dass sich eine zukünftige Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen ausreichend, gerecht und gesund sowie selbstbestimmt ernähren kann, muss nach wie vor um Lösungen gerungen werden. Buggingen war ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem langen Weg zur Ernährungssouveränität.

Welthunger und gleichzeitig explodierende globale Über- und Fehlernährung zeigen Fehlentwicklungen und Verteilungsprobleme. Das weltweite, sich beschleunigende Artensterben und Bauernsterben, die Überdüngung der Gewässer, Flüsse und Meere, die absehbare Endlichkeit von Phosphat, die massiven Kollateralschäden der Gentechnik in der Landwirtschaft in den Ländern des Südens und die gesundheitlich langfristig verheerenden Auswirkungen von Antibiotika in der Massentierhaltung zeigen, dass die "große, globale Agrarfabrik", die der agro-industrielle Komplex gerade durchsetzt, nicht die Lösung für die Zukunft ist.

Axel Mayer, Mitwelt-Stiftung-Oberrhein und zufriedener "Alt-Ackerbesetzer"

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