Tauziehen um die Quote

20.10.20
UmweltUmwelt, Wirtschaft, Internationales, TopNews 

 

Von WWF

Fangmengen für die Ostsee festgelegt / WWF: Alarmsignale wurden erkannt, retten die Ostsee aber nicht allein

Spät in der Nacht einigten sich die EU-Fischereiministerinnen und -minister auf die Fangmengen für die Ostseefischerei im Jahr 2021. Sowohl für den westlichen Hering als auch für den östlichen Dorsch hatten Wissenschaftler des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) zuvor einen Fangstopp empfohlen. Trotzdem beschlossen die Minister beim westlichen Hering eine Quote von 1575 Tonnen. Die direkte Fischerei auf den östlichen Dorsch wurde zwar geschlossen, eine Beifangquote von 595 Tonnen vermindert allerdings die schonende Wirkung.

Stella Nemecky, Fischereiexpertin beim WWF, kommentiert: „Das Ziel von Ministerin Klöckner für diese Fangquotenvergabe war es laut ihrer Aussage, eine gute Balance zu schaffen zwischen der Erholung der Fischbestände und der Einkommenssicherung für die Fischerei, mit der Wissenschaft als Grundlage für die Fangmengen. Diese Balance wurde aus Sicht des WWF überraschenderweise in weiten Teilen erreicht. Die Ergebnisse sind insgesamt zwar schlechter als die Kommissionsvorschläge und auch hier wurden wieder die wissenschaftlichen Fangempfehlungen nicht zu 100 Prozent umgesetzt, aber es hätte durchaus schlimmer kommen können. Es hat den Anschein, als hätten die Ministerinnen und Minister den Ernst der Lage erkannt.“

Zum dritten Mal in Folge wurde allerdings die ICES-Empfehlung für einen Fangstopp für den westlichen Hering ausgeschlagen. Der Bestand ist mittlerweile so klein, dass er sich verdoppeln müsste, um rein rechnerisch eine Überlebenschance zu haben. Dafür wäre nicht nur ein Fangstopp in der Ostsee, sondern auch eine zeitliche Schließung der Fischerei in der Nordsee nötig, wo er mitgefangen wird. Stattdessen haben die Ministerinnen und Minister eine Fangmenge von 1575 Tonnen beschlossen.

Für den Hering der zentralen Ostsee empfahlen die Wissenschaftler und die EU-Kommission eine Senkung der Fangmenge um rund 56.000 Tonnen (- 36 Prozent), da auch sein Bestand in den vergangenen 6 Jahren immer kleiner geworden ist und inzwischen unterhalb gesunder Grenzen liegt. Der Ministerrat folgte diesem Vorschlag. Beim westlichen Dorsch schlug die Kommission im Einklang mit der ICES-Empfehlung 3395 Tonnen als Fangmenge vor. Der Bundesregierung und den Fischereiministerinnen- und ministern schien das zu wenig gewesen zu sein. Sie verständigten sich darauf, den Bestand mit 4.000 Tonnen zu befischen. „Die wissenschaftliche Empfehlung für den westlichen Dorsch wurde eingehalten. Trotzdem wäre aus Sicht des WWF hier mehr Vorsorge nötig gewesen, da der Nachwuchs in 2020 auszufallen scheint. Seit 2016 füllt nur ein guter Nachwuchsjahrgang die Netze Noch bevor sich der Bestand mit seiner Hilfe erholen konnte, wird er abgefischt“, so Nemecky. Forscher des GEOMAR in Kiel schlugen kurz vor der Entscheidung Alarm und forderten ein vorläufiges Ende des Fangs von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee, da auf Basis ihrer Erkenntnisse alles darauf hindeutet, dass in diesem Jahr keine neue Generation herangewachsen ist.

Das Ende dieses Jahres besiegelt das Scheitern der EU, die Überfischung in europäischen Gewässern bis 2020 zu beenden. Das war festgeschriebenes Ziel der gemeinsamen Fischereipolitik, genauso wie das der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, der die Mitgliedsstaaten rechtlich verpflichtet sind. „Die EU hat in Punkto Nachhaltigkeit in der Ostsee auf nahezu ganzer Linie versagt. Die heutigen Ergebnisse lassen auf ein Umdenken hoffen, werden aber die Ostsee nicht retten können. Dafür sind noch mehr Anstrengungen nötig“, sagt Nemecky.

Anfang Oktober wurde auf der „OurBaltic Conference“ der EU-Kommission eine Deklaration zum Schutz der Ostsee unterzeichnet. Diese enthält neben dem Versprechen, die Fangmengen in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Empfehlungen des ICES festzusetzen, auch Ziele zur Reduktion der Grundschleppnetzfischerei und des Düngemitteleintrags aus der Landwirtschaft. Außerdem sollen die jetzigen „Paper Parks“ in effektive Meeresschutzgebiete verwandelt werden. Deutschland unterschrieb das Dokument allerdings nicht. „Auch die Bundesregierung muss sich diesen essentiellen Zielen verpflichten. Sie muss sich nicht nur für eine ambitioniertere und nachhaltige Agrarpolitik einsetzen, sondern auch Grundschleppnetzfischerei aus den Meeresschutzgebieten verbannen“, fordert Stella Nemecky.

Hintergrund

Die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) der EU verlangt die Erholung und nachhaltige Nutzung der EU-Fischbestände bis spätestens 2020. Darüber hinaus fordert sie die Anwendung eines ökosystembasierten Ansatzes beim Fischereimanagement. Die Mitgliedstaaten sind im Rahmen der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie auch rechtlich an die nachhaltige Nutzung der Fischbestände bis spätestens Ende 2020 gebunden. Jedes Jahr erstellt der ICES wissenschaftliche Gutachten zu den Fangbeschränkungen in den Meeren der EU, die die Europäische Kommission als Grundlage für ihren Vorschlag für die jährlichen Fangquoten verwendet. Der AGRIFISH-Rat der EU diskutiert den Kommissionsvorschlag und entscheidet auf der jährlichen Sitzung des AGRIFISH-Rates über die zulässigen Gesamtfangmengen (total allowable catch - TAC) für die Fischbestände der Ostsee für das darauffolgende Jahr.

 







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