Ölpreis! – Ölblase?

20.01.15
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von Karl - Ludwig Ostermann - Hagen (Westf.)

Otto Normalverbraucher freut sich.
Diesel kostete dieser Tage zum ersten mal seit langem in Schleswig Holstein kurzzeitig unter einem Euro.

Die Förderung, Verarbeitung und Vermarktung von Treibstoffen sind eine Schlüsselindustrie, die Entwicklung des Ölpreises, ein wichtiger gesamtwirtschaftlicher Indikator.

Sucht man in den Nachdenkseiten mit entsprechendem Stichwort nach aktuellen Bei- trägen, stößt man am 12. Januar auf Heiner Flassbecks Beitrag „Öl-Schwaden vernebeln den Verstand“ www.flassbeck-economics.de/oel-schwaden-vernebeln-den-verstand und am 7. Januar auf den Beitrag von Lucas Zeise aus der Jungen Welt „Der Sturz des Ölpreises“ www.jungewelt.de/2014/12-27/033.php

Flassbecks Kernaussage ist, daß die Finanzmärkte jahrelang den Ölpreis verzerrt hätten:

„In der Tat sind, ich habe es im April 2014 schon empirisch gezeigt, die fin- anziellen Akteure an den Rohstoffmärkten systematisch auf dem Rückzug. Das bedeutet, dass das große Ölangebot jetzt voll zum Zuge kommt und die Preise sich normalisieren. Das bedeutet aber auch, und darüber müss- ten jetzt alle schreiben, denen der Markt und die Marktwirtschaft ein Anlie- gen ist, dass wir eine jahrelange Verzerrung eines der wichtigsten Preise auf dieser Welt gesehen haben, eindeutig verursacht von den Finanz- märkten.“

Zeise kontert:

„Wie kann es zu einem solchen Preissturz kommen? Heiner Flassbeck ver- tritt die These, Angebot und Nachfrage seien auf dem Ölmarkt wie auch auf anderen Rohstoffmärkten als Bestimmungsfaktoren für den Preis außer Kraft gesetzt, weil das große Geld sich auch dieser Waren als Spekulati- onsobjekt bemächtigt habe. Das ist sicher eine falsche Position. Das Spiel- geld auf den Warenmärkten verzerrt die Preisbewegungen, sorgt für Über- treibungen und Verzögerungen beim Auf und Ab der Preise – aber es hebt die wesentlichen Bestimmungsfaktoren von Angebot und Nachfrage nicht auf. (…)Wie klassische Ökonomen, also auch Marxisten, wissen, schwanken Warenpreise um die Kosten der zu ihrer Produktion (Förderung) gesellsch- aftlich notwendigen Arbeitszeit. Das entspricht etwa den marginalen Betriebskosten, also den Kosten für denjenigen Produzenten, für den sich der Betrieb seiner Ölquellen gerade noch lohnt. In Saudi-Arabien betragen diese gerade mal zwei bis fünf Dollar. In der Nordsee sind es 50 bis 80 Dollar. (..) Seit in den USA das Fracking in großem Stil betrieben wird, hat sich nicht nur das Angebot auf dem Erdölmarkt dramatisch erhöht. Für die Frackingfirmen ist die Förderung auch relativ teuer. Anders als die Unternehmen, die die Quellen in der Nordsee und andere schwer zu erschließende Lager ausbeuten, können sie aber relativ problemlos ihre Förderung drosseln, einstellen oder wieder hochfahren. Ihre Betriebskosten betragen 35 bis 50 Dollar, liegen also noch etwas unter dem aktuellen Rohölpreis. Der könnte sich auf eben diesem Niveau einpendeln.“

Bei Flassbeck finden wir (in Fortsetzung des oberen Zitats) die Randnotiz:
… „und es verursacht jetzt erneut einen gewaltigen Schaden, weil all die Investitionen, die auf der Erwartung eines dauerhaft hohen Ölpreises aufgebaut waren, quasi über Nacht massiv an Wert verlieren…“

Dieser Fragestellung will ich mich in diesem Beitrag widmen. Sie kommt in beiden Artikeln zu kurz.

Lediglich in der Anmerkung von Orlando Pascheit klingt sie an:

„Allerdings ist bereits jetzt zu beobachten, dass die Zahl der aktiven Öl- und Gasförderanlagen in den USA nach einem rasanten Wachstum zurück geht. Waren Mitte November noch 157 mehr im Betrieb als zum selben Zeitpunkt im vorigen Jahr, so stellten innerhalb eines Monats bis Mitte Dezember 50 Anlagen ihre Aktivitäten ein. Neue Projekte werden kaum mehr realisiert. Es wird interessant sein, ab wann der zunehmende Rückgang der Fördermenge eine Auswirkung auf dem Knappheitspreis haben wird. – Generell würde sich ein länger anhaltender niedriger Ölpreis verheerend auswirken. Die Volkswirtschaften Venezuelas und anderer Förderländer sind vom Bankrott bedroht. Auch in Russland wirken sich nicht nur die sinkenden Einnahmen, sondern auch der weiter absinkende Rubel negativ aus. (Eigentlich müssten wir allein schon deswegen die Sanktionen stoppen). Aber auch die Knappheit der Ressource Öl wird verschleiert. Der Umbau weg vom Öl wird gestoppt. Der Beitrag des Ölverbrauchs zur Klimaveränderung steigt wieder. (Tröstlich allein, dass sich Tiefseebohrungen oder Ölsandprojekte zurzeit nicht rentieren.)“

Sowohl Lucas Zeise als auch Orlando Pascheit übersehen, daß bei der Herausnahme von Förderanlagen in den USA aus dem Markt ein anderes, möglicherweise bedeutenderes Problem entsteht: Wenn diese Förderanlagen kreditfinanziert errichtet wurden, fällt bei Drosselung die Einnahmequelle aus, die den Kredit bedienen soll, mithin kann der Kredit faul werden.

Ist die Kreditierung von Frackinganlagen und Ölsandförderung insgesamt ein Massenphänomen, eine Anlagemöglichkeit für nach Anlage suchendem freien Kapital, kann das zu einer „Blase“ werden und dann kann der massenhafte Ausfall dieser Kredite erneut zum Platzen einer Spekulationsblase führen.

Im Internet findet man wenig Spuren einer Problematisierung dieser Frage. Eine der wenigen jüngeren Artikel findet sich im Manager Magazin vom 17. 12. 2014:
„Investoren warnen vor 550-Milliarden-Dollar-Ölblase“
www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/investoren-warnen-vor-550-milliarden-dollar-blase-wegen-oelpreisverfall-a-1008966.html
„Die ungezügelte Gier nach Öl droht sich bitter zu rächen: Weil der Ölpreis sinkt, geraten US-Förderfirmen in Schieflage, Investoren bangen um Anleihen in dreistelliger Milliardenhöhe. Schuld ist auch die Niedrigzinspolitik der Fed - es werden böse Erinnerungen an die Hypothekenkrise wach. Viele vom Preisverfall gepeinigte US-Ölförderfirmen betteln bei ihren Banken zunehmend um Geld. "Die Frage ist: Wie lange halten die Banken diese Firmen am Leben", sagte Anwalt Francis Bradley. "Die Rettungsleine der Banken ist nicht unendlich lang."“

In der politischen Zeitschrift „Wildcat“ siehe [1] findet sich in der aktuellen Ausgabe 97 eine drastischere Einschätzung. Da der Artikel nicht online gestellt ist, hier wesentliche Auszüge (Wildcat Nr. 97, S. 56 f):
[1] www.wildcat-www.de

„Der Fracking Boom hängt aber am hohen Ölpreis. Von Anfang 2011 bis Mitte 2014 war dieser nie längere Zeit unter 105 US$ gefallen. Seither ist er aber um mehr als 30 % abgestürzt auf unter 70 $ Anfang Dezember. Auf diesem Niveau sind 30 % der Schieferölproduktion in den USA unrentabel. Fracking Firmen mit Zugriff auf die ertragsreichsten Quellen werden ihre Förderung in noch stärkerem Umfang auf diese sweet spots konzentrieren. Firmen mit Übergewicht an unprofitablen Quellen werden ihre Förderung stärker ausweiten müssen, um sich refinanzieren zu können.

Die Finanzprodukte, mit denen die Kredite refinanziert und ausgeweitet werden, sind oft ähnlich komplex wie zu Hochzeiten der Immobilienblase. Ein großerTeil läuft über den Junk-Bond Markt. Vor allem Pensionsfonds haben offensichtlich solche Finanzprodukte gekauft.

Die hochverschuldeten Fracking Firmen sind zur Bedienung ihrer Schulden gezwungen, die Produktion auch dann aufrecht zu erhalten, wenn der Verkaufspreis nicht einmal die Produktionskosten deckt. Dabei steigen die Kosten allein für das Halten der Fördermenge mit dem Altern der Felder schnell an und die zu schnell erschöpften Quellen müssen durch neue Bohrungen ersetzt werden. Mit de m versiegen der sweet spots verschlechtern sich die Erträge jedoch enorm, d.h., die alten müssen in kurzen Zeitanständen durch mehr neue Bohrungen ersetzt werden. Eine Refinanzierung gelingt den Fracking-Firmen in ihrer schlechten Finanzsituation nur, wenn sie zukünftige Profite glaubhaft machen können. Und das können sie nur, wenn es ihnen gelingt, die Fördermenge auszuweiten.

Der Ölpreis sinkt einerseits durch die sinkende globale Nachfrage, andererseits aufgrund des Überangebots. Die OPEC Staaten und andere erdölexportierende Staaten haben einen geringen Spielraum bei der Reduzierung der Ölförderung, weil sie das Einkommen zur Sicherung ihrer eigenen Existenz benötigen. Der US-Frackingboom hat ihre Position dramatisch untergraben; die OPEC steht derzeit noch für ein Drittel der weltweiten Ölproduktion.

Andererseits ist aber eine substantielle Reduzierung der Schieferöl-Fördermenge als Antwort auf den sinkenden Ölpreis auch nicht möglich, denn dann würde die Fracking-Blase platzen. Verlängert werden kann der Fracking-Boom aber nur solange, wie die Verschuldung über den Junk-Bond Markt ausgeweitet werden kann. Dieser hat in den USA ein Volumen von 1,6 Billionen Dollar erreicht und ist damit doppelt so groß wie kurz vor der subprime-Krise und dem Platzen der Immobilienblase. Die Fracking-Energie-Anleihen machen inzwischen fast ein Sechstel dieses Marktes aus.

Bei weiterhin niedrigen oder sogar sinkenden Ölpreisen wird die Fracking-Industrie nicht graduell oder und etwa proportional zur Höhe des Preisverfalls in die Krise rutschen. Reißt die Kette von Refinanzierung und ausgeweiteter Neuverschuldung an einer Stelle, so kippt der ganze Mechanismus. Das große Volumen und die Struktur der Verschuldung machen es unwahrscheinlich, daß diese Blase kontrolliert abgelassen werden könnte. Der Ausfall von Shale-Junk-Titeln besitzt das Potential des Ausfalls der Subprime-Papiere beim Crash 2008 und kann die Finanzmärkte versenken. (…)

In den Fördergebieten wächst außerdem der Widerstand gegen das Fracking. Örtlich werden bereits Frackingverbote durchgesetzt. Der Gewinn für die Kommunen ist offensichtlich so klein, verglichen mit dem Ausmaß der Schäden durch untergrabene Erde, den gesundheitlichen Folgen, der mangelnden Attraktivität der angebotenen Jobs, den nötigen Aufwendungen für kaputt gefahrene Straßeninfrastruktur oder den stark gestiegenen Aufwendungen für die Behandlung unversicherter Arbeiter in den lokalen Krankenhäusern. (…) Das ist die zweite Seite der Zange, die auf die Blase drückt. (…)

Ende November wurden erste Auswirkungen auf das Bankensystem bekannt; Wells Fargo und Barclays gaben einen möglichen Verlust von 850 Millionen Dollar bekannt, die sie zwei Ölgesellschaften zur Überbrückung zur Verfügung gestellt hatten; das Geschäftsmodell sei nicht mehr tragbar.“

Siehe auch:
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/11/28/kredit-ausfaelle-drohen-fallender-oelpreis-wird-zum-problem-fuer-banken/)

Die von Wildcat vertretende These, daß aus Kapitalisierungsgründen in den USA die Förderung tendenziell nicht gedrosselt werden wird und die oben getätigte Aussage (Lucas Zeise, Orlando Pascheit), es seien Förderanlagen aus der Produktion genommen worden, widersprechen sich. Der anhaltende Preisverfall – aktuell mit der Tendenz auf 45 Dollar (!) –
Siehe:
www.handelsblatt.com/finanzen/rohstoffe-devisen/rohstoffe/oelpreis-preisverfall-naehert-sich-45-dollar-marke/11226694.html - deutet darauf hin daß der Autor des Wildcat Artikels richtiger liegt.

Die ganze Fragestellung sollte dringend ins Zentrum ökonomischer Betrachtungen genommen werden.


VON: KARL – LUDWIG OSTERMANN, HAGEN (WESTF.)






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