Ein Versuch den Kladderadatsch im Kreditsystem anders zu sehen


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29.01.09
WirtschaftWirtschaft, Krisendebatte, Debatte, Theorie, TopNews 

 

Was sind die Bedingungen dieser Krise?

Eine meiner Urgroßtanten wurde durch Spekulation ziemlich reich. Aber sie hat weder je eine Börse von innen gesehen, noch mit Aktien oder Geld "gezockt". Spekuliert hat sie mit Herden und Öfen, die sie gekauft, gelagert und zu  Höchstpreisen verkauft hat, während sie neue bereits geordert hatte. Das ging aber nur kurze Zeit gut. Wann? 1918 - damals war das möglich, da hieß das Schwarzmarkt. Frage: Was war die Bedingung, dass es überhaupt einmal funktioniert hat? Ein gesellschaftlicher Bedarf (Ofen), dem kaum ein Angebot entgegenstand. Als es wieder genug Öfen gab, war das Spekulationsgeschäft tot.

Allgemein  wird die derzeitige Finanzkrise mit einer "Spekulationsblase" begründet, bzw. als Ergebnis ruchloser Spekulanten gedeutet. Erklärt das was? Eine "Blase" (bubble) ist ein Börsenausdruck für einen "raschen, starken Anstieg der Preise an den Börsen" (Börsenlexikon). Das als Grund für den Aktienboom anzugeben, ist wie Hunger  mit Esslust zu begründen.
Die Spekulanten für Krisen verantwortlich zu machen, darüber hat bereits Karl Marx gespottet: "Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen von Industrie und Handel durch die Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansahen."1

Was ist Spekulation? Eine "Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen, wobei meistens ein erhöhtes Risiko eingegangen wird." (Börsenlexikon) Danach ist jemand, der vor Jahren einen Handyladen aufgemacht hat ein Spekulant, genauso wie der Immobilienmakler, der Wohnungen im grünen Umland sucht, ... Die gesamte unternehmerische Tätigkeit in Kapitalismus, fußt so auf der Spekulation. Aber gemeint in der heutigen Diskussion ist ja die besonders einträgliche Spekulation, die "Superspekulation".

Grundfrage: Was ist die allgemeine gesellschaftliche Bedingung dieser Art von Spekulation? Was sind die Prämissen, unter denen sie möglich wird? Ganz offensichtlich kann ja nicht immer spekuliert werden, auch nicht an der Börse.

Die Mehrheitsmeinung ist: Die Spekulation uferte so unendlich aus, weil es zu viel Geld gab.
"Zu viel Geld" soll heißen, hohe Gewinne, die aber nicht wieder zur Erweiterung der Produktion angelegt werden (Marxisten nennen das akkumuliert). Den erwirtschafteten Zaster in einen Safe zu packen, wäre sehr dumm - das wäre Schatzbildung und drückt die Profitrate - es bleibt: das Geld in Kredit verwandeln. Z.B. an der Börse, denn alles was da gehandelt wird, so exotisch die einzelnen Papiere erscheinen, es sind alles Formen von Kredit. Nun ist der Kredit im Kapitalismus eine Ware, wie belegte Brötchen, Werkzeugmaschinen, Kunstdünger, oder sonst was. Der Preis des Kredits, der Zins, fällt, wenn es zu viel davon gibt. Das betrifft auch die Börse. Wertpapiere gibt es in aller Regel nur begrenzt, niemand legt sie auf, wenn er/sie den Kredit nicht benötigt. Der Kurs einer Aktie ist damit eine Zahl, deren Höhe etwas über die Kreditwürdigkeit eines Unternehmen aussagt, nicht über die Kapitalgröße des Unternehmens.2 Hat eine Firma "zu viel" Geld erwirtschaftet, das nicht in eine Produktionserweiterung angelegt werden soll/kann, würde zunächst der Kreditdienst erniedrigt. Etwa indem Aktien zurückgekauft werden. Denn Kapitalprofit ist gleich Unternehmergewinn plus Zins3. Der Zins wird verringert wenn der Kreditanteil verringert wird. So entstünde zur allgemeinen Freude des Kapitalisten mehr Unternehmergewinn.
Hätten alle Unternehmen auf dem Markt plötzlich viel überschüssiges Geld, würde die Zahl der Aktien, wie der Kredithandel stark zurückgehen. Während eines deutlich zurückgehenden Kredithandels kann aber logischerweise schwer spekuliert werden.

Somit erscheint mir die These vom "überschüssigen Geld", das die Spekulation erzeugt hätte, nicht stichhaltig. Aber auch die gegenteilige Situation - zu wenig verfügbares Geld - führt nicht zu hoher Spekulation, sondern zu Produktionsstockungen. Das hat die Wirtschaftsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts bewiesen.

Fragen wir Marx. Er stellt den üblichen Zyklus so dar4: Nach dem Ende einer jeden Krise beginnt die Wirtschaft mit einem Überangebot von Kredit und entsprechend niedrigen Zinsen. Erreicht die Konjunktur wieder die vorhergegangene Blüte, nimmt das Kreditangebot ab, aber der Zins bleibt zunächst recht niedrig. Nun beginnt die Spekulation.5 Bricht dann die neue Krise herein, hört der Kredithandel fast auf.

Aber, ist aus dem normalen kapitalistischen Krisenzyklus wirklich der rund 20 Jahre dauernde Börsenboom zu begreifen? Muss  er nicht mehr sein, als eine übliche Überproduktionskrise?

Vielleicht eine kapitalistische Umstrukturierungskrise? Welche Umfeldbedingung wäre für eine solche Hochkonjunktur des Kredithandels nötig? Nun: Hohe, verfügbare Profite bei einem gleichzeitigen gesellschaftlichen Kreditbedarf, der das Angebot dauerhaft deutlich übersteigt. Gibt es so was? Ja, das kann es geben. Denn der Kreditbedarf ist keine Funktion des Finanzmarktes, sondern ergibt sich aus den Bedürfnissen der Produktion. Etwa: Entsteht eine neuartige Technik, die die Produktion revolutionieren könnte, so wären alle Unternehmen wild darauf sie schnell einzuführen. Denn die ersten die sie einführen, können so einen Extraprofit erlösen. Da solche Techniken aber stets große Teile der Produktion verändern, verursachen sie notwendigerweise hohe Investitionen, die nur über Kredite zu finanzieren sind. Wollen nun Alle diese Techniken einsetzen - und sind diese Techniken so universell, dass sie viele oder alle Branchen betreffen - dann ist der Kreditbedarf schnell höher, als das weltweite Angebot. Danach beginnt die große Stunde der Spekulanten, da nicht nur der Kredit schlagartig gefragt ist, sondern auch ein Extraprofit möglich scheint. Dies wäre eine mögliche Erklärung für den Börsenboom der letzten 20 Jahre.

Lässt sich das einigermaßen nachweisen?

Ich will zunächst versuchen, Zweifel zu streuen:

* Als in den 1970ern die Kreditmärkte "in Geld schwammen", wurden sehr großzügig günstige Kredite an Staaten der "dritten Welt" vergeben. Zu damals niedrigen Zinsen. Anfang der 1980er stiegen dann die Zinsen, Kredite wurden teurer und nicht mehr so leicht vergeben. 1982 brach dann die Schuldenkrise der "dritten Welt" offen aus. Es wurde schwierig für "dritte Welt"-Länder neue Kredite zu bekommen. Ausgerechnet jetzt begann die Börse lebhafter zu werden, und zwei, drei Jahre später entwickelte sich das zu einem atemberaubenden Boom, der immer mehr anwuchs und fast 20 Jahre andauerte. Spricht das für die Theorie vom "überschüssigen Geld"?
* Weshalb sollte eine ausgefuchste Werbebranche mit allen Tricks weltweit versuchen den letzten Malocher dazu zu bewegen, seinen Sparstrumpf zur Börse zu tragen, wenn das gesellschaftliche Problem darin bestände, dass es zuviel Kredit gibt?
* Ziel der neuen Papiere - der "Swaps" - ist es, den Kreditrahmen der Banken auszuweiten. Nun wird viel über die Spekulation mit diesen Swaps, und ihre Gefahren, gemosert. Wie gewagt sie immer sein mögen, es gäbe sie nicht, wäre da nicht ein dringendes Bedürfnis der Banken vorhanden gewesen. Banken mit "zu viel Geld" sind heilfroh, wenn sie dieses als Kredit ausleihen können, die brauchen keine Swaps zu erfinden.
* Wie ist das einzuschätzen, das der Direktor des internationalen Wahrungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, meint: "Im Mittelpunkt dieser Krise steht die Tatsache, dass das Finanzsystem insgesamt zu wenig Kapital hat"6? (Wobei er mit Kapital sicher Kredit meint.)

Der Anstieg des weltweiten Finanzvermögens

Häufig wird das Argument vorgebracht, dass sich das private Finanzvermögen zwischen 1980 und 2006 gewaltig vermehrt habe. Nach McKinsey von 10 auf 167 Billionen US-Dollar. Zeigt das nicht, dass es zu viel Geld und Kredit gibt? Nur: ist das wirklich alles reales, mobilisierbares Vermögen?

Wesentliche Ursache dieser Finanzvermögenszunahme ist das rapide Ansteigen der Aktienkurse. Diese Börsenbewegung bedeutet jedoch keinesfalls eine echte Vermögensveränderung, so wenig wie ein Anstieg des Luftdrucks bedeutet, dass es mehr Luft gibt. Wenn z.B. der Kurs der Bayer-Aktie sich von 20 auf 60 erhöht, hat sich damit für die Finanzvermögensberechner dieses Guthaben verdreifacht. Praktisch ist das allerdings reines Buchgeld7. Für den Konzern gilt nur die Summe, die er bei der Aktienausgabe erlöst hat. Diese hat er in Kapital verwandelt. Der Aktienanteil, der weiter im Besitz des Konzerns ist (damit die Stimmenmehrheit vorhanden bleibt), ändert seinen Wert praktisch nicht. Es spielt für den Konzern nur indirekt eine Rolle, wie hoch der Kurs steht. Indirekt, weil ein hoher Aktienkurs eine hohe Kreditwürdigkeit bedeutet. Was wichtig ist. Ähnliches gilt für die institutionellen Anleger. Für die restlichen Aktionäre hat sich ihr Vermögen scheinbar vermehrt, aber wollten sie es wirklich in großer Zahl in Geld verwandeln, würde der Kurs sofort abstürzen. Immer nur wenige können dieses scheinbare Vermögen in Geld realisieren, für alle anderen bleibt es Buchgeld.

Eine weitere Quelle des Finanzvermögenszuwachses ist die Verschuldung der "3. Welt". Denn die seit Anfang der 1980er stark anschwellenden Staatsschulden dieser Länder sind gleichermaßen anwachsendes Finanzvermögen: die roten Zahlen des Einen sind immer der Besitz des/der Anderen. Wenn Länder wie Mauretanien oder Guyana mit dem Doppelten ihres BIP in der Kreide stehen, zeigt das, um welche Summen es geht. Auch wenn diese Rückstände oft nicht mehr einzutreiben sind, bleiben sie doch in der Bilanz Finanzvermögen. Ja, je weniger diese Kredite wirklich sind, um so mehr blähen sie sich auf durch nicht gezahlte Zinsen, Aufschläge oder gar neue Kredite. So wird verständlich, dass auf dem Papier vorhandenes Finanzvermögen nicht unbedingt in nutzbares Geld umzuwandeln ist. Würde die Forderung der politischen Linken nach einer Schuldenstreichung für die ärmsten Länder der "3. Welt" verwirklicht werden, dieser Teil des Finanzvermögens verschwende augenblicklich ins Nichts.

Kommen wir zur Staatsverschuldung der "reichen" Länder: Auch die Schuldenlast der Industrieländer ist in den letzten beiden Jahrzehnten stark angewachsen. Die Verschuldung der BRD stieg von unter 400 Mrd. Euro 1985 auf über 1500 Mrd. Euro heute (23.01.2009). Am höchsten verschuldet von den Industrieländern ist Japan mit 182,8% seines BIP. Die Verschuldung der USA ist relativ (mit 65,6% zum BIP) ähnlich hoch wie der Durchschnitt der Eurozone (65,2% zum BIP), in absoluten Zahlen jedoch enorm: sie hat Ende September 2008 die Zehn-Billionen-Dollar-Marke überschritten. Im Unterschied zu den "3. Welt"-Staaten ist bei den Industrieländern die Schuldenrückzahlung nicht mit einem Fragezeichen zu versehen. Doch für die Kreditgeber dieser gigantischen Summen sind sie meist kein flüssiges Vermögen. Denn die Staatsschulen existieren oft in der Form von Anleihen mit festen Laufzeiten. Erst am Ende dieser Laufzeit wird der Betrag zurückgezahlt. Daran ändert auch ihre Börsennotierung nichts. Nur den Name des Kreditgebers wechselt dann.
All das mindert das "nach Anlage suchende" Finanzvermögen. Zudem: Finanzen, die bereits als Kredit "vergeben" sind, werden ihr Anlageziel nur ändern, wenn es anderswo bessere Renditen gibt. Höhere Zinsen werden jedoch nur angeboten, wenn Kredit benötigt wird.

Wenden wir uns wieder dem wirklichen Kreislauf der Werte zu.

Finanzkrise, Finanzkrise ...

Krisen des Finanzbereichs sind im Kapitalismus nichts neues.

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Markant ist hierbei, dass es bis 1890 regelmäßig kleinere Finanzkrisen gab, dann ab 1890 bis 1930 eine Phase besonders heftiger Krisen im Kreditbereich und danach von 1940 bis 1980 eine vergleichsweise sehr ruhige Zeit. Ab Ende der 1980er beginnt es wieder ausgesprochen unruhig zu werden. Die jetzige Krise sticht besonders dadurch heraus, dass sie so viele Länder der Welt betrifft, wie noch nie.

Betrachten wir nun einmal die Börsenentwicklung. Als Beispiel nehme ich den Dow-Jones-Index, da er der älteste Börsenindex ist. Aber auch die Anderen (Dax, ...) zeigen keinen völlig abweichenden Verlauf, sondern sind auf längere Sicht recht ähnlich.
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Auffällig ist: Bis Mitte der 1980er ist der Verlauf über Jahrzehnte relativ gleichförmig, er steigt nicht gewaltig an. Selbst die große Krise Ende der 1920er Jahre ist nur eine kleinere Delle auf der Kurve. Dann, ab Mitte der 1980er, erfolgt ein rasanter Anstieg der Kurve um schließlich rund 1000%. Kann ein solch extrem ungewöhnlicher Vorgang allein mit dem Wirken von raffgierigen Spekulanten begründet werden? Das wäre so, als solle der I. oder II. Weltkrieg allein durch das plötzliche auftauchen vieler fieser Kriegshetzer erklärt werden.

Sicherlich nimmt das Kreditwesen mit der fortschreitenden Entwicklung der Produktion gesetzmäßig zu, wie Marx schon richtig bemerkte. Doch das würde nur einen langsamen Anstieg der Linie über längere Zeit erklären, nicht ein plötzliches Anschwellen.

Gibt es keine geschichtliche Parallele?

Gibt es in der Wirtschaftsgeschichte wirklich kein Gegenstück, keine Ähnlichkeit, zu dieser Börsenhochentwicklung? Der älteste Börsenindex ist der Dow Jones, er beginnt 1897. Betrachten wir die Zeit davor. Da gab es die "großen Börsenjahre", in Deutschland ab 1870. Aktiengesellschaften wurden flugs gegründet. Im Jahre 1870 entstanden in Deutschland 54 AG's, im Jahre 1871 259 AG's, im Jahre 1872 504 AG's. Ein Wirtschaftshistoriker, Max Wirth, beschreibt diese Epoche in seiner Geschichte der Handeskrisen so: ''Damals wollten der hohe Adel und die Geheimen Räte ebenso mühelos verdienen wie die Kutscher und die Dienstmänner, die Bankherren wie die Briefkopisten, die Männer wie die Frauen, man jobberte an der Börse wie zu Hause, im Hotel wie in der Kneipe, in politischen Versammlungen wie im Gesangverein.''9
Damit stand Deutschland aber nicht ganz allein. Nehmen wir England. 1899 waren in Großbritannien die Einnahmen der "Kuponschneider" fünfmal so groß wie die Jahreseinnahmen aus dem Außenhandel. So schrieb 1906 der Ökonom Schulze-Gaevernitz: "England wächst aus dem Industriestaat allmählich in den Gläubigerstaat. Trotz absoluter Zunahme der industriellen Produktion, auch der industriellen Ausfuhr, steigt die relative Bedeutung der Zins- und Dividendenbezüge, der Emissions-, Kommissions- und Spekulationsgewinne für die Gesamtwirtschaft. Es ist diese Tatsache meiner Meinung nach die wirtschaftliche Grundlage des imperialistischen Aufschwungs."10

Was war damals die Grundlage dieser Börsenentwicklung?
Die erste Etappe des Kapitalismus, in Deutschland etwa bis in den 1870ern, war geprägt durch die Textilindustrie. Die industriellen Zentren lagen damals am Niederrhein (Krefeld, Mönchengladbach), im bergischen Land (Elberfeld), in Franken und Schlesien. Dann, etwa ab 1870, begann die Industrie sich umzustrukturieren. Die Schwerindustrie wird zum Zentrum der zweiten, imperialistischen Etappe des Kapitalismus. Noch sucht die Industrie die Nähe der Rohstoffe und geht dahin, wo sie die großen Mengen an Kohle nicht zu transportieren braucht. Die Ruhrgebietsstädte - die zuvor, etwa im Vergleich zu Krefeld, nur Dörfer waren - begannen nun gewaltig zu wachsen. Z.B. zwischen 1860 und 1870 steigt die Bevölkerung von Dortmund von 4000 auf 28000 Einwohner, von Essen von 4800 auf 31000, von Bochum von 2000 auf 12000 Einwohner. Und das war erst der Anfang. Diese Umstrukturierung verlangte nach gewaltigen Mengen von Kapital. Nur der Börsenboom war in der Lage den nötigen Kredit zu liefern. Das endete, als der überspannte Kreditmarkt sich zu normalisieren begann, in einer heftigen Finanzkrise und einer Rezession. So wie im Hochsommer sich die aufgestauten atmosphärischen Spannungen in einem starken Gewitter entladen.

Zum Gegenstand der Spekulation

Was war damals das Ziel der Spekulation und was in den letzten beiden Jahrzehnten? Denn Spekulation ist stets auf etwas ausgerichtet, sie hat ein Ziel. So wie z.B. bei der gesellschaftlichen Gewalt am Ende immer konkrete Personen stehen, die Prügel beziehen.
In der Krise 1843/45 war vor allem der Eisenbahnbau und die Dampfschifffahrt das Ziel.11 Und praktisch wurde so ein wichtiger Produktionsfortschritt erreicht.12 Bei der Krise Anfang der 1870er war in Deutschland die Schwerindustrie Gegenstand der Spekulation.13 Springen wir in die Gegenwart: Was war in den letzten 20 Jahren Ziel der Spekulation? Zunächst die "neuen Techniken", vor allem die moderne PC-Technik, und wiederum wurde ein grundlegender produktiver Fortschritt erreicht: die Fabrikation in internationalen Netzwerken. Doch das allein erklärt weder die Länge noch die Heftigkeit dieser Periode. Zudem ist auf den ersten Blick diesmal die Suche nach dem Ziel der Spekulation schwierig. Es scheint nicht da zu sein. Wird gründlicher analysiert, entdeckt man die Umstrukturierung des Kapitalismus selbst als Gegenstand. Geht es um eine neue Stufe der Zentralisation des Kapitals14, wie rasch vermutet werden könnte?                                                     
Wäre es nur so, müsste sich die Anzahl der internationalen Konzerne verringert haben. Allerdings: Im Jahr 1997 wurde die Anzahl der transnationalen Unternehmen von der UNCTAD mit 44.000 angegeben15, im Jahr 2000 bereits mit 60.000 16. Und muss ich an die 90er erinnern? Damals wurden "Outsourcing" und "Downsizing" zum Modewort, "Beschränkung auf das Kerngeschäft" war plötzlich die allgemeine Industrieparole.
Wenn der Kapitalismus zu dieser Zeit seine Struktur verändert hat, von wo nach wo?

Horizontale und vertikale Monopolisierung

Es gibt verschiedene Konzernmodelle, die wichtigsten sind der vertikale und der horizontale Konzern. Darüber schrieb Bucharin bereits 1915: "Zwei Arten der Zentralisation können unterschieden werden: die erste Art, wenn eine wirtschaftliche Einheit eine andere verschluckt, die ihr ähnlich ist; der zweite Fall ist die vertikale Zentralisation, wen die betreffende wirtschaftliche Einheit eine andere verschluckt, die nicht von der gleichen Art ist. In diesem Falle haben wir es mit einer ‚wirtschaftlichen Ergänzung' oder Kombination zu tun."17 Kurz: bei der vertikalen Monopolisierung wird ein Konzern um die verschiedenen aufeinander folgenden Stufen der Verarbeitung aufgebaut, und meist um andere Wirtschaftsunternehmen im "Heimatstaat" ergänzt. "Diversifizierung" heißt das. Das horizontale Monopol dagegen versucht einen schmalen Produktionszweig ganz zu beherrschen, möglichst weltweit. Über viele Jahrzehnte war das vertikale Modell das vorherrschende. In den USA wurden Anfang des 20. Jahrhunderts horizontale Fusionen verboten (Clayton Act). Auch Lenin ging 1916 davon aus, dass sich die Monopolisierung vertikal entwickeln würde18 und hatte damit über viele Jahre recht.
Die ökonomische Entwicklung ab Ende der 1980er war die Abkehr von vertikalen Konzern und der immer stärkere Umbau hin zu horizontalen Strukturen.

Weltweiter Anteil vertikaler und horizontaler Fusionen in %
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Ich gehe davon aus, dass diese Umstrukturierung inzwischen weit fortgeschritten ist19. So machen  die Schlagworte von "Weltmarktführerschaft" und "Konzentration auf die Kernkompetenz" Sinn. Jedoch sind Unternehmensaufkäufe und  Fusionen überaus kostspielig. Sie sind eigentlich immer nur durch Kredite zu realisieren und bei solch einem, fast zwanzigjährigen Höhenflug musste das Kreditsystem bis an seine Grenzen (und darüber hinaus) gedehnt werden.
Was ist nun der Hintergrund dieser Entwicklung?

Der tiefere Grund für die Umgestaltung

Das Kardinalproblem des Kapitalismus ist der tendenzielle Fall der Profitrate. Das ist eine Gesetzmäßigkeit die Karl Marx ist Kapital beschrieben hat20 und die ein wenig kompliziert ist. Sie läuft darauf hinaus, dass durch den technischen Fortschritt immer weniger Lohnarbeiter im Verhältnis zu den Produktionsmitteln (Maschinen etc.) gebraucht werden. Da jedoch der Profit aus der Arbeit der Lohnarbeiter stammt, muss die Profitrate in der gesamtgesellschaftlichen Tendenz fallen.
Andererseits gibt es Gegenstrategien um das zu verhindern, die mehr oder weniger klappen. Eine Strategie gegen den tendenziellen Fall der Profitrate nenne ich mal Sandwich-Kapitalismus (oben lecker Käse, unten trockenes Brot). Sie basiert darauf, dass in den verschiedenen Branchen das Verhältnis zwischen dem Anteil an Lohnabhängigen zu dem Anteil an Maschinen (Marx nennt das: organische Zusammensetzung des Kapitals) unterschiedlich ist. Z.B. verarbeitende Industrie 20:80, Malergewerbe 50:5021. Diese Unterschiede können vergrößert werden. Führt mensch an der einen Stelle mehr neue Technik ein, kompensiert mensch das an anderer Stelle durch mehr "Humankapital", etwa Branchen mit Leiharbeitern, Armutsarbeit ... Der gesellschaftliche Durchschnitt bleibt. Denn wenn der eine ein Hähnchen isst und der andere zwei Schnitten Brot, hat jeder im Durchschnitt ein halbes Hähnchen mit einer Schnitte Brot.
Schön ausgedacht, gäbe es da nicht ein Problem: das Gesetz vom Durchschnittsprofit.

Gesetzmäßigkeiten können nicht ignoriert werden, es sei denn ...

Ich muss zur Erklärung ein wenig ausholen: Die marx'sche Werttheorie, baut auf Ricardo und sein ökonomisches Konzept auf. Ihr  Kern ist: "Der Wert aller Waren ... ist durch ihre Produktionskosten bestimmt, in anderen Worten durch die Arbeitszeit, die zu ihrer Hervorbringung nötig wird."22 Daraus folgt, "durch die organische Zusammensetzung der Kapitale in den verschiednen Sphären der Produktion, ... verschiednen Profitraten der einzelnen Sphären"23. Das hatte bereits Ricardo verstanden und als er schrieb "eine Million Menschen produziert in den Fabriken stets denselben Wert", folgerte er daraus, dass in den unterschiedlichen Branchen mit unterschiedlichem Personalanteil, auch die Gewinnrate unterschiedlich sein müsse. Er versuchte das empirisch nachzuweisen und untersuchte die verschiedenen Industriezweige, aber er fand seine These nicht bestätigt: die Gewinne unterschieden sich nur gering. Dieses Problem löste Marx in seiner Zirkulationstheorie quasi nebenher. Er zeigte auf, dass durch Konkurrenz und Preisbildung sich die Profitraten ausgleichen in Richtung einer Durchschnittsprofitrate. "Die Profitrate ist also in allen Produktionssphären dieselbe, nämlich ausgeglichen auf diejenige dieser mittleren Produktionssphären, wo die Durchschnittszusammen-setzung des Kapitals herrscht."24 Das bringt einen gewissen Vorteil für die Gewerkschaftsbewegung und ihre Lohnforderungen.
War also nichts mit "Sandwich-Kapitalismus"? Wir bleiben beim "Sozialstaat"?

Bei einem horizontalen Konzern, einem der seine Produktion weltweit gegliedert hat, und der möglicherweise so groß wie ein kleinerer Industriestaat ist, findet eine internationale Preisbildung statt, die diverse organische Kapitalzusammensetzungen in unterschiedlichen Staaten einbezieht. Sprich: Billiglohnarbeiter in Indien, Spezialisten in Europa ... In den verschiedenen Staaten, in denen dieser Konzern bedeutend ist, tritt er so in Konkurrenz zur Durchschnittsprofitrate, ohne sie aufheben zu können. Das Ergebnis ist dadurch ein auseinanderdriften der Profitraten zwischen den einzelnen Sparten der Produktion. Praktisch bedeutet das, eine Verstärkung der Unterschiede zwischen den Abteilungen der arbeitenden Klasse. Gut (oft übertariflich) bezahlte, hoch ausgebildete Beschäftigte in den industriellen Großkonzernen, daneben Arbeiter in traditionellen Berufen, die jedoch oft schon mit Zeitverträgen auskommen müssen, dann Leiharbeiter - bis hin zur Armutsarbeit und Illegalen, die teilweise unter Ausplünderungsbedingungen schuften ... 
Das, was in den letzten 20 Jahren als "Neoliberalismus" bezeichnet wurde, ist quasi politischer Nachvollzug einer sich wirtschaftlich durchsetzenden Entwicklung, es ist eine Politik, wo konservative (aber auch sozialdemokratische) Politiker die geheimen Wünsche der Ökonomie in eine persönliche Passion verwandelt haben.

Schlussfolgerungen

* Der "Neoliberalismus" ist nicht "am Ende"25, denn er ist nur politischer Ausdruck einer objektiven Entwicklung des Kapitalismus. Diese schließt ein Zurück zum "Sozialstaat" aus. Eine Eiche kann gefällt werden, aber nicht auf Strauchgröße zurück geschnitten. Das Denken, der "Neoliberalismus" sei Ergebnis einer Verschwörung kaltherziger "Neokons", gleicht der naiven Dienstmädchenlogik, die meint, der Sonderzug des Kaisers sei eingefahren, weil das Vorstadtorchester "Heil Dir im Siegerkranz" spielte.
* Die Börse und die Spekulanten zum Kernproblem zu erklären, ist rechte Kapitalismuskritik. Eine Kritik, die die Oberfläche sieht, aber nicht dass, was sie bewegt. Die Spekulanten sind keine "Krankheit" des Kapitalismus, sondern unsympathische Gesellen mit einer Funktion. So wie die Geier im Ökosystem der Steppe eine Funktion inne haben. Nach der Spekulationsperiode der 1870er führte rechte Krisenkritik zu etwas, das Hirsch/Schuder "Die Erfindung der jüdischen Rasse"26 nennen, zu verbreitetem Antisemitismus und der Ideologie vom bösen raffenden und guten schaffenden Kapital.
* Diese Krise ist ein Problem der Entwicklung des Kapitalismus, nicht der USA oder eines anderen Nationalstaats. China, Rußland und Indien sind keine Gegenpole dieser Krise, sondern Teil des Problems. (Ein Börsenkommentator fragte bereits: "Beginnt nun in China die nächste Schockwelle für die Weltwirtschaft27"?) Die Antwort auf diese Krise, kann in ihrer Struktur nur so sein, wie das Problem: internationalistisch.

Herbert Steeg


1     MEW 12, 339
2 Zu Wertpapieren: "Aber als Duplikate, die selbst als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf  das sie Titel sind." (MEW 25, 493)
3     MEW 25, 829
4 Marx/Engels, "Das Kapital", Bd. III, Fünfter Abschnitt, 30. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital,  MEW 25, 493-510
5 "Andrerseits kommen jetzt erst in merklichem Grad die Ritter herein, die ohne Reservekapital oder überhaupt ohne
 Kapital arbeiten und daher ganz auf den Geldkredit hin operieren." (MEW 25, 504)
6 FTD, 24.09.2008
7 Buchgeld, aber nicht fiktives Kapital. Das was Marx "fiktives oder illusorisches Kapital" nennt (MEW 25, 413-428) ist wirklicher, als Kredit existierender Wert, der jedoch seine Quelle außerhalb des Kapitalkreislaufs hat.
8 Grafik aus Wal Buchenberg "Krise ist Alltag", http://de.indymedia.org/2008/10/229177.shtml
9 Siehe: Rudolf Hirsch/Rosemarie Schuder, "Der gelbe Fleck", 498
10 Zitiert nach: Lenin "Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus", Ausgabe 1926, 91
11 "Die Spekulation der Prosperitätsjahre 1843-1845 warf sich hauptsächlich auf Eisenbahnen, wo sie ein wirkliches Bedürfnis zu ihrer Grundlage hatte" (MEW 7, 421)
12 "... aber wie 1845 das englische Eisenbahnsystem, so wird diesmal wenigstens  der Umriß einer universellen Dampfschiffahrt aus der Überspekulation hervorgehn." (MEW 7, 440)
13 "... hatte sich die Spekulation besonders auf die Eisenindustrie gestürzt. Große Fabriken schössen wie Pilze aus dem Boden, es waren sogar etliche Werke gegründet worden, die Creusot in den Schatten stellten." (MEW 19, 167)
14 Oftmals werden Konzentration und Zentralisation des Kapitals verwechselt. Bei Marx sind das unterschiedliche Begriffe: "Zentralisation ist das Verschlucken der kleinen Kapitalisten durch die großen und Entkapitalisierung der ersteren." (MEW 25, 256)
15 Pressemitteilung UNIC, 19. September 1997
16 Pressemitteilung UNIC, 2. Oktober 2000
17 N. Bucharin, Imperialismus und Weltwirtschaft, 1915; dort weiter: "Diese vertikale Konzentration und Zentralisation der Produktion, so genannt zum Unterschied von der horizontalen, die im Rahmen der einzelnen Produktionszweige erfolgt, bedeutet einerseits eine Verminderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, (den sie vereinigt Arbeit, die bisher unter einigen Unternehmungen verteilt war, in einer einzigen), andererseits aber spornt sie im Gegenteil die Teilung der Arbeit im Rahmen der neuen Produktionseinheiten an; der gesamte Prozeß hat, gesellschaftlich genommen, die Tendenz, die ‚nationale' Wirtschaft in ein einheitliches kombiniertes Unternehmen zu verwandeln, in dem alle Produktionszweige organisatorisch untereinander verbunden sind."
18 "... anderseits bildet ein äußerst wichtiges Merkmal des Kapitalismus, der die höchste Entwicklungsstufe erreicht hat, die sogenannte Kombination, d.h. die Vereinigung von Betrieben verschiedener Industriezweige zu einem einzigen Unternehmen", Lenin "Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus", Ausgabe 1926, 17
19 "Fast 80 Prozent der nachhaltigen Wertschöpfer betreiben nur ein Kerngeschäft, in dem sie eindeutig Marktführer sind ... Stark diversifizierte Konzerne sind dagegen in dieser Superliga nur mit fünf Prozent vertreten - dagegen stellen sie 22 Prozent der Unternehmen, die kein nachhaltiges und profitables Wachstum erreichten." Aus: Absatzwirtschaft online, 31.5.2002   http://www.absatzwirtschaft.de/Content/_pv/_t/ft/_b/30917/default.aspx/konzentration-aufs-kerngeschaeft.html
20 MEW 25, 221 - 241
21 Datenreport 2004 des Statistischen Bundesamts
22 K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 55
23 MEW 25, 172
24 MEW 25, 182
25 Das meinen offenbar auch die Protagonisten des "Neoliberalismus". Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds: "Ich meine sogar, dass die Marktwirtschaft gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird." FAZ, 23.09.2008
26 Rudolf Hirsch / Rosemarie Schuder, Der gelbe Fleck, 493ff. - dort 498: "Man suchte die Schuld nicht in den zu hohen Investitionen der deutschen Rüstungsindustrie, nicht in der Spekulationssucht der vielen Groß- und Kleinbürger, nein, die Schuld lag bei den Banken, die vom jüdischen Kapital dirigiert wurden, und bei der Börse, die, wie allgemein verbreitet wurde, von jüdischen Maklern beherrscht wurde. Die Börse, das ist für jeden Menschen klar, ist nur das Barometer, das anzeigt, wie die Gewinnchancen eines Unternehmens bewertet werden. Ein Barometer ist nie der Schuldige am Regen, am Gewitter, am Sonnenschein."
27  Florian Schulz, Chefredakteur Emerging-Markets-Trader, 18.11.08  http://www.emerging-markets-trader.de




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