Krise ist Alltag


Finanzkrisen ab 1800


Finanzkrisen der letzten 20 Jahre

12.10.08
WirtschaftWirtschaft, Theorie, Debatte, TopNews 

 

Von Wal Buchenberg auf www.de.indymedia.org

Politiker und Journalisten reden derzeit viel von verlorenem "Vertrauen". Vertrauen sei die Grundlage unseres Wirtschaftens, jedes Kredits und jeder Bank. Diese Behauptung ist sehr verkürzt. Tatsächlich ist allein das Vertrauen in die Profitabilität Grundlage des Kapitalismus, der Kredit- und Finanzwirtschaft. Geld wandert dorthin, wo Profite zu erwarten sind. Wenn Aktienmärkte abstürzen und Kredite platzen, dann fehlt das Vertrauen in kommende Profite. Da ist keine "Panik" am Werk, sondern rationales Kalkül, das durch warme Worte der Politiker und Journalisten nicht umgestoßen wird.

Der Finanzsektor expandierte in den letzten 20 Jahren so stark, weil dort höhere Profite gemacht werden konnten als in der Realwirtschaft. Solange noch Käufer gefunden wurden für Schrotthypotheken oder für überhöhte Aktien, solange stiegen die Preise für diese Papiere. Das war nicht "irreal", sondern normal. Damit ist es jetzt vorbei.
Finden sich nun keine Käufer mehr für überteuerte Häuser, unsichere Anlagen und teure Aktien, dann fallen die Kurse. Das Pyramidenspiel ist zu Ende.
Nicht böse Eigenschaften ("Gier"), nicht einzelne Akteure (Notenbanker, Finanzleute oder "Spekulanten") verursachten die Krise, sondern der kapitalistische Alltag. Tatsächlich ist jeder Kapitalist ob groß oder klein ein "Spekulant". Denn jede Investition und jede Geldanlage ob groß oder klein ist eine Spekulation auf künftigen Gewinn. Tatsächlich sind es die kapitalistischen Alltagsregeln von Kauf und Verkauf, von Kredit und Zins, von Investition und Rendite, die die kapitalistische Wirtschaft antreiben und immer wieder zur krisenhaften Überspitzung hinaustreiben.

Zwei amerikanische (Mainstream-)Ökonomen, Carmen Reinhart (University of Maryland) und Ken Rogoff (Harvard University), untersuchten "Eight Centuries of Financial Folly". Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Finanzkrisen eine selbstverständliche Begleiterscheinung des Kapitalismus sind. Interessanter ist vielleicht noch eine weitere Feststellung: Die Krisen werden schlimmer und heftiger, wenn ihnen eine längere Zeit der Ruhe und scheinbarer Stabilität vorausgeht.
Auf ihren Analysen beruht folgende Grafik über 200 Jahre Wirtschaftsgeschichte von 1800 bis heute. (vgl. The Economist, 11.10.2008).

In dieser Grafik sind drei sehr unterschiedliche Wirtschaftsperioden auszumachen.
In den 80 Jahren zwischen 1810 und 1890 kam es alle zehn Jahre zu mäßigen Finanzkrisen, die ungefähr 5 Prozent der Länder der Welt erfassten.
Die zweite Periode zwischen 1890 und 1930 erlebte 40 Jahre heftiger Krisen, die bis zu 22% aller Länder erfassten, und die große politische Umbrüche nach sich zogen.

Die dritte Periode zwischen 1940 und 1980 war eine Periode einer ungewöhnlichen wirtschaftlichen (und politischen) Stabilität.
Seit 1990 befinden wir uns wieder in einer Periode, in der die Krisen an Zahl und Heftigkeit zunehmen.
Die jetzige Finanz- und Bankenkrise erfasst prozentual schon mehr Länder als die Große Depression von 1929 bis 1932.

Der historische Wechsel von einer Zeit heftiger Krisen vor 1940 in die nachfolgenden 30 Jahre des fast krisenfreien Wachstums seit 1950 hat das allgemeine Bewusstsein geprägt.
Dieser Wechsel von hoher Instabilität in scheinbar dauerhafte Stabilität hat das Bewusstsein der universitären Wissenschaftler geprägt mit ihren Gleichgewichtsmodellen und ihrem Glauben an einen krisenfreien Kapitalismus.
Der Wechsel von unruhiger Krisenzeit in stabile Wachstumszeit hat das Bewusstsein unserer Politikerklasse geprägt - sowohl der Politiker, die an einen "gesteuerten Kapitalismus" (Keynsianismus) glauben, wie der Politiker, die auf die "unsichtbare Hand des Marktes" (Neoliberalismus) vertrauen.

Das ruhige, fast krisenfreie Wachstum des Kapitalismus nach 1950 hat aber mehr noch als die gewaltsame Verfolgung der Arbeiterbewegung in der Zeit des Faschismus die Arbeiterbewegung und die Linken geprägt. Die Lohnarbeiter in den kapitalistischen Metropolen konnten sich nach 1950 scheinbar häuslich einrichten im Kapitalismus.
Den Linken kam ihr "revolutionäres Subjekt" abhanden. Zunächst wurde "Ersatz" im "Trikont", in den antikolonialen Aufständen gefunden. Mit der endgültigen Niederlage des Kolonialismus und der Gründung unabhängiger Staaten verschwand auch dieses "revolutionäre Subjekt". Die nachfolgenden Protestbewegungen in Europa und den USA zielten nun weniger auf eine (revolutionäre) Eroberung der politischen Macht, sondern auf vielfältige kulturelle und soziale Fragen: Konsum, Gender, Patriarchat, Rassismus, Umwelt und Ökologie usw.
Neben solchen neuen Themen erhielten sich auch linke Traditionen im Antimilitarismus, in der Antikriegsbewegung, der Anti-Repressionsbewegung, in den Resten der linken Gewerkschaftsbewegung und in der Antifa-Bewegung. Diese linke Themen- und Meinungsvielfalt ist eine Stärke, keine Schwäche.
Als Linke haben wir in diesen Krisenzeiten weder Grund zur Ungeduld, noch zur Verzagtheit. Nicht unsere Vorstellungen und Träume werden durch die Krise Lügen gestraft, sondern die Vorstellungen des Mainstreams, der universitären Wissenschaftler, der Politiker im Amt oder in Wartestellung und der einflussreichen Journalisten. Sie alle werden durch diese Krise und ihre langwierigen Folgen in eine Sinnkrise gestürzt.

Die jetzige Wirtschaftskrise wird uns noch Jahre begleiten und es werden mehr politische Krisen folgen. Das macht der Vergleich der jetzigen Krise mit den jüngst vergangenen Krisen deutlich.


Wal Buchenberg für Indymedia, 11.10.2008
Quelle: http://www.de.indymedia.org/2008/10/229177.shtml

 







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