Traditionsfirmen schließen, Produktion geht zurück


Bildmontage: HF

14.02.09
WirtschaftWirtschaft, Debatte, Krisendebatte, TopNews 

 

Von Ludwig Weller, www.wsws.org

Die internationale Rezession hat Deutschland weit heftiger getroffen, als Analysten dies erwartet haben. Nach neuesten Berichten ist die Konjunktur im vierten Quartal 2008 gegenüber dem Vorquartal um 2,1 Prozent abgestürzt, der stärkste Rückgang seit der Wiedervereinigung.
Das jetzige Minusquartal ist bereits das dritte in Folge. In den beiden Vorquartalen war die Wirtschaft bereits um jeweils ein halbes Prozent geschrumpft. Damit steckt Deutschland offiziell in einer schweren Rezession. Auch die Bundesregierung sagt mittlerweile die schwerste Rezession seit 1949 voraus.
Zunehmend werden auch traditionelle Firmen und Familienunternehmen von der Krise erfasst. Wer kennt sie nicht, die Markennamen Märklin, Schiesser oder Rosenthal, allesamt Traditionsfirmen, die seit 1880 oder noch länger produzieren und jetzt wegen der Finanzkrise vor der Schließung stehen.
Bei Märklin, bekannt für seine Modelleisenbahnen, waren 2006 die Finanzinvestoren Kingsbridge Capital und Goldman Sachs mit einem Rationalisierungsprogramm eingestiegen. Über 300 der ehemals 1.400 Arbeitsplätze fielen damals weg. Jetzt hat die angeschlagene Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) weitere Kredite verweigert. Letzte Woche meldete Märklin Insolvenz an. Angeblich sollen sich bereits Kaufinteressenten gemeldet haben. Doch die verbliebenen 650 Arbeitsplätze in Göppingen sind alles andere als gesichert.
Rosenthal, das oberfränkische Familienunternehmen, stellt seit 1879 Porzellan her. Doch mit der Pleite des irischen Mutterkonzerns Waterford Wedgwood, der seit 1997 die Mehrheit am Unternehmen hält, ist auch Rosenthal in den Strudel geraten. Jetzt ist Rosenthal zahlungsunfähig.
Wie viele andere Unternehmen, die von den Banken keine Kredite mehr bekommen, teilte es am 9. Januar mit: "Es gelang dem Vorstand der Rosenthal AG trotz permanenter Bemühungen nicht, eine Übereinkunft zur angemessenen Bereitstellung liquider Mittel für eine Übergangsphase bis zum Abschluss des Verkaufs an einen strategischen Investor zu erreichen".
Das insolvente Unternehmen mit seinen 1.600 Mitarbeitern, zu dem auch die Marken Hutschenreuther und Thomas gehören, steht bereits seit Monaten zum Verkauf. Von der Insolvenz des Mutterkonzerns Waterford Wedgwood sind insgesamt 7.700 Arbeiter betroffen.
Schiesser, der Wäschehersteller am Bodensee, musste Anfang der Woche Insolvenz anmelden. Die Banken, bzw. die Schweizer Mutter Hesta Tex, verweigerten dem Unternehmen eine Anschlussfinanzierung. 600 der insgesamt 2.300 Arbeitsplätze sind am Stammsitz Radolfzell nun unmittelbar bedroht. 90 Arbeiter wurden bereits entlassen.
Wie überall sonst, übernehmen auch hier die Betriebsräte und die Gewerkschaften die Aufgabe, einen Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze abzublocken. In allen drei Fällen schüren die Gewerkschaften Hoffnungen in neue Investoren und in die Insolvenzverwalter, mit denen sie eng zusammenarbeiten.
Der Bevollmächtigte der Gewerkschaft IG Metall in Singen, Johann Blaschke, gibt sich "vorsichtig optimistisch". Der vorläufige Insolvenzverwalter Volker Grub habe einen exzellenten Ruf und könne enorme Erfolge vorweisen, auch in der Region.
Auch der Betriebsratsvorsitzende Hans-Dieter Schädler versucht, das Insolvenzverfahren als Lösung darzustellen. Seit Bekanntgabe des Stellenabbaus im Dezember und der 90 Kündigungen Mitte Januar sei die Anspannung groß gewesen. Nach der Enttäuschung sei bei vielen eine gewisse Erleichterung eingetreten, behauptet er. Mit einem personellen Kahlschlag bei der Restrukturierung des Traditionsunternehmens sei nicht zu rechnen. Er sei zuversichtlich, dass Schiesser weder zerschlagen werde noch ein Mitarbeiterabbau geplant sei.
Mit dieser Art von Co-Management haben die Betriebsräte und die Gewerkschaften in der Vergangenheit die Belegschaften immer hingehalten, um dann Schritt für Schritt weiteren Entlassungen zuzustimmen. Am Ende folgte meistens die endgültige Betriebsschließung.
Einbruch beim Maschinenbau
Auch der Maschinenbau spürt nun die volle Wucht der Wirtschaftskrise. Die Branche hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Deutschland lange Zeit als Exportweltmeister galt. Neben dem Automobilbau ist der Maschinenbau der zweite wichtige Industriezweig in Deutschland. Mit über einer Million Beschäftigten wuchs er zum größten industriellen Arbeitgeber heran. In den letzten fünf Jahren stieg der Umsatz der 6.000 Maschinen- und Anlagenbauer um über 50 Prozent.
Im Dezember lag der Auftragseingang um satte 40 Prozent unter dem Wert vor einem Jahr. Im vierten Quartal betrug der Rückgang 29 Prozent. Einen solchen Auftragseinbruch gab es zuletzt vor 50 Jahren.
Vor weniger als einem Jahr hatte der Maschinenbau noch geklagt, es fehlten Tausende von Facharbeitern und Ingenieuren. Jetzt hat der Branchenverband VDMA den Verlust von 25.000 Arbeitsplätzen für dieses Jahr prognostiziert. Aufgrund der extrem hohen Exportabhängigkeit - drei Viertel der Maschinen und Anlagen gehen ins Ausland - ist ein noch weit größerer Stellenabbau zu befürchten. Laut VDMA ist keine Besserung in Sicht.
Der Maschinenbau ist aber keine Ausnahme. Nach einer kürzlich erstellten Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wollen 43 Prozent aller befragten Unternehmen in Deutschland in diesem Jahr Mitarbeiter entlassen. 48 Prozent der Befragten rechnet mit sinkenden Gewinnen. Nur 9 Prozent rechnen 2009 mit Neueinstellungen.
Am Donnerstag teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat mit, dass die Firmen des produzierenden Gewerbes in der EU im Dezember 2,6 Prozent weniger hergestellt haben als im November. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Produktion sogar um 12 Prozent zurück, der stärkste Rückgang seit Beginn der Datenerhebung 1990. Schon im November war die Industrieproduktion gegenüber dem Vormonat um 2,2 Prozent und auf Jahressicht um 8,4 Prozent gesunken.
Die EU-Kommission hat mittlerweile schwere Einbrüche in allen Industriesektoren festgestellt. Die Financial Times Deutschland (FTD) zitiert EU-Industriekommissar Günter Verheugen mit den Worten, das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Krise seien völlig neu. Laut einer internen Analyse der FTD gibt es z.B. im verarbeitenden und dem Baugewerbe ungekannte Produktions- und Absatzeinbrüche. Der seit 1985 von der EU-Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen erstellte Geschäftsklimaindex sei auf das niedrigste Niveau seit seiner Einführung gefallen.
Gleichzeitig ermahnte die Europäische Zentralbank die Regierungen in der EU, die Staatsverschuldung trotz der Wirtschaftskrise zu begrenzen. Die EU-Kommission erwartet, dass sieben EU-Länder die im EU-Stabilitätspakt festgelegte Obergrenze für das Haushaltsdefizit von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2009 überschreiten werden.
Die Begründung, mit der die Einhaltung der Stabilitätskriterien angemahnt wird, ist recht aufschlussreich: "Um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen zu stärken, ist es unabdingbar, dass sich die Regierungen so bald wie möglich wieder auf ein glaubwürdiges Bekenntnis zu mittelfristigen Haushaltszielen besinnen".
Die arbeitende Bevölkerung, die täglich mit Empörung verfolgt, wie die europäischen Regierungen den Banken Hunderte Milliarden Euro in den Rachen werfen, soll nicht auf die Idee kommen, Ansprüche zu erheben und das viele Geld zum Nutzen der Gesellschaft zu verwenden.


Erstveröffentlicht unter: http://www.wsws.org/de/2009/feb2009/kris-f14.shtml







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