Chicho, mein kubanischer Nachbar

04.01.15
InternationalesInternationales, Theorie, Debatte 

 

von Gerd Elvers

Wie Chicho, mein kubanischer Nachbar, als junger Chef seiner Ranch dem Aufkauf Kubas durch das US-Kapital Paroli bieten will:

  • mit einer kommunistischen Utopie auf dem praktischen Prüfstand: Wirtschaften ohne Geld;
  • mit der Mitwirkung auf dem Feld eines neuen Eigentumsbegriffs zwischen staatlich und privat
  • mit der produktiven Entwicklung der Landwirtschaft

Mit dem Eingeständnis Obamas über das Scheitern einer 53jährigen Blockade haben die USA Ballast abgeworfen, so dass sie mit der neugewonnen Flexibilität in der weiterbe- stehenden politischen Konfrontation Kuba vor neue Herausforderungen stellen werden. Mit der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen soll vor allem das US-Kapital in Kuba Fuß fassen, und Kuba wieder kapitalistisch werden.

Aber so leicht wird das nicht gehen. Dafür sorgt u. a. mein junger kubanischer Nachbar, Fermin Olivero, genannt Chicho, der beharrlich seine Zucht für Schafe und Ziegen in seiner Ranch am Stadtrand von Mayari, am Rande des Piniengebirges entwickelt. Er ist der Cousin meiner Frau, ein Teil der großen Bárcenas-Familie in Mayarí im Osten Kubas.

Seine Viehzucht - eine kleine Sache? Erst allmählich habe ich verstanden, dass hinter seiner Arbeit nicht allein die Produktion und Verteilung von Fleisch steht, sondern dass so nebenbei die kommunistische Utopie eines Wirtschaftens und einer Entlohnung ohne Geld auf den Prüfstand der Praxis gestellt wird, und dass zugleich das Eigentum und somit der Sozialismus eine neue Definition erfährt. Chicho gibt im Rahmen der neuen Wirtschaftspolitik Kubas einige unorthodoxe Antworten, wie die Produktivität der Land- wirtschaft gesteigert wird. Chichos Tätigkeit stellt ein Modell dar, wie auf die US-Offensive gegen gehalten werden kann. 

Wenn Chicho seine Zucht ohne Geld aufziehen kann , läuft das US-Kapital in die Leere. Aber nicht nur das. Eine Wirtschaft ohne Geld stellt die absolute ordnungspolitische Herausforderung gegen das Kapital dar. Karl Marx hat in den letzten Jahren seines Lebens versucht, eine Ökonomie ohne Geld als echte Alternative zum Kapitalismus zu entwerfen. Nach Marxens Mehrwert-Theorie liegt im Geld ein Grund für die kapitalisti- sche Krise, für ihre Ausbeutung und Korruption, also in dem Wandel und der Zirkulation von Geld-Ware-Geld. Für ihn war klar: eine kommunistische Gesellschaft müsste ohne Geld auskommen.

Es wäre übertrieben zu behaupten, das wäre von Anfang an das Ziel von Chicho gewe- sen, als er vor Jahren mit seinem Projekt begann. Im alltäglichen Kampf ums Überleben muss Chicho mehr auf das Praktische als auf das Theoretische schauen. Die Krise in der kubanischen Landwirtschaft ist permanent. Seit dem Fall der Berliner Mauer hat sich die Fleischproduktion bis 2010 mehr als halbiert, ebenso die Milchproduktion. Seit Mitte der 90iger Jahre stagniert sie, wie der Kubaner Armando Nova González in seinem aktuellen Buch von 2013 sowie in seinem Artikel von 2014 in der Zeitschrift temas feststellt, auf dessen politischen und volkswirtschaftlichen Überlegungen dieser Artikel aufbaut – neben der Arbeit von Chicho (1).

Obamas neue neoliberale Offensive plus Kapitalmacht und die Antwort Kubas 

Ein Drittel des nutzbaren Landes ist nicht bebaut (tierras ociosas). Seit 2008 gibt es verstärkte Anstrengungen der Regierung, diesen innenpolitisch unhaltbaren Zustand auf der Grundlage des Gesetz-Dekrets 259, erneuert durch das Dekret 300 2012 zu beenden, der das Einfallstor für die USA weit aufstößt.

In der Rede Obamas zur Normalisierung der Beziehungen vom 17. Dezember 2014 zählt Obama die ganze Palette der politischen Offensive auf,  die die USA nach dem Scheitern der Blockadepolitik in Zukunft in Kuba verwirklichen wollen: nicht mehr über Erpressung und Gewalt sondern über den „Dialog“. Die USA wollen das Mehrparteiensystem, den freien Internetzugang, das freie Wirken der USA-Finanzwelt in Havanna, die weitere Öffnung ihrer Exporte für Agrarmittel, usw. einführen. Die USA setzen auf ihre neoliberale Ideologie plus Kapitalmacht. 

Mit dem kubanischen Gesetz über den freien Zugang ausländische Investitionen ist vor einem Jahr ein breiter Spalt für den freien Zugang ausländischer Kapitale schon geöffnet worden, zu einem Zeitpunkt, als noch nicht die Wende in der USA-Politik zu erwarten war, und dieses Gesetz ausländisches Kapital ohne die USA anziehen wollte. Chicho, González und andere gehen in eine andere Richtung.

So wollen sie nicht auf ausländisches Kapital setzen. Ihre Arbeit geht in die Richtung, der neoliberalen Kapitaloffensive der USA eine eigene ordnungspolitische Offensive aus eigener Kraft, gepaart mit einer besseren Praxis, entgegen zu stellen: Auf den gesellschaftspolitischen und praktischen Feldern sollen eigene Alternativen zum US-Kapitalismus entwickelt werden:
Wirtschaften ohne Geld, neue Eigentumsformen bei zugleich mehr Produktivität in der Landwirtschaft. Auf diese Weise könnte Kuba seine innere Souveränität gegen über dem Werben des Kapitalismus verteidigen und ausbauen. 

Chicos Master-Plan auf dem Felde der Landwirtschaft als entscheidendes Schlachtfeld

Es gilt, in Nahrungsmitteln eine weitgehend eigene autarke Versorgung zu sichern, auch um die kostbaren Devisen für den Import von landwirtschaftlichen Gütern zu sparen. Im Rahmen des Gesetzes hat Chicho einen Masterplan entwickelt, in dem brachliegendes Land seiner Heimat einer Tierzucht von Schafen und Ziegen zugeführt wird. Er tat dies aus eigener Initiative und in eigener Verantwortung.

Diesen Plan stellte er den Behörden vor. Nach eingehenden Diskussionen stellte ihm der Staat einen Grundstock von Tieren und das ungenutzte Land in den Anhöhen südlich von Mayarí zur Verfügung, das für den Anbau von Agrargütern ungeeignet ist. In früheren Zeiten müssen diese beginnenden Anhöhen zum Pinares-Gebirge zum großen Teil schon als Weide bestanden haben. Dies lässt sich aus Spuren von Ansiedlungen erkennen.

In der Frage von Grund und Boden gilt der sozialistische Grundsatz von Kuba: Das Land, über das Chicho gratis verfügen kann, bleibt im staatlichen Eigentum und ist nicht verhandelbar. Die Tiere bekommt er über einen zinsgünstigen staatlichen Bankkredit, den er über die Lieferung aus seiner Aufzucht zurückzahlt. Ansonsten kann Chicho völlig frei über das Land verfügen. In einem Vertrag verpflichtet er sich zur permanenten Nutzung. 

Es hängt von der Fruchtbarkeit der Tiere, der Qualität der Weide und Chichos Pflege ab, wie hoch der Zuwachs der Herde wird. Die Hälfte der Vermehrung aus der Herde fällt an den Staat, die andere Hälfte kann Chicho als Gewinn verbuchen in der Form seines eigenen Konsums, für die Abdeckung seiner sonstigen Bedürfnisse und zur Besiedlung der noch öden Flächen, die momentan noch zwei Drittel seines Landes ausmachen. Die Rechnung lautet also: Von zwei Jungtieren, die die Zucht abwirft, erhält der Staat eines, das er an andere Hirten-Bewerber verteilt. Momentan liegen 100 Tausend Bewerbungen für neue Farmen vor, die z.T. durch die Bürokratie blockiert und verzögert wurden. Inzwischen hat Raúl Castro verfügt, dass der Bürokratie Beine gemacht werden.

Im Rahmen von Chichos Plan liegt seine Entscheidung, ob er seinen „Gewinn“ zur Besiedlung der noch freien Weide einsetzt oder für den Konsum. Wichtig bei der Disposition des Gewinnes ist, wie González in seinem Buch schreibt, „ob der Produzent sich als Unternehmer fühlt und letztendlich die Einstellung der Dauerhaftigkeit überhand nimmt zugunsten seiner Zukunft“.

Die Kommerzialisierung seines Gewinns fällt nicht als Geld sondern als Ware an.  So kurios es klingen mag: Chicho hat kaum Geld. Der Wert seiner Arbeit besteht zu schätzungsweise 90 Prozent in der Ware Tier. Der Staat hilft ihm auch nicht für seinen privaten Bedarf. Außer Land, das er umsonst erhalten hat, und dem preiswerten Erwerb des Grundstocks an Tieren hilft der Staat ihm nicht. Ganz ohne Geld für sein Tun kommt er nicht aus. Praktisch heißt dies bei Impfmitteln für die Herde, dass er ein Schaf beim Staat verkauft und mit dessen Geld beim staatlichen Veterinärarzt Medikamente einkauft. Chicho erzählt aber auch von der Möglichkeit, die Medikamente mit dem Tausch eines Schafes beim Veterinär direkt einzutauschen.

Ein anderes Beispiel: Im nächsten Jahr will er sein erstes Haus bauen. Aus den  Bergen wird er sich das nötige Holz holen. Die Bohlen werden durch einen Zimmermann zurecht geschnitten, den er mit Fleisch-Produkten bezahlt. Da Fleisch gegen Geld in der Regel knapp ist, gehen die Zimmerleute auf einen solchen Tausch gerne ein. Später, wenn sein Ertrag gestiegen ist, wird er sich ein neues Haus aus Zement bauen. Es gibt für ihn keinen freien Fleischmarkt in Mayari, wo er seine Tiere dort gegen Geld verkaufen kann. Die Zufütterung, die die Tiere brauchen, bezieht er von den benachbarten Kleinbauern gegen Tausch.

Dieser Tauschhandel mit Vieh ist in der Geschichte nicht einzigartig. Im Rom der Königszeit muss man ebenfalls diesen Weg - noch vor dem Einsatz der Geldmünzen - gegangen sein. Das zeigt das lateinische Wort „pecunia“ für Geld, dessen Stammwurzel „pecus“ Vieh lautet.

Gebrauchswert - Tauschwert nach der Arbeitswertlehre von Marx

Kritisch ist zu sagen: Zum Teil ist dieser „Verkäufermarkt“, wo der Produzent auf der starken Seite steht,  Ausdruck einer Mangelwirtschaft, wie bei der „Zigarettenwährung“  oder der „Schwarze Markt“ in der deutschen Nachkriegszeit, zum anderen Teil ist es ein kubanisches Experiment, ohne Geld zu leben und zu produzieren. Die Zirkulation hat sich auf die Beziehung Ware – Ware reduziert.

Aber nach welchen Werten vollzieht sich der Austausch? Nach Marx Arbeitswertlehre sind es der Gebrauchs- und Tauschwert, die volkswirtschaftlich durchschnittlichen und die unterschiedlichen im Produkt  „geronnenen“ Arbeitsstunden. In Kuba gibt es keine Wert-Preis-Bildung, die sich nach der Arbeit orientiert, die in den Produkten steckt, (was einen Teil der hausgemachten Misswirtschaft ausmacht und zu irren Preisunterschieden führt, die zu enormen Fehlleitungen führen). Auch Chicho kennt nicht die kompletten Arbeitsstunden, die er in sein Produkt investiert hat. Wie sieht also die praktische Lösung aus?

In Kuba gibt es zumeist keine Marktpreise, sondern „politische Preise“, die vom Preisministerium festgelegt werden, und sich nach politischen Vorgaben orientieren (wie die sozialen und daher spottbilligen Preise der Waren, die über Lebensmittelkarten zu bekommen sind). Zunehmend mehr Produkte orientieren sich in ihren Preis- Tendenzen nach Angebot und Nachfrage (Inflationsgefahr),  einige weitere wie in den Dienstleistungen (Tourismus) oder bei Rohstoffen (Petroleum, Nickel) an den Weltmarkt. Der Fleischpreis ist ein politischer Preis.

Um den Produzentensektor durch mehr Gewinne als Anreiz zu beleben, hat die Regierung in letzter Zeit die agrarischen Produzenten-Preise erhöht. Der Erfolg war grandios: Der prozentuale Anteil der privaten und genossenschaftlichen Landwirtschaft ist von 18,5 2007 auf 51 Prozent fünf Jahre später explodiert (2), ohne dass vorerst in gleicher Weise die Produktion sich erhöht hat.

Farmer-Unternehmer neuen Typus

Wie kann also die Wertrelation beim Tausch theoretisch und praktisch angegangen werden, wenn die Messlatte Preis nach der Arbeitswertlehre fehlt? Chicho ist kein Arbeiter, der seine Arbeit an den Unternehmer unter den Bedingungen der Finanzierung einer lebenswerten Existenz anbietet, sondern er ist weitgehend ein freier Unternehmer, der auf staatlichen Boden nach seinen Dispositionen eine Ware produziert und verhandelt, die einen staatlichen Ursprung hat.

Er ist sozusagen ein „Farmer-Unternehmer“ mit einer Unternehmung neuen Typus, wozu González noch keine verbindliche Definition gefunden hat, zwischen der Eigentumsform Staat und privat, zwischen kapitalistisch und sozialistisch (3). Dem Farmer-Unternehmer werden theoretische Fragen egal sein. Falls ihm diese Funktion nicht gefällt, kann er sich auf die Ebene eines Nur-Arbeiters mit einem Durchschnittseinkommen von 17 Euro monatlich „zurück fallen lassen“. Die wenigsten werden dies tun.

Marx Arbeitswertlehre kann in der einfachen Produktion funktionieren

Denn dieser Unternehmer neuen Typus kann sehr gut einschätzen, ob der vom Staat festgelegte Fleischpreis, der für Chicho gegenüber seinem Handel mit dem Staat bindend ist, ihn erfreut oder nicht. Er bemisst sein eigenes Wohlbefinden an seinem Empfinden, ob der Preis „gerecht“ ist. Ob dies zutrifft, bestimmt nach Marx einerseits der „Gebrauchswert“ einer Investition, so dass deren Einsatz für seine Zucht sich lohnen wird. Trifft dies zu, sollte des Weiteren seine eigene „Arbeitsleistung“ für sein Produkt in etwa dem Gegenwert an Arbeitsstunden entsprechen oder niedriger sein, als das Gut, das er für sein Werk eintauscht. Am Ende eines Rechnungsabschnitts muss sein Tun für ihn einen kalkulierbaren  Vorteil abwerfen. Dies ist der Fall, wenn der Wertzuwachs der Herde seinen Aufwand übertrifft, und er einen Ertrag erhält, mit dem er die Herde erweitern kann und über dem Lohn eines Arbeiters liegt.

Die Kalkulationen von Chichos Zucht beruhen auf nur wenigen überschaubaren Faktoren im Verhältnis zu industriellen Produkten mit einer tiefen Wertschöpfung. Auf dieser „vereinfachten“ Ebene wäre er in der Lage, nach den Rechenbeispielen von Karl Marx im „Das Kapital“ über den Mehrwert, die Marx wahrscheinlich von dem englischen Fabrikanten und Freund Friedrich Engels entlehnt hat, seine Arbeit ständig durchzurechnen.

Die Umsetzung von Marx Arbeitswertlehre in die Praxis scheiterte bisher an den komplexeren Produktionsprozessen, die bei Chicho nicht vorliegen. In diesen komplexen Fällen greift Kuba auf die - kapitalistische - doppelte Buchführung zurück, die  eine permanente Kontrolle über eine Ertrags-Aufwandrechnung (Bilanz) und eine Gewinn-Verlustrechnung enthält. Für die „Arbeit auf eigene Rechnung“ verlangt der kubanische Staat dies vom Kleinkapitalisten, wie ich über die „trabajo a cuenta propia“ in 'scharf-links' dargestellt habe. Im Fall von Chicho verlangt der Staat keine Buchführung.

Die Sache mit der staatlichen Preiserhöhung zur Verbesserung der Ertragssituation des Arbeiter-Unternehmers hat einen Haken:
Die Weitergabe der staatlichen Preis-Erhöhung zugunsten des Produzenten über den überwiegend staatlichen Einzelhandel an die Konsumenten hat in der Bevölkerung zu Klagen geführt. Denn sie muss über vorerst steigende Preise eine Minderung ihres schon niedrigen Lebensstandards hinnehmen. Aber die Regierung setzt auf die Entwicklung der Landwirtschaft, mit dem Versprechen, dass die zukünftige Mehrproduktion der Bevölkerung zugute kommen wird. Solange dieses Versprechen nicht eingelöst ist, wird es vorerst bei den Lebensmittelkarten mit den extrem niedrigen Preisen für die Basis-Ernährung bleiben.

New York Times und Obama: Cuba´s economy at a crossroad?

Uns, die New York Times und Obama  interessiert noch eine weitere Frage: „Cuba´s economy at a crossroad?” Führt die Zurückdrängung des staatlichen Sektors zu einer Wende hin zum Kapitalismus? Zum sechsten Mal seit einem Jahr stellte das Sprachrohr des liberalen Ostens der USA diese Frage, was die Granma, die Zeitung der Kommunistischen Partei, am 16. Dezember 2014 zu der ironischen Bemerkung veranlasst: „erneut ein andermal“.

Zuvor hatte der Mitherausgeber der 'NYT', Ernesto Londono, Kuba besucht, um sich an Ort und Stelle über die Lage zu informieren. Einen Tag später, am 17. Dezember 2014, vollzieht Obama die längst fällige Wende einer seit 53 Jahren fehlgeleiteten USA-Politik mit der Freilassung der letzten drei „Helden Kubas“ aus dem Gefängnis, der Ankündigung der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und mit der Perspektive, dem US-Kapital das Eindringen in Kuba zu ermöglichen.

Bei dem Gesetz über die Blockade bleibt es vorerst, weil darüber der republikanisch beherrschte Kongress das letzte Sagen hat. Obama will aber die Blockade mit Präsidenten-Dekreten durchlöchern. 

Falsche ideologische Begründung der Wende der Kuba-Politik durch Obama 

Obama erwähnt in seiner Rede, dass Kuba eine bemerkenswerte Abnahme des Staatskapitals aufweist. Ohne Zweifel hat sich über die Veränderungen in der Landwirtschaft und der Expansion der „Kleinkapitalisten“ sich der staatliche Eigentumsanteil an der Gesellschaft insgesamt erheblich verringert. Es darf nicht vergessen werden: Kuba ist seit der weitgehenden Zerstörung des industriellen Sektors nach dem Wegfall des Ostblocks wieder ein Agrarland und wird in Zukunft noch mehr zum Agrarland, wenn die Projekte greifen.

Von 11 Millionen Einwohnern insgesamt entfallen allein 4 Millionen auf Viehhalter, einschließlich ihrer Familien (5). Einschließlich der Pflanzenanbauer und der Zuckerproduzenten sind über zwei Drittel der Kubaner in der Landwirtschaft beschäftigt. Ist es berechtigt, auf die Abnahme des Staatseigentums erneut mit der Gretchenfrage zu reagieren, die schon vor einem Jahr bei der Einführung der „Arbeit auf eigene Rechnung“ gestellt worden ist, und diesmal in aller Schärfe (6): Bleibt Kuba  sozialistisch?

Demokratische Strömung in Kuba: Weniger Staatswirtschaft – mehr Sozialismus

In Kuba läuft seit Jahren eine Debatte über die Zukunft der Wirtschaftsform. Aber anders als im Westen wird diese Debatte nicht mit folgender Argumentationslinie betrieben, wenn sie auch in Kuba in vielen Köpfen herrscht: Die Reform der Wirtschaft durch weniger Staat verändert die Gesellschaftsordnung in Richtung zum Kapitalismus.

Hier liegt eine falsche Bewertung neuer Formen des Sozialismus vor, nach dem Untergang Osteuropas. Aus der Sicht des authentischen Marxismus von Marx und Engels und der „demokratischen Strömung“, die González in Kuba vertritt, läuft die Argumentation genau umgekehrt, Kuba bleibt sozialistisch – vielleicht  sozialistischer denn je - weil die dominierende Form des zentralistischen Staatssozialismus zurück geht.

Verantwortlich für den Rückgang ist die Zunahme des genossenschaftlichen Agraranteils. Die Genossenschaften sind neben dem Wachstum des privaten Landeigentums für die „Entstaatlichung“ verantwortlich. Die staatlichen Produzenten waren überdimensioniert, charakterisiert durch „Gigantismus“ , sagt González (7).

Schon 1993 als Reaktion auf den Untergang des sozialistischen Lagers in Osteuropa hat das Politbüro Grundsätze für die Genossenschaften gefällt. Aber erst seit einigen Jahren werden sie mit Nachdruck realisiert, seitdem klar ist, dass hinter der ideologischen Frage eine eminent praktische steht.

Sozialismus durch freie Assoziationen und nicht durch monopolistische Staatswirtschaft

Nach Marx und Engels sind nicht die monopolistischen Staatsbetriebe das transitorische Mittel vom Kapitalismus zum Kommunismus, mit der Zwischenstation des Sozialismus, sondern der Aufbau freier Assoziationen, die genossenschaftlich sein können. Nach Engels ist nicht der Staat als Eigentümer die Lösung für das Problem des Transitoriums, er birgt aber in sich, basierend auf seinen Entscheidungen, die Möglichkeit des Übergangs (8). In Kuba ist aber nicht der Marxismus die alleinige Staatsdoktrin.

Zunehmend kommt dem „Apostel“ Kubas, José Martí eine wachsende Rolle in den Themen: Nationalismus, Patriotismus, Humanität und soziale Gerechtigkeit zu. Obwohl kubanische Schriftsteller den Versuch machen, sein „marxistisches Denken“ hervor zu kehren, ihn sozusagen zum kubanischen Vordenker marxistischen Ideenguts oder zum Vertreter des Einparteiensystems zu machen, finden sich in seinem riesigen Opus kein Verweis darauf, er sei Marxist. Er ist eher als ein national-sozial-liberaler bürgerlicher Patriot einzuordnen, der ein ambivalentes Verhältnis zu den USA, das ihm Asyl bot, wie zum Eigentum hatte.

González zitiert in seinem Buch und erneut 2014 in seinem Aufsatz in 'Temas' einiges, das diese anti-etatistische, sozial-liberale Haltung Martís belegt. Ironisch kann man sagen:
Im Kampf zwischen den drei Strömungen in Kuba: etatistisch, demokratisch, kapitalistisch findet ein interner kubanischer „Zitatenkrieg“ um den wahren Martí statt, was bei dem riesigen und unübersichtlichen Oevre kein Wunder ist:
„Eine Nation ist reich, die mit vielen kleinen Eigentümern rechnen kann“.

Martí ist nach González immer um die Freiheit des Individuums besorgt. In der Balance zwischen staatlichem Eigentum und dem individuellen ist auf das Wohl aller zu achten. Martí beklagt den Exzess in der Beschäftigung öffentlicher Staatsdiener wie Funktionäre. „Übel ergeht es einem Volk aus Behördenmenschen“ (9).

Obwohl Marx ein bekannter Artikelschreiber in New Yorks größter Zeitung war, und Martí seine Schriften kennen musste, wählte er die Essays des englischen Philosophen Hebert Spencer:
„Der Mensch gegen den Staat“ und “Die zukünftige Sklaverei“ zum thematischen Schlachtfeld aus und stellt fest (10):
"Indem der Staat große Teile der Lebensnotwendigkeiten befriedigt, würden die Funktionäre enormen Einfluss ausüben, die natürlicherweise jenen zukommt, die in der Verteilung von Rechten und Nutzen das Sagen haben“.

Und Martí fährt fort:
„Von dem Sklavensein gegenüber den Kapitalisten, wie man heute sagt, würde der Weg zum Sklavensein gegenüber den Funktionären gehen“. Vielleicht beachtet Raúl diese Worte des Apostels an Stelle der Staatsgläubigkeit seiner Regierung. Als er am historischen 17. Dezember 2014 seine zustimmende Antwort zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Obama gab, konnte das Volk im Fernsehen sehen, dass er das Bild des Apostels zentral und dominant in seinem Arbeitszimmer über seinem Schreibtisch aufgehängt hat.

Chichos Anteil am Sieg über die bisherige USA-Politik

Es sind junge Menschen wie Chicho, verbunden mit dem Beginn einer effektiven Wirtschaftspolitik, die die USA letztlich zu der Erkenntnis bringen, dass ihr 53jähriger Wirtschaftskrieg gegen Kuba verloren ist. Mit dem Abwurf alter Lasten hat aber an der politischen Front die USA mehr Manövrierfähigkeit gewonnen, die für Kuba zukünftig neue Herausforderungen bringen werden. Mit der Aufnahme diplomatischer Normalität hat sich die ideologische Feindschaft gegen sozialistische Staaten Lateinamerikas nicht geändert.

Einen Tag nach der „historischen“ Wende gegenüber Kuba hat der amerikanische Senat weitere Sanktionen gegen Venezuela beschlossen, nämlich Restriktionen bei der Vergabe von Visas gegen Funktionäre Venezuelas. Die Jugendzeitschrift Kubas „Juventud Rebelde“ bezieht diese Reaktion am 20. Dezember 2014 auf den Versuch der USA zurück, im Frühjahr über das Internet gezielt Jugendliche des Mittelstandes gegen die neugewählte sozialistische Regierung aufzuhetzen.

Mit den neuen Initiativen in der Landwirtschaft und der Neudefinition von Sozialismus, wie der neue Eigentumsbegriff des Arbeiter-Unternehmers es mit sich bringt, setzt Kuba neue strukturelle und nicht-pekuniäre Anreize, womit Kuba für die Jugend attraktiver wird, und den USA besser Paroli bieten kann. 

Chicho: Die Tugenden des eigenverantwortlichen Handelns

Worin liegt die neue Attraktivität dieses Weges? Bei der Bearbeitung der bisherigen Brache bleibt dieses im Staatseigentum, über das der Züchter allerdings frei verfügen kann. Dabei erlernt er als Unternehmer dessen „Tugenden“:
eigenverantwortliches Planen in die Zukunft, eine Arbeitsdisziplin, die keine Anreize braucht, weil er für sich arbeitet, unmittelbarer privater Genuss der Frucht seiner Arbeit, ein Denken im dauerhaften Bewahren  des Erreichten.

Dies sind Tugenden, die Kuba dringend braucht. Der direkte Genuss der Frucht seiner Arbeit verbietet zwei „Laster“ des Kapitalismus bei Karl Marx:
die Entfremdung von seinem Produkt und Geld als Fetisch, weil Geld weitgehend aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen wird.

Allerdings ist gerade das, was man nicht hat, das Ziel der Begierden. So gesteht Chicho, dass der Ausschluss aus der Geldzirkulation ihm nicht behagt, weil diesen Ausschluss aus dem monetären Kreislauf er als eine gesellschaftliche Exklusion empfindet.

In einer Gesellschaft, die außerhalb der Viehwirtschaft weitgehend dem Geld frönt, ist dies auch nicht verwunderlich. Erst wenn große Teile der Gesellschaft diesen Weg fort vom Geld geht, könnte das Problem der Fetischisierung angepackt werden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Im Gegensatz zu dieser ländlichen Eigentumsform bei der Rückgewinnung brachliegenden Landes hat meine Frau als Kleinbäuerin ein ungeteiltes Eigentum an ihrem Land und Haus, frei für die Vererbung und den Verkauf.  Dieses absolute Eigentumsrecht war auf den Bereich der Kleinbauern beschränkt, vor dem Gesetz ausländischer Investitionen (Ley de Inversiónes Extranería), das vor einem Jahr beschlossen und dessen Einzelheiten Ende 2014 in den ständigen Ausschüssen der Nationalversammlung beraten werden.

Den Kleinbauern hatte Fidel Castro dieses ungeteilte Eigentumsrecht noch während des Kampfes in den Bergen zugebilligt. Es war das Ergebnis ihrer maßgeblichen Beteiligung und hat Verfassungsrang.
Was oft bei der Rolle der Comandantes übersehen wird:
Die kubanische Revolution war eine gemeinsam von Kleinbauern, Zuckerarbeitern und städtischen Intellektuellen getragene Revolution.

Chicho ist ein junger Mann, der immer lacht. Er hat seinen Grund, seit dem 17. Dezember 2014 mehr denn je. Noch lebt er tagsüber im Haus seiner Mutter oder kümmert sich um seine Herde. Tagsüber verteilt sie sich weit über sein Territorium, am späten Nachmittag kehrt sie freiwillig zum Corral zurück, angelockt von dem Kraftfutter, nachts schläft er zu ihrer Bewachung in einer kleinen Hütte im Corral. In seiner Nachbarschaft leben viele Tanten und Onkel.

Es ist die Großfamilie der Bárcenas. Seine Zukunft ist klar. Er baut sich ein Haus und erweitert seine Herde, bis alles Brachland benutzt wird. Dann wird er entscheiden, wie es weiter geht. Vielleicht ein Neuerwerb mit einem Kompagnon (socio), vielleicht setzt er sich für neue Formen der Produktion in seiner Genossenschaft ein, die die Vermarktung übernimmt. Chicho wird seinen Weg gehen und mit ihm Kuba.

Literatur

1. Armando Nova Gonzáles: El Modelo agrícola y los lineamientos de la política económica y social en Cuba, Ciencias Sociales, La Habana, 2013, und: Un nuevo modelo cubano de gestión agricola, in: Temas, La Habana, 2014, pp. 84).

2. González, temas, p. 86

3. Gonzáles, temas, p. 87

4. www.revolution-heute.de

5. González, temas, p. 84

6. www.revolution-heute.de

7- González, tema, p. 86

8. González p.100

9. Gonzáles pp. 101-102

10. González p 103

Dieser Aufsatz ist als verkürzter Text auf Deutsch und Spanisch und mit vielen Fotos von Chicho als Powerpoint-Präsentation abrufbar unter:
www.revolution-heute.de

Gerd Elvers
Mayari - Kuba


VON: GERD ELVERS


Was Gerd Elvers... - 06-01-15 20:47
Bemerkungen zu: ‘Chicho, mein kubanischer Nachbar - von Gerd Elvers’ - 06-01-15 20:46




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