Das sowjetische Jahrhundert


18.03.18
InternationalesInternationales, Kultur 

 

Karl Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, C.H. Beck, München 2017, ISBN: 978-3-406-71511-2

Rezension von Michael Lausberg

Der renommierte Osteuropahistoriker Karl Schlögel will in dieser Spurensuche das Fortleben der „sowjetischen Zivilisation“ auch mehr als ein Vierteljahrhundert im heutigen Russland freilegen und präsentiert dies hier anhand von symbolischen Orten und im Alltag der Menschen.

Er möchte einen „Palast der Erinnerung (…) für die sowjetische Zivilisation“ vorlegen und die Erhaltung der sowjetischen Lebenswelten den Lesern präsentieren. (S. 16)

Die Sowjetunion war eine eigene „Zivilisation“, die ihre Bewohner für mehrere Generationen mit ihrer Lebenswelt, Kultur Werten und Routinen geprägt hat: „Lebenswelten können älter und stabiler sein als politische Ordnungen, und sie können fortleben, wenn das Ende eines Systems schon proklamiert und protokolliert ist. Sie hinterlassen ihre Spuren noch weit über das Ende hinaus, wie jeder weiß, der sich in der Staatenwelt bewegt hat, die aus großen Imperien hervorgegangen ist.“ (S. 10) Diese Dinge freizulegen und zur Präsentation freizugeben, versteht es als Archäologie einer untergegangenen Welt.

Bei seiner Analyse greift er auf einem kulturgeschichtliche Ansatz zurück: „Ausgehend von der Einsicht, dass alle menschliche Vergesellschaftung sich in kulturellen Formen darstellt und verdichtet, rückte die Analyse der kulturellen und symbolischen Formen – in gleich welchem Genre – ins Zentrum.“ (S. 15)

Seinen Erfahrungsschatz hat er „erworben auf Reisen quer durch das Land, im Bus, in Zügen, per Schiff, auch per Autostopp“. (S. 14), nicht aus Sekundärquellen oder Erzählungen.

Das Buch umfasst an die 60 Einzelstudien, gruppiert in rund 20 Blöcken, die aus der Primärerfahrung des Autors stammen. Dabei steht die Analyse der Lebenswirklichkeit der russischen Bevölkerung ein Schwerpunkt: Warteschlangen vor Geschäften oder öffentlichen Einrichtungen, der Zustand der öffentlichen Toiletten, die Paraden, die Gemeinschaftswohnung, die Plattenbausiedlungen, die Datscha oder die Moskauer Küchen. Exkursionen zu historischen Ereignissen oder Schlachten wie Petrograd 1917, das Lenin-Mausoleum, die Satellitenstadt Magnitogorsk, Parks, Gärten oder der Bjemolor-Kanal werden auch vorgestellt. Sowjetische Orden und Medaillien, ein Parfum, Kochbücher und selbst der Müll als Gegenständlichkeit werden vorgestellt. Binnenräume wie Treppenhäuser oder die Wohnungseinrichtung, Rituale, der Körperkult vor allem im Sport, die Avantgarde-Kunst und die Lebenswelt Eisenbahn: in all diesen Formen findet der Autor einen Wesenszug der Sowjetunion.

Diese archäologische Spurensuche direkt am Objekt ist auch eine Reise in die Vergangenheit, die gleichzeitig ein Teil der Gegenwart ist. Viele Rituale, Symbole, Bauten und andere Lebenswelten haben die Sowjetunion überdauert und sind wie selbstverständlich im Alltag zu finden. Diese Reise durch Putins Reich ist auch eine Vorstellung der Lebensrealität in Russland, ein Land, um das sich viele Mythen ranken und das im Westen kaum jemand kennt. Interessant wäre auch ein Besuch der Nachfolgeorganisation der KPdSU gewesen, was in dem Buch fehlt: Nach dem Verbot der KPdSU gründeten die orthodoxen Kommunisten Russlands unter dem Vorsitz Gennadi Sjuganows die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF). Sie bildeten in der neuen Duma, dem russischen Parlament, zwar die größte Fraktion, blieben aber in Relation zu den übrigen, inzwischen zugelassenen Parteien dennoch insgesamt in der Minderheit und waren bislang nicht mehr an einer Regierung in Russland beteiligt.

Insgesamt gesehen ist es ein sehr spannendes Buch über die Überreste der alten Zeit und die Alltagsrealität im heutigen Russland, das trotz des opulenten Umfanges zu empfehlen ist.

 







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