Conrad Schuhler: Wie weit noch bis zum Krieg?

22.09.20
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Politische Buchkritik von Hannes Sies

Eine trotz alarmistischen Titels nüchterne bis optimistische Analyse der Probleme des Westens mit dem Aufstieg Chinas zur Supermacht

Der Untertitel von Schuhlers höchst informativem Buch ist Programm: „Die USA, China, die EU und der Weltfrieden“. Es ist die vorwiegend ökonomische Perspektive des Volkswirts, die mit zahlreichen Statistiken, Tabellen und Diagrammen auf verständliche Weise vor allem die USA und China vergleicht. Internationale Beziehungen, Militär- und Geopolitik bilden weitere wichtige Dimensionen des globalen Konflikts. Die Probleme der EU, trotz gleichwertigem BIP (Bruttoinlandsprodukt), zu mehr als dem Juniorpartner der USA zu taugen, erklärt Schuhler politisch mit inneren Brüchen, vor allem im Gefolge des Brexit.

China beurteilt Schuhler äußerst optimistisch, erteilt westlichen Unkenrufen, die China schon in der Falle sehen, eine Absage. Die Vorhersage eines bald folgenden Absturzes des chinesischen Sozialismus sei ideologisch motiviert. Da wäre die Middle-Income-Trap (Mittelschicht-Falle), nach der eine sich stürmisch entfaltende Volkswirtschaft bei ihrer Industrialisierung am Mangel an billigen bzw. qualifizierten Arbeitern scheitert. China habe dieses Problem erkannt und sei dabei, es zu entschärfen: Durch hohe Investition in Bildung, Forschung und Innovation, wie auch durch stufenweise Angleichung des Arbeitseinkommens an die wachsende Produktivität (letzteres in krassem Gegensatz zu USA und EU, wo die Geldeliten die Zuwächse einstecken). Da hätte Peking noch einiges zu tun, sei aber auf einem guten Weg.

Zweitens reden viele China-Deuter im Westen von der Falle des Thukydes, wonach ein Hegemon einen anderen nur durch einen Krieg ablösen könne. Kriegstreiber und Rüstungsfanatiker im Westen verweisen darauf, wenn sie die an Irrsinn grenzenden Rüstungsausgaben der USA, aber auch anderer Westblock-Staaten weiter in die Höhe treiben wollen. Schuhler sieht hier Ideologen am Werk, wie schon Thukydes selbst, der sich vor mehr auf zwei Jahrtausenden auf den Krieg Athens gegen Sparta bezog. Der Klassiker der Geschichtswissenschaft Thukydes sei mitnichten neutraler Beobachter gewesen: In besagtem Krieg wäre er als Stratege und Truppenkommandant schmählicher Verlierer gegen Sparta gewesen, wurde wegen militärischen Versagens aus Athen verbannt. Da lag es nahe, den verlorenen Krieg auf eine imaginäre Gesetzmäßigkeit zu schieben.

Aber die Kriegsgefahr sei dennoch groß, da sich der Militärgigant USA ökonomisch -und damit auch ideologisch- vom stetigen Vormarsch der Chinesen zunehmend in die Ecke gedrängt fühle. Selbst Trumps blindwütigen Strafzölle gegen chinesische Waren hätten die USA mehr als China getroffen.

Chinas Spurt an die Spitze der Weltwirtschaft hat wissenschaftliche und publizistische Meinungsmacher im Westen irritiert. Der Autor untersucht ihre Argumente gegen Chinas ökonomisches und gesellschaftliches Wachstum und erläutert das chinesische Konzept vom guten Leben als Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaftspolitik. Vorgestellt wird die »Neue Seidenstraße« als ›Globalisierung auf Chinesisch‹. Ausführlich erörtert wird die Gefahr eines »Dritten Weltkriegs« als Neuauflage der »Falle des Thukydides«, wonach ein Herausforderer den alten Hegemon der Weltordnung nur durch einen Krieg ablösen könne. China weist diese Zumutung von sich. Die Hauptgefahr sieht Schuhler darin, dass die USA ihre globalen Führungsansprüche auf die Dauer nicht mehr mit »zivilen« Mitteln durchsetzen und somit in Versuchung geraten können, ihre weit überlegenen militärischen Mittel einzusetzen. Eine Chance auf Zukunft gibt es für ihn, wenn die Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Umwelt das globale Kapital mit seinen rücksichtslosen Verwertungsinteressen als gemeinsamen Gegner erkennen und bekämpfen.“ Verlagstext Papyrossa

China steigt, anders als im Kalten Krieg die Sowjetunion, nicht auf den durch Provokationen und Drohungen der USA und des Westens betriebenen Rüstungswettlauf ein (was auch durch den atomaren Schutzschirm Russlands ermöglicht wird). Vielmehr bleibt Peking bei maßvoller Aufrüstung im Rahmen seiner Wirtschaftskraft und bei einer Politik, die vornehmlich auf weitere Entwicklung abzielt, und auf friedliche Diplomatie - außer bei Verletzungen seines Territoriums. Letztere betreibe der Westen jedoch in Hongkong, wo die Regenschirm-Proteste gefördert würden. Anders als Westmedien behaupten, wäre diese Bewegung weniger Bürgerrechten interessiert als am Schutz der Hongkonger Geldeliten, welche ihren Reichtum einer für China untypischen Ungleichheit in der teilautonomen Metropole verdanken, die sie substanziell durch Wirtschaftskriminalität und Korruption erreichen. Das umstrittene Auslieferungsabkommen mit Peking würde daher kriminelle Teile der Hongkonger Herrschaftsklasse in Gefahr bringen, in chinesischen Gefängnissen zu landen. Solchem auf Destabilisierung und Medienkampagnen basierenden Imperialismus setze China international eine Ablösung der Dollar-Vorherrschaft entgegen: In zahlreichen Initiativen investiere Peking Milliarden, um etwa den stramm USA-dominierten IWF und Weltbank ökonomische Alternativen entgegenzusetzen.

All das belegt Schuhler überzeugend mit Fakten, harten Zahlen und konkreten Zitaten. Viele nüchterne Fakten stammen aus Werner Rügemers „Die Kapitalisten des 21.Jahrhunderts“, vor allem zur schädlichen Dominanz der Kapitalseite im Westen. Blackrock & Co. würden in der EU, insbesondere in Deutschland, den Vasallenstatus unserer Länder zementieren. Sie üben Macht in Dax-Konzernen, Schlüsselindustrien, Wohnraumvermietung und Arbeitsmarkt aus, flankiert von Finanzdienstleistern wie Beratern, Wirtschaftsprüfern, Ratingagenturen usw., denen quasi-hoheitliche Macht in der Wirtschaft eingeräumt würde. Etwa wenn McKinsey unsere Jobcenter organisiere oder Moody's Rating über Kreditbedingungen an ganze Länder entscheide: Die Fäden ziehen immer Blackrock & Co. im Dienste der großen Kapitalbesitzer, Milliardärsclans usw.

Auch die Medien spricht Schuhler gelegentlich an, sie würden Militarismus und Imperialismus in der EU und Deutschland propagieren. Etwa wenn von SPD-Außenminister Maas, Merkel und Kramp-Karrenbauer Aufrüstung gefordert würde oder Ursula von der Leyen die EU auf geopolitischen Expansionskurs bringen wolle, trommle der Spiegel (Bertelsmann) für sie (S.67). Wenn China mit der Neuen Seidenstraße ein friedliches und die Interessen kleinerer Länder berücksichtigendes Entwicklungsprogramm auflege, trommle der öffentlich-rechtliche Deutschlandfunk dazu: „Altes Label zur neuen Weltherrschaft“ (S.82). Besonders hässlich wurde unser Mainstream-Journalismus für Schuhler in der Corona-Pandämie, wo die Süddeutsche Zeitung (SZ) im Februar Corona noch als „Virus des Widerstands“ gegen Peking feierte (sie hetzte auch schon für den Geldadel gegen WikiLeaks, die Nachdenkseiten sogar gegen Veganer. Die Wirtschaftswoche höhnte noch am 7.Februar, bevor das Virus nach Europa kam: „Offenbar war den Chinesen der Ausbau der Seidenstraße wichtiger als die Gesundheit der eigenen Bevölkerung.“ Solcher ideologischer Hetze, so kann man inzwischen nachtragen, hat Peking durch seine auch von der WHO als vorbildlich belobigte Corona-Politik inzwischen das Maul gestopft. Einen „Sonderpreis Rassismus“ habe sich aber, so Schuhler, der Spiegel verdient, „..der mit einem Monsterwesen in Gasmaske und Schutzumhang und der knallgelbem Überschrift 'Made in China' aufmachte. (Spiegel 6/2020) Es ist der gelbe Sozialismus, der das Virus auf China und die ganze Menschheit loslässt.“ (S.98)

Bei aller Kritik und Warnung schöpft Schuhler, langjähriger Vorsitzender des Instituts für sozialökologische Wirtschaftsforschung (isw) in München, in den 80ern UZ-Chef und Mit-Herausgeber der linken Kulturzeitschrift „Kürbiskern“, Hoffnung nicht nur am chinesischen Sozialismus, sondern auch im Westen. Hier habe sich in Paris Emanuel Macron als widerborstig gegen die Dominanz des hörigen US-Vasallen Deutschland erwiesen, zudem sei durch den Brexit die Bedeutung Frankreichs gewachsen. Macron strebe statt Kriegstreiberei eine Annäherung an Russland an. Gefragt sind jetzt die sozialen Bewegungen, die durch die Klima-Proteste verjüngt, neuen Schub gewinnen müssten. Die Linke sollte dabei der öko-orientierten Jugend erklären, warum Krieg der größte Klimakiller sei und dass die Strukturen des Kapitalismus -konkretisiert und adressiert als Blackrock & Co.- mit ihrer Profitgier und wachsenden Ungerechtigkeit als Hauptwurzel der globalen Übel bekämpft werden müssten.

Conrad Schuhler: Wie weit noch bis zum Krieg? Die USA, China, die EU und der Weltfrieden,
Hamburg, Papyrossa 2020, Paperback, 143 Seiten, 12,90 Euro (Buchauszug bei Rubikon)

Anm. zu Schuhlers Institut isw

Das isw versteht sich selbst als Wirtschaftsforschungs-Institut, das alternativ zum neoliberalen Mainstream Analysen, Argumente und Fakten für die wissenschaftliche und soziale Auseinandersetzung anbietet. isw-Anspruch ist, Wissenschaft in verständlicher Form darzustellen, insbesondere zu Problemen der Globalisierung, von Reichtum und Armut, Sozialsystemen, Ökologie, Energiewirtschaft und Friedensforschung - insbesondere für Gewerkschaften, soziale-, ökologische- und Friedensbewegungen. https://www.isw-muenchen.de/ueber-uns/

 

 







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