Chile 11. September 1973: Erinnerung und Vorgeschichte

08.09.08
InternationalesInternationales, Arbeiterbewegung, Theorie 

 

Putsch-Chronik, zusammengetragen von Reinhold Schramm
(Quellenauszug:)

1970
11.9.:  Mit Hilfe der CIA gegründete faschistisch-militante Organisation "Patria y Libertad" beginnt mit Kampf gegen die Unidad Popular (UP).  ITT-Monopol der USA drängt bei Washingtoner Regierung auf Intervention gegen Allendes Wahl. Chiles Werktätige protestieren gegen die Anwesenheit und Wühltätigkeit von 100 höheren Offizieren der USA in Santiago.
27.9.:  Reaktion verübt serienweise Bombenanschläge in Santiago.
29.9.:  CIA-Vertreter koordiniert mit Vizepräsidenten des ITT-Monopols 5-Punkte-Plan zur Sabotage der chilenischen Wirtschaft.
30.9.:  Chilenische Großgrundbesitzer treiben zur Störung der Fleischversorgung  200.000  Stück Rindvieh über die Grenzen.
8.10.:  "Patria y Libertad" konspiriert mit ehemaligem Brigadegeneral Roberto Viaux gegen die UP.
16.10.:  ITT-Monopol will Militärputsch durch Brigadegeneral Viaux unterstützen.
20.10.:  ITT-Aufsichtsratsmitglied McCone bietet der CIA bis zu einer Million US-Dollar zur Verhinderung der Wahl Allendes zum Präsidenten.
22.10.:  General René Schneider, der UP-treue Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte, wird durch Rechtsextremisten tödlich verletzt.
23.10.:  ITT-Monopol bezieht den Sicherheitsberater der Nixon-Regierung Henry Kissinger, in die antichilenische Subversion ein.
26.11.:  Präsident Richard Nixon erklärt, er werde für "einen harten Standpunkt gegenüber dem Allende-Regime eintreten".
22.12.:  Reaktionäre organisieren Streik der Santiagoer Müllabfuhr um 70 Prozent Lohnerhöhung.

1971
Januar:  Chilenische Reaktion verstärkt mit ihren Rundfunksendern (50 Prozent) und Presseorganen (70 Prozent) ihre Hetze gegen die UP-Regierung.
10.1.:  Oberster Gerichtshof Chiles beginnt mit juristischer Begünstigung von UP-Gegnern.
15.1.:  Mordanschlag auf Präsident Allende wird verhindert.
2.2.:  "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ruft in der Bundesrepublik Deutschland zum Boykott des Chile-Kupfers auf.
3.3.:  Mordanschlag auf Präsident Allende auf einer Großkundgebung.
15.3.:  Sprengstoffanschlag auf Präsident Allende.
April:  US-Präsident Richard Nixon droht in einem Interview: "Wir dulden diese Art von Regierung des Marxisten Allende nicht."
8.6.:  Ehemaliger Innenminister Edmundo Pérez Zujovic wird von Extremisten ermordet.
16.6.:  23 Konterrevolutionäre werden des Mordkomplotts an General Schneider überführt.
Juli:  Chilenischer Expräsident Frei kehrt aus den USA zurück und aktiviert die reaktionäre Parlamentsopposition. Die in Chile enteigneten USA-Monopole Anaconda, Braden Copper und Kennecott Copper setzen in den USA Beschlagnahme chilenischer Bankguthaben und chilenischer Kupferlieferungen in NATO-Staaten Westeuropas durch.
3.8.:  USA sperren Chile Kredite und Ersatzteillieferungen und drängen  13  weitere kapitalistische Hauptgläubigerstaaten Chiles, den "Club de Paris", zur Kreditsperre.
September:  Reaktionäre Parlamentsopposition blockiert progressive Steuerregelung der UP-Regierung.  BRD stoppt vereinbarte "Entwicklungshilfe" für Chile.
1.10.:  ITT-Konzern legt nach Beratung mit Peter Peterson, Alexander Haig und anderen führenden Vertretern der USA-Regierung einen 18-Punkte-Plan zum Sturz der Regierung des Präsidenten Allende vor.
16.11.:  "Patria y Libertad" geht zu Anschlägen auf die Moneda und auf Bildungseinrichtungen über.
26.11.:  Reaktionäre Aktionen in Valparaiso und Attentatsversuch auf Innenminister Jose Toha.
3.12.:  Reaktion organisiert "Kochtopf-Demonstration" in Großstädten.  Zwei konterrevolutionäre Rundfunksender werden verboten. Ausnahmezustand in Provinz Santiago. Brandstiftung im Büro des Gesundheitsministers Dr. Concha. Einbruchsversuche im Sitz des Kommunistischen Jugendverbandes und in das Gebäude der Radikalen Partei (UP).
10.12.:  Viermalige Verfassungsverletzung und Zunahme der Obstruktionspolitik der reaktionären Parlamentsopposition.

1972
19.1.:  Präsident Nixon gibt Bildung der antichilenischen "Interinstitutionellen Sondergruppe" unter Staatssekretär John N. Irvin beim US-Rat für Internationale Wirtschaftspolitik bekannt.
20.1.:  Reaktionäre Parlamentsopposition zwingt UP-Regierung zum ersten Rücktritt. Durch konterrevolutionäre Obstruktionspolitik wird Präsident Allende bis 1973 zu insgesamt 22 Kabinettsumbildungen gezwungen.
Februar:  Kennecott-Kupfermonopol der USA setzt mit New Yorker Bundesgericht Sperrung der Konten der chilenischen Zentralbank, der chilenischen Fluggesellschaft, der Bergwerksgesellschaft, der Stahlwerke und der Entwicklungsbehörde Chiles in den USA durch. Anaconda-Konzern stoppt Ersatzteillieferungen für chilenische Kupferminen.
19.2.:  Reaktionäre Parlamentsopposition verhindert durch Verfassungsmanipulation Gesetzentwurf zur Nationalisierung beziehungsweise Halbverstaatlichung von 91 weiteren in- und ausländischen Großbetrieben.
10.3.:  USA-Botschafter in Chile, Nathaniel Davis, meldet an State Department als Spionageergebnis, dass "die Verschwörertätigkeit in den Kreisen der Militärs ein viel größeres Ausmaß angenommen hat".
21.3.:  "Washington Post" enthüllt antichilenisches Putschkomplott des ITT-Monopols mit der CIA.
24.3.:  Chilenischer Major Arturo Marshall hat Attentat auf Präsident Allende vorbereitet und entzieht sich durch Flucht nach Bolivien der Festnahme. Als Organisatoren eines Putschversuchs der "Patria y Libertad", die eine Militärrevolte auslösen wollten werden verhaftet: Rodriguez, Pérez, Thieme, Ex-General Alberto Grin und die Offiziere Fernando Nierald und Adolfo Balas. Der Putschplan sah die Erstürmung der Moneda vor.
Mai:  Innenminister Hernán del Canto weist vor dem Kongress dokumentarisch den Putschversuch von "Patria y Libertad" sowie der CIA nach.
Juni:  Reaktionäre Parlamentsopposition fordert Reprivatisierung der verstaatlichten Großunternehmen.
August:  Straßenterror und Sabotageakte faschistischer Kräfte in Concepción.
11.9.:  CIA-Agenten begehen Attentat auf Präsident Allende, das aber scheitert.
17.9.:  Chilenische Sicherheitsorgane gelangen in den Besitz des konterrevolutionären "September-Plans", nach dem Straßentumulte, Terrorakte und Diversionen gegen die chilenischen Streitkräfte organisiert werden sollten.
12.10.:  Transport- und Versorgungssabotage durch Fuhrunternehmerstreik. Wirtschaftlicher Schaden in Höhe von 200 Millionen Dollar entsteht. Ausnahmezustand in Santiago und einigen Provinzen.
20.10.:  Reaktion sabotiert innerstädtischen Verkehr in Santiago.
27.10.:  Konterrevolutionäre Straßenaktionen zwingen UP-Regierung, Panzer einzusetzen.
November:  Konterrevolutionäre Militärkreise Chiles beginnen mit planmäßigen Putschvorbereitungen.
Dezember:  Wirtschaftskrieg der USA auf Kupfermärkten führte zwischen 1970 und 1972 für Chile zu Einnahmeverlusten von  500  Millionen US-Dollar.  Die CIA hat bereits  1.500 Agenten, die meist aus Tarnungsgründen keine USA-Bürger sind, nach Chile eingeschleust.

1973
21.3.:  "Patria y Libertad" bereitet mit "Operation SACO" groß angelegte Wirtschaftssabotage und Massenterror gegen Unidad Popular (UP) vor.
27.3.:  CIA und chilenische Reaktion wiegeln in der staatlichen Kupfermine El Teniente Teile des ingenieurtechnischen Personals zu einem 75 Tage dauernden Streik auf.
4.4.:  Die Bundesrepublik Deutschland sperrt der UP-Regierung die Auszahlung eines zugesagten  45-Millionen-DM-Kredits.
28.4.:  Bewaffnete Provokationen und Massenterror in chilenischen Städten, zahlreiche Verletzte.
Mai:  Seit August des Vorjahres werden sieben Attentate auf Minister der UP-Regierung, regierungstreue Militärs und UP-Funktionäre registriert.  19 Kommunisten, Gewerkschafter und Sozialisten wurden in diesem Zeitraum ermordet.
21.6.:  Reaktion wiegelt bürgerliche Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Ladeninhaber, Techniker und Juristen zu Streiks auf.
25.6.:  Von dem 15-Millionen-Dollar-Militärhilfevertrag der USA für die chilenischen Streitkräfte für das Jahr 1973 wurden bisher moderne Waffen für  10 Millionen US-Dollar geliefert.
29.6.:  Putschversuch des in den USA ausgebildeten Oberstleutnants Roberto Super mit  100 Offizieren der  2. Panzerdivision in Santiago.  22 Tote bei Niederschlagung des Putsches.
Ende Juni:  Beim  CIA-Agenten und "Patria y Libertad" - Funktionär Manuel Fuentes wir in Santiago die Kopie des  CIA-"Plans Centaurn" gefunden.
26.7.:  Beginn des 40-tägigen Boykotts der UP-Regierung durch  45.000 LKW-Besitzer; systematische Transport- und Versorgungssabotage. Finanzierung durch die CIA mit  1,2 Millionen US-Dollar. In USA ausgebildeter CIA-Agent und Organisator des Streiks Leon Vilarin entzieht sich der Verhaftung.
27.7.:  Allendes Chefadjutant Kapitän zur See Arturo Araya wird Opfer eines Attentats mit Maschinenpistolen.
28.7.:  Etwa 100 chilenische Faschisten überfallen General Carlos Prats und stecken seinen Dienstwagen in Brand.  General Prats verteidigt sich und entkommt den Attentätern.
Juli/August:  CIA-Agenten und chilenische Konterrevolutionäre verüben 632 Sabotageakte und Attentate.  Störung der Energieversorgung durch Sprengung zahlreicher Hochspannungsmasten. Sabotageakte gegen 40 Eisenbahnanlagen, 16 Tankstellen. 10 Brücken und 2 Pipelines.  Ermordung des Sekretärs des UP-treuen LKW-Eignerverbandes Oscar Balbao.
August:  Zahl der in Chile eingesickerten CIA-Agenten hat sich gegenüber Januar verdreifacht. Verschwörung von zwei konterrevolutionären Marineeinheiten wird aufgedeckt. Wilde Streiks der Mediziner und Einzelhändler werden von der Reaktion intensiviert.
3.8.:  Bus- und Taxibesitzer werden in den Streik einbezogen und betreiben Transportsabotage.
15.8.:  UP-Abgeordnete fordern die Ausweisung des USA-Botschafters in Chile, Nathaniel Davis, "wegen seiner Versuche, Präsident Allende zu stürzen".  Davis wird die persönliche Leitung von CIA-Sabotageakten dokumentarisch nachgewiesen.
21.8.:  Reaktionäre Offiziersfrauen überfallen mit "Marsch der leeren Töpfe" den Wohnsitz des Armeeoberbefehlshabers General Prats, weil dieser Armeefahrzeuge für Lebensmitteltransporte einsetzen ließ.
23.8.:  Reaktion zwingt UP-treuen Armeeoberbefehlshaber General Prats zum Rücktritt.  Sicherheitsorgane nehmen  18 Terroristen der Nationalpartei und von "Patria y Libertad" fest, die Sprengstoffattentate vorbereitet hatten.
24.8.:  Reaktionäre Offiziere geben Befehl, 200 staatliche Betriebe, UP-Parteibüros und Gewerkschaftszentralen nach Waffen zu durchsuchen. Dabei werden mehrere Arbeiter erschossen.
28.8.:  Allende wird in den etwa 1000 tagen seiner Amtszeit von der Reaktion das 22. Mal gezwungen, sein Kabinett umzubilden.
29.8.:  Chilenische Admiralität lässt in Valparaiso und Talcahuano über 100 linksgerichtete Matrosen verhaften und von der Militärpolizei foltern.
Ende August:  Der USA-hörige konterrevolutionäre General Augusto Pinochet übernimmt Oberbefehl über die chilenische Armee.
6.9.:  Reaktion desorganisiert mit Streiks Handel und Versorgung und ruft erneut die Bourgeoisie zum "Marsch der leeren Töpfe" auf.
7.9.:  Führer der "Patria y Libertad" kündigen Auslandskorrespondenten imperialistischer Staaten zwischen 7. und 11. September "große Ereignisse" an.  USA-Botschafter in Chile, Davis, fliegt nach Abstimmung mit Putschisten zur Berichterstattung nach Washington.
7.9.:  Putschisten-Luftwaffengeneral Gustavo Leigh schleust 150 als "Luftakrobaten Thunderbird" getarnte Piloten der US Air Force nach Chile ein, die dann für Terrorflüge der Putschisten bereitstehen.
8.9.:  USA-Außenminister Kissinger konferiert mit Botschafter Davis, der anschließend sofort nach Santiago zurückfliegt.  Im State Department der USA wird die koordinierende "Arbeitsgruppe Chile", in der die CIA vertreten ist, aktiviert. Unter dem Vorwand der Teilnahme an gemeinsamen Flottenmanövern "Operation Unitas" mit den USA mobilisiert die chilenische Admiralität putschvorbereitend die Kriegsmarine.
9.9.:  USA-Präsident Richard Nixon wird über chilenischen Putschtermin in Kenntnis gesetzt.
10.9.:  Fünf Kreuzer und Zerstörer der chilenischen Kriegsmarine laufen zum Treffen mit USA-Flottenverbänden vor Chiles Küste aus. Die Putschisten verhaften nachts UP-treue Generale und Admirale, wie die Heeresgenerale Pickering, Urbina und Sepulveda, den Luftwaffengeneral Bachelet und den Oberkommandierenden der Marine Admiral Montero.  General Prats wird unter strenge Haft gestellt und später des Landes verwiesen. UP-treue Offiziere und Mannschaften werden erschossen.
11.9.:  Drei Zerstörer und ein U-Boot der US Navy kreuzen 60 km vor der chilenischen Hafenstadt Talcahuano.  Die an der "Operation Unitas" teilnehmenden chilenischen Kriegsschiffe laufen als konterrevolutionärer Sturmverband zur Besetzung in Valparaiso ein.
UP-Volksregierung wird durch Militärputsch gestürzt, Präsident Allende ermordet und in Chile eine faschistische Militärdiktatur errichtet.







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