Aus den Errinnerungen von Max Brym


Max Brym

01.12.13
InternationalesInternationales, TopNews 

 

von Agron Sadiku

Max Brym - Begegnungen mit Hysen Tërpeza, Jusuf Gervalla und Enver Hoxha von Agron Sadiku

Der Herausgeber von Kosova-Aktuell Max Brym, genießt den Ruf ein bunter Vogel zu sein. Herr Brym lebt in Mün- chen und ist oft in Prishtina.
Im Frühjahr kommenden Jahres erscheint eine autobiografische Skizze des Lebens von Max Brym. Wir dokumentieren Auszüge aus dem Werk, welches noch nicht lektoriert ist.

Der Auszug erscheint uns deshalb wichtig, weil an dieser Stelle Begegnungen mit so unterschiedlichen Personen der Zeitgeschichte wie Hysen Terpeza, Jusuf Gervalla und Enver Hoxha erwähnt sind.

Agron Sadiku

Dokumentation - Kosova und Albanien in Waldkraiburg- Aus dem Buch: „Es begann in Altötting“

Nach 1945 entwickelte sich aus dem Aussiedlerlager Pürten die Gemeinde und dann die Stadt  Waldkraiburg. Hauptsächlich Menschen aus dem ehemaligen Sudetenland und aus Schlesien  ließen sich hier nieder. Ab Anfang der fünfziger Jahre kam ein Schwung von Albanern aus Kosova,  Albanien und Mazedonien in die neue Gemeinde. Diese landeten nicht zufällig hier. Bis Ende der  vierziger Jahre beschäftigte die US­ Armee viele ehemalige Nazikollaborateure und Ballisten (Balli  Kombetar) in verschiedenen US Kasernen in Bayern. Diese Leute wurden in der Nähe von  München ausgebildet, um anschließend via Italien als Fallschirmspringer über Albanien abgesetzt zu werden. Dort sollten sie Basislager bilden und den Kampf gegen das neue antikapitalistische Regime unter Enver Hoxha, in Albanien aufnehmen. Ab Ende der vierziger Jahre wurden die Aktionen weitgehend sinnlos. Die albanischen Abwehrkräfte schossen die Diversanten ab, oder verhafteten sie. Die US­ Basis in Neubiberg brachte diese Leute dann relativ konzentriert im neu entstehenden Waldkraiburg unter. Hier bildeten sie verschiedene Clubs. Im Lauf der Zeit wurden diese Herrschaften natürlich älter. Es bildeten sich verschiedene Gruppen.

Auf der einen Seite – offene Nazikollaborateure­, Königsanhänger ( Zogisten)­ und Anhänger von Hysen Terpeza aus Kosova, welcher die meiste Zeit in New York lebte. Sein Bruder und ein Teil seiner Familie lebten ständig in Waldkraiburg. Hysen Terpeza war ungefähr 3 Monate pro Jahr in Waldkraiburg. Die Anhänger von Terpeza distanzierten sich zunehmend von dem offen antikommunistischen Flügel in der Emigration. Hysen Terpeza selbst war in den vierziger Jahren ein wichtiger Kommandeur der ballistischen Formationen in Kosova. In dieser Zeit verfolgte Terpeza ein nationalistisches Konzept. Er bekämpfte die Partisanen, auf der anderen Seite hielt er aber auch Distanz zu den kosovarischen Kollaborateuren. Der Widerstand gegen den serbischen Nationalismus in Kosova wurde spätestens ab den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts,von links her geführt. Es entstanden in Anlehnung an Enver Hoxha „marxistisch­ leninistische„ Gruppierungen in Kosova und in der Emigration. Diese Entwicklung ging auch an Waldkraiburg nicht vorbei. Viele sogenannte Gastarbeiter aus Jugoslawien waren Albaner aus Kosova und Mazedonien. Auch in Waldkraiburg gab es Anhänger der „Bewegung für eine albanische Republik in Jugoslawien“. Der Albaner Nesa von der „Roten Front“ (Front i Kuq) nahm 1980 engeren Kontakt mit mir auf. Er empfahl mir vorsichtig gegenüber Terpeza zu sein. Er meinte aber auch: „Der Alte bekämpft uns nicht mehr, es kann nicht schaden wenn du mit ihm sprichst.“ In Kosova wurde die Situation im Jahr 1981 immer explosiver. Im April 1981 kam es in Kosova zu Massendemonstrationen gegen die ökonomische und politische Benachteiligung der Albaner. Die Demonstranten forderten eine Republik und mehr von dem Rohstoffreichtum Trepzas mit seinem Zentrum in Mitrovoca.. Die damalige Staatsführung in Jugoslawien schlug den Aufstand gewaltsam nieder. Offiziell gab es dabei 9 TOTE tausende verschwanden in den Gefängnissen Jugoslawiens. Auch in der Emigration kam es zu massiven Protesten. Ich reiste damals zu Demonstrationen nach Genf, Strassburg, Stuttgart und München. Diese Reissen führte ich auch im Auftrag des Arbeiterbundes durch. Dabei vermittelte mir Nesa Gesprächstermine mit den führenden Personen der linken albanischen Emigration. Ich traf mehrmals Jusuf Gervalla, seinem Bruder Bardhosh Gervalla und Kadri Zeka. Jusuf Gervalla war ein ruhiger und sehr gebildeter Mann. Er betonte in den Gesprächen, dass es ihm nicht darum gehe, das serbische Volk zu bekämpfen. Sein Bruder Bardosh ergänzte: "Das serbische Volk kann nur frei sein wenn es keine anderen Völker unterdrückt.“ Kadri Zeka war eher laut und sehr selbstbewusst. Er bezeichnete sich als Marxist­-Leninist und nannte Enver Hoxha „unseren großen proletarischen Führer“. Im Januar 1982 wurden alle drei Nachts in Untergruppenbach bei Heilbronn von jugoslawischen UDBA Agenten erschossen. Die deutsche Presse schrieb über „Differenzen im kriminellen Milieu“.

Diese Darstellung erfolgte wieder besseres Wissen. In der damaligen Zeit gab es ausgezeichnete Beziehungen zwischen der BRD und Jugoslawien. Selbstverständlich nahm ich an der Beerdigung der drei Genossen in Stuttgart teil. Eine der Trauerreden hielt Ibrahim Kelmendi. Vor zwei Jahren publizierte Kelmendi in Kosova den Roman „Attentat“. Darin erhebt Kelmendi schwere Vorwürfe gegen heute führende Politiker in Kosova. In Interviews nannte er Namen von Leuten welcher seiner Meinung nach als albanische UDBA Agenten in das Attentat verwickelt waren. Die jugoslawische Propaganda behauptete damals, dass die Volksbewegung in Kosova „irredentistisch“ und „konterrevolutionär" sei. Die jugoslawische Propaganda schreckte vor keiner Lüge zurück.

An einem bestimmten Tag im Frühjahr 1982 warf irgendwer eine Bombe auf die jugoslawische Botschaft in Tirana. Dabei entstand geringer Sachschaden. Einige jugoslawische Zeitungen schrieben folgenden Unsinn: „Die albanischen Stalinisten haben geheim den Faschisten Terpeza nach Albanien eingeflogen. Dieser Naziterrorist warf die Bombe.“ Der angebliche Naziterrorist Terpeza saß nur an dem Tag an dem die Bombe geworfen wurde mit mir im Kaffe Wimösterer in Waldkraiburg. Er war damals schon weit über siebzig Jahre alt. Eine Gegendarstellung der jugoslawischen Pressemeldungen lehnte sowohl die 'Süddeutsche Zeitung' als auch der 'Spiegel' ab. Damit es zu keinen Missverständnissen kommt, ich war damals ein begeisterter Anhänger von Enver Hoxha. Bis heute habe ich sämtliche Werke von Enver Hoxha im Bücherschrank. Damals bemühte sich Albanien darum, als „Leuchtturm des Sozialismus in Europa“ dazustehen. Es gab „Radio Tirana“ nicht nur in deutscher Sprache. Alle Werke von Hoxha,aber auch Romane von Kadare und Agolli,, wurden ins Deutsche übersetzt. Albanien hatte den Anspruch das revolutionäre Zentrum in der Welt zu sein. Der Arbeiterbund dem ich angehörte war nicht die offizielle Bruderpartei der Partei der Arbeit Albaniens. Als Bruderpartei galt die KPD/ML. Dennoch gab es Beziehungen mit Albanien. Meine Hoxha­ Begeisterung wurde im Arbeiterbund nicht geteilt. Der Arbeiterbund berief sich auf die Mao Tse Tung Ideen, wohingegen Hoxha im Jahr 1978 China wegen der „Drei Welten Theorie“ angriff und dabei auch Mao scharf  attackierte. Der Arbeiterbund lehnte gleichfalls diese „neue chinesische Theorie“ ab,verteidigte aber gleichzeitig Mao Tse Tung. Die vulgärmarxistische „Drei Welten Theorie“ ging von den zwei Hauptfeinden der Menschheit, dem „Sowjetischen Sozialimperialismus“ und dem „US­-Imperialismus“ aus. Dagegen gelte es ein klassenübergreifendes Bündnis der zweiten Welt und der dritten Welt zu schaffen. Wir machten damals Witze über diese unsinnige Theorie. Ein Genosse sagte mir: “Vorwärts mit Strauß und Pinochet gegen Moskau und Washington.“ An dieser unsinnigen Theorie ging in Deutschland die Horlemann Semmler KPD und der KBW zugrunde. Später schafften es viele Figuren von KPD und KBW,aus der Generation 50 plus X wichtige Funktionen bei den Grünen und teilweise in der SPD zu übernehmen. Auch einige lange in Albanien lebenden „Kämpfer“ und „Übersetzer“ sind heute gefragte Balkanspezialisten in der bürgerlichen deutschen Presselandschaft. Besonders Joachim Röhm sei hier genannt. Dieser hundertfünfzigprozentige Ex­Stalinist, versuchte mich vor einigen Jahren anlässlich einer Debatte
mit Ismail Kadare in München als „unbelehrbaren Kommunisten“ abzustempeln. Meine Hoxha Sympathie erhielt im Jahr 1983 einen schweren Dämpfer, als Röhm noch brav in Reih und Glied in Tirana stand. Eine Delegation wurde von Enver Hoxha in Tirana empfangen. Unsere Delegation lauschte fünf Stunden lang den Ausführungen des „Genossen Hoxha“. Dabei rauchte Enver Hoxha eine  Zigarette nach der anderen und trank viel Kaffe mit viel Zucker. Plötzlich erschien gebeugt der spätere Antikommunist und albanische Ministerpräsident Sali Berisha, im Raum. Damals arbeitete er als Herzspezialist in der unmittelbaren Umgebung von Enver Hoxha. Schüchtern sagte Berisha: „Genosse Hoxha rauchen Sie nicht soviel und trinken Sie weniger Kaffe.“ Daraufhin fauchte ihn Enver Hoxha an: „Ich bin Marxist­-Leninist und ich habe bereits einen Artikel gegen dein medizinisches Gutachten geschrieben. Hau ab.“ Wie ein geprügelter Hund verließ daraufhin Sali Berisha den Raum. Mir stellten sich dabei , die Nackenhaare auf. Irgendetwas stimmte nicht im Staate „Dänemark­“ Albanien. Zurück in Deutschland suchte ich langsam nach einer linken Erklärung für die Deformation und die bürokratische Willkürherrschaft auch in Albanien. Ich begann systematisch die Werke von Leo Trotzki zu lesen. Meinen Genossen in München und Waldkranburg sagte ich davon kein Wort. Ich nahm weiter an Schulungen teil, in denen die Geschichte der KPDSU von 1938 gelehrt wurde. Öffentlich verteidigte ich weiter den Genossen Stalin und das „sozialistische Albanien“. Natürlich war dieser Loslösungsprozess vom Stalinismus nicht einfach. Dennoch ist es mir heute ein Rätsel wie man Meinungen ernsthaft nach außen transferieren kann, obwohl man selbst nicht mehr glaubt was man sagt. Ich kann mir diese Phase als Dr. Jekyll und Mr. Hyde nicht mehr erklären. Nun gut ich bin kein Psychologe und sicher setzte der Prozess in Richtung neuer Wahrheit nicht von heute auf morgen ein. Erst im Jahr 1987 brach ich mit dem Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD.

Max Brym


Dokumente Spiegel Artikel zu den Morden an Jusuf Gervalla-Bardosh Gervalla und Kadri Zeka
www.spiegel.de/spiegel/print/d-14338796.html

Zur Person Jusuf Gervalla:

www.google.de/imgres?biw=1239&bih=623&tbm=isch&tbnid=s_3GAFOn0jn1YM:&imgrefurl=

www.nrhz.de/flyer/beitrag.php%3Fid%3D11600&docid=olzcdDVWtPr-hM&imgurl
www.nrhz.de/flyer/media/11600/gervalla_gitarre01.jpg&w=440&h=329&ei=BWKYUvXSF6HgygPLkYGwDQ&zoom=1&iact=hc&vpx=132&vpy=197&dur=6028&hovh=194&hovw=260&tx=175&ty=113&page=1&tbnh=148&tbnw=193&start=0&ndsp=25&ved=1t:429,r:1,s:0,i:84







VON: AGRON SADIKU + MAX BRYM






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