Palästina


Bildmontage: HF

05.05.16
InternationalesInternationales, Debatte 

 

Von Karl Wild

Der Kampf um Jerusalem und Eretz Israel

Kein Konflikt auf diesem Planeten hat eine solche Medienpräsenz wie der zwischen Israel und den Palästinensern und zu keinem Konflikt wird so leidenschaftlich Position in den Medien bezogen. Vor allem antijüdische Ressentiments bezichtigen den Zionismus als den Schurken im Konflikt um den Nahen und Mittleren Osten. Die Solidarät mit den Palästinensern geht bekanntlich hin bis zur Aufforderung, den jüdischen Staat Israel zu vernichten,

Angesichts der deutschen Geschichte fällt eine Positionierung sehr schwer oder sollte zumindest schwer fallen. Die Überzeugung, dass auf Grund des Holocaust Deutschen verwehrt sei, als Oberlehrer im israelisch-palästinensischen Konflikt zu agieren, hat starke Argumente für sich und eine Zurückhaltung ist durchaus angebracht. Speziell gilt dies für die unsäglichen Versuche, die Politik Israels und den Zionismus in die Nähe des Faschismus zu stellen. Jeder Vergleich solcher Art verbietet sich zu Recht, gerade für Deutsche! Darf deshalb eine Linke in Deutschland nur proisraelisch und prozionistisch sein und damit der Staatsraison folgen oder, wenn nicht, ihr Linkssein aufs Spiel setzen?

Zuerst zu den Fakten.

Auf der einzigen Landbrücke zwischen Afrika, hier am lebensspendenen Nil die Hochreiche der Pharaonen, und Eurasien, hier im Zweistromland von Euphrat und Tigris u.a. Babylon, inmitten von Wüstengebieten gelegen, Durchzug und Streitpunkt vieler Völker, umgibt das Gebiet des heutigen Palästina mit seinem Mittelpunkt Jerusalem und dem Tempelberg seit Jahrtausenden ein Mythos – Mythos vor allem des Zentrums von Weltreligionen wie Herrscherinterinteressen zu sein. Auch ich neige dazu, dass die gegenwärtigen Krisenkomplexe letztlich ihren Ausgangs- wie Endpunkt in Jerusalem haben, dies vorweg!

Nur einige 10.000 qm groß , dabei zunehmend wieder stark besiedelt, wobei den drei großen Volksgruppen – Juden, Moslems und Christen – im Laufe der Geschichte unterschiedliches Gewicht zu kam, war Palästina Teil des römischen Weltreiches. 66 - 73 unserer Zeitrechnung wurde der jüdische Aufstand in der römischen Provinz Judäa niedergeschlagen und 70 der heilige Tempel der Juden endgültig zerstört, die jüdische Bevölkerung entweder getötet oder wieder einmal in die Diaspora vertrieben. 638 wurde in Gefolge der Ausdehnung der moslemisch gewordenen Beduinenstämme Jerusalem erobert und auf dem Tempelberg 691 das drittwichtigste Monument und die zweitwichtigste Pilgerstätte des Islam, der Felsendom (al-Aqsa-Moschee 705) errichtet. Im Gefolge der christlichen Kreuzzüge zur Eroberung des Morgenlandes (Orient) entstand 1099 das kurzlebige Königreich Jerusalem, welches 1187 durch den Sunniten beendet wurde. 1291 ging mit Akkon im nördlichen Palästina der letzte Außenposten der Kreuzfahrer verloren. Ab 1516 gliederten die osmanischen Türken für 400 Jahre Palästina - in dem Anfang des 19. Jahrhunderts nur etwa 300.000 (!) Menschen lebten, 90 % von ihnen waren muslimische Araber, 7.000 bis 10.000 Juden und 20.000 bis 30.000 christliche Araber - und Jerusalem ins Osmanische Reich ein, welches im Gefolge des Ersten Weltkrieges unterging.

Angesichts des Antisemitismus in Europa des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurde von jüdischer Seite, dem aufkommenden Zionismus, gesponsort durch Baron Rothschild, die Auswanderung nach Palästina für „das Volk ohne Land“ (die in der Diaspora verfolgte Juden) in „das Land ohne Volk“ (dem kaum besiedelten Palästina) gefordert. 1881, zu Beginn der jüdischen Einwanderung lebten 457.000 Menschen in Palästina. 400.000 waren Muslime, 20.000 Juden und 42.000 – meist griechisch-orthodoxe – Christen. (vgl. diverse Stichworte bei de.wikipedia.org)

Der Sieg der Briten im Nahen und Mittleren Osten führte ab 1917 zu einer Neuordnung und Aufteilung der Region als Mandatsgebiete der damaligen führenden Mächte GB (1920 von Palästina) und Frankreich (analog Syrien). In mehreren Immigrationswellen erhöhten die Juden ihren Bevölkerungsanteil im Mandatsgebiet gegen wachsenden Widerstand der arabischen Bevölkerung. Im beginnende Zweite Weltkrieg bedrohte das Deutsche Afrikakorps (mit italienischen Bundesgenossen) 1942 von El Alamein( Ägypten) aus die Abwehrfront des britischen "Empire"; auch dank 27.500 jüdischer Soldaten aus Palästina konnte die dt./it. Front zerschlagen werden. Ab 1945, unter dem Eindruck der Shoa, ging der jüdische Widerstand gegen die britischen "Besatzer" immer militanter, sprich terroristisch vor und versuchte, möglichst viele Juden ins Land zu bringen. Im Gefolge der allgemein beginnenden Entkolonialisierung schlug im April 1947 die UNO für Palästina die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staats vor. Der Teilungsplan wurde am 27.11.1947 durch die Generalversammlung mit 31:13:10 Stuimmen mit Zweidrittelmehrheit angenommen; Jerusalem sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden. 1948 eskalierten die Kämpfe zwischen dem am 14.05.1948 ausgerufenen jüdischen Staat - es kam zu Massakern an der arabisch-palästinensischen Bevölkerung - und den Israel zu vernichtend trachtenden arabischen Truppen und Staaten. 750.000 Palästinenser wurden vertrieben oder flohen traumatisiert (an-Nakba) in die Nachbarländer. Israel positionierte sich im Kalten Krieg zuerst auf Seiten Frankreichs und Englands (Suez-Krieg 1956) und später als wichtigster Verbündeter der dem neuen "Empire" vorstehenden USA (1967 Annexion Ostjerusalems, der Golan-Höhen, von Gaza und der Sinai-Halbinsel, des Westjordanlandes).

1964 wurde die PLO gegründet und unter Jassir Arafat zu dem Gegenpol Israels, das es auch mit terroristischen Mittel zu vernichten galt. Verkompliziert wird die Lage durch permanente Kriege in den letzten Jahrzehnten (Libanon, Gaza-Streifen) und durch Millionen palästinensischer Flüchtlinge in den arabischen Staaten, durch jüdische Siedlungen im Westjordanland, deren Einzäunung durch eine Mauer einen lebensfähigen palästinensischen Staat verhindert. Die seit Jahrzehnten anhaltende Gewalt zwischen den Konfliktparteien blockiert bisher einen rational erforderlichen Friedensprozess, dessen Anläufe bis heute scheiterten (siehe Intifada 1 – 3). Sowohl die immer stärker werdenden Rechten in Israel und der wachsende Einfluß von Hamas, Hizbollah und IS bedingen sich gegenseitig und stehen für die Unmöglichkeit der Rückkehr zu einem wie auch immer geformten neuen Osloer Friedensprozess (Zwei-Staaten-Lösung). Dies ist allerdings nur meine Meinung!

Politische Ein- und Ausblicke

Große Teile der weltweiten Linken, antiimperialistisch und antizionistisch im Selbstverständnis, ergreift seit den 60er Jahren einseitig Partei für die „palästinensische Sache“. In Deutschland formierte sich einerseits gegen diese Haltung Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die sogenannte „antideutsche“ Strömung, die die Linke des Rassismus und Antisemitismus bezichtigt und ihr daraus begründet das Linkssein abspricht. Die Kritik an Israel kann nach dieser Position im Kontext der Geschichte immer nur einen völkermörderischen Antisemitismus befördern, der dem jüdischen Volk seinen Staat Israel das Existenzrecht abspricht. Andererseits wird der proisraelischen Argumentation hemmungslose Unterstützung einer „imperialistischen“ Gewaltpolitik vorgeworfen. Zionismus wird mit Rassismus gleichgesetzt und der Widerstand der Palästinenser - gleich welcher Form – gegen die international einhellig verurteilte Siedlungspolitik begrüßt. Der hoch emotional aufgelade Zündstoff Jerusalem mit Klagemauer und al-Aqsa-Moschee und das nicht einmal in Ansätzen ge- und bedachte Problem der fünf Millionen palästinensischer Flüchtlinge (bei etwa acht Mio Israels, davon 1,5 Mio arabisch stämmig; fünf Millionen Palästinensern im Gaza-Steifen und im Westjordanland und x-Mio zuwanderungswilligen Jüdinnen und Juden aus der "Diaspora") erfordert bei Weiterexistenz des Willen zur Vernichtung des Staates Israel – nicht nur beim IS – sowohl kleine als auch große (diplomatische) Schritte.

Kurzfristig ist nichts Gutes zu erwarten. Dennoch: Von allen arabisch-palästinensischen Parteien ist als erster Schritt die Anerkennung des Existenzrechts Israels in den Grenzen vor 1967 gefordert wie von Israel die Anerkennung der palästinensischen Vertretung des Westjordanlandes wie vom Gaza-Streifen. Mittelfristig könnte ein Weg der Aussöhnung beschritten werden, so wie er auch z.B. zwischen den einstigen Erbfeinden Deutschland und Frankreich möglich wurde und doch so lange Zeit als unmöglich erschien. Langfristig erforderlich scheint die Zurückdrängung und Überwindung sowohl des annexionistischen Zionismus und des religiös motivierten aggressiven Fundamentalismus durch eine gestärkte israelische Linke als auch des religiös begründeten Judenhasses von palästinensischer demokratischer Seite zu sein. Jeder Schritt in diese Richtung und die Anerkennung des Lebensrechts aller Menschen – fern von völkischen oder religiösen Konzeptionen – ist zu begrüßen. Eine Zwei-Staaten-Bildung, derzeit noch (!) von der Staatengemeinschaft favorisiert, vom Likud vehement abgelehnt, ohne Lösung der Flüchtlingsproblematik und der Siedlungspolitik, so ist zu befürchten, wird langfristig den Konflikt nicht beenden.

Die Schaffung eines gemeinsamen (Bundes-) Staates – Israel/Palästina mit der gemeinsamen Haupstadt Jerusalem – ist langfristig angesichts der Bedrohung durch den IS/Daesh/al-Qaida das Ziel in einer besseren Zukunft.

Basierend auf mehreren Aufsätzen der Jahre 2014-15; überarbeitet, aktualisiert und ergänzt Mai 2016



Leserbrief von A. Holbein zu Karl Wild ,,Der Kampf um Jerusalem und Eretz Israel - 06-05-16 14:33




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