Neuerscheinungen Literatur

27.01.23
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Matthew Perry: Friends, Lovers and the Big Terrible Thing. Die Autobiografie des FRIENDS-Stars - Deutsche Ausgabe, Lübbe, Köln 2022, 22 EURO (D)

Durch sein Mitwirken in der US-Kultserie FRIENDS in der Rolle des Chandler Bing erreichte der Schauspieler Matthew Perry Weltruhm. Erstmals erzählt er nun seine außergewöhnliche Lebensgeschichte und spricht offen über private Suchtkämpfe und darüber, was sich tatsächlich hinter den Kulissen der erfolgreichen Sitcom abgespielt hat.

Das Buch handelt meist von seiner Sucht, seinen Problemen und seinen beruflichen und privaten Stationen. Perry scheint weg von seiner Sucht zu sein, er berichtet offen darüber und schildert einige unappetitliche Erlebnisse und beschreibt, was in einem Süchtigen emotional vor sich geht. Der Aufenthalt in der Entzugsklinik und die Erfahrung, schon fast mit einem Bein im Grab gestanden zu haben, ist emotional sehr aufwühlend.

Heute kann er zu den Sachen stehen und sie wie andere prominente Süchtige wie Robbie Williams für sich persönlich einordnen. Außerdem versucht er auch persönliche Gründe für seinen Absturz zu finden wie die Trennung in seiner Jugend.

Er berichtet auch davon, dass seine Heiterkeit manchmal nur gespielt war, eine Art Maske, hinter der er sein wahres Ich verbergen wollte. Seine zahllosen Beziehungen und Teile seines Familien- und Freundeskreises hat er durch sein Verhalten verletzt, das wird er sich vorwerfen lassen müssen. Ob da seine Entschuldigung reicht, wird sich zeigen.

Die Einblicke in die Filmindustrie, seine Anfänge in Hollywood und Anekdoten zur Sitcom und den anderen Darsteller*innen gibt es auch, aber mit wesentlich weniger Platzanteil.

Hier wird ein ganz anderes Matthew Perry sichtbar. In seiner Rolle als Chandler Bing ist er der fröhliche, lockere Typ, in dieser ehrlich geschriebenen und teils schockierenden Autobiografie gibt es viel von seinem Innersten preis, beweist Reflexionsfähigkeit und einige Schlussfolgerungen über sein bisheriges Leben.


Buch 2

Ann Granger: Die Frau des Inspektors. Ein Fall für Lizzie Martin und Benjamin Ross, Lübbe, Köln 2022, ISBN: 978-3-7857-2822-2 21 EURO (D)

Ann Granger hat ein neues Buch im Genre „Historische Krimis“ in der Serie um Lizzi Martin und Benjamin Ross herausgebracht.

Das Subgenre des Krimis im viktorianischen Zeitalter ist derzeit beliebt wie nie. Davon zeugen der Erfolg der Jugendkrimi-Serie „Enola Holmes“ und die Reihe rund um „Inspector Swanson“. Oder auch Streaming-Serien und Filme wie „Carnival Row“ oder „The Alienist“, auch bekannte Autoren aus dieser Zeit und ihre Fälle werden wieder neu aufgelegt. Das Verlangen nach der so verstandenen „guten, alten Zeit“ und die Anfänge der weltberühmten britischen Kriminalliteratur scheinen die Gründe dafür zu sein.

Dieses Buch spielt im England des Jahres 1871 in der Provinz. Es wird teilweise aus der Sicht von Lizzie Ross und teilweise aus der Sicht ihres Mannes, Polizeiinspektor Ben Ross, erzählt. Lizzie und die Witwe ihres Patenonkels, Tante Parry, besuchen das Dorf Hampshire, das in dem früheren Buch „Eine sterbliche Neugier“ vorkam, um Urlaub zu machen.

Sie werden von dem wohlhabenden Landbesitzer Sir Henry Meager zum Abendessen eingeladen und am nächsten Tag wird der Grundbesitzer erschossen in seinem Bett aufgefunden. Ben Ross wird von Scotland Yard zur Untersuchung des Mordfalles geschickt. Das Dorf mit seinen abergläubischen Bewohnern präsentiert gleich viele Theorien und Verdächtige, denen nachgegangen werden muss. Währenddessen unterbricht Lizzy ihren Urlaub und konzentriert sich auf die undurchsichtige und zweifelhafte Vergangenheit des Toten, der sich nicht nur Freunde gemacht hat.

Die Charakterdarstellungen sind so lebendig geschrieben, so dass die Person in der Vorstellungskraft zu sehen ist. Tante Parry allein ist die Lektüre wert. Vielleicht kommt ein wenig zu viel Blutvergießen in dem Buch vor. Sonst ein lesenswerter Krimi mit einen tiefen Einblick in das viktorianische Zeitalter.


Buch 3

Leigh Bardugo: Wer die Hölle kennt, Knaur, München 2022, ISBN: 978-3-426-22718-2, 19 EURO (D)

Seit Jahrhunderten ziehen acht mächtige studentische Verbindungen der Elite-Universität Yale die Fäden hinter Politik und Wirtschaft – das neunte Haus jedoch überwacht die Einhaltung der Regeln. Denn die Macht der Verbindungen beruht auf uralter, dunkler Magie.

Zwar ist es Geisterseherin Alex Stern gelungen, im Auftrag des neunten Hauses eine Verschwörung auf dem Campus aufzuklären, doch dabei wurde ihr Mentor Daniel Arlington von einer Bestie verschlungen.

Dieses zweite Buch der Serie greift das Herbstsemester nach den Ereignissen des ersten auf. Alex Stern und ihre Vertrauten sind nicht von dem Tod von Daniel Arlington restlos überzeugt. Alex Stern gibt sich auch selbst eine Teilschuld für die Situation. Sie wollen eine Reise in das Innenleben der Hölle machen und ihn versuchen, dort rauszuholen. Nicht nur diese waghalsige Expedition steht an, es sind zwei Morde auf dem Uni-Campus geschehen, die aufgeklärt werden müssen.

Wie auch in beim Vorgängerband gibt es neben der Handlung viel Mythologie, düstere Geheimgesellschaften und atmosphärische Beschreibungen des Campuslebens als Hintergrundszenario. Der zweite Band lehnt sich auch im Wechsel der Zeitstränge am ersten Band an. Es geben zum Beispiel Rückblenden von Sequenzen zur Beziehung von Alex Stern und Daniel Arlington.

Die Handlung selbst ist meist spannend mit abflachendem und wieder ansteigenden Kurven. Es wird zwar oft eine düstere, morbide Stimmung verbreitet, dies ist aber Teil des Erzählstils. Leser*innen sollten sich auch darauf einstellen mit vielen Leichen, Ungeheuern und hässlichen Dämonen zu tun zu bekommen.

Nicht nur Horror und Phantasie sind Teil des Buches. Es zeichnet sich dadurch aus, dass gekonnt Magie in eine Alltagswelt eingewebt wird, und durch eine genaue Charakterisierung.


Buch 4

Maddie Mortimer: Atlas unserer spektakulären Körper, Hoffmann und Campe, Hamburg 2023, ISBN: 978-3-455-01516-4, 25 EURO (D)

Dies ist der vielfach ausgezeichnete Debütroman der britischen Autorin Maddie Mortimer.

Lia, ihr Mann Harry und ihre Tochter Iris sind eine normale Familie. Aber als eine plötzliche Diagnose jedes ihrer Leben zu entgleisen droht, betreffen die Geheimnisse von Lias Vergangenheit die Gegenwart und die Welt um sie herum beginnt sich schlagartig zu verändern. Das Familienleben ist nicht, was es mal war.

Lia wird mit 40 Jahren mit einem erneuten Krebsleiden konfrontiert. Der frühere Brustkrebs hat sich nun auf ihre Leber und Lunge ausgebreitet. Um dies in Details zu berichten, benutzt die Autorin einen Trick: Die Krankheit wird vermenschlicht. Der Krebs fungiert während des gesamten Romans in kleinen Episoden als Erzähler und unterbricht die aktuelle Geschichte und die Rückblenden in die Vergangenheit. Er ist sozusagen der Bösewicht des Romans, der nur danach strebt, Lias Körper zu erobern, also zu zerstören.

Im Verlaufe des Buches gibt es immer wieder Rückblenden auf Lias Vergangenheit und Menschen, die sie und ihre Werte geprägt haben und sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Dies geht von ihrer Mutter, die ihren Glauben auf Lia übertragen wollte, über ihre erste große Liebe bis hin zur Beziehung mit ihrem Mann Harry.

Dies ist die Geschichte des Lebens einer Frau, das von der Katastrophe einer Krankheit und dem Leiden angespannter Beziehungen durchdrungen ist. Das Buch hat eine hohe Intensität und einen bemerkenswerten sprachlichen Ausdruck, manchmal etwas übertrieben und theatralisch.

Die Struktur ist gewöhnungsbedürftig und etwas verwirrend. Die Dialoge sind manchmal unzusammenhängend, Zitate werden nicht als solche gekennzeichnet und Absätze werden auch nach Gutdünken gemacht.

Sicherlich werden Leser*innen, die eher eine tradierte Methode und Aufmachung gewohnt sind, damit ihre Schwierigkeiten haben, jedenfalls ist es dies ein experimentierfreudiger Versuch, mit Sprache, Perspektiven und Emotionen. Das Thema ist keine auch keine leichte Kost.

 

Buch 5

Christopher Isherwood: Begegnung am Fluss. Roman: Begegn Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-455-01301-6, 25 EURO (D)

Der 1986 verstorbene Christopher Isherwood einer der ersten literarischen Exponenten der Lesben- und Schwulenbewegung. Isherwoods letzter Roman ist eine fein gestrickte Auseinandersetzung mit fernöstlicher Mystik und darüber, was es bedeutet, jemandem Bruder zu sein.

In diesem Buch geht es um zwei Brüder, die unterschiedliche Lebensmodelle haben, und sich lange nicht begegnet sind. Dass dies nach langen Jahren in einem hinduistischen Kloster am Ufer des Ganges passiert, hätten sie sich die beiden Londoner Brüder passiert, auch nicht träumen lassen.

Zum einen ist da Oliver, der weltlichen materiellen Dingen entsagen will und seinem Lehrer Swami in ein Kloster folgt. Spiritualität, die Suche nach dem wahren Kern des Lebens und Idealismus zeichnen ihn aus.

Patrick ist das genaue Gegenteil. Er ist weltlich, besitzorientiert und hat es gelernt, sich als Verleger durchzusetzen und einen Namen zu machen. Patrick ist eher hedonistisch-individualistisch eingestellt, ein Yuppie westlicher Art, der gerne durch die Welt reist. Aber auch emotional abgehärtet, obwohl er verheiratet ist, hat er einen Liebhaber. Auch sonst nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau.

Unter dem Vorwand, zu verstehen, warum Oliver hinduistischer Mönch geworden ist, sucht er den Kontakt mit seinem Bruder. In Wahrheit geht es ihm darum, ihn von diesem Schritt abzubringen.

Das Gespräch zwischen den beiden entwickelt sich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, alten Kränkungen und fehlender Toleranz. Hier wird deutlich, warum die beiden so lange keinen Kontakt zueinander hatten. Deutlich wird aber auch, dass sie sich noch nicht so weit entfremdet haben, dass sie sich nichts mehr zu sagen hätten.

Hier prallen zwei Lebensentwürfe aufeinander, die sich auch in der Biografie Isherwoods finden. Das westliche Lebensmodell mit Erfolg, Besitz und Individualität versus Ruhe, Spiritualität und enthaltsames Leben.

Isherwood war früher Leiter eines Vedanta Centers, die Form der Auslegung der indischen Veden und des Hinduismus. Im Vedanta ist Gott grenzenloses Sein, grenzenlose Bewusstheit und grenzenlose Seligkeit. Das Wort für diese unpersönliche, transzendente Realität ist Brahman, der Göttliche Grund des Seins. Vedanta sagt aber auch, dass Gott ebenso persönlich sein kann, und in jedem Zeitalter menschliche Form annimmt. Diese Philosophie benutzt Isherwood mitunter als Hintergrund für seine Ausführungen über Sinn und Lebensführung, die durch die Worte der beiden Brüder den Leser*innen mitgeteilt werden.

Die Fragen nach Sinn und Lebensführung sind sehr aktuell, dagegen kommen einige Methoden Isherwood wie Briefe wie aus einer anderen Zeit, auch der geistige Hintergrund hat sich verändert. Der Leser ist immer zum Mitdenken gezwungen, was von den Briefinhalten wirklich stimmt oder nicht übertrieben wird, um den Schein zu wahren, Emotionen zu verschleiern oder nicht ausdrücken zu können. Überhaupt erweist sich der Autor als Meister der Erstellung von Psychogrammen der beiden Brüder.








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