Neuerscheinungen Comics und Kunst

24.02.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Barbara Drach-Hübler (Hrsg.): Wilhelm Drach Malerei 1970-2020, Hirmer Verlag, München 2021, ISBN: 978-3-7774-3714-9, 49,90 EURO (D)

Der österreichische Künstler Wilhelm Drach schafft Gegenwartskunst in alter Technik. Drach baut seine Farben aus mehreren lasierenden und opaken Schichten von Acrylfarben auf, um ihnen Intensität, Tiefe und zugleich Feinheit zu verleihen. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit legt er die Bedeutung auf die Formulierung des Bildes durch Farbe. Seine Ideen werden in vielen Arbeitsschritten umgesetzt, erscheinen jedoch als Bilder spontan und intuitiv. Der opulente Band, der gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erscheint, präsentiert die Facetten eines 50 Jahre währenden künstlerischen Schaffens.

Schon im Vorwort von Dieter Ronte wird das Charakteristische von Drachs Malerei deutlich gemacht.

Das Werk von Drach ist durchdrungen von Komplexität, Vielfalt, Widersprüchen ohne eigene Gesetzlichkeiten. Es ist Ausdruck einer humanen, nachdenklichen Existenz ohne theoretische und stilistische Regeln, die als Veränderungen der künstlerischen Phantasie Einschränkungen bewirken würden. (S. 9): „Er verbindet Direktheit mit Komplexität, Unmittelbarkeit mit Erfahrung, Spontaneität mit konzeptionellen Strukturen, Erfahrung (invenit) mit Wiederholung (incisit), Erfahrungen mit neuen Einordnungen. Der Betrachter erfährt eine andere spannende visuelle Verordnung von Welt.“ (S. 10) Drach vermeidet den Verlust an Mehrdeutigkeit oder Vielfalt.

Diese Bilder werden in einem langsamen Prozess hergestellt, das Problem der endgültigen Fertigstellung „wird quasi ein Kampf mit sich selbst und dem Bild oder dem Bild mit sich selbst, die den Künstler schon Anfang der achtziger Jahre begleitet.“ (S. 10)

Danach werden Drachs frühe Arbeiten von 1970 bis 1981 gezeigt.

In einem weiteren Essay von Dieter Ronte wird auf Drachs gemalte Denkmöglichkeiten eingegangen. Gemalte Denkmöglichkeiten bedeutet „das Auflehnen in Form einer Auseinandersetzung mit der Tradition (…), zugleich Infragestellung der eigenen Position und auch Situation, in dem Bewusstsein, dass Kunst als autonome Strömung eines Individuums sich mit äußerster Fragilität präsentiert (…).“ (S. 39) Drach ist „schöpferisches Kraftfeld, das zum Ausdruck drängt“ und eine Unabhängigkeit von gegenständlich und abstrakt betont. (S. 37)

Es folgen Drachs Arbeiten mit Figuren und Köpfen von 1980 bis 2001. Anschließend werden seine abstrakten Arbeiten von 1987 bis 2001 präsentiert. Danach beschäftigt sich Brigitte Borchhardt-Birbaumer mit den Mitte der 1990er Jahre entstandenen Diptychen, in sich zweigeteilten Farbfeldkombinationen. In den Gegensätzen sind Zusammenhänge vorhanden, die spannungsreiche Opposition folgt einer Kombination. Die Diptychen werden dann präsentiert. Dann folgt ein Essay über die Bildserien Drachs 2000-2001. Die schnell entstandenen Einzelstücke sind eine Befreiung von der formalen Strenge der Diptychen mit ihren haptisch-optischen Konfrontationen. Es findet ein Loslassen in Richtung Spontaneität, Emotion im Sinne einer malerisch-offeneren Fläche statt. Die Bildserien werden danach illustriert, dem folgen Köpfe von 2000 bis 2019.

Die 2006 entstandenen 30+30 cm Bilder, Collage und Acryl auf Leinwand, kommen dann an die Reihe. Weiter geht es mit Drachs Landschaftsbildern.

Für Clara Kaufmann zieht sich Drachs Vorliebe für Widersprüchlichkeiten wie ein roter Faden auf verschiedene Weisen durch sein Werk. Im Folgenden wird dies in ihrem Beitrag anhand der Bereiche Spontan/Plan, gegenständlich/ungegenständlich, Alte Meister/Neuer Anstrich analysiert. Zum Abschluss werden noch die zwischen 2002 und 2020 entstandenen Figuren Drachs abgedruckt.

Immer wieder zwischen den Kapiteln gibt es schwarz-weiß Aufnahmen von Drach bei der Arbeit in seinem Atelier.

Im Anhang findet man eine kurze Biografie, eine Auflistung von Arbeiten im Besitz öffentlicher und privater Sammlungen, eine Auswahl von Einzel- und Gruppenausstellungen sowie einen Index.

Dies ist wohl die ausführlichste Analyse mitsamt Werkverzeichnis über Wilhelm Drach, die die Entwicklungslinien seiner Kunst in 50 Jahren darstellt. Die am häufigsten auftretenden Themen in Drachs Malerei sind Frauenbilder, Köpfe und Landschaften. Es ist eine zeitlose, persönlich, reflektierte Malerei mit dem Hang zu Widersprüchlichkeiten und fehlender Eindeutigkeit. Leider fehlt eine ausführliche Biografie, die Verbindungen zwischen Leben und Werk hätte aufzeigen können.

Buch 2

Felice Fey: Verschwiegene Kunst. Die internationale Moderne in der DDR, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-422-98433-2, 48 EURO (D)

In der DDR gab es von Anfang an moderne Kunst und unabhängige Künstler, die sich nicht den politischen und ideologischen Ausrichtungen des Sozialistischen Realismus beugten, sondern diesen Horizont überschritten. Viele von ihnen lebten in existentiellen Schwierigkeiten, lebten ihre Kunst durch Rückzug ins Private oder wurden von dem herrschenden Kultur- und Kunstbetrieb ausgeschlossen oder verfemt. Diese Künstler stehen im Mittelpunkt dieser Studie über die internationale Moderne in der DDR. Chronologisch eingebettet in die Entwicklung der DDR werden exemplarisch Geschichten von Künstlern erzählt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Im ersten Teil geht es um Künstler, die sich an Picasso orientierten. Wie der im Erzgebirge lebende Carlfriedrich Claus, der durch den modernen Kunstkritiker Will Grohmann und dessen Vertraute Annemarie Zitz eine ästhetische Ausbildung neben dem offiziellen Kunstbetrieb bekam, dessen Bild-Sprache eine Sprache des Körpers und der Laute war. Oder Peter Graf, der in seiner Freizeit seine eigene unabhängige Malerei betrieb und der nach seiner Ausstellung „Junge Künstler“ in der Akademie der Künste in Ostberlin als „Modernist“ öffentlich angegriffen wurde. Genauso wie Hermann Raum, der den modernen Realismus Picassos lobte,.

Im nächsten Abschnitt geht es um die 1960er Jahre. Bildende Kunst abseits der Staatsdoktrin war dort sehr oft Grafik, Illustrationen von Neuausgaben klassischer Literatur und Buchtitel. Es werden die „Erfurter Ateliergemeinschaft“, ein halb-öffentlicher Kunstverein, der Ausstellungen organisierte und Mappen zusammenstellte, die Kunstbuchhandlung Engewald in Leipzig, die im Hinterzimmer Zeichnungen und Druckgraphik zeigte und die heimlichen Ausstellungen des Berlin Kunstkritikers Lothar Lang werden dort vorgestellt. Mitte der 1960er Jahre gab es auch eine sozialistische moderne Malerei mit den Vertretern Werner Tübke, Bernhard Heisig und Willi Sitte. Robert Rehfeldt und Ruth Wolf-Rehfeldt wirkten als Mail-Artistin, die ein Netz von künstlerischen Beziehungen im In- und Ausland unterhielten.

Anschließend wird Gerhard Altenbourg als Einzelner unter den Künstlern mit seinem zeichnerischen und malerischen Nachahmen der Natur, Hermann Glöckner als Künstler der Linien, Proportionen und Grenzen und die Auswirkungen des Wechsels zu Erich Honecker als Staatschef im Bereich der Kunst behandelt.

Der Gothaer Künstler und Theoretiker Kurt Waldfried Streubel eröffnet den nächsten Abschnitt, bevor der lange Schatten von Dissidenten wie Wolf Biermann in der Kunst gezeigt wird. Eine improvisierte Galerie in einem Hinterhaus am Prenzlauer Berg wurde am ersten Todestag Picassos im April eröffnet, die auch internationale Verbindungen pflegte. Bärbel Bohley stellte ihren Ausreiseantrag, 1979 fand im Dresdener Leonhardt-Museum die Ausstellung „Dezennien I“ statt.

Im nächsten Teil werden Ralf Winkler, alias, A. R. Penck, Mike Hammer oder Y, Gerd Sonntag und Günther Ullmann vorgestellt, die als Brüche zur bestehenden Ordnung gedeutet werden. Die Jahre vor der Wende bilden den Schlusspunkt. Künstler zogen sich zurück oder ließen sich auf Politik erst gar nicht ein, während andere in gestischer oder darstellender Aktionskunst ihren Protest zum Ausdruck brachten. Bärbel Bohley wurde ihrer Funktion im Künstlerverband enthoben und als Malerin und Graphikerin ausgegrenzt. Auch Gabriele Stötzer verweigerte sich den parteilichen Strukturen. Außerdem werden die Wiederentdeckung der Moderne durch den Ersten Leipziger Herbstsalon, „Intermedia“ im Clubhaus Coswig, die Ausstellung „Götzen, Ismen, Fetische“ im Berliner Dom und „Beuys vor Beuys“ in Ost-Berlin behandelt. Gabriele Muschter als Leiterin der Dresdener „Galerie Nord“ und die Kunstwissenschaftlerin forderten und begründeten eine weitere Anerkennung zeitgenössischer Kunst. Der letzte Kongress des Künstlerverbandes und die Eröffnung des Bauernkriegspanoramas kommen auch zur Sprache.

Die Zeit der Wende und die anschließende „Wiedervereinigung“ werden noch grob thematisiert. In einem Essay geht Hannes Schwenger noch auf Fritz Baust und die unter seine Leitung befindliche Künstlergruppe „Die Fähre“ ein.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis und ein Namensregister.

Diese ausführliche und kenntnisreiche Monografie wird immer wieder mit dem Zeitgeschehen und der Kultur- und Kunstpolitik der SED verknüpft, so werden Entwicklungslinien, Brüche und Protest gut sichtbar. Viele bildende Künstler, die sich an der zeitgenössischen Moderne orientierten, werden vorgestellt, wobei die Autorin keinen Anspruch auf eine vollständige Abbildung erhebt.

An einigen Stellen geht die Darstellung leider jedoch über die objektive Aufarbeitung hinaus und hat dann eher den Charakter von einer politischen Streitschrift zur Dämonisierung der repressiven Kulturpolitik der DDR.

Die Arbeit geht mit Recht über die reine Kunstgeschichte hinaus: Sie stellt mehr die Künstler selbst in ihrem Wirken außerhalb der Parteidoktrin in den Vordergrund, deren Werke werden zwar illustriert, bilden aber keinen Schwerpunkt.

Dies ist eher ein Überblickswerk mit Berücksichtigung vieler Quellen, an dem weitere Forschungen anknüpfen können und dann einzelne Künstler mit Werkverzeichnis ausführlicher darstellen können.


Buch 3

Pandemische Welt-Schau in Karikaturen, Benevento, Wals bei Salzburg 2021, ISBN: 978-3-7189-0129-4, 28 EURO (D)

Dies ist eine Sammlung von über 400 großformatigen Cartoons und Karikaturen über den Umgang mit der aktuellen Pandemie, Karikaturisten und Künstler aus der ganzen Welt und von allen Kontinenten beziehen Stellung zur COVID-19- Situation und kommentieren in Zeichnungen und Bildern das Zeitgeschehen. Sie setzen sich mit der Eigenart des Virus, der neuen Normalität in Krisenzeiten, den Verhaltensweisen der Menschen und den Vorschlägen zur Bekämpfung des Virus auseinander.

Das Hamstern von Klopapier, Todessymboliken, Homeoffice bei Mensch und Tier, Lockdown und Social Distancing bei Rapunzel, Jesus allein mit Maske beim letzten Abendmahl, Übervorsichtige mit Taucheranzug sowie die Auswirkungen auf Sport, Wirtschaft und Freizeit sind zu sehen. Kritisches über gesellschaftliche Missstände beim Wohnen, in der Fleischindustrie, Trumps Leugnung von wissenschaftlichen Fakten über das Virus und der verfrühte russische Impfstoff gibt es auch zu entdecken.

Das Virus als Abschreckung für Geflüchtete auf den Weg in die EU oder der bisweilen absurde politische Umgang von Merkel, Boris Johnson oder Trump mit dem Virus finden auch Erwähnung. Aber auch die Zeit nach Corona, wenn der Großvater im Rollstuhl von dem Klopapierkrieg in der Pandemie wird in den Blick genommen.

Es fällt auf, dass die kritische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien wenig zu finden ist.

Viele von den Zeichnungen und Bildern wurden in bekannten Zeitungen und Magazinen abgedruckt. Die Zeichnungen nehmen meist eine halbe oder ganze Seite ein, daneben steht der Name des Künstlern, das Jahr und ggf. die Übersetzung des textlichen Inhalts ins Deutsche.

Dies ist kein Buch, das sich über die weltweit Millionen Toten lustig macht, verharmlost oder pietätlos mit den Folgen des Virus umgeht. Hier steht der Umgang der Menschen mit dem Virus in allen Bereichen des Lebens im Mittelpunkt. Dabei zeigen sich die Karikaturisten kreativ, indem sie Szenen aus Märchen, der Kunst oder Film aufnehmen. Überspitzte Aussagen finden sich ebenso wie pointierte wie gesellschaftskritische kritische Blicke auf Verantwortliche wie ganz normale Personen. Sie halten den Lesern manchmal den Spiegel vor, entwickeln neue Perspektiven und zeigen: Auch in Pandemiezeiten sind humorvolle, aussagekräftige und gehaltvolle Karikaturen nichts ethisch Anstößiges.


Buch 4

70 Jahre Kunst am Bau in Deutschland, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2020, ISBN: 978-3-422-98617-6, 45 EURO (D)

Im Jahre 1950 wurde sowohl im Deutschen Bundestag als auch in der Volkskammer der DDR die obligatorische Beteiligung bildender Künstler*innen bei staatlichen Baumaßnahmen im In- und Ausland beschlossen. So sind in den letzten 70 Jahren zahlreiche Kunstwerke im Spannungsfeld zwischen Politik, Gesellschaft, Architektur und Stadtgestaltung entstanden. Kunst am Bau steht mit dem Bauwerk und dem Baugrundstück in einem besonderen Spannungsfeld. Der baubezogene Rahmen gibt klare Grenzen vor und ist gleichzeitig Herausforderung für eine freie künstlerische Gestaltung.

In dieser Jubiläumsschrift werden ausgewählte Kunstwerke vorgestellt, die die unterschiedlichen Aufgaben der staatlichen Institutionen divers in verschiedenen Zeiträumen widerspiegeln.

Die Schrift wird eingeleitet von drei Essays. Zunächst stellt Horst Bredekamp eine historische Hinführung der Kunst am Bau bis zum modernen Staat und ihre Bedeutung vor. Sigrid Hofer beschäftigt sich mit dem Kulturtransfer zwischen Ost und West in Zeiten des Kalten Krieges. Dabei stellt sie die emigrierten Künstler genauso dar wie jene, die mit Ausstellungs- und Berufsverbot belegt bzw. von der Stasi observiert wurden. Ebenso wird die Leipziger Schule mit Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer analysiert. Außerdem wird dargelegt, auf welchen Ebenen und mit welchen Intentionen der Eiserne Vorhang immer wieder durchbrochen werden konnte. Dies waren neben gegenseitigen Besuchen Museumangestellte, die ihre offiziellen Westkontakte zu informellen Treffen nutzten. Martin Seidel stellt im nächsten Essay Grundlagen und Absichten von Kunst am Bau in Deutschland, das Verhältnis von Kunst und Architektur und das neue Aufgabenverständnis von Kunst am Bau nach 1990, das sich weltpolitisch und auch den Bedingungen des Regierungsumzugs und der Nachnutzung historisch belasteter Gebäude stellen musste.

Anschließend folgen Beispiele von Kunstwerken am Bau, die in verschiedene Zeiträume und Themenbereiche geordnet sind. Dies beginnt mit der Kunst am Bau vom Zweiten Weltkrieg bis zum Mauerbau 1961, wo unter anderem das Deutsche Nationaltheater Weimar, der Deutsche Bundestag oder die Dynamo-Sporthalle in Ostberlin vorgestellt werden. Weiter geht es mit der Zeit von 1961 bis zur Wende, wo zum Beispiel das Staatsratsgebäude in Ostberlin, das Bundeskanzleramt in Bonn oder der Palast der Republik in der DDR präsentiert werden. Der Ausbau der neuen Hauptstadt Berlin nach der „Wiedervereinigung“ bietet die Beispiele des Deutschen Bundestages/Reichstagsgebäude in Berlin, des Bundesrates oder des Auswärtigen Amtes. Unter der Rubrik „Historische und inhaltliche Kommentare“ werden das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge oder das Stasimuseum in Berlin behandelt. Danach werden staatliche Institutionen und ihre Kunst wie das Haus des Lehrers in Berlin oder das Neue Gewandhaus in Leipzig vorgestellt. Militärische Institutionen wie die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg oder das Bundeswehrkrankenhaus in Ulm kommen dann an die Reihe.

Weiter geht es mit Kunst am Bau bei Auslandsbauten wie die Botschaft der DDR in Budapest oder die deutsche Botschaft in Helsinki. Der Weg von der Vergabe der künstlerischen Leistungen durch Wettbewerb bis zur Realisierung wird dann am Beispiel des Bundesinnenministeriums gezeigt. Pflege, Erhalt und Verlust von Kunst am Bau werden an den Beispielen des Robert-Koch-Instituts in Berlin oder am Kulturpalast Dresden demonstriert.

Zuerst gibt es immer eine Einführung zu den Entwicklungslinien und zeitlichen Hintergründen, danach werden die Projekte einzeln vorgestellt. Dies geschieht in der Regel auf zwei Seiten. Auf der einen Seite ist eine Abbildungen des Exponats zu sehen, auf der anderen gibt es eine textliche Beschreibung mit dem Namen des Künstlers/der Künstlerin und dem Titel. In einer Tabelle findet man noch die Adresse, Informationen zur Architektur, ggf. Wiederaufbau.

Im Anhang findet man noch ein Orts- und Personenregister der Projekte und den Bildnachweis.

Dies ist ein gelungener Überblick von Kunst am Bau in den letzten 70 Jahren mit vielen Hintergrundinformationen in den Essays. Spannend ist vor allem die Übernahme, Weiternutzung und Integration von DDR-zeitlicher Kunst am Bau und neuer Nutzungskonzepte nach 1990. Bei der Projektvorstellung hätte man noch einen Link hinzufügen können, wo weitere Bilder des Exponates zu sehen sind. Es lässt sich gut mit dem Werk „Kunst am Bau in der DDR“, auch im Deutschen Kunstverlag erschienen, kombinieren.


Buch 5

Hans Körner/Manja Wilkens: Séraphine Louis, 3. Auflage, Reimer, Berlin 2020, ISBN: 978-3-496-01547-5, 49 EURO (D)

Die künstlerische Autodidaktin Séraphine Louis (1864-1942) malte Stillleben und phantastische Blumenbäume, die sich zu Visionen des Paradiesgartens steigerten. Dieses Buch gibt einen umfassenden biografischen und künstlerischen Überblick und enthält ein Werkverzeichnis. Es erscheint gleichzeitig in deutscher und französischer Sprache.

Zuerst werden die Biografie und die künstlerische Entwicklung von Louis beschrieben. Sie durchlief keine künstlerische Ausbildung, arbeitete in der Kleinstadt Senlis nahe Paris in verschiedenen Berufen und begann mit Papierzeichnungen und der Schmückung von Gefäßen, Hutschachteln oder Platten mit gemalten Blumen und Früchten. Sie gab mit Ripolin in einem ersten Schritt ihren folgenden Gemälden einen farbigen Grund. Ihre Frühwerke orientierten sich an botanischen Illustrationen.

Durch Zufall sah der Kunsthändler Wilhelm Uhde die fertigen Exponate von Louis und verstand es, ihre Malerei zu würdigen. Im Jahre 1927 fand die Ausstellung des Amis des Arts de Senlis im Rathaus statt, Louis war vermutlich mit sechs Gemälden darin vertreten. Der Kunstliterat Louis Gillet entdeckte ihre Werke und machte sie in der Pariser Öffentlichkeit bekannt. Der Kontakt mit Wilhelm und Anne-Marie Uhde ließen in der Folgezeit ein einzigartiges und großartig künstlerisches Werk entstehen, die in dem kurzen Zeitraum von drei oder vier Jahren fertig gestellt wurden. Wilhelm Uhde sorgte dafür, dass die Aufmerksamkeit der Pariser Kunstszene auf Dauer blieb. Er sah in ihrer Malerei die „fromme Inbrunst des Mittelalter wiederentdeckt“. (S. 87)

1928 malte sie „Riesenbilder“, phantastische Bäume des Lebens, die das Wasser des Lebens überspannten, wie den „Paradiesbaum“ oder den „Roten Baum“, die heute in bekannten Galerien der Welt hängen. Das Paradiesische wird über die Imagination von tropischer Vegetation veranschaulicht. In ihrem Spätwerk trifft man auf metamorphotische Verfahren: „In den Spannung zwischen dem, was die Autodidaktin an künstlerischen Voraussetzungen mitbrachte, dem was sie an bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten erhoffte, um ihren hochgespannten religiösen Vorstellungen eine visuelle Entsprechung zu geben und dem Bildbegriff, der in Wilhelm Uhde verkörperten Avantgarde, ist das späte Werk der Séraphine Louis entstanden. Uhde bestärkte sie in ihrem Ehrgeiz, im wörtlichen und übertragenen Sinne große Bilder zu malen.“ (S. 105)

1932 fand in der Pariser Galerie Bernheim eine Ausstellung mit dem Titel „Les Primitifs Modernes“ statt, auf dem auch Werke von Louis zu sehen waren.

Das künstlerische Werk von Louis‘ und ihr Denken mündeten in apokalyptische Phantasien. Sie prophezeite, dass Sterne vom Himmel fallen würden und sie beschrieb ihre Rolle im apokalyptischen Geschehen. Das apokalyptische Finale, die große kollektive Angst und gleichzeitig die große kollektive Erlösungs- und Reinigungshoffnung der Christenheit fällt in ihr Sujet zurück. Sie wurde am 15. Februar 1932 in die Nervenheilanstalt von Clermont-sur-l’Oise eingewiesen und starb zehn Jahre später.

Danach folgt der Katalogteil, der ca. die Hälfte des Buches umfasst.

Im Anhang gibt es noch ein Werkverzeichnis, ein Literaturverzeichnis und ein Abbildungsverzeichnis.

Die Bilder vermitteln einen spontane, emotionale Ausdruck, die Verarbeitung von Gefühlen und Konflikten und eine tiefe Einsicht in die Persönlichkeit von Séraphine Louis. Die Art brut (rohe Kunst), ein von dem französischen Maler und Sammler Jean Dubuffet geprägter Sammelbegriff für autodidaktische Kunst von Laien, Kindern, Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung, wird hier nicht als Exponat einer malenden Putzfrau belächelt oder als primitiv abgetan, sondern ernstgenommen und gewürdigt.

Dies ist eine erste biografische Annährung, die auch Erkenntnisgrenzen und offene Fragen darstellt. Was natürlich noch fehlt, ist eine sorgfältig ausgearbeitete Rezeption nach ihrem Tod wie die vielen Ausstellungen und Beurteilung ihrer Kunst.


Buch 6

Paulina Stulin: Bei mir Zuhause, 2. Auflage, Jaja Verlag, Berlin 2020, ISBN: 978-3-947904-00-5, 35 EURO (D)

In diesem über 600 Seiten starken Comic-Roman geht es um die Zeichnerin selbst, ihr Leben um die 30 in einer Dachgeschosswohnung in Darmstadt. Sie erzählt ihren Alltag, ihre Wünsche und ihre Stimmungen aus einer subjektiven Perspektive. Sie lässt den Leser an verschiedenen Momenten und Auszügen aus ihrer Biografie teilhaben und man macht gemeinsam mit ihr Veränderungen durch.

Sie ist immer noch auf der Suche nach sich selbst und dem Leben, was sie führen möchte. In vielen Dingen probiert sie sich noch aus wie wechselnde Sexualpartner oder im Umgang mit Drogen. Es gibt auffällig viele wechselnde Stimmungen und Kontraste wie seitenlanges Diskutieren über aktuelle Themen und dann wieder weniger Sprechblasen und Momente des Sinnierens. An einigen Stellen ist sie mit ihrem Körper und ihrem Aussehen zufrieden, dann aber gibt es wieder Phasen des Rebellierens gegen Schönheitsideale und gesellschaftlichen Normierungen.

Dabei werden Stimmungsbilder offen ausgelebt: Freude auf einen bevorstehenden Urlaub, die eigene Wohnung als Gefängnis oder ihre Leiden nach einer durchzechten Nacht. Verliebt sein, Aggressionen, Trauer, Selbstmitleid und Zweifel an allem, das Scheitern an vorgenommenen Dingen. Mal werden bestimmte Dinge in rosaroten Farben wahrgenommen, dann erscheinen sie wieder düster und leer.

Alltägliche Sachen wechseln sich mit Höhepunkten des Weggehens ab, insgesamt aber lebt die Protagonistin ein für wohl viele wohlbekanntes Leben mit Selbstzweifeln, Fragen und Höhepunkten. Sie ist wie viele auf der Suche nach sich selbst und steht sich dabei oft im Weg. Paulina ist ein unvollendeter Charakter, was ihn auch sympathisch und realistisch macht. Die Gefühle sind ausdrucksstark gezeichnet, immer vorausgesetzt, es handelt sich um selbst erlebte Momente und keine fiktionalen.

Der Comic-Roman hat nur eine einzige Botschaft: Ich bin so wie bin.









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