Organisation - Von Avantgardepartei bis Organizing / Alexander Neupert-Doppler

02.01.22
KulturKultur, Organisationsdebatte, TopNews 

 

Buchbesprechung von Udo Hase

Nun ist es gewiss nicht der lohnenswerteste Job der Welt, Sachbücher über Politik zu schreiben, schon gar nicht, wenn sie die wichtigste Frage überhaupt thematisieren und erst recht nicht, wenn sie auch noch handwerklich seriös gemacht sind. Stärker belohnt werden „Aufreger – Bücher“, die ihre geringe Substanz mit Meinungsstärke ausgleichen. Gering ist die Substanz des Buches wahrlich nicht und mein persönlicher Geschmack ist mit dem Weglassen von lärmender Aufgeregtheit gut getroffen. Dafür gebührt Alexander Neupert-Doppler Dank.

Warum ich es für das „wichtigste Thema überhaupt“ halte, bedarf gewiss einiger Erklärung: Warum verändern Linke die Welt nicht, indem sie Wahlen gewinnen? Das müsste eigentlich längst geschehen sein, denn die Armutsberichte weisen objektiv aus, dass die Menschen in Deutschland den am anderen Ende der Vermögenstabelle angesiedelten obszön Reichen gegenüber zu einer gewaltigen Mehrheit gehören. Einer Mehrheit, die mit zunehmender Geschwindigkeit verarmt. Dass bemerken die am oberen Ende der berüchtigten Mittelschicht sicherlich weniger als die am unteren Ende dessen, was etwas beschönigend Prekariat genannt wird. Dort sind bereits bei den elementarsten Überlebensmitteln Einschränkungen bis hin zur völligen Verarmung hinzunehmen, also Wohnen, Mobilität, Bildung und dramatisch zunehmend, auch Nahrung. Hinzu kommt die historische Situation, dass erstmals in der Geschichte die ganze menschliche Welt von der gegenwärtigen Klassenpolitik zu Schanden gefahren wird, wenn man menschliche Zivilisation für einen wichtigen Teil der Welt hält.

Das wird sich in dieser Demokratie nicht mehr verändern, es sei denn … ja, es sei denn die Menschen würden sich organisieren und diesem verachtungswürdigen System den Kampf ansagen. Das ist, ganz offensichtlich nicht so einfach gemacht, wie es gesprochen werden kann und darum ist ein Diskurs darüber, wie es gehen könnte das „wichtigste Thema überhaupt“, zumindest für die betroffene Mehrheit.

Alexander Neupert-Doppler legt hier ein fundamentales Werk (mit vornehmlich nationalen historischen Bezügen) über die Historie des Organisierens zwecks politischer Einflussnahme vor.

Der Autor formuliert in seinem Vorwort („Die O – Frage“) selbst den Anspruch, über ein Jahrhundert der Erfahrung mit diesem Thema zu berichten – und das tut er, sehr informativ und immer aus der Perspektive der handelnden Organisatoren.

Die Struktur des Buches streicht einen Bogen über die klassischen Organisationsbegriffe, von Parteien, über Genossen- und Gewerkschaften zu Betriebsorganisationen, Bewegungen und Basisorganisationen und widmet schließlich der Vernetzung von Organisationen ein letztes Kapitel. Mit dieser Struktur lässt sich gut arbeiten. Insgesamt handelt es sich allerdings eher um in Werk zum Verstehen historischer Hintergründe und bisheriger Theorieansätze zum Thema. Eine Anleitung für tätiges organisieren politischen Widerstandes ist es nicht.

Kritisch fiel mir noch auf, dass die Möglichkeiten aktueller Netzwerk- und Bündnisansätze im letzten Kapitel etwas kurz kommen. Hier gäbe es weitaus mehr zu berichten, was jedoch eine Beteiligung an aktuellen Strukturen voraussetzt. Vielleicht wäre das aber eher ein Ansatz für ein weiteres Buch.

Abschließend empfehle ich „Organisation“ von Alexander Neupert-Doppler wärmstens an alle Menschen, die sich mit dem „wichtigsten Thema überhaupt“ beschäftigen und sich kundig machen wollen, über Geschichte und Theorien des Organisierens zum Widerstand.

Erschienen ist es in der Black Books – Reihe des Schmetterling Verlags.

Udo Hase









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