Neuerscheinungen Kunst und Architektur

30.09.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Museum Wiesbaden: Wasser im Jugendstil. Heilsbringer und Todesschlund, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2022, ISBN: 978-3-422-98845-3 39,90 EURO (D)

Der Jugendstil ist zu verstehen als eine Gegenbewegung junger Künstler und Kunsthandwerker zum rückwärtsgewandten Historismus, aber auch zur als seelenlos verstandenen Industrialisierung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Als Beitrag zum Wasser-Jahr 2022 widmet sich das Museum Wiesbaden dem Wasser im Jugendstil in einer eigenen Ausstellung vom 13.5 bis zum 23.10.2022. Das Element Wasser spielte im Jugendstil eine zentrale Rolle, ein komplexes und faszinierendes Motiv mit seinen unterschiedlich symbolischen aufgeladenen Facetten: Japonismus, naturwissenschaftliche Erforschung, Heilsvorstellungen, Evolutionstheorie und Zivilisationsflucht werden symbiotisch miteinander verknüpft. Mit 250 Exponaten, die einen expliziten Wiesbaden-Bezug aufweisen und mit einer Vielfalt regionaler, nationaler und internationaler Leihgaben, werden neue Perspektiven auf das Wasser als prominentes Thema im Jugendstil geworfen. Neben Wiesbaden als Weltkurstadt um 1900 behandelt die Ausstellung weitere bedeutende Bade- und Kuranlagen in Bad Nauheim, München und Vichy.

Die Ausstellung beleuchtet das Thema von zwei Seiten: Wasser als heilende Kraft innerhalb der Lebensreform-Bewegung einerseits, die gefährliche und geheimnisvolle Seite des feuchten Elements mit seinen Bewohner*innen andererseits.

Magisch wurden die Symbolisten von der düsteren Abgründigkeit angezogen, in ihren oft traumbesetzten Bildern und Gedichten bespiegelten sie sich selbst, ihr verborgenes Unterbewusstes und die fragile menschliche Existenz wie in einer Wasseroberfläche. Die lebensbejahenden Jugendstilkünstler*innen waren hingegen davon überzeugt, dass eine in der Natur begründete Kunst, die das Alltagsleben durchdringen sollte, ihre Vitalität aus dem Wasser schöpfen soll, aus dem schließlich auch alles biologische Leben evolutionär hervorgegangen war.

Dies ist der gleichnamige Begleitkatalog zur Ausstellung. Die antagonistischen Pole des Thema Wassers werden in einzelnen Beiträgen von verschiedenen Autor*innen mit passenden Abbildungen behandelt. Es sind sowohl allgemeine Hintergrundessays als auch die Vorstellung einzelner Künstler*innen, verschiedene Kunstformen oder Schwerpunktthemen wie Karpfen als Motiv im Art Nouveau.

Hier wird die Medienvielfalt des Jugendstils widergespiegelt: Besteck, Glasobjekte, Fliesen, Gemälde, Skulptur, Fotografie und Architektur werden behandelt.Es ist eine sehr opulente Zusammenstellung von Beiträgen, die sehr viel Hintergrundwissen offenbaren. Es ist eine engagierte Zusammenstellung von lokalen bis hin zu internationalen Exponaten und Künstler*innen, die Lust auf die Ausstellung machen.


Buch 2

Anna-Carola Krausse: Lotte Laserstein. Meine einzige Wirklichkeit, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2022, ISBN: 978-3-422-99029-6 29,90 EURO (D)

Dies ist die Dissertation von Anna-Carola Krausse über Leben und Werk der Malerin Lotte Laserstein (1898-1993). Sie feierte mit ihrer Kunst im Berlin der 1920er Jahre erste Erfolge. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft musste Laserstein in der NS-Zeit nach Schweden emigrieren. Die Nachwirkungen der NS-Kunstpolitik führten dazu, dass sie in Deutschland für lange Zeit in Vergessenheit geriet.

Dieses Buch ist eine aktualisierte Auflage der Monografie der Autorin, die 2005 im Reimer Verlag erschienen ist. Es wurden einige geringe Überarbeitungen vorgenommen: veränderte Standorte von Werken und vereinzelte Werkdatierungen, das Literaturverzeichnis ergänzt, ebenso wurde das Ausstellungsverzeichnis erweitert.

Ihr Leben lässt sich in drei große Abschnitte einteilen. Der erste umfasst die Kindheit, Jugend und Ausbildung und endet mit dem Abschluss des Akademiestudiums als Meisterschülerin von Erich Wolfsfeld. Danach folgt die künstlerisch und biografisch bedeutendste Dekade der Malerin bis zu ihrer Emigration 1937. Sie konnte sich in der Berliner Kunstöffentlichkeit etablieren und erste Erfolge feiern. Sie wurde aber durch die nationalsozialistische Rassenpolitik zur Jüdin gemacht, sie selbst hatte ihrer jüdischen Religion und Kultur keine Bedeutung beigemessen. Sie litt in der NS-Zeit unter Berufsverbot und wurde schließlich zum Verlassen des Landes gezwungen.

Der dritte Abschnitt beinhaltet die lange Zeit ihres Lebens in Schweden. In ihren Exiljahren entstand kein homogenes Werk, sondern vielmehr unterschiedliche stilistische Orientierungen, die die Suche nach neuen Ausdrucksformen erkennen lassen. Der kritisch-engagierte Realismus der späten 1960er Jahre brachte der figurativen Kunst eine neue Wertschätzung, wovon auch Lotte Laserstein profitierte. Dies bedeutete für die Malerin eine vermehrte öffentliche Präsenz und Ausstellungsaktivität.

Ihre Werk werden in den einzelnen Abschnitten gemäß der chronologischen Lebensdaten und Lebensphasen dargestellt. Darunter auch viele Selbstbildnisse, privaze Aufnahmen oder vergleichende Bilder (Dix oder Man Ray).

Durch den Weggang aus Deutschland verschwand die Künstlerin auch aus dem kollektiven Gedächtnis. Werke in öffentlichen Besitz waren dem Bildersturm der Nazis zum Opfer gefallen.

Erst eine umfassende Werkschau in Berlin ermöglichte die Wiederentdeckung von Lotte Laserstein. Seither wurden ihre Werke in wichtige Themenausstellungen integriert, Ankäufe renommierter Museen unterstreichen ihre Rückkehr in den kunsthistorischen Kanon. Heute gilt sie als bedeutende Vertreterin des Realismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Anhang finden sich die Anmerkungen, eine Kurzbiografie der Künstlerin, ein Ausstellungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis und der Bildnachweis.

Dies ist eine systematisch strukturierte Künstlermonografie, die nicht nur eine verfemte Künstlerin wieder ins das öffentliche Bewusstsein hebt, sondern als Pionierleistung für weitere Forschungen dienen kann und wird. Zu letzterem wird vor allem das umfangreiche Werkverzeichnis beitragen.

Ihre Alleinstellungsmerkmale als Frau in einem männlich dominierten Kunstbetrieb und weit verbreiteter Voruteilsstrukturen selbst in Berlin und der damit verbundene Durchsetzungswillen und Mut hätte allerdings stärker gewürdigt werden können.


Buch 3

JR Chronicles, Hirmer, München 2022, ISBN: 978-3-7774-4023-1, 39,90 EURO (D)

Dies ist die erste deutschsprachige Publikation über den französischen Künstler JR (*1983). Die Privatperson dahinter bleibt verborgen. Berühmt wurde er durch Fotografien unbekannter Personen, die er in riesigen Formaten auf Häuserfronten, Eisenbahnzüge, Containerschiffe oder gar Grenzmauern auf der ganzen Welt plakatiert. Sein Anliegen ist es, Grenzen zu überwinden und Brücken zwischen den Menschen zu bauen.

Im Fokus stehen die partizipativen Projekte des Künstlers – von den späten 1990er-Jahren bis in die jüngste Gegenwart. Die Publikation erscheint als Begleitpublikation zur Ausstellung in der Kunsthalle München vom 26.8.2022 bis zum 15.1.2023. Anhand von Fotografien, Videos, Modellen und großflächigen Plakatierungen (Pastings) macht die multimediale Ausstellung die Projekte von JR nun in der Kunsthalle München erlebbar.

Begleitend zur Ausstellung wird einer vom Künstler zum mobilen Fotostudio umgebauten Inside-Out-Trucks in München Station machen. Porträts werden an mehreren Orten in der Stadt zu sehen sein.

Zu Beginn gibt es eine Einordnung von Drew Sawyer und Sharon Maud Atkins über die partizipative und gemeinschaftsbasierte Arbeitsweise von JR.

Danach werden die verschiedenen Projekte des Künstlers chronologisch in verschiedenen Kapiteln vorgestellt. Dies sind im Einzelnen Expo 2 Rue, Portrait of a Generation, Face 2 Face, Woman are Heroes, The Wrinkles of the City, Inside Out, Kikito, The Chronicles of Clichy-Montfermeil, The Gun Chronicles: A story of America, The Chronicles of San Francisco und The Chronicles of New York mitunter Einzelprojekten.

Zu Beginn gibt es immer ein umfangreiches Zitat von JR zu dem jeweiligen Projekt und seinen Hintergründen. Danach folgen Bilder und Sequenzen, die den größten Teil ausmachen.

In monumentalen Formaten präsentiert er und sein Team die Gesichter von Menschen auf Häuserfronten, Eisenbahnzügen, Containerschiffen und auch die Mauer zwischen den USA und Mexiko. Sequenzen aus Videos, die Ausschnitte der multimedial angelegten Ausstellungen, und Bilder werden gezeigt.

Zum Abschluss gibt es noch eine Chronologie des Lebens und Werks von JR.

Dies ist wohl das umfangreichste deutschsprachige Buch über die öffentlichen Projekte des französischen Künstlers. Eine beständige und immer bleibende Gesamtschau seiner Werke noch dazu. Dass Street Art und erst recht sozialkritische von unten ein gewisses Standing in Kunst und Kultur erreicht hat, wird deutlich. Das Buch gibt in Wort und Bild einen tiefgehende Einblick in Projekte und Kunstauffassung von JR. Oft in großformatigen Abbildungen über zwei Seiten, auch Bilder vom Verschwinden der Kunst werden gezeigt.

Die multimedialen Projekte sind dabei schwierig in einem Buch darzustellen, das könnte durch eine Webseite im Buch mit Filmen, Audioguides oder ähnlichem gelöst werden.

 

Buch 4

Thilo Rapp: 20.000 Meilen unter dem Meer nach Jules Verne, Carlsen, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-551-79358-4, 26 EURO (D)

Der Roman des französischen Schriftstellers Jules Verne „20.000 Meilen unter dem Meer“ mit Kapitän Nemo als Hauptfigur erschien 1869–1870 und entwickelte sich zu einem weltweit bekannten Literaturklassiker.

Hier wird der Roman von dem Künstler Thilo Rapp als Graphic Novel erzählt. Graphic Novels sind, vergleichbar mit Romanen, längere, komplexere Geschichten von mehrteiligem Aufbau, die in sich abgeschlossen sind.

Der Inhalt des Romans wird auf der Buchrückseite kurz zusammengefasst.

Bei seiner künstlerischen Umsetzung versucht Rapp, möglichst nahe am Original zu bleiben und den Entstehungszeitraum des Romans und die historischen Figuren so genau wie möglich wiederzugeben. Bei vielen Bilderstrecken merkt man, dass diese nach viel Vorlaufzeit und Hintergrundwissen entstanden sind.

Im Anhang werden Skizzen und Entwürfe gezeigt: Ansätze der Nautilus aus der Entwurfsphase, Jugendstilformen, Farb- und Pflanzenwelt des Meeres, Modefarben des 19. Jahrhunderts, Nemos Orgel und Salonfenster. Außerdem gibt es eine Kurzbiografie über Jules Verne und Thilo Rapp.

Die Zeichnungen stehen klar im Vordergrund, die Sprechblasen mit Dialogen sind klein gewählt. Die tollen Illustrationen bestechen durch viel Liebe zum Detail und durch eine breite Farbpalette. Die Seiten ohne Text zum Beispiel die Szenen beim Tauchen auf dem Meeresgrund sind besonders gut gelungen, sie sind zwar anregend für die Phantasie, aber realistisch genug, um nicht kitschig zu wirken und nahe am Original.

Die künstlerische Seite wird also sehr gut umgesetzt. Was wohl fehlt, ist ein Text am Anfang oder am Ende des Buches, der die Entstehungsgeschichte des Romans oder seine vielfache Rezeption in verschiedenen Genren kurz beleuchtet.

 

Buch 5

Daniel Barteszko u.a.: Turm und Tunnel. Friedhelm Grundmann baut für Kirche und U-Bahn, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-862-18159-9, 40 EURO (D)

Über fünf Jahrzehnte hinweg hat der Architekt Friedhelm Grundmann (1925 – 2015) Kirchen und U-Bahnhöfe gestaltet – das ist einmalig in der deutschen Nachkriegsmoderne. 1961 war es ein Verkehrsbau, der ihn in Hamburg bekannt machte, die U-Bahn-Station Lübecker Straße mit ihrer eleganten Betonkuppel. Im norddeutschen Raum folgten prominente Aufträge in wechselnden Büropartnerschaften: von markanten Neubauten wie der Simeonkirche in Hamburg-Hamm (1966) bis zur Neuordnung der mittelalterlichen Dome in Lübeck (1973) und Greifswald (1989). Regelmäßig zog es ihn zurück zu den Hamburger Verkehrsprojekten wie zuletzt zur Erneuerung des nachkriegsmodernen Bus- und U-Bahnhofs Wandsbek-Markt (2005). Das reich bebilderte Buch würdigt das Schaffen Grundmanns erstmals umfassend. Dies ist eine Kooperation der Universität Hamburg mit dem Online-Magazin moderne-REGIONAL.

Als roter Faden dient der Vergleich der beiden scheinbar widersprüchlichen Baugattungen Kirche und U-Bahn. Während die Kirchengemeinden mehr auf qualitätvolle handwerkliche Details achteten, ließ ihm die Hochbahn Spielraum für innovative technische Lösungen. In beiden Fällen sah sich Grundmann jedoch den Bedürfnissen der Menschen und einer maßvollen Moderne verpflichtet.

Nach einem Überblick über seine Vita und die Lebensläufe seiner Büropartner werden Grundmanns Tätigkeitsschwerpunkte im Querschnitt betrachtet. Die Theologin und Kunsthistorikerin Karin Berkemeier skizziert seine Kirchenneubauten als Spiel zwischen Beweglichkeit und Beständigkeit, der Journalist Daniel Barteszko stellt die Besonderheiten seiner U-Bahn-Bauten vor und der Architekturhistoriker Frank Schmitz zeichnet Grundmann als versierten Entwerfer im Umgang mit dem historischen Bestand.

Danach stehen Grundmanns Büropartnerschaften im Vordergrund. Dabei werden vier Werkphasen unterschieden: Die erste Werkphase von 1956 bis 1963, wo er zusammen mit Horst Sandmann zahlreiche U-Bahn-Stationen und Knotenpunkte entwarf, wird von Frank Schmitz behandelt. Für die zweite Werkphase lassen sich zwei Organisationsformen zusammenfassen: Grundmanns Zeit im eigenen Büro ab 1963 und die Partnerschaft mit Otto. E. Rehder und Friedhelm Zenner bis 1974, die von Matthias Ludwig dargestellt wird.

Die dritte Werkphase, die bis zum Tod Rehders im Jahr 1990 reicht, deutet Karin Berkemann als Zeichen der Neuorientierung, als die Neuordnung des historischen Bestands in den Vordergrund rückte.

In seiner vierten Werkphase schloss sich Grundmann 1992 mit Matthias Hein zusammen. Grundmann war mit der Renovierung von teils eigenen Architekturen der Nachkriegsmoderne befasst und bezog sich bei Neubauten auch auf sein Frühwerk.

In einem letzten Hauptteil, der durch eine Werkliste und Anhänge ergänzt wird, stellen Fachautoren das weitere Werk Grundmanns in einen größeren Kontext. Jörg Schilling beschäftigt sich mit den Wohn- und Gewerbebauten, Matthias Ludwig mit Grundmann als Schreibenden und Lehrenden, Rüdiger Joppien mit dessen Partnerschaft mit bildenden Künstler*innen Jan Lubitz wirft einen Blick auf den heutigen Umgang mit diesem architektonischen Werk.

Durchzogen wird der Band von vier Fotoessays mit aktuellen künstlerischen Detailaufnahmen der Architekturfotografen Gregor Zoyzoyla.



Dies ist die Würdigung eines der profiliertesten Architekten der Nachkriegszeit in Norddeutschland, zu dieser Zeit wachsenden Städte boten ihm ein reges Betätigungsfeld. Dies ist die erste groß angelegte Monografie über Grundmanns Werk. Seine Büropartnerschaften werden zwar analysiert, Vorbilder und Einflüsse Grundmanns leider nicht so sehr. Die Endprojekte werden in Fotostrecken gut illustriert, die Zeitleiste am Ende hilft, einen Überblick zu bewahren.








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