Neuerscheinungen Kunst und Kultur

09.11.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Markus Stiglegger/Christoph Wagner (Hrsg.) Film/ Bild/ Emotion. Film und Kunstgeschichte im postkinematischen Zeitalter. (Zoom. Perspektiven der Moderne Band 7), Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-786-12835-9, 79 EURO (D)

Das Verschmelzen der Betrachter:innen mit der filmischen Welt, ihr Eintauchen in die filmisch vermittelte Fiktion, stellt besondere Anforderungen an Beschreibungs- und Analysekategorien. Renommierte Wissenschaftler*innen untersuchen, wie bewegte Bilder Emotionen bei ihren Betrachtern erzeugen und mit welchen filmischen Mitteln Emotionen auf die Leinwand gebannt werden – seien es Liebe und Zuneigung, Wut und Zorn oder Angst und Ekel. Daneben geht es um die Bedingungen von Emotionalität beim Betrachten von Filmen und darum, was der „emotional turn“ für Film und Kunst in einem postkinematografisch beschrieben Zeitalter bedeutet, in dem sich die Filmwahrnehmung auf unterschiedlichste Bereich medialer Wahrnehmungsformen und Dispositive aufteilt, und welche Ansätze diesen Tendenzen von Film, Bild und Emotion heute gerecht werden.

In der Einleitung werden verschiedene Hauptströmungen der filmtheoretischen Beschäftigung mit Emotionen vorgestellt. Dies ist erstens der kognitivistische Ansatz, der danach fragt, warum wir bestimmte Emotionen beim Film empfinden. Zweitens die Phänomenologie, die beschreiben will, wie wir Wahrnehmungen von Bildern empfinden und diese Prozesse fassbar macht. Drittens ist dies die Filmpsychoanalyse, deren unterschiedliche Ausrichtungen präsentiert werden. Ausgehend von Gilles Deleuzes Ansätzen der Filmphilosophie und dem Begriff der „sensation“ wird viertens diese Theorie, die geprägt ist von assoziativ beschriebenen thesenhaften Prozessen, die eine Auswirkung des Bewegungs- und des Zeitbildes auf die Wahrnehmung und Empfindung reflektieren, vorgestellt. Fünftens die Seduktionstheorie, die den narrativen Film als ein System verführender Strategien, die das Publikum zum Komplizen macht und ein analysierendes Set an affektsteuernden Konventionen hervorgebracht hat.

Der Band stellt neue Forschungsansätze und Theorien aus dem Spannungsfeld von Filmwissenschaft und Kunstgeschichte, Film- und Psychoanalyse sowie der klassischen und der Postkinematografie vor und umfasst dabei eine historische Perspektive von der Frühzeit des Mediums bis hin zu aktuellsten Tendenzen. Dabei sucht es nach interdisziplinären Dialogen und Zusammenhängen.

Die verschiedenen Beiträge sind aus Vorträgen mehrerer Symposien zu filmwissenschaftlichen Perspektiven der Kunstgeschichte an der Universität Regensburg hervorgegangen.

Im Anhang gibt es noch die Filmografien, die Bibliografien und die Bildnachweise geordnet nach den einzelnen Beiträgen.

Der Band analysiert in kunst- und filmwissenschaftlichen Perspektiven und den damit verbundenen methodologischen Ansätzen in verschiedenen Fallstudien die historisch veränderlichen Konstellationen von Film, Bild und Emotionen.

Wie Bild und Emotion im Prozess des Anschaulichen rezeptionsästhetisch miteinander verknüpft werden, wird anschaulich an verschiedenen Beispielen erläutert. Dazu gibt es auch einige Filmsequenzen, Plakate und andere Abbildungen.

Es geben in der Tat diskursive Schnittstellen von Fragestellungen der Medien-, Kultur- und Kunstwissenschaft. Von daher ist der interdisziplinäre Ansatz richtig.

Der Anhang und die Anmerkungen hinter den Texten sind zu klein gedruckt und daher schwer zu lesen.

Insgesamt gesehen ist der Band keine leichte Kost, aber mit etwas Zeit und Muße lohnenswert.


Buch 2

Susanne Gaensheimer, Falk Wolf (Hrsg.): Der Mucha. Ein Anfangsverdacht. Das Test-Buch 2022, Hirmer, München 2022, ISBN: 978-3-7774-3986-0, 45 EURO (D)

Der Düsseldorfer Künstler Reinhard Mucha hat 1990 auf der Biennale in Venedig und 1997 auf der Kasseler documenta ausgestellt. Sein Werk gilt mit der Neubestimmung von Skulptur, Fotografie und Installation als eine der bedeutendsten Positionen der Gegenwartskunst.

Seit 2009 eine Debatte um einen möglichen (temporären) Abbau von Reinhard Muchas Rauminstallation „Das Deutschlandgerät“ (1990 / 2002 / 2021) im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf entbrannte, stand im Raum, den Künstler stattdessen mit einer umfassenden Retrospektive in seiner Heimatstadt zu würdigen. 2022 ist es nun soweit. In einem Jahr, in dem so hitzig über deutsche Erinnerungskultur diskutiert wird, wie schon lange nicht mehr, regt nun auch Muchas Ausstellung die Auseinandersetzung mit ‚deutschen‘ Geschichtsbildern an. Die Ausstellung ist in der Kunstsammlung NRW vom 3.9.2022 bis zum 22.1.2023 zu sehen.

Dies ist der Katalog zur Ausstellung, der in deutscher und englischer Sprache erschienen ist. Er vereint lange nicht gesehene Installationen mit Werken aus allen Schaffensphasen und entwirft so ein Panorama, das sich auf über vierzig Jahre künstlerischer Arbeit erstreckt. Nicht nur die ausgestellten Werke, sondern auch wichtige frühere Zustände werden systematisch dokumentiert.

Weiterführende Beiträge von Sebastian Egenhofer, Julian Heynen, Stefanie Kreuzer, Kolja Reichert, Falk Wolf beleuchten zentrale Aspekte des Werks von Reinhard Mucha aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln.

Anhand von Muchas Schlüsselwerk Wartesaal werden zunächst von Falk Wolf Elemente wie Latenz, Postminimalismus und Ironie dargestellt. Julian Heynen stellt danach das Werk Muchas zwischen Grund und Figur vor. Stefanie Kreuzer beschäftigt sich anschließend mit Muchas künstlerischem Archiv, das aus Ordnern besteht. Sie „repräsentieren die durch den Künstler erstellte Ordnung und führen eine Sammlung relevanter Ereignisse, Gedanken und Dinge zusammen, die sich zu distinktiven Werken formieren und diese zugleich mit vielfältigen Beziehungen, Querverbindungen in ein Netz, ein Gedankengebäude einbinden.“ (S. 129)

Sebastian Egenhofer untersucht Erinnern, kollektives Gedächtnis und Geschichtsbilder bei Mucha anhand seines Deutschlandgerätes. Für Egenhofer verweist es aber „nicht nur wie ein autonomes Kunstwerk auf einen Gehalt, den es gleichsam in sich trägt, sondern ist ein in ein sich ungleichzeitiges Bezugsnetz eingelassen, in dem seine Bedeutung veräußert und objektiviert ist.“ (S. 182)

Kolja Reichert stellt dann dar, wie Muchas Werke zwischen Objekt und Sprache stehen.

Im Anhang gibt es zunächst eine Werkliste. Sie ist in Form und Inhalt der Systematik des Künstlers gemäß aufgebaut und gibt die in der Ausstellung gezeigten Werke in alphabetischer Reihenfolge wieder. Größere Überarbeitungen sind dort an zusätzlichen Datierungen abzulesen, die in eckigen Klammern eingeschlossen sind.

Außerdem werden die Autor*innen vorgestellt, ebenso die Leihgeber*innen.

Diese umfangreiche Werkmonografie besitzt neben Reflexion, Kunstverständnis auch etwas Finalisierendes. Hier wird das Werk Muchas und seine Änderungen und Neuformierungen ebenso wie einige wesentliche Ansätze, in den Essays herausgearbeitet. Der Vorteil dabei ist, dass der ist in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden ist, so werden nicht belegbare und zu weitläufige Interpretationen vermieden. Eine Zeittafel am Ende des Bandes mit wichtigen Stationen hätte für einen besseren Überblick gesorgt.

 

Buch 3

Hanna Nagel, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2022, ISBN: 978-3-422-98949-8, 42 EURO (D)

Die Kunsthalle Mannheim widmet der herausragenden Grafikerin und Zeichnerin Hanna Nagel (1907-1975) 90 Jahre nach Ihrer ersten Einzelausstellung 1931 eine erneute Präsentation.

Ein großer Teil des umfangreichen zeichnerischen Œuvres von Hanna Nagel befindet sich in Privatbesitz und ist bislang nur bruchstückhaft publiziert und kaum ausgestellt worden. Die Kunsthalle Mannheim holt dieses ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück und begeht damit einen wichtigen Schritt für die Wiederentdeckung dieser herausragenden Position. „So beschäftigt uns das Werk von Hanna Nagel nicht nur deshalb, weil es von einer Künstlerin stammt, deren Frühwerk man der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen ist, sondern auch, weil es uns inhaltlich aufzeigt, wie Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Ausgrenzung und politischer Relevanz schon in den 1920er und frühen 1930er Jahren mit Vehemenz durch die Kunst thematisiert wurden.“ (S. 6)

Insgesamt präsentiert die Kunsthalle ca. 190 Arbeiten auf Papier, ergänzt um Hanna Nagels singuläres Selbstbildnis in Öl aus dem Jahr 1929 sowie um die 13 Werke aus dem Besitz des Museums. Gezeigt werden zum Teil noch unbekannte Arbeiten des neusachlichen Frühwerks aus den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren, aber auch eine Auswahl aus den „Dunklen Blättern“ der Jahre 1932 bis 1945.

Dies ist die offizielle Begleitpublikation zur Ausstellung. Sie erscheint gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache.

In einem ausführlichen Essay leitet die Kuratorin der Ausstellung, Inge Herold, in Leben und Werk von Hanna Nagel ein. Zuerst gibt es eine Rezeption des Werkes der Künstlerin und Hinweise zu ihrer ersten Ausstellung in Mannheim 1931.

In einer Rückblende werden dann die früheren Lebensjahre und ihre künstlerische Ausbildung skizziert, bevor es um Nagels Werke geht. Darunter die Selbstdarstellungen als berufstätige Künstlerin, Frau, Ehefrau und Mutter, Konflikte im Geschlechterverhältnis, ihre Auseinandersetzung mit dem §218, der die Abtreibung eines Kindes im Mutterleib mit bis zu fünf Jahren Haft bestrafte und die Veränderung ihrer Motive Mitte der 1930er Jahre (Mystifizierung und Rückgriff aus historisierende Motive, Chopin-Zyklus usw.)

Ein Lebenslauf in Tabellenform mit privaten Aufnahmen, die Liste der ausgestellten Werke und eine Bibliografie beschließt das Buch.

Dieses Buch und die Ausstellung folgt dem Trend der Wiederentdeckung der von der männlich geprägten Kunstgeschichte vergessenen oder verschmähten Künstlerinnen, die wieder zurück in den Fokus geholt werden. Besser spät als nie.

Das Buch ist systematisch strukturiert, das Essay stellt Leben und Werk vor oder genauer: was davon bekannt ist. Die Themen und Bilder von Hanna Nagel sind zeitlos und sind heute immer noch hochaktuell und virulent. Wobei auch die Bilder auch als eine Art Seelenbiografie gesehen werden können.


Buch 4

Christopher J. Garthe: Das nachhaltige Museum. Vom nachhaltigen Betrieb zur gesellschaftlichen Transformation, transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-6171-2, 39 EURO (D)

Nachhaltigkeit muss zum zentralen Bezugspunkt in der Museumspraxis werden – programmatisch, ökologisch und gesellschaftlich. In 17 illustrierten Kapiteln zeigt Christopher Garthe, wie das geht, und liefert den Bezugsrahmen für eine umfassende Beschäftigung mit Nachhaltigkeit in Museen und Ausstellungen. Dazu vereint er die Darstellung konkreter Instrumente mit Eigenschaften eines Nachschlagewerks und übersetzt die vom ICOM initiierte Diskussion um die Zukunft des Museums in das erste vollständige Kompendium zum nachhaltigen Museum.

Es will Schnittstellen und Beiträge zwischen der Idee der Nachhaltigkeit im weiteren Sinne und dem gesamten Museumssektor aufzeigen. Dem Ansatz folgend, bereits bestehende Konzepte auf das Museum zu übertragen, werden bekannte Instrumente und Methoden auf dieses neue Aufgabenfeld angepasst.

Das Buch gliedert sich in drei große Bereiche. Im ersten Teil wird auf der Basis von grundlegenden Überlegungen zur Nachhaltigkeit die Vision eines nachhaltigen Museums entwickelt. Aus einer Querschnittsperspektive werden einige Ansätze und zentrale Handlungsfelder für die Museumspraxis aufgezeigt. Der zweite Teil nimmt den Betrieb des Museums mit seinen Abteilungen in den Blick. Die Kapitel adressieren die spezifischen Aufgaben und Tätigkeiten im Museum und reflektieren nachhaltige Praktiken.

Der dritte Teil überträgt die Vision des nachhaltigen Museums in praktisches Handeln. Zunächst wird das Nachhaltigkeitsprogramm angesprochen, worin ganz konkret die Maßnahmen beschrieben werden, wie Nachhaltigkeit in der Praxis erreicht werden soll und in welcher Art und Weise Prozesse und Verhaltensweise geändert werden sollen. Danach wird der notwendige transformative Wandel in der Arbeitsweise des Museums dargestellt. Dieser Wandel umfasst die gesamte Institution mit all ihren Abteilungen und Aufgaben. Den Abschluss macht die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dieser richtet sich interne und externe Lesende, umfasst die relevanten Informationen zum Fortgang des Nachhaltigkeitsmanagements im Museum und stellt Ziele, Aktivitäten und Erreichtes dar.

Im Anhang gibt es noch ein Literaturverzeichnis und ein Abbildungsverzeichnis.

Wie Museen als Akteure Nachhaltigkeitsthemen planen und umsetzen können, wird hier in Form eines Bezugsrahmens mit Hilfestellungen, Werkzeugkoffern, modularen Baukästen, Tabellen und Grafiken gezeigt. So wird aus isolierten Projekten eine zusammenhängende Systematisierung entworfen.

Dies ist das, was das Buch überzeugend leistet. Die Grenzen des Buches sind die folgenden:

Das Buch hat nicht den Anspruch, Details im Museumsalltag oder einen Handlungsleitfaden für die Umsetzung von Nachhaltigkeit zu liefern. Auch konkrete Empfehlungen an die Praxis sollen auch nicht vorgestellt, es nimmt bei diesem großen Themenkomplex eine übergeordnete Basis bietet und nur gezielte Impulse setzen.


Buch 5

Èmilie Zangarelli: Schwangerschaftsporträts fotografieren. Der Praxisleitfaden von Akquise bis Shooting und Nachbearbeitung, dpunkt, Heidelberg 2022, ISBN: 978-3-86490-920-7, 32,90 EURO (D)

Dieser Praxisleitfaden richtet sich an alle Fotograf:innen, die hochwertige Schwangerschaftsporträts in ihr Portfolio aufnehmen oder ihre Kenntnisse in diesem Bereich erweitern möchten. Profi-Fotografin Emilie Zangarelli führt Sie mit vielen inspirierenden Beispielbildern durch alle Planungs- und Entstehungsschritte.

In der Einleitung geht es um den Boom der Schwangerschaftsfotografie und Hinweise für solche Fotograf*innen, die sich darauf spezialisieren wollen. Es werden Anforderungen für das mittlere und höhere Preissegment und die Entwicklung eines eigenen Stils skizziert.

Danach geht es um die Schritte vor dem Shooting: Erwartungen von Kund*innen, das eigene Angebot, häufige Fragen und das Eingehen auf Bedürfnisse bzw. Menschenkenntnis. Es folgen Gespräche mit Kund*innen, die technischen Vorbereitungen im Studio, ästhetische Entscheidungen und das Schaffen einer wohlfühlenden Atmosphäre.

Vier umfassende Beispiel-Shootings mit werdenden Müttern veranschaulichen das Beschriebene und dienen Ihnen als Inspiration für die eigene Arbeit. Die Beschreibung verschiedener Shootings will dabei helfen, den Workflow den Kund*innen anzupassen, der Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen und dem Modell Sicherheit zu geben. Vorher gibt es noch ein paar persönliche Tipps, die für alle Shootings gelten.

Zuletzt rundet ein Kapitel zur professionellen Nachbearbeitung und Präsentation der Bilder das Buch ab.

Am Ende eines jeden Abschnitts gibt es die Rubrik „Memo“ mit Tipps, Zusammenfassung und Reflexionen.

Dieses Buch bietet Grundlagen eines boomenden Genres. Die Planungsschritte bauen logisch aufeinander auf, die Erläuterungen sind verständlich und es gibt genügend Tipps und Platz für die eigene Reflexion. Im letzten Kapitel hätte Möglichkeiten der Bildergeschichte, Rahmengestaltung, eines Fotobuch usw. noch ergänzt werden können.

Dies ist eine gefühlsvolle, sinnliche Fotografie sowohl mit Schwarz-weiß- Aufnahmen als auch mit Farbbildern. Meist ist es Studiofotografie, manchmal auch sehr kreative, künstlerische Fotografie wie die spektakulären Unterwasserporträts.









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