Neuerscheinungen Literatur

11.11.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Holger Brüns: Felix. Roman, Albino, Berlin 2022, ISBN: 978-3-86300-345-6, 22 EURO (D)

In Holger Brüns neuem Roman spielt die Handlung Mitte der 1980er Jahre. Der Ich-Erzähler Tom ist Anfang zwanzig, macht seinen Zivildienst im Göttinger Klinikum. Dort fällt ihm Felix auf, der auch dort arbeitet. Zu einem näheren Kennenlernen kommt es erst in der Disko Podium: er erfährt, dass er drei Jahre älter ist und kommt auch aus Göttingen. Beide sind Teil der autonomen Szene in Göttingen und wollen in kollektiven Zusammenhängen die Welt verändern. „Autonomie und Kollektivität sind unsere Maxime. Gemeinsamkeit und Unabhängigkeit, der Ausgleich zwischen widerstreitenden Bedürfnissen zu suchen und zu leben, das ist unser tägliches Bemühen.“ (S. 63)

Sie lernen sich näher kennen, als Felix ihn zu einem Urlaub nach Südfrankreich zusammen mit ihm und seiner Freundin Katja einlädt, nimmt er das Angebot an. Dort erkennt Katja, dass Tom eine Gefahr für die Beziehung der beiden darstellt und es entbrennt so was wie ein Konkurrenzkampf um die Gunst von Felix.

Felix und Tom werden ein Paar, alles scheint bestens, bis Felix positiv auf HIV getestet wird. Felix glaubt, dass er sich bei einem Austausch in den USA infiziert hat. Alles ändert sich: „Der Tod wird zum Teil unserer Gedanken“. (S. 56) Und die Situation verändert auch das Leben der beiden in Sachen gelebter Utopie. „Individuelle Selbstverwirklichung schien auf einmal wichtiger als kollektive Lösungen.“ (S. 85)

Sie ziehen aus der autonomen Hausgemeinschaft aus und suchen sich zusammen eine Zweiraumwohnung. Anstatt politisch aktiv zu sein, will Tom Felix pflegen und ihn auf dem letzten Weg begleiten. Dennoch sind die beiden noch weiterhin in autonomen Zusammenhängen und Aktionen auch außerhalb Göttingens beteiligt.

Doch es kommt alles anders als erwartet. Die Aufdeckung einer großen Lüge führt zu einem emotionalen und ereignisreichen Finale.



Das Buch dreht sich nicht nur um die Kernhandlung, der Liebe zwischen Tom und Felix, sondern auch um Ausbruch, die Suche nach Freiheit, politische Utopie, Lebensfragen und Kritik an bürgerlichen Normen. Brüns passt dies gekonnt in die reale Welt der 1980er, einer Hochzeit der autonomen Bewegung in Göttingen und Norddeutschland, ein. Kurze Kapitel sorgen für Spannung und immer wechselnde Ereignisse und Szenen.

Das Ende wirft jedoch einige Fragen auf, womit Leser*innen im Dunkeln gelassen werden.

Insgesamt aber ein gut geschriebener Roman über Liebe, Subkultur und Politik, der wohl auch autobiografische Züge aufweist.


Buch 2

Kai Meyer: Die Bücher, der Junge und die Nacht. Roman, Knaur, München 2022, ISBN: 978-3-426-22784-8, 22 EURO (D)

Der Roman spielt in mehreren, zeitlich versetzten Handlungsebenen. Dies sind Episoden aus den Jahren 1933, 1943 und 1971, die miteinander zusammenhängen.

Der Roman beginnt im Dezember 1943, als mitten im Zweiten Weltkrieg die Stadt Leipzig Zielscheibe der Bombardierung der Alliierten wird. Dies wird aus Sicht des zehnjährigen Jungen Robert geschildert, der in seinem fensterlosen Zimmer im Graphischen Viertel in seiner eigenen Welt lebt. Dem grausamen Alltag versucht er mit Eskapismus in Form von Büchern zu entkommen, um sich eine schönere Wirklichkeit zu erschaffen. Die Welt der Bücher und das unmittelbare Auftauchen eines Bücherdiebes wird nicht nur die Welt des Jungen freier, sondern ein besonderes Buch gerettet.

Nach diesem Prolog gibt es einen Zeitsprung zurück in das Jahr 1933. Die Herrschaft des Nationalsozialisten ist unumkehrbar. Ihre Parolen, rassistischen und antisemitischen Wahnvorstellungen und ihre institutionelle Form sowie der Terror nehmen immer mehr Gestalt an.

Die Handlung spielt ebenfalls im Graphischen Viertel in Leipzig, wo Johann Steinfeld als Buchbinder arbeitet. Inmitten der grausamen Umgebung Hier entwickelt sich die tragische Liebe des Buchbinders Jakob Steinfeld zu einer rätselhaften jungen Frau. Juli Pallandt hat ein Buch geschrieben, das sie einzig ihm anvertrauen will. Doch bald darauf verschwindet sie spurlos.

Der dritte Handlungsstrang handelt von dem inzwischen erwachsenen Robert, dessen Liebe zu Büchern ungebrochen ist. Er hat sich beruflich auf den Handel mit seltenen Büchern spezialisiert, privat plagen ihn Fragen nach seiner familiären Herkunft. Mit der Bibliothekarin Marie Ludwig aus München führt er eine Gelegenheits-Beziehung.

Als Marie die Bibliothek des verstorbenen Verlegers Konrad Pallandt auflösen soll, findet sie dort Ausgaben von Roberts Vater. Zusammen stoßen sie auf das Mysterium eines Buches, dessen Geheimnis eng mit ihm selbst und seiner Familie verbunden ist.

Die Recherchen der beiden bringen die Erzählebenen zueinander zu einem stimmigen Bild, das erst am Schluss vollständig aufgelöst wird. Die Entwicklung im Roman ist zwar in groben Zügen vorhersehbar, hat aber viele Wendungen, die Spannung vermitteln. Ein Buch, das die Geschichte von Generationen und Schicksalen quasi erzählt, ist nicht nur eine Ode an die Literatur, sondern auch die Klammer, die den Roman zusammenhält.

Auch die Nebenschauplätze in den Zeitebenen sind sprachlich gut dargestellt mit aussagekräftigen Charakterisierungen der Personen und der Schilderung von verschiedenen Atmosphären.

Es ist wohl das anspruchsvollste Buch von Kai Meyer.


Buch 3

Grit Poppe: Rabenkinder. Kriminalroman, Ullstein, Berlin 2022, 11,99 EURO (D)

Dieser Krimi spielt in der unmittelbaren Wendezeit, wo ein Ost-West-Pärchen auf Verbrecherjagd gehen. Die Handlung spielt auf dem berüchtigten Jugendwerkhof im sächsischen Torgau, wo Jugendlichen, die in den Spezialheimen durch mehrfache Ausbrüche oder Widerstand gegen die dortige Umerziehung aufgefallen waren, in repressiver Weise gesellschaftliche Verhaltensregeln aufgezwungen wurden.

Die Abwicklung des Jugendwerkhofs ist in vollem Gange, die Zahl der Insassen hat sich drastisch reduziert.

Als in einer Zelle Karl Zinkner, der ehemaligen Direktor des Geschlossenen Jugendwerkhofs in Torgau, erhängt aufgefunden wird, stellt sich die Frage nach Suizid oder Tötung. Beate Vogt von der Morduntersuchungskommission wird aus Leipzig geschickt, um zu klären, was passiert ist. Kurz nach der Befragung des 14-jährigen Insassen Andreas Schwalbe verschwindet dieser spurlos. Steckt er hinter der Tat? Ist er in den Westen geflüchtet, oder ist ihm etwas zugestoßen?

Beate Vogt geht von einem Verbrecher an Zinkner aus und sieht Andreas als Schlüssel zur Klärung der Tat.

Verkompliziert werden die Ermittlung durch die ungebetene Hilfe aus dem Westen: Hauptkommissar Josef Almgruber aus Nürnberg soll ihr die westdeutsche Arbeitsweise nahebringen. Doch diese passt nicht in die ostdeutsche Welt, wo es genauer behördlicher und lokaler Kenntnisse bedarf. Die Zusammenarbeit der beiden ist eher ein Nebeneinander, bis zu dem Punkt, wo Beate Vogt bedroht und Josef Almgruber zusammengeschlagen wird. Sie raufen sich zu einem Team zusammen und ermitteln nach vielen Wendungen und Verstrickungen den Täter.

Es ist eher ein durchschnittlicher Krimi, der von dem Zusammenprallen zweier Ermittlerwelten lebt. Der Fall an sich taucht tief in die DDR-Geschichte ein und hat auch eine erinnerungspolitische Dimension, was das Besondere des Krimis ist: Die rigide Heimerziehung und die repressive Pädagogik in der DDR wird an diesem Fall deutlich.

Der Alltag in Torgau bestand aus psychischen und physischen Misshandlungen der Jugendlichen, militärischem Drill, harten Strafen, monotoner körperliche Arbeit und ideologische Schulung, woran viele Jugendlichen zerbrachen.

Die genauen Schilderungen basieren dabei auf dem Buch derselben Autorin und Niklas Poppe: Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR, Schicksale von Kindern und Jugendlichen, Propyläen, Berlin 2021, ISBN: 978-3-549-10040-0,

Dort kommen dreißig Jahre nach dem Ende der DDR Zeitzeugen und Opfer der staatlichen Umerziehung von problematischen oder aus Sicht des realsozialistischen Staates problematische Kinder und Jugendliche zu Wort.

 

Buch 4

Marc Meller: Das Schlaflabor. Thriller, Lübbe, Köln 2022, ISBN: 978-3-7857-2791-1, 16,99 EURO (D)

Marc Meller setzt sich in seinem neuen Buch mit dem Phänomen der Schlaflosigkeit mit ihren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten auseinander und bastelt daraus einen lesenswerten Thriller, der auch die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit beleuchtet.

Das Buch ist in drei verschiedene Bewusstseinszustände gegliedert: erstens Schlaflosigkeit, zweitens Gedächtnisverlust und drittens extrem gesteigertes Erinnerungsvermögen. Dazwischen gibt es kleinere kurze Kapitel.

Tom Sonnborn hat alles versucht, um seine Schlafstörungen loszuwerden– ohne Erfolg. Als er von einem Schlaflabor in der teuren privat geführten Gerolamo-Cardano-Klinik in der Schweiz hört, das auf eine neuartige Therapieform setzt, schöpft er neue Hoffnung. Entgegen ärztlichen Rat begibt er sich in eine fünftägige Behandlung, da er es letzte Chance betrachtet. Und tatsächlich: Bereits kurz nach seiner Ankunft in der Klinik schläft Tom so gut wie lange nicht mehr.

Zu Beginn des Thrillers werden neben Toms Verzweiflung werden die Folgen der Schlaflosigkeit, ihre Ursachen und Möglichkeiten der Behandlung und neuere Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften dargelegt. Auch die neu entwickelte Therapieform der Schweizer Klinik wird detailliert geschildert.

Euphorisiert kehrt er nach Köln zurück, auch zuhause hält die Wirkung an, er schläft sogar sehr tief und lange.

Dieser Zustand ändert sich jäh, als er eines Morgens ohne Erinnerung blutverschmiert und und mit einem Glassplitter im Fuß von der Polizei geweckt wird. wird er des Mordes an einer jungen Frau verdächtigt. Tom kann sich nicht erinnern und zweifelt plötzlich: Schläft er nachts wirklich? Schlafwandelt er etwa?

In einer Kurzschlussreaktion flüchtet Tom und versucht, die Wahrheit selbst herauszufinden. Seitdem wird er nicht nur von der Polizei gesucht, auch ein mysteriöser Unbekannter beobachtet ihn. Durch die Perspektive der ermittelnden Beamten erfährt man auch Insiderwissen über die Machenschaften der Schweizer Klinik.

Die Hauptperson bleibt jedoch Tom, der in einem Albtraum zwischen Erinnerungslücken und Fragen nach Realität und Traum und seiner eigenen Rolle gefangen ist. Er muss Gewissheit haben, ob er wirklich schlafwandelt und wahllos zum Mörder wird.

Man merkt, dass der Autor intensiv zum Thema Schlafforschung recherchiert hat. Die Hintergrundinformationen dazu sind ausführlich und erhellend. Ein Glossar mit der Erklärung für Fachbegriffe am Ende wäre dennoch für ein rasches Verständnis hilfreich gewesen.

Das Buch ist meist aus Perspektive von Tom geschrieben, dazu gibt es andere Blickwinkel und vor allem die wissenschaftlichen Fakten und Erkenntnisse werden sachlich referiert.

Das Buch ist spannend geschrieben, vor allem die Gefühle von Tom, seine Angst, ein Mörder zu sein und seine Gedankenkämpfe werden gut vermittelt. Leichenberge oder spektakuläre Ereignisse, waghalsige Action oder Sprünge der Ortsebene wie in Thrillern üblich sind rar. Es ist mehr ein psychologischer Thriller, der viele Wendungen und ein unerwartetes Ende bereithält.


Buch 5

Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels, Golkonda, München 2022, 978-3-96509-059-0, 20 EURO (D)

Tade Thompson Werke wurden vielfach ausgezeichnet: Rosewater, der erste Band der Wormwood-Trilogie, wurde 2019 mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet, außerdem ist Thompson Preisträger des Nommo Award und des Golden Tentacle Award und wurde nominiert für den John W. Campbell Award, den Shirley Jackson Award, den Hugo Award, den British Science Fiction Award und den Kurd Laßwitz Preis.

Dieser Roman spielt in der Weite des Weltalls. Shell, die Hauptperson, ist frisch ausgebildete Pilotin und Offizierin und bereitet sich auf ihren Jungfernflug vor mit der Ragtime vor. Dies ist ein Langstreckenkolonialschiff mit Ionenantrieb, das für seinen Weg etwa zehn Jahre benötigen wird. Die eintausend Passagiere und die Besatzung werden die Zeit in stark heruntergesetzter Animation mit dem Bewusstsein in einer flexiblen Virtual Reality verbringen, bis das Schiff endlich am Ziel ankommt. Nach dem Abschluss dieses Flugs kann sich Shell aussuchen, wo sie arbeiten möchte.

Doch dann gibt es Unregelmäßigkeiten auf der Ragtime. Erst bei einer persönlichen Erkundung des Schiffs findet Shell dreißig zerstörte Reisekapseln, deren Insass*innen mit mechanischem Gerät zerstückelt und durcheinander geworfen worden sind. Das können eigentlich nur die Reparatur- und Med-Bots des Schiffes gewesen sein, aber der Computer des Schiffes weicht direkten Fragen aus und verweigert immer wieder Befehle, die es nach der Kernprogrammierung fraglos befolgen müsste.

Kurz darauf schicken die Behörden Ermittler zum Schiff und ein einflussreicher und erfahrener älterer Raumfahrer kommt mit seiner Tochter Joké, einem Hybrid aus einem Menschen und einem sogenannten Lamber an Bord, um zu helfen. Schnell zeigt sich, dass die gefundenen Leichenteile nicht vollständig sind und dass außerdem einer der Getöteten ein einflussreiche und mächtiger Magnat dieser Zeit ist, der auf der Ragtime seinen Einflussbereich aus persönlichen Gründen verlassen wollte. Er wird von einer militanten Söldnerschutzgruppe gesucht. Eine Situation, die für die Lagos Station, an der die Ragtime kurz Station gemacht hatte, gefährlich ist, denn sie hätten einem Angriff aus dem All nichts entgegen zu setzen.

Dieses Buch bietet Mystery, die Auswirkungen neuer Technologie und menschlichen Fortschritt mit interessanten außerirdischen Arten und Planeten.

Die Charaktere sind authentisch, keine perfekten Persönlichkeiten. Die Unterscheidung und der oft beschworene Antagonismus zwischen Gut und Böse verschwimmt. Die Spannungskurve ist hoch, sprachlich aber verbesserungswürdig, Actionszenen sind mehr als genug vorhanden.








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