Neuerscheinungen Krimis und Romane

17.02.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Jan Korneffke: Die Tsantsa-Memoiren. Roman, Galiani, Berlin 2020, ISBN: 978-3-86471-177-5, 24 EURO (D)

Jan Korneffke wählt in diesem Roman eine kreative Erzählperspektive: Er lässt einen niedlichen Schrumpfkopf zum Leben erwecken und durch  seine Augen Stationen der geschichtliche Entwicklung der Welt in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten miterleben. Dabei bekommt der Schrumpfkopf einige menschliche Züge verpasst: Er entwickelt sich weiter wie ein Mensch in den einzelnen Entwicklungsphasen, ihm wird auch die Fähigkeit des Sprechens und von Emotionen verliehen. Sprechen kann er allerdings nicht, aber er kann den historischen Entwicklungen, die teilweise heute noch gelten, den Spiegel vorhalten, obwohl diese „Memoiren“ aus seiner subjektiven Sicht beschrieben und beurteilt werden.

Der Einstieg der Geschichte ist das spanisch kolonialisierte Venezuela um 1780, er kommt in den Besitz eines spanischen Beamten. Zuerst beobachtet er wie ein Säugling nur seine Umgebung und die dortige Sklaverei, dann spricht er zum ersten Mal, zur tödlichen Überraschung seines Besitzers. Nach dessen Ableben bricht er auf nach Europa und reist quer durch historische Epochen in Italien, Deutschland, England, Frankreich, Österreich, Rumänien und Russland. Er wechselt dabei immer den Besitzer, manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig. Je nach Charakter des Besitzers.

Seine Memoiren erzählen sowohl die historischen Begebenheiten als auch die Lebensweisen der jeweiligen Epochen. Diese werden von Korneffke zufällig ausgewählt, ein System ist dabei nicht zu erkennen, nur die Mischung zwischen Alltag und revolutionären Ereignissen in Europa des 19. Jahrhunderts wie das opulenten Leben in Rom, die 1848er Revolution in der Paulskirche, Eindrücke von den Metropolen Berlin, Wien, Paris oder Bukarest. Dabei erlebt er verschiedene Abenteuer: er wird zum wissenschaftlichen Studienobjekt in Cambridge, er muss sich mit Nazis rumschlagen, übersteht Attentate und gewinnt Einblicke in zwei Weltkriege. Die Neuordnung der Welt nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989/90 erlebt er auch mit. Kurios wird es, als er in Wien zum Psychiater geht.

Seine Erlebnisse stärken seinen Charakter und lassen ihn langsam „erwachsen werden“. Seine Züge werden auch mit der Zeit immer menschlicher, er entwickelt außergewöhnliche Fähigkeiten und gibt dabei auch seine Ansichten wie ein außenstehender Journalist wieder. Zwischendurch wechselt mal die Erzählperspektive, Einträge aus Tagebüchern oder Berichte schaffen andere Einblicke.

Durch die Perspektive des Schrumpfkopfs erfährt man viel von der Lebensweise der damaligen Zeit. Man lernt unterschiedliche Menschen kennen und erfährt, wie sie ihre Welt sahen, wie sie lebten, ihre Einstellungen oder Entdeckungen.

Der Erzählstil ist meistens locker und amüsant mit vielen phantastischen Zügen. Vieles nimmt der Schrumpfkopf mit seiner eigenen Art von Humor, allerdings gibt es auch ernste Passagen, wenn Missstände wie Menschenverachtung, Habgier und autoritäres Denken angeprangert werden. Etwas Moral darf nicht fehlen.

Die wechselnden Gefühlslagen des Schrumpfkopfes und die menschlichen Züge nehmen den Leser schnell für sich ein. Es entsteht eine Identifikation mit dem Erzähler, eine Art Sympathie. Dessen Erlebnisse sind eine Art historisches Inselhopping, hier ein kurzer Einblick und dann auf zum nächsten. Die Entwicklung des Schrumpfkopfes und die historischen Ereignisse im Schnelldurchgang laufen parallel zueinander. Langweilig wird es nie. Koneffke beweist viel Innovationsgeist und Kreativität.

Insgesamt gesehen ein sehr vielseitiges und lesenswertes Buch, das Abenteuer, ständig wechselnden Schauplätze und einen sympathischen Erzähler miteinander verbindet. Einzig die Frage bleibt, warum Koneffke sich so sehr auf Europa konzentriert und nicht alle Erdteile thematisiert.

Buch 2

Alban Nicolai Herbst: Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Elfenbein Verlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-96160-037-3

Dies ist die vollständig durchgesehene Neuauflage des Romans Wolpertinger oder Das Blau, das erstmals 1993 erschien.

Zu Beginn werden die handelnden Personen kurz vorgestellt, das Inhaltsverzeichnis ist unglücklicherweise am Ende des Buches zu finden.

Das Buch ist eines der opulentesten der deutschen zeitgeschichtlichen Literatur. Wer sich die Zeit und Muße nimmt, das anspruchsvolle Werk über einen längeren Zeitraum durchzulesen, am besten sogar mehrmals, wird eine komplexe, meist mit Anspielungen gesehene Melange zwischen Realität und Fiktion entdecken und in eine andere Welt versetzt werden. Ereignisse gegen quasi ineinander über; Realität und Fiktion werden ununterscheidbar.

Es ist eine Literatur des Phantastischen, die vielfältige Verweise auf berühmte Vorläufer aus Philosophie, Musik, Politik, Kultur und Poetik enthält. Es bedarf also eines Vorwissens, um dies auch mit schwarzem Humor Dargestellte entsprechend würdigen zu können. Ob dann alles verstanden wurde, ist dann noch die Frage.

Der Autor schreibt eigenwillig, bewusst kompliziert, als wolle er sein ganzes geballtes intellektuelles Hintergrundwissen einfließen lassen und den Roman zu einem eigenen literarischen Kosmos zu machen. Durch die Technik der verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen gerät man durchaus schon mal durcheinander, Phasen des Unverständnisses gehören bei der Lektüre dazu. Lesepausen sollten auch eingestreut werden, um das Geschehene auf sich wirken zu lassen.

Um einen Einblick und eine grobe Struktur der Handlung zu bekommen, empfiehlt sich der Wikipedia-Eintrag über das Werk. Dies sollte vorher gelesen werden und auch die Liste der handelnden Personen. Sonst besteht die Gefahr, das Buch entnervt in die nächste Ecke zu schmeißen.

Das Durchhalten lohnt sich, es ist ein seltenes intellektuelles Panorama geeignet für Leute, die tiefgehende, inhaltsreiche und auch unbequeme Literatur zu schätzen wissen.

Buch 3

Daniel Mellem: Die Erfindung des Coutdowns. Roman, dtv, München 2020, ISBN: 978-3-423-28238-3, 23 EURO (D)

Daniel Mellem zeichnet in diesem Buch das Bild und das Leben von Hermann Oberth, dem heute weithin unbekannten Raketenpionier, nach. Der im früheren Siebenbürgen zur Welt gekommene Oberth war von klein auf von Naturwissenschaft und verließ für seinen Traum seine Frau, um, um in Göttingen Physik zu studieren. Nichts Geringeres als den Menschheitstraum von der Mondrakete zu verwirklichen, wird schließlich sein Ziel.

Hermann Oberth wird als verbohrtes und teils verkanntes, besessenes Genie dargestellt, das im Gegensatz zu seinem erfinderischen Ausnahmetalent menschlich einfach nur unterirdisch war. Seine zunächst positive Eigenschaft der Beharrlichkeit, seines Erfindungsgeistes und dem Festhalten an seiner Vision trotz aller Widerstände wandelt sich im Laufe des Buches. Er opfert nicht nur sein Privatleben für seinen Traum, er setzt auch seine Gesundheit aufs Spiel. Oberth lebte ein eindimensionales Leben, immer nur darauf bedacht, dass er die Rahmenbedingungen vorfand, um seinen Traum zu verwirklichen. Immer auf der Suche nach wissenschaftlicher Anerkennung.

Da er abhängig von großen Firmen und Geldgebern war, blieb letztlich auch der letzte Funken Moral und Idealismus auf der Strecke, als er im Dienste der Nazis die Pläne für seine Mondrakete auf Kriegsraketen übertrug. Oberth selbst teilte die rassistische Überzeugung der Nazis und äußert sich auch antisemitisch im Text. Er war also kein instrumentalisierter Wissenschaftler im Dienst der NSDAP, sondern er pervertierte seinen ehemaligen Gedanken, der Menschheit helfen zu wollen zu einem Wissenschaftler, der Mordwerkzeuge herstellt. Es war auch kein Dienst für die Wissenschaft und ein Experimentierfeld, Oberth war intelligent genug, die Folgen seines Handels zu bedenken. 

Oberth will seinen Traum von seiner Mondrakete in die Realität zu transportieren, mit allen möglichen Konsequenzen. Mellem schildert ihn als verbohrten anerkennungssüchtigen Wissenschaftler, der alle moralischen Skrupel über Bord warf und letztlich sogar den Nazis eine Massenvernichtungswaffe an die Hand gab. Seine Ideale als Wissenschaftler, eine zivile Mondrakete für den menschlichen Fortschritt bauen zu wollen, hat er damit verraten.

Oberth als Kind seiner Zeit zu sehen und damit zu entlasten, wäre falsch. Er war selbst nach dem Ende des 2. Weltkriegs noch überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der rassistischen NPD.

 

Buch 4

Marta Orriols: Der Moment zwischen den Zeiten. Roman, dtv, München 2020, ISBN: 978-3-423-28212-3, 20 EURO (D)

Marta Orriols ist eine katalanische Schriftstellerin. Sie arbeitet als freie Kulturjournalistin für renommierte Tageszeitungen, Zeitschriften und Kulturportale. Ihr Roman „Der Moment zwischen den Zeiten" handelt von Protagonistin Paula. Paula lebt in Barcelona und arbeitet als Neonatologin im Krankenhaus.

Ihre heile Welt bricht zusammen, als ihr ihr Partner Mauro mitteilt, sich in eine andere Frau verliebt zu haben. Ihre Schockstarre wird noch dadurch gesteigert, als Mauro ein paar Stunden nach seiner Beichte an einem Verkehrsunfall stirbt.

Die Geschichte erzählt in diversen Zeitsprüngen davor, dazwischen, danach, wie Paula mit dem Tod von Mauro umgeht und was genau darum herum passiert ist. Dies erstreckt sich über ein Jahr. Paulas Trauer um ihren Geliebten vermischt sich mit Ohnmachtsgefühlen, Selbstverwürfen, Fragen, warum er sie sitzengelassen hat, aber auch Wut auf ihn. Dieses Gefühlschaos versucht sie zu umgehen, indem sie sich in verschiedene sexuelle Abenteuer stürzt, die meist nur eine Nacht gehen und sie nicht sonderlich erfüllen. Die Trauer und die Reflektion über den Tod wollen nicht vergehen. Mit der Zeit lernt man auch ihr früheres Leben kennen.

Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Innenansicht, den Gedanken und Gefühlen von Paula. Einfühlsam werden Passagen beschrieben, in denen sich Paula direkt an ihren verstorbenen Geliebten wendet.

Der Roman dreht sich aber im Wesentlichen darum mit Verlust, Abschied und Tod umzugehen und einen Ausdruck dafür zu finden. Ideen und Anregungen, wie man lernt, mit der Trauer zu leben, werden aber kaum geboten. Es ist eher die Frage: Ist Trauer etwas Individuelles oder hilft es, sich durch Routine abzulenken oder mit Familie und Freunden darüber zu reden. Die Quintessenz ist in diesem Roman, dass Trauer einen längeren Zeitraum braucht und erst mit der Zeit verblasst.

Die Stärke des Romans liegt in der gefühlvollen Beschreibung des Innenlebens der Protagonistin. Obwohl Paula tagtäglich mit Sterben, Krankheit und Leid zu tun hat, ist der Verlust eines geliebten Menschen etwas völlig anderes. Ein nachdenklich machender Roman, der einen Weg darstellt, wie man über den Verlust hinaus eine persönliche Krise bewältigen kann. Einen Königsweg gibt es nicht.

Buch 5

Mary Higgins Clark Alafair Burke: Denn Du gehörst mir, Heyne, München 2020,

Laurie Moran ist die Produzentin der TV-Show Under Suspicion, die sich zum Ziel gesetzt hat, Cold Cases, also ungelöste alte Kriminalfälle, erneut zu untersuchen. Dort werden Verdächtige und andere Beteiligte eingeladen, die dann vor der Kamera interviewt werden. Laurie wird von den Eltern eines Mordopfers, Dr. Martin Bell, angesprochen und gebeten, den Fall ihres Sohnes in ihrer Show zu zeigen. Ihr Ziel ist es, das Sorgerecht für ihre Enkelkinder zu gewinnen, indem sie Martins Frau Kendra beweisen, die für die Tötung ihres Sohnes verantwortlich ist. Der Fall ist auch in vielen Medien immer noch präsent. Dort wird Kendra auch verdächtigt, für den Tod ihres Mannes verantwortlich zu sein.

Kendra hat sich zuvor geweigert, an der Show teilzunehmen, nun soll sie angeblich dazu bereit sein. Laurie willigt ein, den Fall aufzugreifen, stellt jedoch fest, dass Kendra nicht so begeistert von der Teilnahme ist, wie die Martins sie glauben gemacht haben. Aber Laurie gibt nicht auf und drängt und drängt Kendra erfolgreich, ihre Meinung zu ändern. Es scheint so, als hätte sie etwas zu verbergen, was das Misstrauen von Laurie weckt.

Dann ändert sich die Lage, als ein maskierter Stalker auftaucht und Laurie verfolgt. Wie dies mit ihrem Fall zusammenhängt, wird noch nicht verraten.

Lauries Untersuchung in diesem ungelösten Fall deckt ein Netz von Lügen, Geheimnissen, Vertuschungen, geheimen Treffen in Kneipen, Liebesbeziehungen, Eifersucht auf. Es gibt einige Wendepunkte in der Geschichte, die den Leser auf eine falsche Spur lenken. Laurie wird von der Ermittlerin immer mehr zu einer Gejagten, ein Rollentausch, der gefährlich ihr eigenes Leben ist.

Dies ist ein eher psychologischer Thriller, der ohne viele blutrünstige Szenen und Unmengen von Toten auskommt und trotzdem spannend bis zum Schluss bleibt.

Buch 6

Garry Disher: Hope Hill Drive. Kriminalroman, Unionsverlag, Zürich 2020, ISBN: 978-3-293-00563-1, 22 EURO (D)

Das australische Tiverton, wohin Constable Paul Hirschhausen strafversetzt wurde, ist ein Ort im Nirgendwo inmitten des australischen Outbacks. Immer mit einer Portion Langeweile und Frust über seine Abkommandierung kümmert sich Hirschhausen um Kleinstdelikte wie Kupferdiebstahl, Trunkenheit am Steuer und spielt den Schlichter bei seltenen Gewaltdelikten. Mehr als das: An einem drückend heißen Tag muss er an Weihnachten den Weihnachtsmann spielen und danach Dienst schieben. Er fährt auf Streife quer durch die Gemeinde, und plötzlich ist es mit der Ruhe und Beschaulichkeit vorbei: Er findet mehrere Ponys, die ekelhaft abgeschlachtet wurden, das Werk eines gemeinen Tierquälers. Bevor sich Hirschhausen aber tiefe Gedanken zu diesem für Tiverton aufsehenerregenden Fall machen kann, geht es am nächsten Tag noch hektischer zu.

Man findet eine Frau und ihren Sohn erschossen in einem abgelegenen Farmhaus auf, zwei Mädchen sind spurlos verschwunden. Kurz vorher hatte Hirschhausen dort noch einen seltsamen Einsatz gehabt, den er mit dem Verbrechen in einen Zusammenhang bringt. Unangemeldet taucht dann auch noch Verstärkung für ihn aus der Hauptstadt auf, die bei den Ermittlungen aber eher als hinderlich erweisen. Auch die Sensationspresse versammelt sich in Tiverton und macht das verschlafene Nest zu einem kriminalistischen Hotspot. Unter den Bewohnern macht sich angesichts zweier Verbrechen in einer kurzen Zeitspanne Panik breit. Die Abgeschiedenheit des Ortes lässt erahnen, dass der oder die Täter sich unter ihnen befinden.

Im ersten Teil des Buches wird an manchen Stellen etwas übertrieben langatmig die Situation im australischen Outback beschrieben, davon sollte man sich nicht abhalten lassen weiterzulesen, im zweiten Teil folgt ein außergewöhnlichen Kriminalroman mit überraschenden Wendungen und einem spannenden Plot. Disher schafft es vor allem, seine Charaktere in all ihrer Vielschichtigkeit und mit all ihren Stärken und Schwächen zu zeichnen, was natürlich auch auf den Ermittler zutrifft.







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