Asterix, Obelix und Idefix auf Entdeckungsreise zum urzeitlichen ’Greif’ in den Permafrost

26.11.21
KulturKultur, Frankreich, TopNews 

 

Von Dr. Nikolaus Götz

Jetzt ist er auch in Deutschland zu haben, der 39te Asterix-Band aus der französischen Abenteuerserie der „unbesiegbaren Gallier“ mit dem Titel „Asterix und der Greif“ (1). Offensichtlich erfreut diese neue Bildergeschichte einer Reise ins unbekannten Land der „Barbaren“, dem ’Barbaricum’, mit den allseits bekannten, lustigen Comicsfiguren nicht nur die träumenden Kinder, sondern besonders auch die erwachsene, gebildete Leserschaft. Diese ausdrücklich der Jugend „à la jeunesse“ gewidmete, vordergründig naive Geschichte einer Entdeckungsreise der gallischen Helden Asterix und Obelix mit ihrem Hund Idefix ins weite östliche, winterlich-weiß zugeschneite Europa, bringt dem Leser den romanesken Blick des Autors Jean Yves Ferri auf die mythisch verklärte Entdeckung erster historischer Fossilienfunde aus der Millionen Jahre zurückliegenden vormenschlichen Urzeit durch den heute auf der Erde lebenden Menschen.

Der sogenannte ’Greif’ (lat. Gryphus), ein Urtier und gegenwärtig als ’Protoceratops’ rekonstruiert (2), liefert den Kern der aktuellen Asterix-Erzählung. Wieder einmal veranlasst ein fiktiver Eroberungszug oder eine Entdeckungsreise durch die antiken Römer die beiden ewig mutigen Helden Asterix und Obelix in den von ’Gallien’, dem heutigen Frankreich aus östlich gelegenen, zu jener Zeit noch völlig unbekannten, Teil Europas aufzubrechen. Dort, noch jenseits der Territorien von ’Germania magna’, wollen sie dem befreundeten Druiden ’Cékankondine’ (3) helfen, das „heilige Stammestier“ der dort ansässigen ’Sarmaten’ vor den besitzergreifenden Römern zu beschützen. Und so erreichen unsere Abenteurer in den unendlichen Weiten des eiskalten Nordens eine Permafrostregion, in der der Körper eines Urtieres die Zeiten überdauert hat, ungestört wohl seit Jahrtausenden auf dem Grunde eines zugefroren Sees liegend. Wie in den Erzählungen der ’alten Weisen’ (4) kund getan wurde, soll das Urvieh mit seinem geflügelten Unterkörper einem riesigen Löwen ähneln, wobei sein Kopf jedoch, wie der eines Adlers erscheint. Der Comicszeichner Didier Conrad hat sich bei seiner neuen zeichnerischen Darstellung dieses mythischen ’Greifes’ jedoch eher von einem gewaltigen ’Nashorn’ inspirieren lassen (5).

Die Erwartungshaltung des Lesers über das kommende Asterix-Abenteurer wird sofort auf der ersten Seite des Comics befriedigt. Der allererste Blick gilt dem schrecklichen ’Barbarenland’. In dem, den alten Römern noch unbekannten Land ’Barbaricum’, müssen deshalb wilde, unzivilisierte Völker wie die (frz.)’Bucinobante’, (dt.) Bucinobanten oder gar die (frz) „Atuatuque“, (dt.) die „Aduatuker“ ihr Unwesen treiben (6). Sodann mit dem dritten Bild verdeutlicht der Autor dem Leser die antike, zu jener Zeit weit verbreitete Vorstellung der Existenz von mystischen Zwitterwesen. Das Volk im Vielvölkerstaat des römischen Reiches ist durch die Beschäftigung mit jenen „mystischen Fabeltieren“ wie der Hydra, der Sphinx, der Harpyie oder den Chimären (7) abgelenkt. Nach diesem schnellen drei-Bilder-Einleitungs-Schritt beginnt ab Bild 4 die eigentliche neue Asterix-Geschichte mit Cäsar im klassischen Rom, wobei dieser absolut regierende Herrscher (?) sich in Rückbezug auf diese Fabelwesen ebenfalls als „heiliges Monster“ verklärt. Warum der deutsche Übersetzer den Eigenruf oder die ’Fama’ des römischen Autokraten in „echte Legende“ verändert hat (8) ist unverständlich.

Cäsar beauftragt nun seinen guten, folgsamen ’Geographen’ mit dem Namen ’Terrinconus’, was sofort lautlich als „terrain connu“ umzusetzen und mit „bekanntes Land“ zu übersetzen ist, eine Expedition in dieses unbekannte Land ’Barbaricum’ zu unternehmen und den Greif zu fangen. ’Terrinconus’ dieser also eigentlich unwissende Geograph, der ausdrücklich nur schon bekannte Länder kennt, beruft sich bei seiner Rede vor Cäsar als „Geograph“ auf ein Fachbuch eines anderen ’natürlich’ griechischen Gelehrten oder Fachwissenschaftler mit dem Namen „Trodéxès de Collagène“, in Französische transkribierbar als „trop d’excès de collagène“ was mit „zu viel Exzesse (über ein Mittelmaß hinaus/Ausschweifungen) mit Kollagen“ zu übersetzen wäre (9). Somit wird dieser ’Wissenschaftler’ eher als „trop pompé“ oder als „aufgeblasen“ dargestellt, ein Charakteristikum, das sich später im Verlauf der römischen Expedition als richtig herausstellen soll. Die geographische Karte des ’Barbaricum’ ist nämlich komplett ’weiß’ (10), also unbekannt, so wie das weite schneebedeckte Land, durch das die Expeditionsteilnehmer zu ziehen gedenken. Üblicherweise werden Wissenschaftler durch einen Verweis auf ihre Heimatstadt unterschieden. Der mit „Trodéxès de Collagène“ genannte Erstentdecker des Greifs wäre somit als altertümliche Fachschriftsteller griechischer Herkunft zu identifizieren. Der zusätzliche Hinweis ’Collagène’ zeigt jedoch keine Stadt an, sondern weist in Richtung des Berufes ’Arzt’, wobei dieser ’Mediziner’ in der deutschen Version denn als „Rigoros von Migraene“ benannt wird (11). Ob der Übersetzer bei seiner Arbeit von Migräne, also stechenden ’Kopfschmerzen’ geplagt wurde oder ob die Wahl seiner Namensgebung eine einfache Anspielung auf eine der bedeutendsten Städte des vorklassischen Griechenlands Mykene ist, wird rigoros also ’entschieden’ oder ’sehr streng’ vermutet.

Unserem ’Experten’ für außerrömische unbekannte Territorien, dem in der deutschen Asterix Fassung als ’Globulus’ bezeichnete Erdkundler, vertraut Cäsar unreflektiert, zumal dieser für die Beweisführung der Existenz des ’Greifen’, dem römischen Herrscher noch eine gefangengenommene ’Superblondine’ präsentieren kann. Und so kommt es, dass dieser ’Globulus’ mit der Führung einer Expedition ins Unbekannte beauftragt wird, wobei unser antiker, wohl bestimmt erste ’Globetrotter’ in der französischen Textfassung alles „überprüft hat“ und sich in der deutschen Version für die „Glaubwürdigkeit der Darstellung verbürgt“. Es kommt wie es kommen muss. Dass diese vom römischen Herrscher beauftragte Mission letztendlich scheitert, liegt also nicht am Staatenlenker Cäsar, sondern eher wieder an der Unfähigkeit seiner Mitarbeiter. Vornehmlich ist aber zu berücksichtigen, dass im ’Asterix’ noch unsere beiden Protagonisten, die unbesiegbaren Gallier Asterix und Obelix mitspielen. Diese verfügen, wie hinlänglich bekannt, über die „potion magique“, den Zaubertrank, weswegen die Pläne des Imperators Cäsar scheitern müssen. Dem armen Cäsar bleibt deshalb am Ende der Geschichte und sichtlich frustriert über die verschollene Expedition nichts anderes übrig, als auf „eine Giraffe“ als Ersatzbestie für den Greif zurückgreifen (12), um so sein Volk im Zirkus von Rom bei Laune zu halten.

Dass die Römer auf ihrer ewigen Jagd nach Gold, das sie beim Greif wie es die Legende erzählt, zu finden hofften, natürlich von Asterix, Obelix und Idefix vertrieben werden, war von vorneherein schon klar, ebenso wie die Tatsache, dass das ’heilige Urtier’ ungestört weiter in seinem Seegrab verbleiben kann. Und so endet auch diese 39te Geschichte des neuen Asterix-Bandes wie immer mit einem gewaltigen Fest im Dorf der Gallier. Während Idefix auf dem Schlussbild in den nächtlichen Sternenhimmel heult, der Barde ’Troubadix’ gefesselt am Boden liegt und Obelix kräftig in seine obligatorische Wildschweinkeule beißt, kann unser Held Asterix wie immer der fröhlich feiernden Dorfrunde von den vielen Erlebnissen berichten, von den weiten zugeschneiten „Steppen des Nordens, von den Jurten, von Hund und Wolf...“(13). Eine Fortsetzung der lustigen, sehr unterhaltsamen Asterix-Reihe folgt bestimmt...


Anmerkungen:

1 Französische Version: FERRI, Jean Yves (texte)/CONRAD, Didier (dessins): Asterix et le griffon, les éditons Albert René, Vanes 2021; die deutsche Version: FERRI, Jean Yves (Text)/CONRAD, Didier (Zeichnungen): Asterix und der Greif, Egmont Verlag /Berlin 2021; (Preis: 6,90,- und als Hartcover: 12,- Euro)

2 Vergleiche WIKIPEDIA: wikipedia.org/wiki/Greif; Das französische Wort ’griffon’ bezeichnet in seinem Primärsinn zunächst ein „Fabelwesen“ während der Sekundärsinn die Benennung eines „Raubvogels“ und der Tertiärsinn, der einer „Hunderasse“ ist. Der vierte Bedeutungssinn des Wortes ist ein „öffentlicher Brunnen; der Punkt, an dem das Wasser aus dem Boden quillt“. Siehe das Wort: GRIFFON in: Le Petit Robert, Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française, Paris 2019, S. 1188. In der deutschen Sprache versteht man primär unter dem ’Greif’ einen Raubvogel, womit der eigentliche französische Wortsinn im Deutschen nicht exakt wiedergegeben werden kann. Siehe die Bildrekonstruktion des Greifs auf Seite 40.

3 In der französischen Version lautet der Name des Druiden „Cékankondine“ Die lautliche Transkription des Namens führt zu: „C’est quand qu’on dine?“, was übersetzt heißt: „Wann essen wir zu Abend?“ (Seite 9 oder auch Seite 12). ’Geistliche’ waren oft für ihre Dickleibigkeit und Fresslust bekannt. In der deutschen Version wird der Name mit „Terrine“ also eine „Suppenschüssel“ (Seite 9 oder auch Seite 12) angegeben.

4. Im aktuellen Asterix berufen sich die Römer ’natürlich’ auf einen griechischen Autor, da die Griechen den Römern Vorbild in Literatur und Forschung waren. So wird die Forschungsfahrt eines griechischen „Reisenden“ im Asterix eigens mit zwei erklärenden Bildern eingeschoben (Siehe: Seite 44). Und es war deshalb der griechische Göttervater Zeus, der das ’amphibische Tier’ im See in den Schlaf versetzt hat, wobei dieses ’Monster’ einen Goldschatz bewachen würde, Anlass genug für einen römischen Raubzug. Der Autor des aktuellen Asterix wiederholt für sein Lesepublikum damit die markanten Punkte der mystischen ’Saga vom Greif’ (Siehe erneut: WIKIPEDIA: wikipedia.org/wiki/Greif).

5: Vergleiche: Sibirisches Nashorn: www.scinexx.de/news/geowissen/sibirisches-einhorn-lebte-laenger-als-gedacht/; siehe das Bild auf Seite 40

6 Die hier im Asterix gebrachte „unaussprechliche“ Wortartikulation der Benennung barbarischer Stämme ist nicht willkürlich, sondern geht in der Tat auf historische Vorlangen zurück, was das Hintergrundwissen der Asterix-Macher über die römische Epoche belegt, in der die Asterix-Bildergeschichte spielt. Die vom Legionär genannten „Bucinobanten“ waren ein alamannischer Stamm, der im Mündungsgebiet des Main, bei Mainz am Rhein siedelte (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Bucinobanten) und die genannten Aduatuker oder Atuatuker waren ein links des Rheins im heutigen Belgien siedelnder Germanenstamm, der im Buch von Julius Cäsar ’Der Gallische Krieg’ erwähnt wird, nämlich die „Atuatuci“ (Caesar: De bello Gallico, Edit: Dr. Hans Fluck, Paderborn, Karte, S. 178-179; siehe hier auch: wikipedia.org/wiki/Adutuker). Der beabsichtigte Sprachwitz „des Fremdländischen“ im Asterix wird gewahrt, was in der zugehörigen Bildblase dem Leser erklärt wird.

7 Das dritte Bild auf der Seite vier der Asterixausgabe 39 bringt als Mischwesen die Hydra, eine vielköpfige ’Schlange’ (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Hydra_(Mythologie)), die Sphinx, ein Löwe mit einem Menschenkopf (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Sphinx_ägyptisch), die Harpyie, ein Vogel mit einem Frauenkopf (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Harpyie_ (Mytho-logie) oder die Chimäre, ein Mischwesen, das hier im Asterix als Löwe mit einem Mufflonkopf im Rücken entworfen ist.

8 Siehe Asterix Nr. 39, jeweils Seite 4.

9 Mit dem Begriff ‘Collagène’ dt.: ’Kollagene’ bezeichnet man „eine Gruppe nur bei vielzelligen Tieren (einschließlich Menschen) vorkommender Strukturproteine (ein Faserbündel bildendes Eiweiß) hauptsächlich des Bindegewebes...“; siehe: wikipedia.org/wiki/Kollagene; Kollagene finden in der modernen Medizin Anwendung, beispielsweise bei der weiblichen Brustvergrößerung (siehe: beauty-schminktipps.de/brustvergroesserung-mit-kollagen).

10 Siehe Asterix Nr. 39, Seite 10

11 Siehe Asterix Nr. 39, deutsche Version, Seite 5

12 Siehe Asterix Nr. 39, Seite 48

13 ebda.: Schlussbild Seite 48








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