„Die Warengesellschaft und die Herausforderung der multiplen Krise“

10.05.22
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Buchempfehlung von Jürgen Marggraf

Gerade noch rechtzeitig für die Auslage auf diversen Büchertischen zum internationalen „Tag der Arbeit“ ist Ende März im Verlag new academic press (Wien) ein Buch von Jakob Schäfer mit dem Titel „Die Warengesellschaft und die Herausforderung der multiplen Krise“ erschienen.

In der Einleitung zu seinem Buch steckt J. Schäfer den inhaltlichen Rahmen seiner Abhandlung mit folgenden Worten ab: „Was ist die Ausgangslage, also das, was wir im Folgenden die ‚Herausforderung‘ nennen? Welches ist überhaupt das Grundübel, das zu der sich verschärfenden katastrophalen Lage geführt hat und diese ständig verschlimmert? Wer kann diese Entwicklung stoppen und was muss an die Stelle des verheerenden kapitalistischen Systems treten? Welche strategischen Schlussfolgerungen sind aus den vielen Anstrengungen der vergangenen hundert Jahre, die Welt zu verändern, zu ziehen?“

Diese Fragen bestimmen in genau dieser Reihenfolge den Aufbau des Buchs. Der erste Teil ist unter dem Titel „Die Herausforderung – eine (unvollständige) Übersicht“ der Darstellung nicht nur des Zustands unserer Welt gewidmet, sondern besonders auch der Tiefe und Breite des Wissens über die Bedrohungen, die auf die Menschheit zurollen, und dem Skandal, dass dieses Wissen dem Lauf der Katastrophen in allen Bereichen – Weltklima, Artensterben, Zoonosen, Gesundheits- und Ernährungskrisen, Ströme von Flüchtenden, Kriegen usw. – nichts oder immer zu wenig anzuhaben scheint.

Der zweite größere Teil des Buchs ist überschrieben mit „Warenproduktion – der Dreh- und Angelpunkt“. Die Begründung für den ersten Teil dieser theoretischen Beschäftigung mit dem Charakter der Ware, den Formen der Entfremdung u. a. gibt J. Schäfer am Anfang des Kapitels: „Selbst ein summarischer Blick auf die oben skizzierte gewaltige Herausforderung, vor der die Menschheit steht, macht deutlich, dass eine Lösung dieser Aufgabe auf keinen Fall unter kapitalistischen Bedingungen zu bewerkstelligen ist. Es gilt nun zu klären, was denn die Grundlage der herrschenden Wirtschaftsordnung ist, die so fundamental ein menschliches Leben unmöglich macht.“

Der zweite Unterteil dieses Kapitels ist die sehr detailreiche, konkrete Vorstellung einer gesellschaftlichen Alternative: „eine[r] demokratisch geplante[n] Wirtschaft“, deren Darstellung endet mit der Frage, die zum nächsten Kapitel führen soll: „Es gilt nun zu klären, was denn unsere philosophisch-anthropologische Ausgangsbasis für die Annahme ist, dass eine so grundlegende Umgestaltung der Gesellschaftsordnung überhaupt möglich ist.“

Und so steht nun das nächste Kapitel erwartungsgemäß unter dem hübschen Titel „Unser philosophisch-anthropologischer Kompass“ – zweigeteilt. Teil 1 behandelt genauer den Zusammenhang von Warenproduktion und Entfremdung. Ein zentraler Begriff für das Verständnis der Verstümmelung der menschlichen Natur in der Warengesellschaft ist der Verlust bzw. die Wiedergewinnung der Gattungsmäßigkeit des Menschen, u. a. besonders durch die Aufhebung des Privateigentums.

Teil 2 mit den Untertiteln „Die egalitären Gesellschaften der Vergangenheit – eine unschätzbare anthropologische Erkenntnisquelle“, „Egalitäre Gesellschaften heute“ und „Egalitäres Bestreben in hierarchischen Gesellschaften“ bietet in einer fesselnden Darstellung Erkenntnisse aus archäologischer und anthropologischer Forschung über die Zeitlosigkeit des sich immer wieder durchsetzenden humanistischen Strebens nach hierarchiefreiem Zusammenleben.

Da es sich hier eher um eine Leseempfehlung als um eine Rezension handelt, erlaube ich mir, die Kapitel vom „Subjektiven Faktor“ über die Fragen zur Strategie, zu den Übergangsforderungen bis hin zu den „Wesentliche[n] Achsen eines ökosozialistischen Sofortprogramms“ in einem großen Bogen zu würdigen. Der rote Faden, der sich durch die sehr dataillierten taktischen und strategischen Fragen und Vorschlägen zieht, ist die Erinnerung daran, dass die Dringlichkeit der Abwendung der großen Bedrohungen der Gegenwart uns nicht länger davon abhalten darf, das Grundübel hinter der multiplen Krise, den Kapitalismus, bei den Hörnern zu packen. Und dem defätistischen Opportunismus, gegen den leider auch manche „Abkürzungen“ suchende Linke nicht gefeit sind, stellt J. Schäfer eine Strategie gegenüber, die den subjektiven Faktor wieder ins Zentrum stellt. Es lohnt sich, E. Mandels „Lenin und das Problem des proletarischen Klassenbewusstseins“ wieder einmal gründlich zu studieren.

Dem lehrreichen, Mut machenden, aufrüttelnden Buch von Jakob Schäfer möge eine breite, freundliche Aufnahme beschieden sein.

Jürgen Marggraf







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