Neuerscheinungen Sport

16.05.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Stadion. Die besten Fußball-Arenen der Welt, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-7307-0616-9, 49,90 EURO (D)

In diesem Bildband gibt es eine Sammlung von spektakulären Aufnahmen von 365 Stadien und Fußballfeldern aus der ganzen Welt. Dies sind stimmungsvolle Aufnahmen, die neben den großen Klassikern von Stadien auch ungewöhnliche, skurrile Plätze und Arenen bietet. Außerdem wurde bei der Auswahl die Schönheit des Fotos, manchmal die geografische Lage, der Name des Ortes oder dessen Geschichte berücksichtigt.

Zunächst gibt es den Bildnachweis und die Sammlung von Expert*innen, die an dem Buch beteiligt waren.

Jedes Stadion oder Fußballfeld wird auf einer Seite vorgestellt, wobei das Bild klar im Vordergrund steht. Am Rand gibt es Informationen zum Stadionnamen, Baujahr, Stadt, Land, dort spielende Teams und Zuschauerkapazität.

Dies sind zum Beispiel Etriskay in Schottland mit Blick aufs Meer, der Camp D’Esports Prade de Moles in Andorra mit Bergpanorama oder die Ottmar Hitzfeld Gsponarena in der Schweiz, wie Netze auf einer Seite davor schützen, dass Bälle den Berg hinunterfallen. Skurril ist auch das Bild des The New Lawn Waitsworth in England, wo im Vordergrund weidende Schafe zu sehen sind, im Hintergrund das Stadion.

Der Sportplatz Maria Alm in Österreich steht inmitten einer tollen Berg- und Landschaftskulisse, das Tasillaq Stadion in Grönland für 500 Zuschauer hat ebenfalls im Hintergrund schneebedeckte Berge zu bieten. Fans stehen bei manchen Bildern im Mittelpunkt wie beim Stade Mohammed V in Casablanca oder in Jakarta.

Dass das altehrwürdige Stadion am Zoo des Viertligisten Wuppertaler SV aufgenommen wurde, erstaunt doch etwas.

Es geben vier ausführlichere Beiträge mit Text und mehreren Bilder über La Bombonera im argentinischen Buenos Aires, Fulhams Craven Cottage aus dem Jahre 1905, das Dortmunder Westfalenstadion und das Madrider Santiago Bernabeu.

Der Bildband liefert eine gute Mischung von Stadien und Fußballplätzen auf allen Kontinenten und Ländern. Da die Auswahl auch subjektiven Charakter hat, gibt es immer Diskussionsstoff, warum dies nicht vorkommt und andere weggelassen werden können.

Es werden sehr viele unterschiedliche tolle Bilder, auch mit vielen Kontrasten in der Reihenfolge, präsentiert, die immer Emotionen auslösen.

Das Buch hätte etwas großformatiger ausfallen können, um noch besser die Bilder zur Geltung zu bringen.


Buch 2

Gregor Schnittker: Eike Immel. Die Biografie, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-7307-0599-5, 24,90 EURO (D)

Gregor Schnittker legt mit dieser Biografie ein berührendes Porträt des ehemaligen Weltklassetorhüters Eike Immel vor. Dazu führte er nicht nur lange und intensive Gespräche mit Immel, sondern auch mit zahlreichen Weggefährten. Schnittker möchte dabei die guten und schlechten Momente ausbalancieren, sie gewichten, Zusammenhänge erkennen, neue Linien zeichnen und Bereiche in Grau darlegen.

Nach seinem sensationellen Profidebüt für den BVB mit 17 Jahren spielte er lange für den VfB Stuttgart und wurde dort Deutscher Meister. Dort gelang ihm auch der Durchbruch als Stammtorhüter der Nationalelf. Im Herbst seiner Karriere wechselte er nach England zu Manchester City, wo er seine Karriere aufgrund von Hüftproblemen beenden musste. Danach blieb er dem Fußball treu und wurde Trainer und Torwarttrainer im internationalen Fußball.

Schon während seiner Profikarriere sorgte er mit seinem völlig sorglosen Umgang mit Geld für Schlagzeilen, dies setzte sich auch danach fort und gipfelte in die Privatinsolvenz, begleitet von großem medialen Echo. Um Geld zu verdienen, sah er sich dazu gezwungen, am erniedrigenden Format des RTL-Dschungelcamps teilzunehmen. Heute ist er in das familiäre Vereinsumfeld des hessischen Clubs Eintracht Stadtallendorf eingebunden. Er unterstützt das Team der Ehrenamtlichen als Torwarttrainer und hilft auch als Jugendtrainer aus. Das ruhige Leben tut ihm gut.

In der Mitte des Buches gibt es einige Farbbilder seiner Erfolge als Fußballer und auch private Fotos.

Sein persönlicher und finanzieller Absturz ist natürlich ein Thema des Buches.

„Die vielen (…) vermeintlichen Kümmerer wollten mit ihm glänzen, posieren, angeben, Geschäfte machen und viel Geld verdienen. Sie wollten vom Glanz eines schillernden Fußballstars profitieren, dessen Ruhm nutzen – und ihn benutzen. Und Eike fiel das meistens nicht auf.“ (S. 9)

Wie ein Bauherren-Modell, mit dem sich vermeintlich Steuern sparen lässt.

Als vermeintliches unschuldiges Opfer wird Immel aber nicht präsentiert: „Auffällig ist, dass er keine Scheu hat, Versäumnisse einzuräumen oder schlicht von Episoden erzählt, die ihn nicht gut aussehen lassen. Eike tritt mit einer bisweilen selbstschädigenden Ehrlichkeit auf und gewinnt damit Sympathien.“ (S. 155)

Die Geschichte von überragend verdienenden Spitzensportlern, die nicht mit Geld umgehen können oder es sorglos windigen Beratern als Investition geben, gibt es viele, nicht nur Eike Immel. Wie auch Abstürze nach der Karriere, die es zuhauf gibt und immer das Merkmal haben, sich im normalen Leben nicht zurechtzufinden.

Und es wird wohl auch immer solche geben, wenn dieses Problem nicht als solches wie hier in diesem mutigen Buch benannt wird und mögliche Lösungen diskutiert werden.


Buch 3

Daniel Müksch: Novak Djokovic. Ein Leben lang im Krieg, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-7307-0603-9, 22 EURO (D)

Novak Djokovic hat den ewigen Spitzenplatz der Spieler, die am längsten Nummer eins der Weltrangliste waren, inne. In seiner umfangreichen Biografie schildert Daniel Müksch den unaufhaltsamen Aufstieg eines Mannes, der nicht erst seit seiner Weigerung, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen polarisiert. Ausgehend von den Kindertagen im vom Bürgerkrieg erschütterten Ex-Jugoslawien bis hin zu den Triumphen bei allen vier Grand Slam Turnieren stellt er einen Profi vor, der sich von unten nach ganz oben gearbeitet hat.

Der Autor benennt die Jugend von Djokovic als Schlüsselelemente für sein späteres Leben: „Zwischen Tennis und Bomben. Zwischen sportlichem Talent und dem Kampf um das finanzielle Überleben. Das sind die Bausteine seiner Jugend. Ohne den Blick auf die Jahre als kleiner Junge in einer von der Nato zerbombten Stadt ist die Person Novak Djokovic nicht zu verstehen.“ (S. 10)

Djokovic’s nationalistische Äußerungen gegen die staatliche Unabhängigkeit des Kosovo deutet der Autor: „Um zu verstehen, warum sich Novak Djokovic heute so streitbar äußert, muss man sich immer in die Bombennächte von 1999 zurückversetzen. Als der kleine elfjährige Novak voller Angst auf dem kalten Boden in dunkler Nacht liegt und nach Mama und Papa schreit.“ (S. 34)

Sicherlich können prägende Ereignisse als Kind sich durch das ganze Leben durchziehen, genauso gut können sie für Entschuldigungen aller Art herhalten. Nicht jeder in Serbien wurde durch das Erleben von Bombennächten zum Ultranationalisten, außerdem entwickelt sich Menschen weiter und denken reifer und differenzierter.

Die sportlichen Anfänge bei seiner Trainerin, sein Vater und die weiteren Bezugspunkte in seiner Karriere wie wichtige Matches skizziert. Genauso die Philosophie und mentale Stärke von Djokovic, mit der der Serbe „noch mit 40 Jahren Grand-Slam-Turniere gewinnen kann“. (S. 74)

Ausführlich geht Müksch auch auf die Liaison mit Boris Becker ein: „Djokovic will nun Beckers mentale Standfestigkeit aufsaugen. Auch wie man den gestiegenen Erwartungen trotzt.“ (S. 175) Er erklärt die Trennung zwischen den beiden mit Djokovics Suche nach innerem Glück, das Becker befremdlich vorkam und er Personen im Umfeld des Serben für nicht förderlich hielt.

Auch das Hickhack Anfang 2022 um die Person Djokovic bei seiner Einreise nach Australien ist ein Schwerpunkt. Als das Bundesgericht Melbourne entschied, dass der Serbe umgehend Australien verlassen muss und nicht an den Australian Open teilnehmen darf, hat Djokovic „den härtesten Kampf seiner Karriere verloren.“ (S. 8)

So resümiert Müksch: „Er ist eine streitbare Persönlichkeit, die sich nicht verbiegen lässt. (…) In Momenten, in denen sich alle gegen ihn stellen, ihm der Gegenwind frontal ins Gesicht bläst, er gesagt bekommt, du schaffst das nicht, in solchen Momenten ist er am stärksten. Grenzen sind für ihn nicht existent. (…) Ein Krieger bleibt ein Krieger, immer und überall. Ein ganzes Leben lang.“ (S. 233)

In der Mitte des Buches gibt es einige Abbildungen privater Natur und sportlicher Triumphe.

Im Anhang finden sich noch die Rekorde von Novak Djokovic.

Das Buch ist eine Mischung zwischen Erklärungen und Würdigungen von Djokovics sportlichen Erfolgen und Psychogramm. Dass die Person Djokovic umstritten ist, da hat der Autor recht. Seine Deutungen des Denkens und Verhaltens der Serben sind zuweilen zu unkritisch und beschönigend, lassen aber Raum für viel Input und Diskussionsstoff. Die nicht alltägliche sportliche Fairness, die Djokovic oft in engen Matches gezeigt, hat, und für ihn spricht, geht leider etwas unter.


Buch 4

Frank Müller/Jürgen Schwarz: Die Delegierten. Verdeckte Transfergeschäfte im DDR-Fußball, Neues Leben, Berlin 2022, ISBN: 978-3-355-01911-8, 18 EURO (D)

Dieses Buch widmet sich einem Thema, das im DDR-Fußball ein weitgehendes Tabu war: Spielerwechsel innerhalb der Teams, wo die offizielle sozialistische Doktrin vom reinen Amateursport oft unterlaufen wurde. Fußballbegeisterte Funktionäre, Provinzfürsten oder Wirtschaftslenker unterstützten den eigenen Betrieb oder das eigene Kombinat wirtschaftlich über das vorgesehene Maß. Die Forcierung von Spielerwechsel wurden zwar in Einzelfällen hart geahndet, aber dennoch wurden beachtliche Prämien und Gehälter gezahlt. Neben Geld wurden auch den wechselwilligen Spielern Wohnungen oder die Verkürzung der Wartezeit auf ein Auto geboten, sportpolitische Argumente wurden auch bei Funktionären angewendet, wenn sie einen Star nicht aus ihrem Hoheitsgebiet ziehen lassen wollten.

Dieses Buch stellt die Vereinswechsel vieler wichtiger DDR-Fußballer vor.

Wie der Clubwechsel des Auswahlspielers Eberhard Vogel vom FC Karl-Marx-Stadt zum FC Carl Zeiss Jena. Dort legte der Verband dem Spieler nahe, vom gerade abgestiegenen sächsischen Verein zum frisch gebackenen Meister nahe, um auch in den internationalen Wettbewerben spielen zu können.

Getarnt als „Umzugsprämie“ erhielt der aufstrebende Lutz Lindemann zum FC Carl Zeiss Jena 15?.000 DDR-Mark, eine Summe, die seinerzeit Ende der 1970er Jahre mehrere Jahresverdienste eines normalen Werktätigen ausmachte.

Der bei Chemie Leipzig spielende Stürmer Hans-Jörg Leitzke wollte eigentlich nach Wismut Aue wechseln. Der Stadtrivale Lokomotive Leipzig legte jedoch sein Veto zu dem Transfer ein und er wurde in die Zentrale des DFV nach Berlin berufen. „Sinngemäß sagte man mir, die Oberliga gehe auch ohne mich weiter, wenn ich mich nicht binnen einer bestimmten Frist für Lok entscheide.“ (S. 157)

Die Vereine suchten aber auch nach anderen Wegen, um Spieler anzuwerben. So gab es inoffiziell den „Spieler-Zieher“ Gottfried Matthes, eine Art Scout und Vermittler, der für Dynamo Dresden fungierte und Aufwandsentschädigungen und Prämien bekam.

In den Kapiteln werden neben den bizarren und oft skurril anmutenden Wechseln der Spieler deren Karriere beim Verein und international geschildert und was aus ihnen nach der Wende geworden ist.

Dieses Buch deckt Hintergrundgeschichten auf, die zeigen, dass Methoden wie in den westlichen Profiligen auch im DDR-Fußball, wenn auch etwas abgewandelt, angewandt wurden. Fernab der Öffentlichkeit wurde mit besseren Wohnungen, Autos, Vergünstigungen und viel Geld gelockt, gute Fußballspieler und deren Familien konnten materielle Dinge bekommen, die exorbitant über den Verdiensten von normalen Werktätigen lagen. Eine eigene Klasse innerhalb einer sich sozialistisch verstehenden Gesellschaft.

Gleichzeitig ist das Buch ein intimer Einblick über die Machtstrukturen in Vereinen, beim Verband und die Eitelkeit von Funktionären.








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