„Blaue Jungs mit Roten Fahnen“

20.06.21
KulturKultur, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Rezension von Max Brym

Vor einiger Zeit ist im Unrast Verlag das Buch“ Blaue Jungs mit roten Fahnen-die Volksmarinedivision 1918/ 19“ von dem bekannten Autor Klaus Gietinger erschienen. Wer sich für die Geschichte der Arbeiterbewegung bzw. der Geschichte der deutschen Revolution 1918 1919 interessiert, für den ist das Buch absolut zu empfehlen.

In dem Buch erfährt man viel zur Frage warum ausgerechnet, die Matrosen in Kiel und Cuxhaven, zum Auslöser der deutschen Revolution gegen den Kaiser und den Krieg wurden. Gleichzeitig standen sie für eine Demokratisierung der Armee und eine soziale Umgestaltung der Gesellschaft ein. Die deutsche Admiralität wollte den Briten im November 1918 ein „letztes ehrenvolles Gefecht“ liefern. Dagegen rebellierten die Matrosen.

Die Lage der Matrosen während des Ersten Weltkrieges war ausgesprochen schlecht. Gegen Ende des Krieges mussten sie sich de facto mit 2000 Kalorien pro Tag durchschlagen, was faktisch eine Unterernährung darstellte. Vor dem Ersten Weltkrieg waren 4000 Kalorien pro Tag, die Standardmenge für einen Arbeiter in Deutschland. Gleichzeitig gab es üppige Gelage in den Offiziersmessen auf den Schiffen. All das hat Klaus Gietinger akribisch recherchiert. Zudem waren die Matrosen in der Regel ausgebildete Facharbeiter, welche in der Marine nötig waren. Am 4. November begann die deutsche Revolution in Kiel. Die Offiziere wurden abgesetzt und es bildeten sich demokratisch zusammengesetzte Soldatenräte. Natürlich ging das nicht ganz problemlos ab, Gietinger beschreibt die konkreten Vorgänge in Kiel und Cuxhaven ganz hervorragend.

Die Konterrevolution schickte den späteren sozialdemokratischen Bluthund Gustav Noske, nach Kiel, um die Revolution zu unterdrücken. Für SPD Noske war zunächst einmal nur Demagogie möglich. Die vertrauensseligen Matrosen betrachteten Noske als ihren Mann . Großzügig gewährte Noske, die Entlassung vieler Matrosen aus dem Militärdienst. Dadurch trat allerdings eine Entwicklung ein mit der die Oberste Heeresleitung und die SPD Führung nicht rechnete. Matrosen trugen den Geist der Revolution in viele andere Städte Deutschlands, besonders nach Berlin. Die Konterrevolution verfügte am 9. November 1918 in Berlin über keinerlei zuverlässige Truppenteile mehr. Der Feind der Revolution Ebert, war auf die bewaffneten Matrosen aus Norddeutschland angewiesen, um ihn und seine Spezies in der Reichskanzlei zu bewachen. Lange Zeit durchschauten viele Matrosen nicht das Doppelspiel der sozialdemokratischen Führer. Diese sprachen einerseits von Sozialismus und Demokratisierung, um auf der anderen Seite im Bündnis mit der Obersten Heeresleitung, speziell mit dem General Groener, die Niederschlagung der Revolution vorzubereiten. Es konstituierte sich der sogenannte „Rat der Volksbeauftragten“ aus SPD und USPD. Liebknecht lehnte eine Teilnahme an diesem Gremium ab. Im Lauf der Zeit schaffte die Oberste Heeresleitung immer mehr zuverlässige Truppenteile in den Raum Berlin. Am Weihnachtstag wurde die Volksmarinedivision mitten in Berlin durch konterrevolutionäre Truppen angegriffen. Dieser Angriff scheiterte, nicht nur, weil sich die Marinesoldaten tapfer verteidigten, sondern weil ihnen die Masse der Berliner Arbeiter von hinten her zu Hilfe kam und die weißen Truppen zum Abzug bewogen.

Spätestens ab diesem Termin begann die Entfremdung zwischen der Volksmarinedivision und der Regierung Ebert. Sehr genau beschreibt Gietinger die Massendemonstrationen gegen die Absetzung des linken Polizeipräsidenten Emil Eichhorn am 5. Januar in Berlin. Die Massenproteste und die Besetzung des Zeitungsviertels erwecken den Anschein vom wirklichen Beginn der Revolution in Deutschland. Aber bereits am 8. Januar 1919 war klar, dass die Mehrheit der deutschen Arbeiter noch nicht bereit war, um für eine tatsächlich sozialistische Räterepublik zu kämpfen. Mit dieser Einschätzung der Lage waren Rosa Luxemburg und Karl Radek, obwohl sie sich persönlich nicht ausstehen konnten, vollständig einer Meinung. Aber entgegen der späteren Polemik von Paul Levi, unterstützte Rosa Luxemburg zwischen dem 5 und 7. Januar die revolutionären Parolen. Ab dem 8 bzw. 9. Januar gab es schwere Differenzen innerhalb der Führung der gerade gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands. Nur Liebknecht und Pieck, wollten die revolutionäre Offensive fortsetzen, wohingegen Rosa Luxemburg, Karl Radek und Leo Jogiches für einen planmäßigen Rückzug plädierten. Der von Gietinger sogenannte „Kreuzbube“ der Konterrevolution Hauptmann Waldemar Papst mit seiner „ Garde Kavallerie Schützen Division“ setzte sich mitten in Berlin im Eden Hotel fest. Mit ausdrücklicher Rückendeckung durch Noske wurden Liebknecht und Luxemburg am 15. Januar in Berlin brutal ermordet. Massenmorde gab es ebensoan den blauen Jungs mit der roten Fahne. Im letzten Kapitel des Buches behandelt Gietinger, die viel zu wenig beachteten Ereignisse im März 1919. Die Generalität wiederum unter der Leitung von Papst, setzte brutal beispielsweise Gas mitten in einer deutschen Großstadt ein. All dies mit dem Ziel den Generalstreik der Arbeiter in Berlin zu beenden. Gustav Noske erteilte Papst, die Vollmacht ohne jegliches Verfahren, jeden Bewaffneten und jedes Haus aus dem geschossen wurde mit der sofortigen Exekution zu bestrafen. Massenterror und Massenmord herrschten in Berlin. Neben Arbeitern, Räte Soldaten kamen viele Frauen und Kinder ums Leben So weit ging nicht einmal der einstige deutsche Kaiser. Zwar verkündete er in seiner Silvester Proklamation aus dem Jahr 1905 folgendes:" Zuerst die Sozialisten köpfen und dann den Krieg nach außen führen“. Aber die Märzaktionen gegen alles und jeden in den Berliner Arbeitervierteln war so Gietinger schon „protofaschistisch“. Es ist das Verdienst von Klaus Gietinger absolut exakt die Geschichte der Marinedivision, den Beginn und das Ende der deutschen Revolution speziell am Beispiel der zuerst an der Sozialdemokratie hängenden Matrosen, exzellent zu beschreiben.

Bestellungen unter https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/blaue-jungs-mit-roten-fahnen-detail?fbclid=IwAR1QKubs4naWjyDbQcPt1r8VhqcM9UcP7I8cdm7prg_k797MVP96MNIa45A







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz