Klarkommen gegen die Tragik unseres Daseins

04.05.12
KulturKultur, Soziales, Wirtschaft, TopNews 

 

von Marcus Munzlinger via Direkte Aktion

Lena Stoehrfaktor, Teil der Berliner HipHop Crew „Conexion Musical“, sprach mit der DA über Selbstverwaltung, Szenemechanismen, ihr zweites Soloalbum und das Verhältnis von Konsum und politischer Musik.

Direkte Aktion: Lena,im Januar 2012 habt Ihr bei Conexion Musical Dein neues Album „Die Angst vor den Gedanken verlieren“ releast. Wie gestaltet ihr Produktion & Vertrieb?

Lena: Wir produzieren alles selber. Bei dem neuen Album hat Claudito die Aufnahmen mit mir gemacht. Die Beats sind diesmal nicht fast alle von Blank, sondern von verschiedenen Leuten. Wir kaufen uns von dem Geld was wir durch Auftritte und CD-Verkauf einnehmen die Geräte zum Produzieren, nehmen alles in der Conexion Zentrale auf und lassen es extern mastern.  Den CD-Verkauf machen wir auch selbst. Die Leute haben die Möglichkeit, die CDs bei uns zu bestellen oder sie bei Auftritten zu kaufen. Wir haben auch anderen Merch, wie ausgeleierte T-Shirts und Vinyl mit eingeknickten Ecken, zumindest wenn wir unterwegs sind.

Politische Musik aus selbstverwalteten Strukturen wird häufig von prekären Lebensbedinungen der KünstlerInnen begleitet. Wie geht Ihr mit diesem Problem um?

Nach der Definition von prekär, die ich gerade nachgelesen habe, leben wir auf jeden Fall prekär. Ich bekomme zum Glück seit ca. einem Jahr ein Stipendium und hoffe, ich kann es behalten, aber alleine schon der Gedanke, dass ich es nicht mehr bekomme, macht mir Angst. Ich bin auch normalerweise kein Stipendium-Mensch, deshalb ist das 'ne krasse Ausnahme für mich. Meine Bandkollegen leben prekärer als ich, die haben kein Stipendium. Es ist auch schwierig mit der Musik am Wochenende unterwegs zu sein und unter der Woche der Existenzsicherung nachzugehen. Das ist sehr anstrengend und auch ein Grund dafür, dass ich ab jetzt erstmal alleine unterwegs sein werde. Wir verdienen mit der Musik kein Geld, das geht alles in die Bandkasse und auch wieder drauf bei neuen Produktionen.

Conexion Musical und Lena Störfaktor – da klingelt bei vielen gleich das Bild von selbstbewusstem Autonomenrap, kämpferischen Häuserkampftracks, kompromisslosen Ansagen gegen Staat & Kapital. In „Die Angst vor den Gedanken verlieren“ positionierst Du Dich aber mehrmals klar gegen linkes Gepose und das Setzen von Style vor Inhalt – ist nicht genau das im politischen Rap weit verbreitet?

Das Gepose ist sehr weit verbreitet im politischen Rap und es langweilt mich komplett. Früher haben wir auch geposed, zum Beispiel im „Autonom“-Video. Das war übertrieben, aber wir waren noch jung. Wenn wir das heutzutage noch machen würden, hätten wir uns gar nicht weiterentwickelt und es wäre uns sehr peinlich. Ich denke es gibt auch einen Unterschied zwischen direkten Ansagen und Gepose. Wenn ich etwas direkt und kämpferisch sagen will, weil ich es so fühle, kann das kuhl sein und nicht geposed. Wenn ich aber kämpferische Allgemeinplätze verwende, nur damit es kämpferisch klingt, es aber nicht von Herzen kommt sondern eher ein Klischee bedient, kommt es geposed. Das ist manchmal auch ein schmaler Grat. Das Problem, dass ich beim politischen Rap in Deutschland sehe, ist, dass sehr wenig Selbstreflexion bei den Künstlern vorhanden ist. Da wird ständig Nazis auf die Fresse gehauen, das System gefickt und Bullen plattgemacht, aber die eigene Rolle im System oder die Resignation im Kampf gegen dieses und sich selbst wird kaum reflektiert bzw. thematisiert. Das finde ich sehr schade. Ich finde es viel interessanter, wenn es einen nachvollziehbaren Bezug gäbe zwischen Aufstand und Persönlichkeit und ich die Persönlichkeit im Aufstand wiedererkennen kann, mit all ihren Widersprüchen. Was mir auch nicht gefällt, ist die Oberflächlich- und Belanglosigkeit, an der sich Politrap meistens aufhält, egal aus welcher Ecke. Wenn es darum geht wer die geilste Sonnenbrille, den tollsten Glitzer, den schönsten Körper, die coolste Mobactionjacke und die meisten Tattoos hat, kann ich damit gar nix anfangen. Dann kann ich auch gleich die Gala lesen und mir angucken wer welches Kleid bei der Bambi-Verleihung anhatte. Das hat für mich überhaupt nix mit Aufstand zu tun, sondern nur was mit Ego-Befriedigung. Das ist auch für mich auch keine Provokation und kein dem-Mainstream-etwas-entgegensetzen oder sonstwas! Wenn Leute sich stylen wollen, sollen sie das machen und ich würde nie was dagegen sagen, aber sie sollen mir das nicht als politischen Aktivismus verkaufen, außer es provoziert wirklich, aber das tun die Dinge, die ich da oben aufgezählt habe alle nicht oder seit wann steht Glitzer am Rand der Gesellschaft? Wie gesagt, da kann ich die Gala aufschlagen und da habe ich meinen Glitzer. Ich kann einfach mit Stylecodes, und Symbolik nichts anfangen. Wenn aber wirklich kleidungsmäßig Geschlechterrollen aufgebrochen werden, sehe ich die Provokation und den politischen Akt schon. Das mache ich z.B. mein Leben lang, jeden Tag und muss mich nicht mal verkleiden. Sorry, jetzt bin ich abgeschweift

Dein neues Album ist jedenfalls keine Ansammlung von Demoparolen, ganz im Gegenteil – teilweise lässt sich auch eine deutliche Frustration gegenüber den Mechanismen und dem Alltag innerhalb linksradikaler Szenen raushören. Opportunismus, szene-interner Populismus, Egogehabe und Machtgeplänkel – all dies wird von Dir innerhalb der Linken thematisiert. Hast Du darauf schon Reaktionen bekommen? Hast Du die Hoffnung, dass sich hier etwas ändert?

Die Reaktionen, die ich bekomme sind oft positiv, aber das liegt auch daran, dass die Leute die mir Rückmeldung geben, meine Homies sind oder einfach Leute, die meine Mucke schätzen und zu mir sagen, dass da viel Wahrheit drinsteckt, in der Szenekritik. Die sehen die Szene ja auch kritisch. Die Leute, die sich davon gedisst fühlen, sagen mir das weniger persönlich, die lästern, denke ich, eher und fühlen sich heimlich ertappt. Die hassen mich bestimmt auch dafür und tun so als hätten sie es nicht gehört. Es wird einfach ignoriert.  Mit denen habe ich aber auch nix zu tun. Ich muß auch sagen, dass diese Szenekritik einfach sehr wahr ist und deswegen auch keiner sagen kann „ach, alles Quatsch“ oder so. Das wäre ja realitätsfern.  Ich spreche halt aus Erfahrung und das hört man und jeder, der irgendwas mit der linken Szene zu tun hat, muss Teile davon in meinen Disses wiedererkennen. Ich disse mich damit ja auch selber, weil ich mich auch in dieser Szene bewege und ich finde es voll wichtig die Umstände, in denen ich mich bewege, kritisch zu beleuchten. Nur so können politische Bewegungen vorankommen, meiner Meinung nach. Ich denke viel wird sich nicht ändern, aber ein bißchen schon, in den Köpfen, deswegen mache ich das alles. Und natürlich, um mich auszukotzen, das fühlt sich gut an.

Programmatisch sagst Du im Titelsong des Albums: „Ich kämpfe für den Freiraum in den Köpfen“. Gleichzeitig thematisierst Du sehr viel Deiner eigenen Gefühle, Gedanken, dein eigenes Handeln. Hoffst Du, dass sich andere hier wieder finden können? Oder willst Du sie bestärken, sich ebenso wie Du eine eigene Sprache anzueignen?

Ich hoffe, dass sich Leute teilweise in meinen Texten wiederfinden, dass sie verstehen, was ich meine und ich sie zum Nachdenken anrege. Ich möchte den Leuten aber nicht das Denken abnehmen oder den Anschein erwecken, ich hätte den Plan. Da jeder seine eigene Realität hat, kann das, was ich sage nicht alle anderen repräsentieren. Ich bin auch offen für Kritik und Diskussionen, darüber freue ich mich sehr. Und wieso eigentlich oder?! :-) Klar, möchte ich, dass jeder sich seine eigene Sprache sucht, auch seinen eigenen Weg, um sagen zu können, was sie möchten.

Deine Texte sind, wie schon gesagt, mal explizit politisch, mal äußerst individuell, fast initim. Hast Du eine eigene Idee von Individualität, entgegen dem Wettbewerbsindividualismus unserer Zeit?

Ich versuche in meinen Texten ehrlich zu sein und Gefühle zu thematisieren und mich nicht danach zu richten, was Leute von mir erwarten. Einfach das zu schreiben, was ich denke und nicht das zu schreiben, von dem Leute denken es wäre individuell. Das ist für mich ein Stück Individualität. Das interessante dabei ist, dass ich glaube, dass viele tief drinnen so ähnlich fühlen wie ich, sich aber viele nicht trauen ihre Gefühle so zu äußern und somit ist es wieder unindividuell.

Du gibst auch wieder, wie Du Dich entwickelst und in der Rückschau selber siehst – ganz deutlich etwa in „Freu Dich part II“, nicht so sehr Fortsetzung als viel mehr Reflektion und schließlich Distanzierung zu einem Deiner bekanntesten Titel. An anderer Stelle blickst Du dann voller Verachtung auf diejenigen, die sich nach ein paar rebellischen Jahren ihre Nische suchen und ihr Treiben zur Jugendsünde erklären. Klarkommen auf der einen Seite, Überzeugungen treu bleiben auf der anderen - ist das ein Problem in der linksradikalen Szene?

Ich denke, wenn man älter wird, ist die Gefahr größer es sich im System bequem zu machen, da die Verantwortung für die eigene Existenz größer erscheint und eventuell die Existenz anderer noch mit dranhängt. Meine Existenz basiert auch auf Widerstand, deshalb ist meine Existenz eher in Gefahr, wenn ich keinen Widerstand ausübe, aber das kostet auch Kraft. Es ist auch nicht mehr so einfach rebellisch zu sein, weil man vieles schon durch hat und mehr in Selbstzweifel kommt, glaube ich. Das wesentliche ist, finde ich, sich Gedanken zu machen, zu hinterfragen und aktiv zu sein, in verschiedenen Formen. Da bietet das älter werden viele Chancen. Man darf einfach den politischen Aktivismus und Gesellschaftskritik nicht als Jugendphase abtun, denn das ist eine billige Ausrede. Und Klarkommen ist gut, um durchzublicken und zu handeln, in jedem Alter. Die andere Frage ist ob die linksradikale Szene dafür Platz bietet. Es wäre schön.

Zusammen mit der New Yorker / Chicagoer HipHop Crew Rebel Diaz und Quesel MC widmest Du Dich in „Kein Frieden mit der Mitte“ dem Rassismus aus eben jener Mitte der Gesellschaft. Kannst Du etwas zu den inhaltlichen Diskussionen zwischen Euch bei der Entstehung des Tracks erzählen?

Mich hatte dieses Thema sehr beschäftigt und interessiert auch im Bezug auf die Extremismusdebatte. Ich wollte ansprechen, dass Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt und kein Randphänomen ist und das genau diese „Mitte“ erklären möchte, was extrem ist und was nicht. Ich wollte das Lied mit jemandem zusammen machen und habe die Leute von Rebel Diaz ankontaktiert, weil ich weiß, dass sie sich auch viel mit Rassismus und Gesellschaftskritik beschäftigen. Ich habe ihnen in schlechtem Englisch versucht zu erklären, worum es geht, sie haben was drauf geschrieben und es hat ganz gut gepasst.

Einen eigenen Bezug, den ich hier nicht als Frage sondern mehr als Input aufführen möchte, hatte ich zu dem Titel „Ich bin das was du studierst“, und zwar zu dem genauen Wortlaut: An der Universität Kiel gab es im laufenden Wintersemester 2011/2012 ein Soziologieseminar mit dem „schönen“ Titel „Abweichendes Verhalten“. Und allen Ernstes wurde auch eine Sitzung inklusive Referat mit der Themenbezeichnung „Homosexualität“ abgehalten, in dem dann u.a. tabellarisch die Antworten lesbischer Befragter zu den Umständen ihres „Coming Outs“ aufgeführt wurden. Und viele sich implizit als Heteros outende Studierende debattierten über das Funktionieren lesbischer Sexualität… Der Titel und sein Inhalt in deinem Album sind also tatsächlich erschreckend authentisch.

Krass. das ist leider kein Einzelfall, ne?! Realität!

Zum Abschluss nochmal schön plakativ zurück auf Start: Die wohl derzeit erfolgreichste politische Musik in linken Zusammenhängen sind unzählige Elektro-Abwandlungen à la Audiolith. Die Inhalte werden in dieser Art von Musik häufig parolenhaft rezipiert, die Kreativität findet maßgeblich nur in Melodien und Beats statt. Dazu fällt mir der Satz aus Deinem Album „Wenn deine Revolution nur aus Tanzen besteht, ist es nicht meine Revolution“ ein – schlechte Zeiten für inhaltsvolle politische Musik?

Das ist für mich das Gleiche wie mit der Stylesache. Wenn die Leute Technoparty machen wollen, sollen sie das machen. Sie sollen mir aber die Technoparty nicht als die große Revolution verkaufen, weil ich sie dann auslachen werde. Ich gehe auch einmal im Jahr auf eine Technoparty, genauso wie ich auch mal Strandurlaub mache, aber das ist für mich kein politischer Akt, sondern wenn ich das mache, passe ich mich daran an, was diese Gesellschaft unter „Freizeitgestaltung“ versteht und nutze diese Möglichkeiten, weil ich auch in diesem System lebe und mir das nach den Möglichkeiten, die ich habe, eventuell etwas Entspannung bereitet.

Wenn ein Label wie Audiolith, dessen Musik ich komplett schrecklich finde, den Aufstand in Form von Ballermanngesängen, deren Inhalt zum Größtenteil „Wir machen Party gegen Deutschland“ ist und dem Verkauf von Markenprodukten verkauft, dann ist das nicht meine Revolution und genau das trifft es, was ich mit dem Lied aussagen wollte. Wir haben mit Conexion Musical viele enttäuschende Erfahrungen gemacht, weil die Leute unsere Mucke mochten als mehr Parolen drin waren und jetzt ankommen und sagen „Warum seid ihr denn so depressiv geworden?“, obwohl unserer Meinung nach die Stimmung, die wir mit unserer Mucke ausdrücken der Zeit entspricht. Auch auf der musikalische Ebene ist es so, dass wir sehr experimentelle Beats haben und die Leute können damit nichts anfangen, weil sie ihr Popmusikgehör nicht hinterfragen. Wir kriegen dann mit wie irgendwelche 90er Jahre Bravohits Mucke mit „Nazis Raus“-Gesängen kombiniert werden und das feiern dann die Leute so einen auf „Schalalalaaa...“. Das finde ich alleine schon auf der künstlerischen Ebene krass traurig. Ich denke, es ist eine sehr schwere Zeit für politische Musik, da diese Zeit auch sehr schwer für politische Aufstände insgesamt ist. Es wird einfach noch zu fröhlich konsumiert, um sich mit der Tragik unseres Daseins auseinanderzusetzen und radikal zu protestieren.

Vielen Dank für das Interview!

Erschienen in: Direkte Aktion 210 – März/April 2012
www.direkteaktion.org/210/lena-stoehrfaktor


VON: MARCUS MUNZLINGER VIA DIREKTE AKTION






<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz