Geduld und Verzauberung

03.11.12
KulturKultur, Soziales, Wirtschaft, TopNews 

 

von Klaus Horn

Reinhold Schramm malte in seiner Werkstatt das eindrucksvolle Gemälde: „Zwei Jahrzehnte Flexi- bilisierung für deutsches Kapital“. Auf der Lein- wand erblickt man Schlot- und Kleinbarone und vor ihnen die Leiharbeiter, Mini- und Midijobber, Teilzeiter, Niedriglöhner, so mancher hält in der Hand einen befristeten Arbeitsvertrag. Zwei Jahrzehnte?

Aber welch eine Überraschung für mich, den Ostler. Das beginnt ja dann erst nach dem Herbst 89 und der nach einem Jahr sich anschließender Wiedervereinnahmung!
Eine Flexibilisierung nicht nur für Ost (Ende 89: „Entweder kommt die DM zu uns, oder wir gehen zu ihr“), sondern auch für West! Willy sagte richtig voraus: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“.

Zwei Jahrzehnte bedeuten auch: Der deutsche Erwerbsarbeiter verfügt über eine ausgesprochene Geduld. Über Kohl, Schröder und Merkel anhaltend hinweg! Man kann das nicht anders deuten, als dass er sich verzaubern lässt: Von Politikern, den Medien, den Kaufangeboten, der Werbung...

Es gab Zeiten, da war er nicht nur Erwerbsarbeiter, aber mitunter schon Stehkragen- proletarier bei Krupp und Co. gegen Ende des 19.Jahrhunderts nach der eingetretenen und schleichenden Wende bei den Sozis. Er war sogar Kolonialist, u.a. in Südafrika. Genauer in Deutsch-Südwest im Gebiet des heutigen Namibia und Herrscher über die Owambos, Hereros, Namas ...

Interessanter allerdings waren für das deutsche Kaiserreich die Bodenschätze. Es kam zu Aufständen, vor allem durch die Hereros, die blutig niedergeschlagen wurden. Einer der sich von einem Kolonisator frühzeitig oder zeitweilig wegen seiner Neigungen ver- zaubern ließ, später mit einem Schutzvertrag in der Tasche, dann schwankend zwischen für und gegen die eigene Bevölkerung, war der Kapitän Hendryk Witbooi bis er 1903 ehrenvoll im Kampfe fiel.

Und wie man damals verzaubert werden konnte oder wollte beweisen zwei Briefe aus dem Jahre 1894 (Deutsche Kolonialpost 1938, Seite 44). Wenn es in Nordamerika für die Indianer und auch woanders schon zu Zeiten des großen Kapitäns Cook für Insulaner im pazifischen Ozean Murmeln und „Sonstiges“ waren, dann für Hendryk Witbooi 2 Flaschen Wein oder einen Permit für 6 Flaschen und das nicht nur einmal im Jahre 1894, sondern fortwährend.

Auf dem Gemälde von Reinhold Schramm fehlen von ihm nicht bewusst die Kinder der Erwerbs- arbeiter. Über sie, die Kinder, werden periodisch Kinderarmutsberichte ohne Unterbrechung seit Jahren geschrieben.

Erst am 20.9.12 stellte man im ZDF wieder einmal fest, dass 1,8 Millionen oder jedes siebte Kind in ärmlichen Verhältnissen lebt. Auch diesen Zustand gab es bis 1989 im Osten nicht. Inzwischen trifft es auch das Kind im Westen. Gleichzeitig wird es auf eine andere Art und Weise verzaubert...

Wie man lesen wird dem, ebenfalls bis heute zeitlich mit äußerster Geduld“ begegnet. Hier nur ein Beispiel. Im katholischen Hausbuch von 1991 auf der Seite 74 steht geschrieben:
„Erbiete mich, ihre Kinder zu erziehen. Sie lernen bei mir leicht, was ich ihnen zeige, z.B. wie man Alkohol trinkt, Zigaretten raucht, die Ehe bricht, auf trickreiche Weise raubt, andere umbringt und das Blaue vom Himmel lügt. Sie können ungestört abends ausgehen. Ich wache bei den Kindern und unterhalte sie, wenn sie in der Schule müde sind oder am Sonntag die Messe verschlafen, so macht mir das nichts aus. Überlassen sie mir ruhig ihre Kinder! Bei mir sind sie folgsam und hören auf jedes Wort. Auch sie kennen mich und schätzen mich über alles! Ihr Fernsehen„

Gruß zum Wochenende
Klaus Horn

 


VON: KLAUS HORN






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