Marx: Wendehals auf allen Boulevards

13.06.14
KulturKultur, Soziales, Bayern, TopNews 

 

von Georg Korfmacher - München

Der Primat von der Isar tut sich zunehmend schwer mit seinen vielschichtigen Funk- tionen und Ämtern ausserhalb der Seelsor- ge, die er sowieso lieber auf Berggipfeln als auf der Straße betreibt. Westfälischer Stur- kopf, Blitz-Karriere-Priester, Ämterhäufer.

Leidenschaftlicher Raucher dicker Zigarren und ausweislich seiner Körperfülle auch sonst den Lüsten des Lebens nicht abge- neigt. Herr dreier Residenzen: Palais und Schloss in München und einen Palazzo in Rom. Sein Motto: Freiheit (nur) da, wo der Geist Gottes herrscht (Ubi spiritus domini, ibi libertas). Und da beginnt sein Problem. So schnell kann er an sich den großen Kopf mit dem gepflegten Stoppelbart auf dem kurzen Hals gar nicht wenden, um stets das rechte Wort über den rechten Boulevard zu rufen.

Seit seiner Berufung in das G8-Kardinalskollegium ist es ganz aus. Jetzt muss er mit einem Pontifex leben, der Flüchtlinge und Bedürftige in seine Arme nimmt, während er die Flüchtlinge im Hungerstreik am Rindermarkt in München keines Blickes gewürdigt hat.

Jetzt posaunt er vom Zentrum in Rom, während sein Pontifex im Gegensatz dazu an die Ränder will. Jetzt bemüht er die angeblich christlichen Werte der beiden großen Ver- tragspartner zur Rechtfertigung seiner grundsätzlichen Befürwortung von TTIP, während sein Pontifex ihm in seiner ENZYKLIKA LUMEN FIDEI aufgezeigt hat, wo es eigentlich lang gehen sollte.

Widersprüche allerorts. Aalkönig hier, Sonntagsredner dort. Natürlich hört er in Brüssel gerne, dass die Catholica die Demokratie in der EU stärken könne. Aber was hat denn die Catholica bisher für die Demokratie getan? Nichts! Bekämpft hat sie sie, von Anfang an, seit der Französischen Revolution und ist bis heute der Erklärung der Menschen- rechte nicht beigetreten. Von einer Institution, die für sich demokratische Strukturen verweigert, kann man schlechthin nicht erwarten, dass sie auch nur im Ansatz Demo- kratie stärken könnte.

Allerdings kann man von ihr lernen, wie man Demokratie durch geschickte Verträge und deren Auslegung schröpft. Abfindungen bis in alle Ewigkeit für Grund und Boden, der ihr unter zweifelhaften Umständen zugefallen ist, während sie Abfindungen wegen schwerer Straftaten verweigert, vertuscht, verwässert, in die Verjährung laufen lässt. Steuer für den Glauben durch den Staat zwangsweise einziehen lassen, mit Androhung höchster Kirchenstrafe bei Nichtzahlung.

Sich Kirchenfeste, Kirchentage, kirchliche Werke (Caritas etc.) weit überwiegend aus Steuergeldern von allen zahlen lassen; sich ein Arbeitsrecht außerhalb des Rahmens der für alle geltenden Gesetze ertrotzen; Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Orientie- rung diskreditieren, obwohl doch nach ihrer eigenen Aussage vor Gott alle Menschen gleich sind. Der Hals ist zu kurz für einen Knoten vor lauter Wenden.

Da wird dem Primaten von der Isar noch einiges einfallen müssen, um als glaubwürdiges Glied unserer Demokratie mitzureden. Das Zukunftsforum seines Erzbistums hatte näm- lich ein klares Nein zu einer demokratischen Kirche festgestellt.

"Demokratie", sagte Marx, sei ein politischer Begriff. "Den streichen wir gleich." Partizipation hingegen sei erwünscht. Wobei auch klar sein dürfte, wer die Spielregeln festlegt (SZ). Die Botschaften hört man wohl, allein es fehlt der Glaube.


VON: GEORG KORFMACHER - MÜNCHEN






<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz