Kunst und Wissenschaft: Spannende Neuerscheinungen (Teil 3)

01.07.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtips von Michael Lausberg

Buch 1:

Stefan Baron/Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht, Econ Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-430-20241-1, 25 EURO (D)

Das deutsch-chinesische Autorenpaar will mit diesem Buch „zum Verständnis der Chinesen“ beitragen. Wirtschaftlich weist China seit vielen Jahren eine hohe Dynamik auf. Auf Grundlage ihrer Reform- und Öffnungspolitik entwickelte sich die Volksrepublik China beginnend ab 1978 zu einer wirtschaftlichen und technologischen Großmacht. Von der Weltbank wird das Land seit 2016 zu den Staaten mit einem Einkommensniveau im oberen Mittelfeld gerechnet. Seit 2010 ist China Exportweltmeister und gemessen an der Kaufkraftparität seit 2016 die größte Volkswirtschaft der Welt. Das Wirtschaftswachstum liegt seit 2010 im Durchschnitt jährlich bei 6,7 Prozent. Die Volksrepublik China zählt zu den offiziellen Atommächten, ist ständiges Mitglied des Weltsicherheitsrates sowie Mitglied zahlreicher multilateraler Organisationen, darunter der Welthandelsorganisation, Weltbank, APEC, ASEAN, BRICS, UNESCO, Interpol, G20.

Von der kommenden Weltmacht ist im Westen wenig bekannt. Daher soll nun dieses Buch zum Verständnis des Landes beitragen und will ein „Psychogramm einer Weltmacht“ vorlegen. Im ersten Teil geht es um die „Psychologie eines Volkes“, das westliche China-Bild und deren geistes- und kulturgeschichtlichen Grundlagen. Im zweiten Teil werden die Erziehung und Sozialisation, die Ideologie, Sprache und Kommunikation, Moral und Gesellschaft, die Geschlechter und Lebenseinstellung vorgestellt. Anschließend geht es um Wirtschaft und Arbeitswelt, Staat und Herrschaft sowie Chinas Außenpolitik. Zum Schluss wird noch ein Ausblick gewagt, wie die globale Weltordnung mit einem erstarkten China in Zukunft aussehen könnte.

Dieses Buch zeigt nur Ausschnitte aus dem riesigen Land China, ein „Psychogramm“ ist es gewiss nicht. Daraus nun Verallgemeinerungen ableiten, wäre töricht. Es ist schlichtweg unmöglich, ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen in einem Buch umfassend zu charakterisieren. Dafür sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land und die einzelnen Regionen viel zu verschieden.

Die Kritik am autoritären Staatssozialismus ist in dem Buch in wesentlichen Punkten nicht genügend ausgearbeitet. Aus Angst vor einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Beziehungen wird das Thema der Menschenrechte ungenügend beachtet. So listet z. B. die Menschenrechtsorganisation Amnesty International jedes Jahr exemplarisch Verstöße gegen die Menschenrechte in China auf. Es werden Fälle aufgezeigt, bei denen Menschen aus politischen Gründen verhaftet wurden und dies wird als Menschenrechtsverletzung kritisiert. Die Todesstrafe, die Einschränkung der Pressefreiheit, die Tibet-Politik und die Korruption sind weitere Punkte, wegen denen China nicht nur bei Menschenrechtsorganisationen in der Kritik steht.

Das Thema ist viel zu weit gefasst, weniger ist manchmal mehr. Es fehlen auch wichtige Kritikpunkte aus westlicher Sicht. Daher kann das Buch höchstens als ein Einführungsbuch in ein komplexes Thema sein.

 

Buch 2:

 

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens. Furtwängler. Sauerbruch. Schmitt, Rowohlt, Berlin 2018, ISBN: 978-3-87134-797-9

Dieses Buch knüpft stark an Lethens erfolgreiches Werk „Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen“ (Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994) über die intellektuelle Elite im NS-Staat an. In diesem Buch geht es um den Staatsrechtler Carl Schmitt, den Komponisten Wilhelm Furtwängler, den Künstler Gustav Gründgens und den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, deren einzige persönliche Gemeinsamkeit den Ehrentitel des „Preußischen Staatsrats“, einer hohen Auszeichnung im NS-Staat. Er versammelt die vier Würdenträger zu imaginären Gesprächen. die an symbolträchtigen Orten und zu historisch bedeutsamen Zeitpunkten stattfinden. Diese Gespräche stellen sowohl die Gedankenwelt der einzelnen Persönlichkeiten als auch die elitäre Geisteshaltung im Nationalsozialismus und ihr Verhältnis zur Diktatur dar.

Gustav Gründgens stieg erst im NS-Staat auf der Karriereleiter nach oben. 1934 wurde er Intendant des Staatlichen Schauspielhauses und zum Staatsschauspieler ernannt.

Im Juni 1933 wurde Wilhelm Furtwängler von Göring zum Ersten Kapellmeister, im Januar 1934 zum Direktor der Berliner Staatsoper ernannt. Im Juli 1933 ernannte Göring ihn zum Preußischen Staatsrat. Außerdem kam er den neuen Machthabern im Herbst 1933 insoweit entgegen, als er sich dazu bereitfand, sich zum Vizepräsidenten der Reichsmusikkammer ernennen zu lassen, die Goebbels’ Reichsministerium für „Volksaufklärung und Propaganda“ unterstand.

Im November 1933 beteiligte Ferdinand Sauerbruch  sich mit einem eigenen Brief „An die Ärzteschaft der Welt“ am weltweit verbreiteten Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum Nationalsozialismus, bei dessen Präsentation auf einer Großveranstaltung er einer der Hauptredner gewesen war.  1934 ernannte Göring ihn zum Staatsrat. Er nahm im September desselben Jahres auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg den von Hitler gestifteten Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft an.

Carl Schmitt, „Kronjurist des Dritten Reiches“ trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Er begann er nach 1933 seine jüdischen Professorenkollegen zu denunzieren und antisemitische Kampfschriften zu veröffentlichen.  Ein wesentlicher Erfolg im neuen Regime war Schmitts Ernennung zum Preußischen Staatsrat – ein Titel, auf den er zeitlebens besonders stolz war. Zudem wurde er Herausgeber der Deutschen Juristenzeitung (DJZ) und Mitglied der Akademie für Deutsches Recht. Schmitt erhielt sowohl die Leitung der Gruppe der Universitätslehrer als auch die Fachgruppenleitung Hochschullehrer im NS-Rechtswahrerbund.

Das Innenleben der fiktiven Dialoge ist von eifersüchtiger wechselseitiger Beobachtung, Egoismen und Rechthaberei, jeder auf seine Weise, geprägt. Lethen lässt Carl Schmitt seine Freund-Feind-Theorie ausbreiten, Gründgens und Furtwängler erzeugen Stimmungen und Melodramatik, Sauerbruch als Mensch der Praxis bietet dabei den nüchternen Gegenpart,

In diesem Buch verschmelzen historische, politische Fakten und Fiktion: dieser Ansatz hat denselben Ansatz wie das Buch Ilona Jergers: „Und Marx stand still in Darwins Garten“, wo sich die beiden Geistesgrößen zum Austausch über ihre Arbeit treffen. Den Protagonisten fiktive Dialoge oder Monologe in den Mund zu legen nur auf der Basis einer retrospektiven Beschäftigung hat immer den Makel des Konjunktives und der Beliebigkeit. Andererseits lernt man manchmal mehr über Persönlichkeiten und ihre Gedankenwelt kennen, wenn man sie sprechen lässt als eine biografische Arbeit.

Wie man auch immer zu dieser Vorgehensweise steht, Lethen schafft es, dass die tiefen Charaktereigenschaften, die Bestialität, Menschenfeindlichkeit (Antisemitismus), Egozentrik und Selbstüberschätzung der Beteiligten zu Tage treten. Es ist ein Gruppenporträt der intellektuellen Elite im NS-Staat, das einen tiefen Einblick in eine damalige, in der Gegenwart auch noch präsente Gedankenwelt gibt.

 

Buch 3:

 

Claudia Kock: Die Kaiser und das Christentum. Eine Zeitreise durch das Römische Reich von Augustus bis Konstantin, Patmos, Ostfildern 2018, ISBN: 978-3-8436-1048-3

 

Die einzelnen Kapitel dieses Buches sind als Artikelserie in der deutschsprachigen Ausgabe des Osservatore Romano entstanden und wurden nun als Buch zusammengefasst. Die römischen Kaiser von Augustus bis Konstantin und ihre Politik, besonders bezogen auf das Christentum, werden hier skizziert: „In chronologischer Abfolge werden die römischen Kaiser von Augustus bis Konstantin vorgestellt; ihre Persönlichkeit, ihre Politik und nicht zuletzt ihre Bautätigkeit in Rom, denn an vielen Stellen der Stadt trifft man heute noch auf Überreste ihrer prachtvollen Bauten. Gleichzeitig soll die Entwicklung deutlich gemacht werden, die das Christentum unter ihrer Herrschaft erlebt hat – von der Geburt Christi, seinem Tod und seiner Auferstehung über die Entfaltung der christlichen Lehre, die frühen Kirchenväter und die Verfolgung bis hin zur Mailänder Vereinbarung, die allgemeine Religionsfreiheit gewährte.“ (S.9)

Dabei spielt Rom eine wichtige Rolle bei den Verfolgungen, Ermordungen und den frühchristlichen Versammlungsorten und religiösen Praktiken.

 

Die Person Konstantins ist natürlich entscheidend: In der Religionspolitik war die Regierungszeit Konstantins vor allem aufgrund der von ihm eingeleiteten konstantinischen Wende, mit der der Aufstieg des Christentums zur wichtigsten Religion im Imperium Romanum begann. Dabei wurden andere Religionen oder pagane Kulte zwar nicht unterdrückt, ihre Ausübungspraxis wurde nicht gerne gesehen. Seit 313 garantierte die Mailänder Vereinbarung im ganzen Reich die Religionsfreiheit, womit sie auch das noch einige Jahre zuvor verfolgte Christentum erlaubte. In der Folgezeit privilegierte Konstantin das Christentum. 325 berief er das Erste Konzil von Nicäa ein, um innerchristliche Streitigkeiten (arianischer Streit) beizulegen.

 

Insgesamt gesehen ist das Buch eine spannende Zeitreise in die religiöse Frühzeit und gleichzeitig eine, die mit der Durchsetzung des Christentums als römische Staatsreligion unter Konstantin religionsgeschichtliche sowie weltgeschichtliche Dimensionen haben sollte. Eine Zeittafel mit den wichtigsten Etappen der römischen und christlichen Geschichte am Ende des Buches wäre für historisch nicht vorgebildete Leser hilfreich gewesen. Außerdem fehlen ein Literaturverzeichnis zum Weiterlesen und ein Register.

 

Buch 5:

 

Gregor Mayer: Ich ewiges Kind. Das Leben des Egon Schiele, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018, ISBN: 978-3-7017-3403-0

 

In diesem Buch beschäftigt sich der Autor Gregor Mayer mit der extravaganten, umstrittenen Persönlichkeit des österreichische Expressionist Egon Schiele (1890–1918). Seine Kunst sieht er als generationsübergreifend an:  „Die Beschäftigung mit Schiele und seiner Zeit erweckte in mir den Eindruck, dabei immer wieder an unsere Gegenwart zu streifen. Das Wien der Jahrhundertwende in seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit übt vielleicht deshalb so eine Faszination auf uns aus, weil wir auch mit einer ominösen Ahnung von Zeitenbruch leben. In jenem Wien erhob sich ein moderner, demagogischer Populismus.“ (S. 11)

Mayer versucht, durch neue Aspekte in der Schiele-Forschung dem früh verstorbenen Künstler näher zu kommen, wobei alle seine Werke auch Teile seiner Persönlichkeit offenbaren.

 

Schiele greift in seinen Werken den von Gustav Klimt entwickelten Formenkanon des Wiener Jugendstils auf, er übernimmt auch das quadratische Bildformat. Doch schon bald zeigt sich besonders in der Darstellung der menschlichen Figur eine abweichende künstlerische Auffassung, die nichts mehr mit dem huldigenden Schönheitsideal des Jugendstils zu tun hat. In radikaler Subjektivität schuf Egon Schiele Ansichten und Blickwinkel, die seine Modelle in teils bizarrer, verkrampfter Pose zeigen, was auch zum Teil für seine Selbstbildnisse gilt.

 

In seinen Schriften und Gedichten und Essays machte Schiele den europäischen Expressionismus literarisch salonfähig. Sein Werk ist mit der Biografie und den Wohnorten des Künstlers in Niederösterreich verwoben. Während seiner gesamten Schaffensphase ließ er sich dabei immer wieder von der Umgebung und den Menschen, auf die er traf, inspirieren.

In der Zeit nach der Emanzipation vom Stil seines Mentors Gustav Klimt entwickelte er seinen eigenen unverwechselbaren Stil. Seine einzigartigen Stilelemente waren die skelettierten, knöchrigen Hände und die schmerzhaft ausgedünnten Körper. Provokationen auf sexueller Ebene, zahllose Selbstdarstellungen knöchrige Finger und ausgezehrte Körper sind einem breiten Publikum bekannt. Die Grundlage seines Expressionismus stammt während seiner Zeit in Klosterneuburg, wo er im Haus des angesehenen Arztes und Radiologen Guido Holzknecht wohnte. Schiele lernte von ihm die neuesten Entwicklungen der Röntgenstrahlen aus nächster Nähe kennen. Die Röntgenstrahlen legten den Blick ins Innere der Menschen frei und lösten Angst in der Gesellschaft aus.

Sein Leben war eine einzige Suche nach sich selbst. Seine Kunst diente dazu, sich selbst und seine schwankenden Gefühle darzustellen.

Schieles Kunst hatte eine große Nachwirkung: „Heute kann keine Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben werden, die Schiele nicht einen prominenten Platz einräumt. Sein Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen lässt sich nicht ermessen.“ (S. 184)

Tatsächlich sind die Bilder Egon Schieles sind in der Gegenwart bei Sammlern ein Renner. Sotheby’s versteigerte 2011 Häuser mit bunter Wäsche aus dem Jahr 1914 für umgerechnet 27,6 Mio Euro. Am 21. Juni 2013 wurde beim Berliner Internet-Auktionshaus Auctionata das Bild Liegende Frau des Künstlers online versteigert. Das Aquarell aus dem Jahr 1916, das von dem Auktionshaus 2012 in einem privaten Nachlass entdeckt worden war, wurde mit einem Startpreis von einer Million Euro aufgerufen und für 2,4 Millionen US-Dollar zugeschlagen.

Mayer untersucht bei seinem Versuch, die Person Schiele zu charakterisieren und zu deuten, unterschiedliche Aspekte: die Geistesgeschichte seiner Zeit, die historische Zeitenwende, seine Bilder, Schriften und Gedichte und die aktuelle Forschungsliteratur. Die für ihn entscheidende Werke Schieles deutet er auf seine komplexe Persönlichkeit hin, was ihm insgesamt gut gelingt. Dies ist eine Biografie, also kein Bildband mit Werken Schieles, die seinem Werk einen immerwährenden, faszinierenden Charakter zuspricht, das ist die spannende Einsicht des Autors.

 

Buch 6:

 

Ed Yong: Winzige Gefährten. Wie Mikroben uns eine umfassende Ansicht von Leben vermitteln, Verlag Antje Kunstmann, München 2018, ISBN: 978-3-95614-232-1

In diesem Buch schildert der Wissenschaftsjournalist Ed Yong die Funktionen von Mikroorganismen für unseren Körper und für unser Ökosystem und stellt Wissenschaftler vor, die sich mit ihnen beschäftigen.

Mikroorganismen (Mikroben) sind kleine Lebewesen, die als Einzelwesen nicht mit bloßem Auge erkennbar sind. Mikroorganismen übertreffen zahlenmäßig alle anderen Lebewesen bei weitem und sind für das Verständnis für das gesamte Leben auf der Erde wichtig: „Über die Mikroben finden wir trotz unseres unglaublich unterschiedlichen Lebens die Einheit mit unseren Mitgeschöpfen. Keines von ihnen lebt isoliert; ihr Dasein bewegt sich immer in einem mikrobiologischen Zusammenhang und umfasst den ständigen Austausch zwischen größeren und kleineren Arten. Mikroben (…) wechseln nicht nur zwischen verschiedenen Tieren hin und her, sondern auch zwischen unserem Körper und dem Boden, dem Wasser, der Luft, Gebäuden und anderen Elementen unserer Umwelt. Sie verbinden uns miteinander und mit der Welt.“ (S. 11f)

Yong erklärt, dass die meisten Mikroorganismen sind Einzeller sind, zu ihnen zählen jedoch auch wenigzellige Lebewesen (Pilze, Algen) entsprechender Größe. Sie bilden im System der Lebewesen aber keine einheitliche Gruppe.  Weiterhin geht er auf die verschiedenen Arten von Mikroorganismen ein: Zu den Mikroorganismen zählen Bakterien (z. B. Milchsäurebakterien), viele Pilze (z. B. Backhefe), mikroskopische Algen (z. B. Chlorellen) sowie Protozoen. Es ist umstritten, ob auch Viren zu den Mikroorganismen gerechnet werden sollen. Viren werden zwar überwiegend nicht als Lebewesen und daher auch nicht als Mikroorganismen angesehen.

Mikroorganismen leisten viel und nehmen im allgemeinen Stoffkreislauf wichtige Funktionen wahr: Einerseits bilden sie als Produzenten (z. B. Kieselalgen) die Grundlage vieler Nahrungsketten, andererseits bauen sie als Zersetzer (Destruenten) organische Materie zu anorganischen Stoffen ab. Einige Mikroorganismen sind für die Ernährung von Bedeutung, weitere für erwünschte Stoffumwandlungen und wieder andere sind Parasiten und Erreger von Infektionskrankheiten.

Das Buch ist kein trockenes wissenschaftliches Lehrbuch über mikrobiologische Erkenntnisse, sondern ein spannendes journalistisch geschriebenes Werk, das auf neue Art die Leser für einen Bereich des Lebens interessieren kann, der sonst nur in Biologieunterricht vorkommt. Man lernt die Beschaffenheit des eigenen Körpers kennen, die Funktion und Wirkung von Mikroorganismen, die  mit 70 Prozent den größten Anteil an lebender Materie (Biomasse) darstellen. Die Erforschung des eigenen Körpers als spannendes Projekt beschrieben, macht den Reiz des Buches aus.

 

Buch 7

 

dlv-Netzwerk Ladenbau e.V. (Hrsg.): Store Book 2018, Callwey Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-7667-2347-5, 89, 90 EURO (D)

Das dlv-Netzwerk Ladenbau e.V. ist die führende Interessenvertretung der Branche in Deutschland und hat über 170 Mitgliedsunternehmen im Kernbereich des Ladenbaus und der Zuliefererindustrie. In dem Store Book 2018 werden die aktuell wichtigsten Entwicklungen in diesem Bereich dargestellt. Es enthält eine Zusammenstellung der 44 besten Projekte aus dem internationalen Bereich und auch zum ersten Mal ein Trend Book, wo Experten Trends und übergeordnete Zusammenhänge in Handel und Ladenbau analysieren.

Trotz der Digitalisierung des Handels gibt es einen Ansatz, der auf eine standortspezifische optimierte Verquickung der einzelnen Verkaufsmodule setzt und Einkaufen vor Ort als Erlebnisfaktor wiederentdeckt. Dies müssen auch die Ladenbauer in ihre Überlegungen aufnehmen: „Doch ein viel aufregenderer Auftrag, der sich aus der digitalen Transformation ergibt, fordert die Ladenbauer einmal mehr als Bühnenmeister. Denn ob Modeboutiquen, Beauty Shops oder Concept Stores – Händler missen nicht nur ein klug ausgewähltes, zielgruppenspezifisches Sortiment in schön gestalteten Räumen anbieten; ihre Läden sollen auch als Kulissen für eine Kundschaft funktionieren, die sich gerade beim Einkaufen selbst inszeniert und dieses Erlebnis über soziale Netzwerke mit der ganzen Welt teilt.“ (S. 6f)

Das Buch beginnt mit dem Trend Book mit drei Beiträgen über die Richtung des Ladenbaus und der allgemeinen Entwicklung im Handel. Im ersten Beitrag beschäftigt sich Ian Mc Garrigle, Präsident des World Retail Congress (WRC) mit den Folgen von Globalisierung und Digitalisierung des Handels für den Ladenbau. Danach geht der Innenarchitekt Rudolf Schricker auf die Aufgaben des Ladenbaus vor dem Hintergrund der zunehmenden Online-Konkurrenz ein. Abschließend analysiert der Ladenbauexperte die Bedeutung des Handels als Ort der Kommunikation, des Erlebens und des sozialen Austausches.

Dann werden die 44 besten Projekte des Ladenbaus vorgestellt. Dabei werden sie in die Bereiche Body & Mind, Deli & Food, Entertainment, Fashion, Leisure & Travel, Lifestyle & Accessoires eingeteilt. Auf jeweils vier Seiten werden die einzelnen Projekte mit Bildern, einem Text, einem Grundriss sowie einer Faktensammlung mit Standort, Branche, Internetkontakt, Eröffnung, Verkaufsfläche, Planung, Ladenbau und Konzept vorgestellt. Dies sind Projekte aus den deutschsprachigen Ländern und der gesamten Welt.

Danach gibt es noch eine Liste der Mitgliedsunternehmen des dlv-Netzwerk Ladenbau e.V. mit Kontaktmöglichkeiten und die wichtigsten internationalen Ladenbau- und Handelsverbände. Ein Sach- und Personenregister fehlt allerdings.

Hier werden die Trends des Jahres 2018 im Bereich des Ladenbaus und der Innenarchitektur von größeren Geschäften von führenden Experten vorgestellt und die besten 44 Projekte in Wort, Bild und einer Faktensammlung präsentiert. Dieses Buch ist so etwas wie eine Messe der Ladenbaubranche, wo sich Angehörige dieser Berufsgruppe über kreative, stilsichere und Projekte und spannende Neuheiten informieren können.

 

Buch 8:

 

David Motadel: Für Prophet und Führer. Die islamische Welt und das „Dritte Reich“, Aus dem Englischen von Susanne Held und Cathrine Hornung, Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN: 978-3-608-98105-6

 

Das Buch des Historikers David Motadel, Professor für Internationale Geschichte an der London School of Economics,  untersucht in diesem Buch die Islampolitik, mit der das NS-Regime Muslime in den besetzten Gebieten und weltweit als Verbündete im 2. Weltkrieg zu gewinnen. Dabei stehen die muslimisch geprägten Länder von der Sahara über die Balkan-Halbinsel bis zu den südlichen Grenzgebieten der Sowjetunion im Mittelpunkt der Untersuchung. Es werden auch die Konstruktionen über das Islambild der Institutionen des „Dritten Reiches“ untersucht. Dies soll aber „keine Sozialgeschichte muslimischen Lebens in den Kriegsgebieten noch eine Darstellung muslimischer Reaktion auf das NS-Regime“ sein. (S.11)

 

Während des 2. Weltkriegs begannen sowohl die Achsenmächte, also auch das NS-Regime, als auch die Alliierten den Islam als bedeutsam für den Ausgang des Krieges. Dies war eine Lösung, die aus der Not geboren wurde, da die Alliierten immer mehr die Oberhand im Krieg bekamen. Nach den Niederlagen bei Stalingrad, El-Alamein und anderen Schlachtfeldern wurden aus pragmatischen militärischen Gründen Muslime mit allen möglichen Propagandamitteln angeworben.

 

Das NS-Regime startete den Versuch, in den muslimischen Kriegsgebieten, in Nordafrika, im Nahen Osten, auf der Krim, im Kaukasus und auf dem Balkan entgegen ihrer nationalsozialistischen „Rassenlehre“ sich als Beschützer des Islams aufzuspielen. NS-Behörden gründeten muslimische Einrichtungen wie das Islamische Zentralinstitut in Berlin, das 1942 eröffnet wurde. Weiterhin warben sie religiöse Führer in den Kriegsgebieten an und beschworen vor allem in den muslimisch geprägten Gebieten der Sowjetunion Osteuropas und Zentralasiens antisowjetische Ressentiments.

Zehntausende von Muslimen wurden in der Wehrmacht und in der SS rekrutiert: „Zwischen 1941 und dem Kriegsende rekrutierten Wehrmacht und Waffen-SS Hunderttausende nichtdeutsche Freiwillige aus allen Teilen der besetzten Gebiete. (…) Deutsche Soldaten konnten den Krieg nicht allein gewinnen.“ (S. 262) Diese Gruppen sollten hinter den feindlichen Linien für Unruhe sorgen und den Umschwung im 2. Weltkrieg einleiten. Dies waren Angehörige der „Turk-Völker, Krim-Tataren und Kaukasiern im Osten sowie albanische und bosnische Divisionen auf dem Balkan.“ (S. 263) Diese Kämpfer glaubten, durch den Eintritt in die faschistischen Divisionen den Kampf gegen den Bolschewismus und den britischen Imperialismus für die Freiheit ihrer Länder zu führen.

 

Das Islambild der Faschisten war mit einem monolithischen Block gleichzusetzen, was in der Wirklichkeit niemals zutraf: „Vertreter des NS-Staates gingen gemeinhin davon aus, dass Religion und Politik in der ‚muslimischen Welt‘ eng miteinander verknüpft seien. Der Islam wurde als politische und häufig auch als militante Kraft gesehen. Darüber hinaus beruhte Berlins Politik auf der Annahme, der Islam könne für die eigenen politischen und militärischen Ziele instrumentalisiert werden. Der Islam schien ein verständliches, kohärentes religiöses Instrumentarium bereitzustellen, welches genutzt und manipuliert werden könne. Islamische Gebote, denen Muslime blind zu folgen schienen, wurden als ideale Grundlage zur Legitimierung von Macht und Autorität angesehen.“ (S. 10)

Das Buch von David Motadel schließt eine wichtige Forschungslücke im Bereich des 2. Weltkrieges. Es zeigt eindrücklich, mit welchen dubiosen Propagandamitteln Muslime als Unterstützung in einem verloren geglaubten Krieg angeworben und sie dabei ihre eigenen „Rassengesetzen“ wissentlich widersprachen. Das Buch ist glänzend recherchiert und geschrieben, allerdings mit ein paar Fehlern.

Die Anwerbung von Muslimen aus  „pragmatische militärische Gründen“ ist allerdings nicht zutreffend. Dies ist eher als paradox oder ideologisch mit ihren eigenen „Rassegesetze“ nicht zu vereinbaren. Zur Zeit der NS-Herrschaft wurden die Muslime in Deutschland durch die Nürnberger „Rassegesetze“ verfolgt. Aufgrund der rassistischen Gesetze war ihnen der sexuelle Verkehr mit „Ariern“ verboten und es wurden Zwangssterilisierungen vorgenommen. Im Vergleich zu Juden und Sinti und Roma waren Muslime nicht systematischer Verfolgung ausgesetzt. Es gab jedoch in allen Konzentrationslagern auch arabische und muslimische Häftlinge, die genaue Anzahl von ihnen ist allerdings nicht bekannt.

Nationalsozialistische Kampfbegriffe wie „Drittes Reich“, „Volksgemeinschaft“ oder Institutionennamen wie „Reichsministerium für Volksaufklärung“ sollten weiterhin unbedingt in Anführungszeichen gesetzt werden.

 

Buch 9:

 

Yves Buchheim: Buchheim. Künstler, Sammler, Despot: Das Leben meines Vaters, Heyne Verlag, München 2018, ISBN: 978-3.453-20197-2

Lothar-Günther Buchheim (1918-2007) war Maler, Verleger, Kunstbuch- und Romanautor, Filmemacher, bedeutender Kunstsammler und einer der bekanntesten kulturellen Persönlichkeiten im Nachkriegsdeutschland. 1996 gründete er dann eine gemeinnützige Buchheim-Stiftung, die im Jahre 2001 nach rund 30-jährigen Bemühungen das Museum der Phantasie, das auch als Buchheim-Museum bekannt ist, finanzierte. Das Museum wurde am 23. Mai 2001 feierlich eröffnet. In diesem Museum, in dem Buchheim bis zu seinem Tod Direktor war, platzierte er seine angesammelten Werke. Charakteristisch war seine Augenklappe, die er auf Grund einer missglückten Augenoperation über dem linken Auge trug. Im Jahre 1983 bekam er das Bundesverdienstkreuz, im Jahre 1988 den Bayerischen Verdienstorden.

Yves Buchheim erzählt in diesem Buch die Geschichte seines verstorbenen Vaters Lothar-Günther Buchheim die mit den Mythen um seine Person aufräumt. Er entwickelt ein anderes Bild mit den Schattenseiten und dunklen Geheimnissen seines Vaters und gibt dabei schmerzhafte Erinnerungen an die Öffentlichkeit preis. Nach einer Phase der jahrzehntelangen Verdrängung der Beschäftigung mit dem eigenen Vater kamen die „aufgestauten Gefühle wieder ans Tageslicht“ sowie der „Familienterror, mit vielen Unwahrheiten und Schwindeleien.“ (S. 11). Er beschreibt ihn als Familiendespoten, der niemals eine andere Meinung als seine zuließ: „Er hat sich seine eigene Wirklichkeit zurechtgezimmert, und wehe, es wagte jemand, daran zu rütteln.“ (S. 12) Nach ausgiebigen Recherchen schreibt er nun eine Biografie seines Vaters, um seinen Seelenfrieden zu finden.

Angefangen von seiner schwierigen Jugend in Chemnitz, wo sein Vater weite Radtouren mit seinem Bruder, teilweise bis zur Ostsee unternahm, um Landschaftsbilder zu zeichnen und diese später in Linolschnitt-Arbeiten umzusetzen. Buchheim wurde schon sehr früh als „Wunderkind“ gesehen und arbeitete bereits mit 17 Jahren an Zeitungen und Zeitschriften sowie an Kollektivausstellungen mit. Seine Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste in Dresden und später in München wird ebenfalls nachgezeichnet.

Brisant wird das Buch dann, wenn Yves Buchheim auf die Rolle seines Vaters im Nationalsozialismus zu sprechen kommt. 1940 trat Buchheim als Freiwilliger in die Kriegsmarine ein. Während und nach dem 2. Weltkrieg schrieb er zahlreiche Bücher über seine Erfahrungen bei der Marine. Auf seinen Erlebnissen als Besatzungsmitglied des VII-C-Bootes U 96 beruht sein wohl bekanntestes Buch „Das Boot“ von 1973, das im Jahre 1981 verfilmt wurde und für eine breitere Bekanntheit Buchheims sorgte.

Er lernte seine Geliebte und spätere erste Frau Genevieve Militon während seiner Zeit bei der Marine im besetzten Frankreich kennen, die wegen ihrer Kontakte zur Résistance von den Nazis verhaftet wurde. Entgegen der bisherigen Meinung, dass Buchheim deshalb ein Gegner der „Rassenpolitik“ gewesen sei, behauptet sein Sohn nun, dass er sich mit ihrem Tod im KZ sehr schnell abgefunden hätte und auch keinen Versuch unternahm, sie zu retten. Schlimmer noch: Er wäre dem Nazi-Regime lange Zeit treu geblieben. Als Kriegsberichterstatter war er direkt Goebbels unterstellt. Weiterhin hat Buchheim in NS-Schulungsbriefen geschrieben. Zwischen 1941 und 1943 beteiligte er sich mit insgesamt 21 Zeichnungen (Porträts von Offizieren und Darstellungen von U-Booten) an der Nazi-Kunstausstellung im Münchener Haus der Kunst und war damit zahlenmäßig einer der am besten vertretenen Künstler. Sein Sohn schildert ihn als Karrieristen und gewissenlosen Pragmatiker, der zwar selbst nie Mitglied der NSDAP war, aber aus Image- und Karrieregründen sich dem System anbiederte, obwohl er das wusste, dass sich seine damalige Geliebte im KZ Ravensbrück und ihr Vater im KZ Buchenwald und Wansleben interniert wurden.

Nach Kriegsende heiratete er dann die KZ- Überlebende Genevieve und spielte sich als Antifaschist auf und wollte seine Kontakte mit NS-Größen hinter sich lassen. Er verfasste Kunstbücher über Max Beckmann, Otto Mueller und Pablo Picasso, alles Vertreter, die im Nazi-Regime als „entartete Kunst“ bezeichnet wurden, und gründete 1951 einen Kunstbuchverlag in Frankfurt/Main, den er zusammen mit seiner anderen Ehefrau Diethild (1922–2014) und ihren beiden Schwestern betrieb.

In den folgenden 1950er Jahren baute Buchheim seine bedeutende Sammlung von Werken des deutschen Expressionismus (vor allem der Künstlergemeinschaft Die Brücke), insbesondere graphischen Werken, auf Diese erwarb er zu einem aus heutiger Sicht sehr niedrigen Preis, da der Wert dieser Kunst damals noch nicht allgemein anerkannt war. Mit welchen unmoralischen Mitteln, beschreibt sein Sohn ab S. 239. Die Zusammenstellung der Kunstsammlung seines Vaters bezeichnet Yves Buchheim als „Kaperfahrt“. Als Kunstsammler erwarb er diese Werke, von der keiner wusste, woher sie kam und wem man sie möglicherweise weggenommen hatte. Er soll auch Kunstwerke gestohlen haben, die die Amerikaner in Starnberger Villen beschlagnahmt hatten. Weiterhin fuhr er eigenhändig in der DDR kaufte, wo er sie von Privatleuten und schaffte die Bilder dann illegal über die Grenze. In den Jahren von 1981 bis 1985 wurden viele seiner Arbeiten in Leningrad, Moskau, Madrid, Tel Aviv und Japan ausgestellt. Dies endete jedoch abrupt, da Buchheim fürchtete, dass es von amerikanischer Seite oder auf Initiative amerikanischer Juden zu Beschlagnahmungen kommen könnte. Weiterhin berichtet Yves Buchheim von Schwarzgeldkonten seines Vaters in der Schweiz.

Auch als Vater und Mensch war er eine einzige Enttäuschung für seinen Sohn. In einem Interview mit der „Welt“ heißt es: „Da war kein Familienleben. Keine Liebe. Nichts von dem, was man sich als Sohn vom Vater wünscht. Er sagte, er sei einfach nicht zum Vater geboren. Damit hat er alles entschuldigt. Für ihn war ich das Kuckucksei, das ihm eine seiner Frauen ins Nest gelegt hatte. Er nannte mich einen Bastard, (..) .“

Im Anhang findet man noch ausgewählte Dokumente sowie verwendete Literatur und Quellen.

In der Vorstellung des Buches heißt es: „Dies ist keine Abrechnung, sondern die ehrliche Beschreibung aus Sicht des einzigen Sohnes, der Aufklärung über das Leben seines Vaters gesucht und gefunden hat.“ Das stimmt nicht, es ist sogar mehr als das. Die lebenslange Abgrenzung seines Sohnes kulminiert in diesem Buch. Yves Buchheim entzaubert hier viele Mythen, die sich um die Person seines Vaters ranken und skizziert stattdessen das Porträt eines janusköpfigen Egozentrikers, Cholerikers und eines gewissenlosen Kunstsammlers und eines Menschen ohne Skrupel und Moral. Trotz der Abneigung zu seinem Vater gibt es keine Hinweise darauf, dass sich Yves Buchheim die schlimmen Anschuldigungen nur ausgedacht hat, um endlich mit seinem Vater abzurechnen und in der Öffentlichkeit posthum schlecht zu machen. Die vorgelegten Quellen kann jeder Leser prüfen. Daher ist das Buch unverdächtig der Lüge oder Übertreibung und wirft einen ganz anderen Blick auf die wahre Persönlichkeit Lothar-Günther Buchheims, der sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam.

 

Buch 10:

 

Hans-Otto Thomashoff: Das gelungene Ich. Die vier Säulen der Hirnforschung für ein erfülltes Leben, Ariston Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-424-20161-1

 

Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Otto-Thomashoff stellt hier in diesem Buch ausgehend von den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung dar, wie man diese Erkenntnisse für ein zufriedenes und glückliches emotionales Leben nutzen kann. Ein erfülltes Leben hängt nicht vom Zufall oder Schicksal ab, sondern von unseren eigenen Erwartungen und Anschauungen. Jeder ist praktisch seines Glückes Schmied, die konkrete Handlungsempfehlung hängt seiner Meinung nach von vier Punkten ab: „Nicht Geld, nicht Leistung, nicht Dauerspaß sind die wichtigsten Säulen für ein zufriedenes Leben. Nein, an erster Stelle steht die Qualität der von uns gelebten Beziehungen. Kommen dazu noch die Erfahrungen, etwas aktiv selbst gestalten zu können, ein ausgeglichener Stresshaushalt und zu guter Letzt die Erfüllung unseres Bedürfnisses nach Kohärenz, das heißt nach einem Gefühl der Stimmigkeit (…), dann haben wir die vier für unser Leben entscheidenden Säulen vor uns.“ (S. 11)

Im ersten Kapitel des Buches geht es um die Funktionsweise des Gehirns und alle wesentlichen Einflüsse, die es prägen. Auf diese Erkenntnisse aufbauend werden in der zweiten Hälfte des Buches die praktischen Konsequenzen für unsere Lebensführung und die innere Haltung zu Sinn und Unsinn des Lebens ausgebreitet. Die Abhängigkeit von unserer Umwelt, Bindungen an die Mitmenschen, Motivation, etwas Gutes zu tun, ein ausgeglichener Stresshaushalt, Kohärenz und unser Einfluss auf unser Leben stehen dabei im Vordergrund.

Dann folgen die oben schon erwähnten vier Säulen für ein erfülltes Leben (Beziehungen, Bewirken, Stressausgleich, Stimmigkeit) und ihren Transfer in den Alltag.

Die entscheidende Instanz für die Bewertung unseres Lebens entscheide sich im Gefühl: „ Der massive Einfluss von Resonanz auf die Kohärenz, also das Miteinanders auf das Erleben von Stimmigkeit in der Welt, spiegelt die enorme Bedeutung unserer Beziehungen für unser psychisches Wohlbefinden wider. Das ist sowohl in der Theorie als auch in der Praxis klassisch psychoanalytischer Stoff. (…) Resonanz, wie wir sie ursprünglich in Beziehung erleben, wird projiziert auf alles, was Welt und Geist zusammenhält.“ (S. 240f)

 

 

Hier werden auf wissenschaftlicher Basis Anregungen für ein zufriedenes Leben gegeben. Geld und Statussymbole sind es nicht, sondern gute Gefühle sind die Basis für lang anhaltende Zufriedenheit. Nach welchen Werten der einzelne Mensch sein Leben lebt, ist letztlich jedem selbst überlassen, solange es nicht den toleranten sozialen Frieden stört.

 

Buch 11:

 

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929, Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN: 978-3-608-94763-2, 26 EURO (D)

 

Wolfram Eilenberger, langjähriger Chefredakteur des „Philosophie Magazins“ und Fachbuchautor behandelt in diesem Werk die Philosophieepoche zwischen 1919 und 1929 in der deutschsprachigen Geistesgeschichte. Dabei beschreibt er die Lebenswege der vier Denker Walter Benjamin, Martin Heidegger, Ernst Cassiser und Ludwig Wittgenstein und ihre schöpferischen Ideen, die die Philosophie revolutionierten. Diese vier unterschiedlichen Persönlichkeiten haben eines gemeinsam: die Liebe zur Weisheit und allgemeingültige Antworten auf die Fragen der Philosophie.

 

In seiner späten Lebensphase vertrat Walter Benjamin die Positionen des dialektischen Materialismus. In dieser letzten Phase fanden seine Freundschaften mit Adorno und Brecht einen produktiven Niederschlag. Seine marxistischen Schriften enthalten theologische Motive, vorab solche des jüdischen Messianismus, Mit dieser Konzeption, die sich den offiziellen Versionen der Dialektik als universaler Vermittlung nie beugte, beschreibt Benjamin seine Anschauung der sich im Fluss befindlichen Geschichte: Aus den isolierten Details lasse sich die Physiognomie der Wahrheit entziffern.

 

Martin Heideggers Werk „Sein und Zeit“ erschien 1926, womit er die Ontologie auf ein neues Fundament stellte. Der von der philosophischen Tradition gewählte Ausweg zur Bestimmung dessen, was etwas ist, der ontologische Reduktionismus, stellte für Heidegger ebenso eine Verfehlung dar, wenn er versucht, alles Sein auf ein Urprinzip oder ein einzig Seiendes zurückzuführen. Dieses von Heidegger kritisierte Vorgehen ermöglicht es beispielsweise der Onto-Theologie, innerhalb einer linearen Seinsordnung ein höchstes Seiendes anzunehmen und dies mit Gott gleichzusetzen. Diesen Fehler des bisherigen philosophischen Denkens, nicht die Bedeutung der Zeit für das Verständnis des Seins in den Blick zu bringen, sollte eine fundamentalontologische Untersuchung korrigieren. Ausgangspunkt seiner Kritik an traditionellen Positionen der Ontologie war das, was er die ontologische Differenz von Sein und Seiendem nannte.

Ernst Cassirer plädiert für eine kulturelle Pluralität, da die Welt des Menschen intern vielfältig dimensioniert und ausdifferenziert ist, was er mit dem Begriff der symbolischen Formen benennt. Für Cassirer ist Kultur in Korrelation in immanenter Transzendenz; in diesem Raum der Unbestimmtheit besitzt jedes menschliche Wesen die Freiheit, die Unklarheit individuell zu besetzen. Nach Cassirer bildet die Kultur die ganze Wirklichkeit des Menschen ab. Dabei geht er von einer Komplexität und Pluralisierung aus, in der Kultur immer schon besteht und bestanden hat. Er vertrat die These, dass die Sinntätigkeit der Symbolisierung nicht auf eine einzige Gestaltungsweise zurückzuführen ist, sondern sich in einer Pluralität von Gestaltungsweisen offenbart, die in einem gegliederten, systematischen Zusammenhang existiert. Kultur ist demnach keine Einzigartigkeit, sondern prägt sich aus in einer Vielfalt und ein System von Gestaltungsbereichen. Der Mensch ist für Cassirer jemand, der immer nach Sinn und Bedeutung der ihn umgebenden Dinge fragt. Letztlich bestimmt der Mensch sich und seinen Sinn durch die aktive Bildung der symbolischen Formen, die jeweils mit einem ihnen eigenen Sinn verbunden sind.

Ludwig Wittgenstein lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Sein Hauptwerk zur Sprachphilosophie Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus 1921), in dem er die Betrachtung der Sprache mit den (formalen) Mitteln der Logik und der Abgrenzung zu den (empirischen) Naturwissenschaften untersuchte.  Neben dem erheblichen Einfluss, den der Tractatus auf die (insbesondere analytische) Philosophie des 20. Jahrhunderts hatte, lassen sich auch Einflüsse auf die nicht-philosophische Literatur und Kunst nachweisen.

Es ist eine populär-philosophische Abhandlung mit biografischen Elementen der vier großen Philosophen im deutschsprachigen Raum zwischen 1919 und 1929. Man lernt ihre verschiedenen Lebenswege und ihr Denken kennen und auch viel über den Geist der damalige Zeit kurz nach der „Urkatastrophe“ des 1. Weltkrieg und dem Aufstieg des Nationalsozialismus. Eine Phase, wo der freie Geist sich noch betätigen konnte und wo die vier Philosophen wichtige Grundlagen der Postmoderne legten. Heidegger und der Nationalsozialismus ist ein ganz anderes Thema, was hier nicht vorkommt.

Es handelt sich bei dem Buch um kein Lehrwerk der Philosophie, das sehr schwierig zu lesen ist. Die vier Denker und der Geist der Zeit werden ohne viel Wissenschaftlichkeit sachlich prägnant und mit Spannung beschrieben. Ein populäres Sachbuch, wodurch Philosophie und Geistesgeschichte in der Zwischenkriegszeit verständlich wird.

 

Buch 12:

 

Wolfram Letzner: Die 50 bekanntesten archäologischen Stätten Deutschlands, Nünnerich-Asmus, Mainz 2013, ISBN: 978-3-943904-02-4

 

Dieses Buch präsentiert 50 archäologische Stätten, Museen, archäologische Parks und historische Bauwerke in Deutschland, die sich besonders zur Entdeckung der eigenen Vergangenheit lohnen.

Die Archäologie interessiert sich für den Menschen und seine materiellen Hinterlassenschaften, wie etwa Gebäude, Werkzeuge und Kunstwerke. Sie umfasst einen Zeitraum von den ersten Steinwerkzeugen vor etwa 2,5  Millionen Jahren bis in die nähere Gegenwart. Es gibt rund 100.000 erfasste Fundstellen in der BRD. Die Auswahl dieses Buches erfolgte nach folgenden Kriterien: die Liste der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Stätten, die geographische Lage sowie die zeitliche Grenze bis zum frühen Mittelalter (9 Jh)

Die vorgestellten Stätten werden nach Bundesländern gegliedert und dann einzeln in Wort und Bild vorgestellt.

Es werden unter anderem die antike Vergangenheit Triers besprochen. Sehenswert sind in Trier das berühmte Porta Nigra (eines der Stadtore), die beeindruckende Reste der Kaiserthermen, das Amphitheater, die Kaiseraula sowie die alte Römerbrücke.
Die Stadt wurde um 16 vor Christus von den Römern unter Kaiser Augustus in der Nähe eines Stammesheiligtums der keltischen Treverer gegründet. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts machte Kaiser Diokletian die jetzt Treveris genannte Stadt zur römischen Kaiserresidenz und Hauptstadt des weströmischen Teilreiches. Aus dieser Zeit stammen viele der noch erhaltenen antiken Bauwerke. Eine andere Stadt mit archäologischen Höhepunkten ist Köln. In der Stadt direkt gibt es wenig sehenswerte Überreste. Dagegen beherbergt das Römisch-Germanische Museum sehr viel Sehenswertes. Dabei sind insbesondere das Grabmal des Poblicius und das Dionysos-Mosaik zu erwähnen, aber auch die zahlreichen sonstigen Fundstücke. Mainz hat ebenso viele berühmte archäologische Stätten zu bieten. Von der "Drususstadt" sind auch heute noch zahlreiche Zeugnisse erhalten, wie Reste des einstmals größten Bühnentheater nördlich der Alpen, des Drusus-Ehrenmal, des Aquädukt zur Versorgung des Legionslagers und einem Ehrenbogen sowie Reste von Tempels u.ä. Sehenswert sind auch die zahlreichen Funde im Landesmuseum oder im Römisch-Germanischen Zentralmuseum, aber vor allem die großartigen Reste und Nachbauten von Schiffen der Rheinflotte im Museum für Antike Schifffahrt.

In Kempten im Allgäu befand sich der erste Sitz des Statthalters der neuen Provinz Raetia, der in seinem Grundriss noch zu sehen ist. Eindrucksvoller allerdings sind der teilweise wiederaufgebaute Tempelbezirk sowie die durch einen Schutzbau konservierten Überreste der Kleinen Thermen. Ebenso sind noch die Grundrisse des Forums mit der Basilika zu sehen. Der Archäologische Park Cambodunum beinhaltet den Tempelbezirk mit seinen Rekonstruktionen einiger Tempel, die Kleinen Thermen und das Forum. 

Im archäologischen Park von Xanten bekommt man einen sehr guten Überblick über die römische Stadt Colonia Ulpia Traiana. Einige Gebäude sind sehr schön restauriert, so daß man eine bessere Vorstellung von der antiken Stadt hat.

Der archäologische Park bei Kalkriese umfasst einen Teil eines antiken Schlachtfeldes der Schlacht an den "pontes longi" im Jahre 15 n.Chr. Hier wurden 4 Legionen unter dem römischen General Caecinas durch Truppen des Arminius an den Rand einer Niederlage gebracht. Im archäologischen Park und dem Museum wird allerdings die These vermittelt, dass hier die Varusschlacht 9 n.Chr. stattgefunden hätte. Eines ist sicher, es ist das einzige bisher gefundene antike Schlachtfeld aus der Zeit der Eroberungsfeldzüge des Römischen Imperiums gegen das freie Germanien.

Zum Schluss werden noch die Landesmuseen mitsamt Adressen und ein Glossar präsentiert.

 

Dieses Buch ist für archäologisch und historisch Interessierte geschrieben, die einen Überblick über die wichtigsten archäologischen Stätten in der BRD erhalten wollen. Es enthält Hintergrundinformationen zu einem Besuch eines und mehrerer Zeugnisse der Vergangenheit. Archäologische Parks eignen sich als Erlebnis zum eigenen Entdecken und Erforschen, dieses Buch liefert auf verständlicher Basis die Rahmenbedingungen dafür.

 

Buch 13:

 

Antonia Hoeschelmann/Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.): Martha Jungwirth, Kerber Verlag, Bielefeld 2018, ISBN: 978-3-7356-0442-2

 

Diese Publikation ist der Begleitband zur Ausstellung „Martha Jungwirth“ in der Albertina in Wien vom 2.3.2018-3.6.2018. Jungwirth gilt als eine der bedeutendsten Künstlerin des 20. Jahrhunderts im Bereich des Kolorismus des Aquarells. „Martha Jungwirth transkribiert die Realitäten in ihre Wirklichkeit und bringt sie mit ihren Farb- und Formwerten zum Klingen und Vibrieren, erweckt sie zum Leben.“ (S. 22)

Vor ihrer Solokarriere als Künstlerin was Jungwirth vor allem durch die Gruppe „Wirklichkeiten“ bekannt. Dies war eine Gemeinschaft von Malerinnen und Malern die in den 1960er- und 1970er- Jahren durch ihre Kunst im konservativen Österreich für Aufsehen sorgte. Die neben Jungwirth aus den Mitgliedern Wolfgang Herzig, Kurt Kocherscheidt, Peter Pongratz, Franz Ringel und Robert Zeppel-Sperl bestehende Gruppe fanden sich Mai 1968 für eine Ausstellung in der Wiener Secession zusammen. Sie galten als Vertreter eines satirisch bis sozialkritisch gefärbten Realismus. Sie erhielt für ihre Lebensleistung den in Österreich hochgeschätzten Oskar Kokoschka-Preis.

Die Publikation wird mit drei Essays über die Kunst und Kunstvorstellungen Jungwirths eingeleitet. Zunächst beschäftigt sich Antonia Hoerschelmann mit den Bildwelten in den verschiedenen Schaffensperioden der Künstlerin. Danach geht Arthur Rosenauer auf den Stil und die Entwicklung Jungwirths ein. Anschließend diskutiert Xaver Bayer die Deckungsgleichheit der Künstlerin mit ihrem Weg, ihre Inspirationsquellen und ihre schöpferische Wandlungsfähigkeit. Dann folgt die Illustration ihrer Werke mit einigen Zitaten der Künstlerin, was den Hauptteil des Buches ausmacht. Ein Kurzbiografie und ihre bisherigen Ausstellungen werden dann thematisiert, eine Bibliografie beschließt das Werk.

Hier werden differenzierte Bilderwelten präsentiert, von Emotion und Leidenschaft für das Ausdrücken von (kontrastierenden) Gefühlen. Ihr Gesamtwerk ist von einer ständigen Entwicklung gekennzeichnet, Wiederholungen und serielles Arbeiten sind ihr fremd. Ihre Kunst ist eigenwillig, einigen wird es gefallen, anderen nicht. Was aber unbestritten sein dürfte, ist die Individualität eines jeden Werkes.

 

Buch 14:

 

Felicitas von Aretin: Mit Wagemut und Wissensdurst, Elisabeth Sandmann Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-945543-38-2, 24,95 EURO (D)

 

Dieses Buch beschäftigt sich mit den wissenschaftlichen Pionierinnen in den deutschsprachigen Ländern, die sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts gegen zahlreiche Widerstände einer zutiefst männlich dominierten Gesellschaft durchsetzen mussten und in der beruflichen Praxis um Anerkennung rangen. Es beschreibt, „wie modern, wie mutig, unangepasst und resilient die ersten berufstätigen Akademikerinnen ihren Weg gingen: Unbeirrbar erweitern die ersten Studentinnen Wissenshorizonte und lassen sich darauf ein, nicht zu wissen, ob und wie sich später Beruf, Partnerschaft und Familie verbinden lassen. Einige junge wissenshungrige Frauen träumen am Ende des 19. Jahrhunderts davon, zu studieren und unabhängig zu sein. Wer große Vorhaben hat, braucht Verbündete: mal ist es der Vater, mal die Mutter, mal ein Onkel, eine Lehrerin oder Herzensfreundin. Ein Studium kostet Geld. So stammen die ersten Studentinnen meist aus begüterten oder adeligen Elternhäusern.“ (S. 8)

Die erste Welle der modernen Frauenbewegung oder Frauenrechtsbewegung (Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts) kämpfte für die grundsätzlichen politischen und bürgerlichen Rechte der Frauen wie z. B. das Frauenwahlrecht, das in Deutschland im November 1918 rechtlich verankert wurde, das Recht auf Erwerbstätigkeit, das Recht auf Bildung.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde an deutschen Universitäten allmählich die Immatrikulation von Frauen erlaubt. Hope Bridges Adams Lehmann war 1880 die erste Frau in Deutschland, die ihr Medizinstudium als Gasthörerin mit einem Staatsexamen abschloss. Ihr Abschluss in Leipzig 1880 wurde jedoch offiziell nicht anerkannt. Daraufhin wurde sie in Bern promoviert und erhielt 1881 in Dublin die britische Approbation.

Das zentrale Anliegen der Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich war die Verbesserung der Frauenbildung und der Zugang zu Männern vorbehaltenen Berufen und Bildungswegen. 1888 reichte der Allgemeine Deutsche Frauenverein eine Petition beim preußischen Abgeordnetenhaus ein, die um die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium und zur wissenschaftlichen Lehrerinnenausbildung bat. Im selben Jahr forderte der Frauenverein Reform die Zulassung zu allen Fächern.

Während des Ersten Weltkrieges wurden Millionen von Frauen berufstätig, um Männer zu ersetzen, die an einer der Fronten des Ersten Weltkriegs kämpften. Nach 1918 waren Millionen von Männern kriegsinvalide und damit erwerbsunfähig; viele Frauen wurden zur Familienernährerin.

Die Akademikerinnen, ihr Lebensweg und ihre berufliche Stellung werden in dem Buch einzeln oder in Zusammenhang einer Freundschaft vorgestellt. Dies wird in verschiedene Kategorien unterteilt: Frauen drängen in Männerdomänen, Pionierinnen der Naturwissenschaft, Frauen in Kultur und Medien, Im Einsatz für das Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft sowie Selbständige und Unternehmerinnen. Am Ende findet sich noch ein Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Sachregister fehlt.

Das Buch schildert eindrücklich, wie sich die ersten Akademikerinnen gegen Widerstände, die heute zum Teil als selbstverständlich gelten, durchsetzen mussten. Es ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kaiserreich und danach, das von Elitedenken, Chauvinismus und Sozialdarwinismus bestimmt ist.

Bei der Auswahl der Frauen fehlen schon beim ersten Hinsehen wichtige Protagonistinnen der Zeit, hier nur zwei Beispiele:

Spätestens 1891 begann Anita Augspurg, sich in der Frauenbewegung zu engagieren, und übte sich als öffentliche Rednerin. Ihr Einsatz für Frauenrechte war auch der Grund, warum sie sich nach mehreren Jahren erfolgreicher Arbeit für ein Jurastudium entschied. Sie übersiedelte nach Zürich, weil Frauen in Deutschland noch keinen gleichberechtigten Zugang zu den Universitäten erhielten. Neben Rosa Luxemburg zählte sie dort zu den Mitbegründerinnen des „Internationalen Studentinnenvereins“. Sie schloss ihr Studium mit einer Doktorarbeit ab und war somit die erste promovierte Juristin des Deutschen Kaiserreichs.

1885/86 ging Käthe Kollwitz in die sogenannte Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen. Nach einem Jahr kehrte sie nach Königsberg zurück und wurde von Emil Neide, selbst Absolvent und später Lehrer an der Kunstakademie, unterrichtet. Anschließend studierte sie bis 1890 in München bei Ludwig Herterich.  Von 1898 bis 1902/1903 war sie Lehrerin an der Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen.

 

Buch 15:

 

Stefan moses: Begegnungen mit Peggy Guggenheim, Elisabeth Sandmann Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-945543-34-3, 48 EURO (D)

 

Peggy Guggenheim (1898–1979) war eine amerikanische Kunstmäzenin, Sammlerin und Galerien der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ihre schillernde Persönlichkeit und ihre Extravaganz sowie ihre zahlreichen Affären mit berühmten Künstlern ihrer Zeit machten sie selbst zum Star Ihr Vater entstammte einer der wohlhabendsten Industriellenfamilien der USA. Dadurch finanziell unabhängig, zog sie im Jahr 1921 nach Paris, genoss das Leben der Boheme und lernte viele Künstler und Schriftsteller kennen, mit denen sie Freundschaft schloss, unter ihnen Marcel Duchamp und Man Ray, der 1924 eine Porträtserie von ihr schuf. Mit Samuel Beckett hatte sie eine kurze Affäre.

Guggenheim begann, sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen und kaufte Werke der Avantgarde, unter anderem von Geroges Braque, Marc Chagall, Salvador Dali, Marcel Duchamp, Wassily Kandinski, Piet Mondrian und Pablo Picasso. In ihrer eigenen Galerie fand eine Kandinsky-Ausstellung, und im Juni 1938 stellte sie Werke von Yves Tanguy aus.

Dann zog sie zu Beginn des 2. Weltkriegs  nach Paris und erweiterte ihre Sammlung, da viele Künstler die Stadt verlassen und ihre Gemälde verkaufen wollten. Unter Anleitung von Marcel Duchamp kaufte sie für weniger als 40.000 Dollar den Grundstock ihrer großen Sammlung moderner Kunst, darunter Braque, Max Ernst, Kandinsky, Paul Klee und Miro.

Guggenheim finanzierte die Ausreise von Max Ernst sowie die des surrealistischen Schriftstellers André Breton. Doch auch sie selbst, die jüdischer Abstammung war, musste mit ihrer Sammlung Frankreich verlassen und flog im Juli 1941 mit Max Ernst, mit dem sie befreundet war, nach New York Ihre Kunstsammlung hatte sie gesondert verschickt. Im Dezember 1941, kurz nach Weihnachten, fand die Heirat mit Max Ernst statt.

Dort eröffnete Guggenheim im Jahr 1942 erneut eine Galerie, die zugleich Museum war, und förderte aus Europa emigrierte sowie neue US-amerikanische Künstler – unter anderem Jackson Pollock. Die Galerie bestand bis zum 31. Mai 1947. In diesem Jahr kehrte Peggy Guggenheim nach Europa zurück und zog nach Venedig.  Ein Jahr später erhielt Guggenheim die Einladung, ihre Kunstsammlung auf der Biennale von Venedig auszustellen. Die Tate Gallery in London stellte von Januar bis März 1965 den größten Teil von Guggenheims Sammlung aus und ehrte sie mit einem Festbankett. 1969 wurde sie vom Solomon R. Guggenheim Museum, New York, eingeladen, ihre Sammlung dort zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sie sich, ihre Kunstsammlung sowie den Palast der Solomon R. Guggenheim Foundation zu vermachen.

Nach ihrem Tod 1979 ist in den Räumen des Palazzo in Venedig ist seit 1980 das Museum Peggy Guggenheim Collection untergebracht, das weiterhin ihre Sammlung ausstellt.  Viele der von ihr gesammelten Werke sind heute in Museen zugänglich wie das Solomon R. Guggenheim Museum in New York sowie das Guggenheim-Museum in Bilbao.

In diesem Buch werden Fotografien von Stefan Moses von Peggy Guggenheim gezeigt, die einen neuen Blick auf die exzentrische Kunstsammlerin werfen. Stefan Moses ist bekannt für seine Porträtserien berühmter Persönlichkeiten. Er traf Peggy Guggenheim 1969 und 1974 in Venedig und hat sie hier an verschiedenen Orten, unter anderem in ihrem privaten Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande (der heutigen Peggy Guggenheim Collection), fotografiert. Viele der dort entstandenen 123 Bilder wurden bisher noch nicht publiziert. Darunter fällt auch Peggy Guggenheims privates Fotoalbum, das er mit ihrer Erlaubnis fotografieren durfte: „Moses hat die Alben fotografiert, die Peggy mit den Fotos anderer füllte, mit Schnappschüssen von Besuchern, und auch ein paar der berühmten Porträts in Pose, die Man Ray, Ida Kar oder Berenice Abbott von ihr anfertigten (…). (S. 11)

Der Kunsthistoriker Thomas Elsen leitet den Bildband mit einem kurzen Vorwort ein, bevor Philip Rylands, Direktor der Peggy Guggenheim Collection in Venedig, Hintergrundinformationen zur Begegnung von Moses mit Peggy Guggenheim ausbreitet. Im Mittelpunkt stehen aber die Bilder und Porträts Moses‘, die eine Vertrautheit Guggenheims mit dem Künstler signalisieren und in der sie viel von ihrer Privatsphäre preisgibt. Hier wird eine der extravagantesten Frauen der Boheme des 20. Jahrhunderts in bisher meist unbekannten Bildern präsentiert, die zusammengenommen eine Geschichte erzählen. Spannend sind dabei vor allem die Aufnahmen aus ihrem privaten Fotoalbum.

 

Buch 16:

Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft, Hirmer Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-7774-2996-0, 45 EURO (D)

Obwohl Thomas Gainsborough (1727-1788) vorwiegend durch den Zweig der Porträtmalerei bekannt wurde, galt seine eigentliche Leidenschaft der Landschaftsmalerei und des Musizierens. Allerdings muss festgehalten werden, dass das Porträtieren für einen Maler seiner Zeit der erträglichste Wirtschaftszweig war. Um sein Hobby mit der Arbeit zu verbinden, versuchte er in seinen Porträts den Landschaften gleichviel Platz einzuräumen. Unter den Landschaftsmalern des 18. Jahrhunderts nimmt Thomas Gainsborough eine herausragende Position ein. Seine Gemälde stellen eines der eindrucksvollsten und lebendigsten Bildzeugnisse des Georgorian England dar. Sein Hauptakzent liegt allerdings nicht nur in der Landschaftsmalerei, sondern im gleichen Maß auch in der Portraitmalerei.

Mit aufkommender Mode des allgemeinen Interesses an der Natur werden Landschaften holländischer Maler wie Hobbema oder Ruisdael mehr und mehr bekannt. Besonders in Gainsboroughs reinen Landschaften ist der Einfluss niederländischer Kunst unübersehbar. Ländliche Szenerien, realistische Ausführungen der Landschaft und des wolkigen Himmels weisen auf ein ausführliches Studium holländischer Maler wie Ruisdael, van Goyen oder anderer Maler des 17. Jahrhunderts hin. So lernte Gainsborough in seiner Lehrzeit in London den Realismus der holländischen Landschaftsmalerei zu schätzen. Da Gainsborough schon recht früh eine Familie zu ernähren hatte, war er für sein Auskommen auf die Porträtmalerei, das „face- painting“ angewiesen.

Dieses Buch thematisiert Gainsborough als zentrale Figur der Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts. Dies ist der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle vom 2.3.-27.5.2018. Gainsborough wird als einer der bedeutendsten europäischen Koloristen präsentiert: „(…) als einen Maler, der in seinem Werk aktiver und bedeutender Teil des grundlegenden Wandels war, den die britische und die gesamte europäische Kunst zu dieser Zeit durchlief. Seine Modernität ist heute nicht sofort ersichtlich (…), doch eröffnet ein genauerer Blick bald die Komplexität und das innovative Potential seines Werkes.“ (S. 8)

Die Ausstellung verfolgt drei Fragestellungen, nach dem auch der Begleitband gegliedert ist. In einem einleitenden Aufsatz wird Gainsboroughs Landschaftsmalerei im Zusammenhang der damaligen Zeit vorgestellt. Danach folgen zwei Essays, die sich mit seinem Zugriff auf die Realität und seine künstlerischen Vorbilder beziehen. Anschließend geht es um die Darstellung der sozialen Realität in seiner Landschaftsmalerei. Dabei wird zunächst sein Bild der sozialen Realität auf dem Lande und dann seine figurative Landschaftsmalerei im Hinblick auf Licht- und Farbwahl analysiert. Im dritten Kapitel behandeln zwei Essays den kreativen Prozess des Künstlers bei der Erstellung seiner Landschaften. Jedes dieser Kapitel beginnt mit einem Einleitungstext, dem die Abbildungen der angesprochenen Werke folgen. Abschließend gibt es noch einen Aufsatz über Gainsboroughs Stellung an der Royal Academy in London und seine Leistung für die Modernisierung der britischen Kunst.

In diesem Katalog wird genau Gainsboroughs Leistung für die Erneuerung und Internationalisierung britischer Kunst dokumentiert. Seine Landschaften, oft auch verbunden mit Portraits, spiegeln eine Hochzeit der britischen Landschaftsmalerei wider und prägten viele nachfolgende Künstler wie John Constable. In diesem sonst hervorragend gestalteten und informativen Katalog fehlt nur eine stichwortartige Biografie Gainsboroughs, damit sich nicht so vorgebildete Leser daran orientieren können.

 

Buch 17:

 

Günter Zint/Jens Bove unter Mitarbeit von Eva Decker (Hrsg.): Hamburg meine Perle. Fotografien aus den 1940er, 1950er und 1960er Jahren, Emons Verlag, Köln 2017, ISBN: 978-3-7408-0230-1, 49,95 EURO (D)

 

Dieser Bildband zeigt Impressionen der Nachkriegszeit der Stadt Hamburg. Vom Wiederaufbau der Stadt nach den Zerstörungen im 2. Weltkrieg bis zum Jahre 1970 reflektiert ein Stück Stadtgeschichte und die moderne Entwicklung hin zur Elbmetropole.

Dabei werden Bilder der Fotografen Gerd Mingam, Erich Andres und Günther Zint und anderen aus dem Repertoire der Deutschen Fotothek in Dresden stammende Schnappschüsse  gezeigt.

Die Bomberangriffe 1943 waren die „tiefste Zäsur“ der Stadtgeschichte Hamburgs (S.20): In einem Feuersturm ohnegleichen sank die Hälfte dieser großen und lebendigen Stadt in Schutt und Asche. 55.000 Menschen ließen ihr Leben, davon etwa 40.000 Menschen in jenen drei Tagen Ende Juli 1943. Mit den Menschen gingen Hoffnungen, Güter, unersetzliche persönliche Werte, Bauwerke, Kunst- und Kulturschätze unter, aber auch manches Unerfreuliche, womit eine Großstadt zwangsweise behaftet ist, verschwand.

Hamburg wurde zum größten Teil durch Brandbomben zerstört. Während die Angriffe sich in den ersten Kriegsjahren in relativ mäßigen Grenzen hielten, traten die Hauptzerstörungen vom 23. bis 28. Juli 1943 ein. Mehrere hundert Flugzeuge warfen bei Großangriffen bei Tag und Nacht in ungeahntem Ausmaß Brand- und Sprengbomben auf unsere Stadt, so dass allein in diesen drei Tagen 263.000 Wohnungen zerstört wurden. Tagelang war Hamburg von Rauchwolken verdunkelt und vom Aschenregen überrieselt.

Gleichzeitig wurden aber Schulen, Krankenhäuser, Kulturstätten, Hafenanlagen, Gewerbe- und Industriebauten, landwirtschaftliche Gebäude usw. in ebenso umfassendem Maße zerstört. Ferner entstanden Schäden an Bauwerken des Tiefbaues, wie z. B. Straßen, Sielanlagen, Brücken, Uferbefestigungen, Schleusen, Bahnanlagen usw.

Nach der Befreiung von NS-Regime gehörte die Stadt zur Britischen besatzungszone und erhielt eine von den Briten ernannte Bürgerschaft. Die britische Besatzungsmacht setzte am 15. Mai 1945 den parteipolitisch ungebundenen Rudolf Petersen als Ersten Bürgermeister nach dem Ende des NS-Regimes ein. Um die Not der Menschen nach dem Krieg zu lindern, gründete Petersen die Deutsche Hilfsgemeinschaft. In Hamburg lebten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als 30.000 Kriegsversehrte.

Am 13. Oktober 1946 fanden die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Durch das Mehrheitswahlrecht siegte die SPD eindeutig; sie stellte mitMax Brauer im Weiteren den Ersten Bürgermeister. Im Oktober 1949 wurde er, nun nach einer Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahlrecht, wiedergewählt. Im selben Jahr wurde Hamburg Bundesland der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. 1952 verabschiedete die Bürgerschaft die seitdem gültige Hamburger Verfassung.

Die folgenden Jahre waren von einem raschen Aufstieg der Stadt in mehrfacher Hinsicht geprägt: Der Hafen wurde schnell zum größten deutschen Warenumschlagplatz, zahlreiche Einwohner fanden Arbeit in den Hamburger Werften und mit dem NWDR wurde Hamburg Sitz des wichtigsten Radio- und bald auch Fernsehsenders der Nachkriegsjahre. Dazu kamen die einflussreichen Publikationen Die Zeit und später Der Spiegel.

Bei der Sturmflut 1962 der Nacht vom 16. auf den 17. Februar starben mehr als 300 Hamburger. Helmut Schmidt erlangte als Krisenmanager bundesweit große Popularität.  Bedeutende städtebauliche Maßnahmen nach dem Krieg waren: Die zwölf Grindelhochhäuser (1950–1956), die Hamburgsiche Staatsoper (1955), das Audimax (1958) und der Philosophenturm der Universität Hamburg, und das Unilever-Haus (1964). Der Fernsehturm wurde 1968 fertiggestellt.

Der Bildband gliedert sich in die Bereiche Wiederaufbau, Menschen, Elbe/Alster, Hafen, Politik, Kultur, Stadtansichten, Arbeit, Freizeit, Hamburg bei Nacht, im Anhang gibt es noch Quellen- und Literaturhinweise.

Es ist eine illustre Mischung an Bildern, von Wahrzeichen Hamburgs, kulturellen und politischen Höhepunkten und Alltagsszenen. Präsentiert werden unter anderem die Beatles und Jimi Hendrix im Star-Club, Udo Lindenberg in der Altonaer Fabrik, die Flutkatastrophe 1962, Hungerdemonstrationen 1947, Blockade des Springer-Verlagshauses 1968, der Hamburger Dom, St. Pauli, der Michel und die Alster. Bilder von arbeitenden Menschen im Hafen, der Genuss der Freizeit an der Alster oder Männer und Frauen vor zerstörten Häusern zeigen die ganz normalen Sorgen und den Alltag der Bevölkerung.  Die meisten Bilder sind in schwarz-weiß, einige in Farbe.

Hier wird ein Teil der Hamburger Stadtgeschichte nach dem 2. Weltkrieg in Bildern gezeigt. Die Bilder vermitteln auf anschauliche Weise das Lebensgefühl der damaligen Generation und sind eine spannende Zeitreise in eine fast schon vergessene Welt. Die Bilder stellen sowohl Highlights bzw. Sehenswürdigkeiten aber den Alltag der Menschen dar und regen zum Schmunzeln und zum romantischen Rückblick ein.

 

Buch 18

 

Jan Zimmermann (Hrsg.): Hamburg. Krieg und Nachkrieg. Fotografien 1939-1949, Junius Verlag, Hamburg 2017, ISBN: 978-3-885506-802-0

 

Dieser Bildband zeigt Impressionen der Stadtgeschichte Hamburgs von 1939-1949. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung, die Zerstörungen im 2. Weltkrieg bis zu den ersten Nachkriegsjahren des Wiederaufbaus.

Er enthält die Aufnahmen von sechs Fotografen und eine Fotografin, die in Hamburg zu dieser Zeit lebten und arbeiteten: „Es schlägt einen weiten Bogen von der Begeisterung, die in den Gesichtern der Hamburger und Hamburgerinnen beim Stapellauf des Schlachtschiffes Bismarck 1939 zu sehen ist, über die Luftangriffe und den Alltag der ersten Kriegsjahre mit dem ‚Hungerwinter‘ 1946/47 und dem mühseligen Neuanfang. Eingebettet in diese Themen ist ein Kapitel über die ‚Operation Gomorrha‘, die alliierten Luftangriffe vom Sommer 1943, die den Kulminationspunkt des Zweiten Weltkrieges in Hamburg darstellten und von mehreren Fotografen dokumentiert wurden.“ (S. 5)

 

Die Bilder erzählen teilweise mit Text die Geschichte der Stadt und visualisieren die bewegte Historie dieses Jahrzehnts.

Am 14. Februar 1939 fand der öffentliche Stapellauf des Schlachtschiffes Bismarck statt: Die Straßen sind mit Flaggen geschmückt, tausende Zuschauer drängen sich am Hamburger Hafen, die ganze Stadt feiert den Militarismus. Auch Hitler lässt sich das Spektakel nicht nehmen, reist nach Hamburg und erklärt den Stapellauf zum Staatsakt. Er hält eine Festrede, in der er die Bedeutung des früheren Reichskanzlers Otto von Bismarck würdigt.

Im Jahr 1939 wurden jüdische Bürger per Gesetz zum Verkauf ihres Silbers und Schmucks gezwungen. In Hamburg wurden 20 Tonnen zu einem Zehntel des Wertes konfisziert und eingeschmolzen. Beginnend im Oktober 1941 wurden 5.296 jüdische Bürger in 17 Transporten verschleppt; andere begingen Suizid, wurden aus westeuropäischen Fluchtländern deportiert oder fielen anderen Verfolgungsmaßnahmen wie der Aktion T4 zum Opfer. Unter Beteiligung des lokalen Reserve-Polizei-Bataillons 101 und örtlicher Dienststellen von Polizei- und Finanzbehörden kam es zu folgenden größeren „Aktionen“: am 25. Oktober wurden 1.034 Hamburger als Juden in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Am 8. November wurden weitere 990 Hamburger in einem Zug nach Minsk deportiert. Insgesamt verloren 8.877 Hamburger Juden ihr Leben. Nach der Befreiung 1945 zählte man in Hamburg noch 647 Juden.[14] Auch in Hamburg wurden zahlreiche Roma aus Gründen der Rasse Opfer der nationalsozialistischen „Zigeunerverfolgung“.

Ferner wurden politische und andere weltanschauliche Gegner und Abweichler, aus rassehygienischen und bevölkerungssanitären Gründen unterschiedliche Gruppen von „Asozialen“ sowie Homosexuelle verfolgt, inhaftiert und vielfach ermordet. Unter den 1.417 Opfern politischer Verfolgung waren auch 20 Abgeordnete der Bürgerschaft. Nicht nur Hamburger wurden im Stadtgebiet ermordet, allein im Konzentrationslager Neuengamme fanden 1938–1945 etwa 55.000 Menschen den Gewalttod. Nach dem Zusammenbruch des Regimes wurden etwa 8.500 ermordete Hamburger als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt.

Hamburg wurde während des Zweiten Weltkrieges zum Ziel alliierter Luftangriffe, da sich in der Stadt mehrere große Werften wie Blohm & Voss, Howaldtswerke, Deutsche Werft und H.C. Stülcken Sohn befanden, die U-Boote für die Kriegsmarine bauten. Die Flaktürme wurden unter der Leitung Albert Speers, dem Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, vom Architekt Friedrich Tamms konstruiert und durch die Organisation Todt realisiert, auch mit dem Einsatz tausender Fremd- und Zwangsarbeiter.

Die Bomberangriffe 1943 waren die tiefste Zäsur der Stadtgeschichte Hamburgs: In einem Feuersturm ohnegleichen sank die Hälfte dieser großen und lebendigen Stadt in Schutt und Asche. 55.000 Menschen ließen ihr Leben, davon etwa 40.000 Menschen in jenen drei Tagen Ende Juli 1943. Mit den Menschen gingen Hoffnungen, Güter, unersetzliche persönliche Werte, Bauwerke, Kunst- und Kulturschätze unter, aber auch manches Unerfreuliche, womit eine Großstadt zwangsweise behaftet ist, verschwand.

Hamburg wurde zum größten Teil durch Brandbomben zerstört. Während die Angriffe sich in den ersten Kriegsjahren in relativ mäßigen Grenzen hielten, traten die Hauptzerstörungen vom 23. bis 28. Juli 1943 ein. Mehrere hundert Flugzeuge warfen bei Großangriffen bei Tag und Nacht in ungeahntem Ausmaß Brand- und Sprengbomben auf unsere Stadt, so dass allein in diesen drei Tagen 263.000 Wohnungen zerstört wurden. Tagelang war Hamburg von Rauchwolken verdunkelt und vom Aschenregen überrieselt.

Gleichzeitig wurden aber Schulen, Krankenhäuser, Kulturstätten, Hafenanlagen, Gewerbe- und Industriebauten, landwirtschaftliche Gebäude usw. in ebenso umfassendem Maße zerstört. Ferner entstanden Schäden an Bauwerken des Tiefbaues, wie z. B. Straßen, Sielanlagen, Brücken, Uferbefestigungen, Schleusen, Bahnanlagen usw.

Nach der Befreiung von NS-Regime gehörte die Stadt zur Britischen Besatzungszone und erhielt eine von den Briten ernannte Bürgerschaft. Die britische Besatzungsmacht setzte am 15. Mai 1945 den parteipolitisch ungebundenen Rudolf Petersen als Ersten Bürgermeister nach dem Ende des NS-Regimes ein. Um die Not der Menschen nach dem Krieg zu lindern, gründete Petersen die Deutsche Hilfsgemeinschaft. In Hamburg lebten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als 30.000 Kriegsversehrte.

Am 13. Oktober 1946 fanden die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Durch das Mehrheitswahlrecht siegte die SPD eindeutig; sie stellte mitMax Brauer im Weiteren den Ersten Bürgermeister. Im Oktober 1949 wurde er, nun nach einer Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahlrecht, wiedergewählt. Im selben Jahr wurde Hamburg Bundesland der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. 1952 verabschiedete die Bürgerschaft die seitdem gültige Hamburger Verfassung.

Die folgenden Jahre waren von einem raschen Aufstieg der Stadt in mehrfacher Hinsicht geprägt: Der Hafen wurde schnell zum größten deutschen Warenumschlagplatz, zahlreiche Einwohner fanden Arbeit in den Hamburger Werften und mit dem NWDR wurde Hamburg Sitz des wichtigsten Radio- und bald auch Fernsehsenders der Nachkriegsjahre. Dazu kamen die einflussreichen Publikationen Die Zeit und später Der Spiegel.

Die Bilder vermitteln auf anschauliche Weise das Leben der damaligen Kriegsgeneration und sind eine spannende Zeitreise in eine fast schon vergessene Welt. Die Begeisterung für den Krieg und für Hitler Anfang des 2. Weltkriegs wandelt sich schnell in den Bildern zu Elend, Zerstörung und Tod im Alltag, so dass es das Buch schafft, die Schrecken des Krieges visuell zu zeigen.

 

 







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