Neuerscheinungen Kunst

08.03.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

René Burri: Explosion des Sehens, Scheidegger & Spiess, Zürich 2020, ISBN: 978-3-85881-661-0, 48 EURO (D)

Als Fotojournalist und Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum Photos bereiste René Burri die ganze Welt und porträtierte Politiker, Künstler und Architekten wie Le Corbusier und andere bedeutende Persönlichkeiten wie Picasso, Giacometti oder Tinguely. Besonders bekannt wurde er 1963 durch seine Bilder des Zigarre rauchenden Che Guevara.

René Burri war nicht die Geschicklichkeit bei der Nachbereitung von Bildern wichtig. Seine Aufmerksamkeit galt der nachträglichen Kadrierung, dem Hervorheben bestimmter Bildelemente und der Typografie der Legenden. Die Bilder waren für Burri eine neu komponierte Realitätsspiegelung, nicht eine abgebildete Realität. Zu seinen Stilelementen gehört die Unschärfe im Vordergrund, so dass das Hauptmotiv in den Hintergrund gesetzt wird. In den späteren Jahren überarbeitete er seine Schwarz-Weiß-Bilder durch Übermalungen und Fotomontage.

Ein Jahr vor seinem Tod beschloss René Burri, unter seinem Namen im Musée de l’Elysée in Lausanne, Schweiz, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die Fondation René Burri. Seither wird der Nachlass von René Burri im Musée Elysée bearbeitet und verwaltet. Dieser besteht aus nahezu 10.000 Papierbildern, mehr als 7000 Kontaktbögen, 33.000 Arbeitsabzügen, 17.0000 Diapositive, jedoch auch etwa 100 Collagen und über 150 Skizzenhefte und Buchlayouts. Weiter befinden sich in dieser Sammlung viele persönliche Dokumente.

Von Januar bis Mai 2020, zeigt das Musée Elysée in Lausanne nun eine neue Retrospektive, die sich unter dem Titel «René Burri, Explosion des Sehens» seinem Schaffen in ganzer Breite widmet.

Die neue Ausstellung ist das Ergebnis intensiver Forschungsarbeiten, die das Team des Musée de l’Elysée seit 2013 zum gesamten Nachlass von René Burri in seinem Familienarchiv sowie den Pariser und New Yorker Archiven von Magnum Photos durchgeführt hat. Ziel der Schau ist es, der Gesamtheit der vielseitigen kreativen Arbeit René Burris im Laufe seines Lebens mit ganz neuem Blick zu begegnen. Damit fördert sie anhand bisher zumeist unbekannter Dokumente wie Kontaktbögen, Probeabzüge, Filme, Buchentwürfe, Ausstellungsprojekte, Notizhefte, Collagen, Aquarelle und Zeichnungen die private, verborgene Seite von Burri zutage.

Dies ist die Begleitpublikation der Ausstellung in den Räumen des Musée de l’Elysée, Lausanne, vom 29.1. bis zum 3.5.2020. Hier werden 250 Aufnahmen wiedergegeben, in der Ausstellung gibt es 500 zu sehen.

Marc Donnadieu stellt in seinem Essay den Menschen René Burri vor. Dort stellt er fest: „René Burri lässt sich von seiner tiefen Überzeugung leiten, dass wir Menschen jenseits unserer wesensbedingten Verschiedenartigkeit lernen müssen, dass wir alle auf einem gemeinsamen Planeten wohnen. Deswegen greift er über den blossen Dialog der Kulturen hinaus und fragt sich immer, was unsere Kultur eigentlich ausmacht, nicht so sehr, was uns trennt, sondern was uns vereint, was wir gemeinsam und für alle erschaffen und nicht, was auf einen Schlag zerstört wird.“ (S. 15) Danach präsentiert Mélanie Bétrisey die Fondation René Burri. Clara Bouveresse beschreibt Burris Aufnahme bei dem elitären Photoclub Magnum 1955 und seine Zeit dort. Julie Enckell Julliard stellt danach den Graphiker Burri vor, wo sie seine Fähigkeiten herausstellt, die Welt zugleich als eine Verbindung abstrakter Formen und als einen Ort anzusehen, wo Geschichte stattfindet.

Elf Fokusse veranschaulichen jeweils ein entscheidendes Element seiner Karriere: Kino, Strukturen, Ich und die Anderen, Magnum, Che, China, Fernsehen, One World, Buch, Collagen, Zeichnungen. Jeder Fokus wird in einem einzelnen Kapitel dargestellt. Nach einem einleitenden Text folgen die Exponate mit Titel, Ort, Jahr, Abzug und Größe.

Der freie Schriftsteller, Journalist und Ausstellungskurator Hans-Michael Koetzle schildert seine gemeinsamen Erlebnisse mit Burri. Der Fotograf Bernard Plossu setzt sich noch mit Burris Bildband „Die Deutschen“ auseinander.

Der Schweizer Grafikdesigner Werner Jeker erzählt seine Eindrücke von Burri anhand einer Geschichte in Bildern und Zeichnungen. Im Anhang findet man noch eine ausführliche Biografie von Burri und einen Bildnachweis.

René Burri war ein Weltbürger, er bereiste Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika. Dies drückte sich auch in seinen Werken aus, die als Seismograf des Lebens in unterschiedlichen Kulturen dienen können. Die Ausstellung und dieser Katalog zeigen erstmals das Potential und die ganze Schaffenspalette seiner kreativen Tätigkeiten, wobei natürlich eine Auswahl getroffen werden musste. Um einen umfassenden Eindruck von Burri zu bekommen, ist dieses Buch sehr zu empfehlen. Es fehlt allerdings ein Literaturverzeichnis zum selbständigen Weiterlesen.

Buch 2

Der montierte Mensch, Kerber, Bielefeld/Berlin 2019, ISBN: 978-3-7356-0637-2, 65 EURO (D)

Die Ausstellung „Der montierte Mensch“, die vom 8. 11.2019 bis zum 15.3.2020 im Essener Folkwang Museum zu sehen ist, untersucht das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Maschine seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Ausstellung legt den Schwerpunkt auf die vielfältigen Verschmelzungen zwischen Mensch und Maschine, die in thematischen Sektionen verhandelt werden. Medien- und epochenübergreifend angelegt gibt die Schau einen Einblick in die künstlerischen Auseinandersetzungen mit den prägendsten Entwicklungen der letzten 150 Jahre: Industrialisierung, Technisierung und Digitalisierung. Seit der Industriellen Revolution bis ins digitale Zeitalter haben sich Generationen von Künstlerinnen und Künstlern mit den technologischen Errungenschaften und ihren Auswirkungen auf die Menschheit befasst. Bedeutende Werke der Malerei und Grafik, frühe fotografische Experimente, Installationen, Filme bis zu aktuellen Arbeiten der Post- Internet-Generation fügen sich zu einem kulturhistorischen Überblick. Zeitgenössische Positionen beleuchten aktuelle künstlerische Auseinandersetzungen mit den neuen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die das digitale Zeitalter mit sich bringt.

Dies ist der Begleitband zur Ausstellung, der gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erscheint. Der Begleitband vereinigt neun Hintergrundessays und einen Katalog der ausgestellten Werke.

Zunächst geht Anna Fricke auf Körpermaschinen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts in einem allgemeinen Beitrag ein. Dort wird auch deutlich, dass sich der Titel der Ausstellung auf das Essay „Die Fotografie im Zeiten des montierten Menschen“ des Fotografen Bernd Stiegler bezieht: „Der montierte Mensch wird in der Ausstellung als ein mechanisierter Mensch verstanden, in dessen Körper und Geist das Maschinelle auf verschiedene Art eingedrungen ist, sich verfestigt hat oder ganz offenbar zur Voraussetzung des Denkens geworden ist.“ (S. 14) Nadine Engel geht danach auf Maschinenmenschen vom Futurismus bis zum Konstruktivismus ein. Der oben schon erwähnte Bernd Stiegler setzt sich danach mit der Rolle der Fotografie auseinander: Dabei rekonstruiert er die Beziehung zwischen Fotografie und Technik als Neu- und Wiederentdeckung fotografischer Techniken und nimmt den politisch-ästhetischen Aspekt in den Blick. Nissar Ulama skiziert danach die Verbindung von Mensch und Maschine als politische Einheit in erkenntnistheoretischen Schriften und politischen Philosophien. Olaf Möller konzentriert sich in seinem Beitrag auf die Filmindustrie und deren Produktionen.

Danach folgt der Katalogteil, der den Hauptteil des Buches ausmacht. Dort werden die Werke mit Datum abgebildet, manchmal gibt es noch ein großförmiges Zitat von Künstlern oder Intellektuellen.

Anschließend stellt Lena Trüpper kybernetische Modelle, das Kommunikationsmodell des Mathematikers Claude Shannon und die kybernetischen Plastiken des ungarischen Künstlers Nicolas Schöffer vor. Sabine Breitwieser präsentiert dann künstlerische Projekte und Kunstwerke, die technische Errungenschaften der frühen Robotik und Entwicklungen, die aus der Krieg- und Raumfahrtindustrie kamen. Antje Krause-Wahl beschäftigt sich noch mit künstlerischen Darstellungen in digitalen Netzwerkkulturen, bevor die Beziehung von Mensch und Maschine in Tanz und Performancekunst von Maren Butte untersucht wird. Kybernetische Tänze und die Performances von Chay Ka Fai stehen dabei im Mittelpunkt.

Im Anhang findet man noch die Biografien der Autorinnen und Autoren und eine Werkliste.

In den Essays werden verschiedene künstlerische Genres vorgestellt und diese in Verbindung mit technischen und geisteswissenschaftlichen Vordenkern der Zeit, so dass eine umfassende Auseinandersetzung der Relation zwischen Mensch und Maschine möglich wird. Vielleicht hätte der Begriff der Masse von Ortega y Gasset noch deutlicher herausgestellt werden können. Oft fällt bei den gezeigten Werken eine Negierung des Individuellen auf, was als Gefahr gewertet wird. Die Anwendung der Totalitarismustheorie auf die Kunst, also Gleichsetzung von Faschismus (Futurismus) und Sozialismus (sowjetische Künstler) ist ärgerlich, da wäre eine differenzierte Sichtweise angebracht gewesen. Dennoch ist dieser Begleitband eine ausführliche Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema, das längst auch in den nächsten Jahrzehnten noch präsent sein dürfte.

 

Buch 3

Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart, Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, ISBN: 978-3-85581-643-6, 48 EURO (D)

Ausgangspunkt der Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich sind Werke und Fotografien, die der deutsche Kunstethnologe Hans Himmelheber (1908-2003) 1938/39 von seiner Reise aus dem damals unter belgischer Kolonialherrschaft stehenden Kongo mitbrachte. 1993 gab es dort schon mal die Ausstellung mit dem  Titel „Zaire 1938/39“ mit Fotografien von Hans Himmelheber.

80 Jahre nach seiner Kongo-Reise und 26 Jahre nach der Ausstellung beschäftigt sich diese wieder mit der Kultur der 1930er Jahre, wie sie Himmelheber dokumentiert hat.  Zusammen mit seinen Tagebuchaufzeichnungen werden teils noch nie publizierten Objekte und Bilder präsentiert, die auch ein Bild von Himmelhebers eigener Vorstellung über den Kongo geben. Das Museum Rietberg hat zusammen mit dem Historischen Seminar der Universität Zürich ein langjähriges Forschungsprojekt dazu durchgeführt.

Die Demokratische Republik Kongo ist berühmt für ihre vibrierende Kunstszene. Nirgendwo sonst in Afrika zeichnet sich die Kunstproduktion durch eine solche Vielfalt an Formen und Materialien aus. Dabei setzen sich die Künstlerinnen und Künstler schon seit Langem mit den Auswirkungen von Welthandel, Kolonialismus, Missionierung und fiktiven Grenzziehungen auseinander, auch in der Gegenwartskunst.

Zum ersten Mal präsentiert eine Ausstellung historische Werke und Fotografien in Gegenüberstellung mit zeitgenössischen Werken von vierzehn renommierten kongolesischen Künstlern. Sieben davon habe eigene Werke für die Ausstellung geschaffen. Es denkt den Kongo als Fiktion der westlichen und afrikanischen Imagination gleichermaßen und verknüpft die Vergangenheit mit der Utopie des aktuellen künstlerischen Schaffens.

Dieses Buch erscheint begleitend zur Ausstellung. In vier Kapiteln beleuchtet es die Kunstwelten des Kongo in Vergangenheit und Gegenwart. Der erste Teil „Forschen, Fotografieren und Kunst erwerben“ zeigt, wie der Ankauf der Objekte und der Transport vor Ort vor sich ging und welche Akteure daran beteiligt waren. In Essays geschieht dies und die Künstlerin Michele Magema und der Künstler David Shongo interpretieren die Bilderwelt Himmelhebers in kritischen Lesarten. Danachh stehen „Design und Eleganz“ als Aspekte der kongolesischen Kunstwelten jenseits zeitlicher und regionaler Grenzen im Mittelpunkt. Die Kunst der Kuba, die Beschäftigung des kongolesischen Fotografen und Künstler Yves Sambu mit den Fotografien Himmelhebers und die Arbeit der jungen Zürcher Künstlerin Fiona Bobo, die in Form von Fotografien und Videos die große Bedeutung von Mode, Stil und Kleidung in der kongolesischen Diaspora dokumentiert, kommen dort zur Sprache.

Im Kapitel „Power und Politik“ stehen die Wirkmacht und politische Dimension von Kunstwerken im Vordergrund. Geheimbünde wie die kifwebe und ihre Masken und Kraftfiguren als Heilung von Krankheiten und Schutz vor Unglück und als Widerstand gegen die Kolonialherren werden dabei thematisiert. Die Auseinandersetzung aus heutiger Sicht mit den Kraftfiguren und allgemeinen Umgang mit kolonialen Sammlungen wie die von Himmelheber durch die Künstler Hilaire Balu Kuyangiko, Sammy Baloji und Fiston Mwanza Mujila bildet ebenfalls einen Schwerpunkt.

Der vierte Bereich „Performance und Initiation“ beschäftigt sich mit der zentralen Bedeutung von Bewegung, Musik und Interaktion bei den Maskenauftritten in der Kunst des Kongo. Himmelheber erwarb einige Masken und fotografierte die Maskentänze. Zeitgenössische Künstler setzen sich in unterschiedlicher Weise mit dem Erbe der Maskengestaltung und ihren Auftritten auseinander.

Im Anhang findet man noch Informationen zu den Autoren und Künstlern, eine Bibliografie, die Leihgeber und einen Bildnachweis.

Der hier verfolgte Ansatz packt zu viel Thematik in eine Publikation und in eine Ausstellung rein. Besser wäre es gewesen, die beiden Ebenen zu trennen. Einerseits die Objekte von Himmelheber verbunden mit einer Analyse, Dekonstruktion und kritischen Würdigung aus heutiger Sicht vorgenommen von kongolesischen Künstlern und Wissenschaftlern sowie westlichen Vertretern. Andererseits die Vorstellung der vielfältigen Gegenwartskunst aus der Demokratische Republik Kongo in einer eigenen Ausstellung.

 

Buch 4

Klaus-Martin Brescott: Neue sakrale Räume. 100 Kirchen der Klassischen Moderne, Park Books, Zürich 2019, ISBN: 978-3-03860-158-6, 48 EURO (D)

Die Leitsätze der Architekturmoderne wie «Form follows function» oder «Licht, Luft und Öffnung» wirkten auch auf die Kirchenarchitekten der 1920er- und 1930er-Jahre. Sie nutzten die neuen Baumaterialien Stahl, Glas und Beton und die damit verbundene, bisher undenkbare konstruktive Flexibilität. Es werden neben ästhetischen, architektonischen und baugeschichtlichen Aspekten auch die sozialen Dimensionen der Kirchengebäude (Gebrauchsfähigkeit und Akzeptanz) in den Vordergrund der Untersuchung gestellt.

Dieses Buch stellt 100 Kirchen in der BRD, Österreich und der Schweiz, die zwischen 1921 und 1939 erbaut worden sind, also in der Zeit zwischen den Weltkriegen, und sich befreien wollten von überwuchernden Traditionen. Darunter sind 87 in der BRD zu finden mit einem Schwerpunkt auf Berlin wie Mater Dolorosa in Buch, St. Augustinus in Prenzlauer Berg oder die St. Adalbert-Kirche in Mitte. Auch Wien ist mit den drei Kirchen Königin des Friedens in Favoriten, St. Josef Sandleiten in Ottakring und St. Josef in Floridsdorf oft vertreten, ebenso wie Zürich und Umgebung mit fünf Bauten. In den jeweiligen Innenseiten am Anfang und am Ende findet man eine geografische Übersicht der sakralen Bauten sortiert nach Baujahr.

Vier Essays in deutscher und englischer Sprache leiten in die Thematik ein und beschreiben die vielfältigen Kontexte. Danach folgen die Kirchen, die in einzelnen Kapiteln vorgestellt werden. Jede Kirche wird jeweils auf jeweils einer Doppelseite: mit einem ganzseitigen Foto, einer kurzen Baubeschreibung und Hintergrundinformationen zu Bauzeit, Ästhetik, Gebäudeart, Architekt, die Adresse, Internetadresse und der Konfession sowie weiteren, kleineren Fotos präsentiert.

Hier werden sakrale Bauten als architektonische Zeichen ihrer Zeit erfahrbar. Der Text bei der Vorstellung der Kirchen bietet eine erste Wissensgrundlage, für weitere Informationen zur Kirchengeschichte findet man auf den Internetseiten. Durchgängig fehlt allerdings die englische Übersetzung. Die Bebilderung steht bei der Vorstellung der Kirchen im Mittelpunkt, die eine hohe Qualität besitzen und Einzelheiten detailliert zeigen. Als Orientierung hilft die geografische Übersicht sehr. Am Ende des Buches fehlt ein Namensregister wenigstens der Architekten oder Baumeistern zum schnellen Nachschlagen.

Buch 5

THE OPÉRA VIII, Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin 2019, ISBN: 978-3-7356-0629-7, 45 EURO (D)

Dies ist die siebte Ausgabe der Reihe THE OPÉRA Magazine for Classic & Contemporary Nude Photography, wo klassische und zeitgenössische Arbeiten aus dem Bereich der intimsten Form der Porträtfotografie Fragen der menschlichen Identität und Körperlichkeit verbunden werden. Hier werden bildliche Antworten auf die Fragen nach den Beschränkungen der menschlichen Körperlichkeit und wie sie durch Fantasie und Wissen überwunden werden können, gegeben. Das Konzept des Sammelbandes, der von Matthias Straub herausgegeben wird, entspricht den fünf Akten einer Oper: so entstehen auch die einzelnen Kapitel Ausstellung, Komplikationen, entscheidender Wendepunkt, Verzögerung und Katastrophe, versehen mit einem Intermezzo. Die Fotografin oder der Fotograf und die jeweiligen Models werden unter den Motiven namentlich genannt.

Den zahlreichen Fotografinnen und Fotografen aus der ganzen Welt ist gemeinsam, dass sie in ihren Werken auf unterschiedlichste Weise menschliche Emotionen ergründen. Sehenswert ist zum Beispiel die Serie von Pavel Odvody, wo unterschiedliche Teile des Körpers doppelt gezeigt oder verfremdet werden. Oder Lilli Waters mit Frauen in freier Natur mit leuchtenden Farben, fast expressionistisch. Die Serie von Maximilian Motel zeigt in Blau gefärbte Bilder im Wasser und am Strand. Andere wie Laura Stevens mögen eher eine minimalistische Serie, wo das jeweilige männliche Model allein im Mittelpunkt steht.

Hier wird eine große Spannweiter von Ausdrucksformen zu sehen: eine Sammlung von individuellen Ästhetiken des menschlichen Körpers, die vielfältige Sinneseindrücke beim Betrachter transportieren. Es fällt auf, dass häufiger als sonst Naturmotive zu sehen sind, vielleicht dem Zeitgeist geschuldet.

Oft treten hier Merkmale der subjektiven Fotografie aus der Mitte des 20. Jahrhunderts angereichert mit modernen Methoden auf: radikale Ausschnitte, surreal wirkende Situationen, aber auch Negativabzüge oder Solarisationen, Verfremdung des fotografischen Bildes durch starke Überbelichtung, das Spiel mit der wechselnden Perspektive, Licht und Schatten. Schwarz-weiß Bilder und Farbaufnahmen wechseln sich ab, manchmal auch bei ein und derselben Serie. Eine bunte kreative Mischung. Ein Anhang oder eine explizite Vorstellung der Künstlerinnen und Künstlern existiert leider nicht.

 

Buch 6

Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V.: ars viva, Kerber, Berlin/Bielefeld 2019, ISBN: 978-3-7356-0617-4, 36 EURO (D)

Der 1951 gegründete Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. vergibt seit 66 Jahren den ars-viva-Preis für Bildende Kunst. Jährlich werden damit drei Künstler unter 35 Jahren, die ihren Lebensmittelpunkt in der BRD haben, ausgezeichnet. Der Preis wird dabei von einer Jury verliehen, die sich aus Mitgliedern des Gremiums Bildende Kunst des Kulturkreises, den teilnehmenden Kooperationspartnern sowie externen Fachberatern zusammensetzt. Im Fokus stehen dabei herausragende Positionen, die eine eigenständige Formensprache und ein Bewusstsein für kulturelle und gesellschaftliche Fragegestellungen der Gegenwart erkennen lassen. Dieser Katalog zur Preisverleihung erscheint gleichzeitig und deutscher und englischer Sprache.

Die diesjährigen Preisträger sind Karimah Ashadu, Thibaut Henz und Cemile Sahin. Im Vorwort heißt es: „Ihre Kunstwerke zeugen vom bewussten Umgang mit der heutigen digitalen sowie analogen Bilderflut. Elemente des Dokumentarischen und des Narrativen tauchen in ihren Kunstwerken ebenso auf wie Aneignungen historischer Überlieferungen und Techniken des Betrachtens.“ (S. 8)

Nach dem Vorwort werden die drei Preisträger einzeln vorgestellt. Ihre Werke oder Ausschnitte daraus werden zuerst gezeigt, dann folgt immer noch ein Expertenessay zu Biografie und Werk.

Zuerst wird Karimah Ashadu näher von Greg de Cuir Jr. vorgestellt. Die Themen der Videoarbeiten von Karimah Ashadu entstammen dem kulturellen und historischen Umfeld Westafrikas. Mit Blick auf den sozioökonomischen Kontext Nigerias setzt sie unter anderem Bauern, Eisenschmiede und Plantagenarbeiter ins Bild. Dabei hinterfragt sie die männlich geprägten Strukturen des Landes. Im Essay wird ihr Werdegang beschrieben und ihr Werk anhand der Videos King of Boys (2015) und Power Man (2018) analysiert.

Danach folgt die Vorstellung von Thibaut Henz durch Maren Lübbke-Tidow. Die Fotografien von Thibaut Henz scheinen Beiläufiges und Unbestimmtes in den Blick zu nehmen. Sie zeigen Detailaufnahmen von Architektur, Landschaft und anderen Gegenständen. Zentral in seinem Werk sind Porträts und fragmentarische Abbildungen des menschlichen Körpers, meist aus extremen Blickwinkeln abgelichtet. Lübbke-Tidow nennt dies „Bruchstücke des Realen“ (S. 53), dessen Bilder Ausdruck der zunehmenden Fragmentierung in der Gesellschaft seien, die das faktische Auseinanderdriften auf subtile Art und Weise ansprächen. 

Sven Beckstette präsentiert dann Cemile Sahin und ihr Werk. Ausgehend von gefundenen Bildern und Geschichten entwickelt Cemile Sahin Videos, Installationen, Lecture Performances und Romane. Durch die Verbindung von Sprache und Narration, aber auch Fotografie und Bewegtheit sowie Bild-und Soundcollagen führt sie Überlieferungen von historischen und fiktiven Ereignissen sowie Erinnerungen als Reenactments auf, wodurch neue Formen des Erzählens entstehen. In ihren filmischen Arbeiten erzeugt die Künstlerin ein Nebeneinander mehrerer Stimmen. Sie verwebt Ebenen miteinander, überlagert sie und spielt sie gegeneinander aus. Dabei werden die Betrachter damit konfrontiert, einen Zusammenhang zwischen widersprüchlichen Erzählungen herzustellen und sich mit ihrem Standpunkt gegenüber dem Gesehenen auseinanderzusetzen.

Anschließend folgen noch Einzelinterviews mit den drei Preisträgern. Im Anhang findet man noch ein Abbildungsverzeichnis, Kurzbiografien mit einer Auswahl von Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Preisen sowie eine Liste der Preisträger von 1953 bis heute.

Hier werden interessante Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler mit ihren verschiedenen Zugängen und künstlerischen Interpretation zu und von Kultur und Gesellschaft. Die Einarbeitung von digitalen Medien in ihre Gegenwartskunst nimmt dabei einen weiten Raum ein. Die Werkvorstellungen und auch die Einzelinterviews mit eigenen Zuschreibungen hätten gern etwas länger sein können.

 







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