Rezension des Romans „Fremdes Licht“ von Michael Stavaric

03.05.20
KulturKultur, TopNews 

 

Besprechung von Torben Klimmek

„Der weißgraue Himmel draußen vor dem Stiegenhaus und die angrenzenden Hügel bleiben ununterscheidbar, die darin gefangenen sogenannten Anzeichen von Zivilisation bestehen aus ein paar aufgeplatzten Modulen, diversen Verschlägen, fast schon Baracken, ein paar zugespitzten Metallarmen und allerlei Bruchwerk. Sechs oder sieben Masten, wohl eher verdrehte, in sich verschraubte Antennen und Auslegerreste, recken sich in die Höhe, alles ist restlos und unwiederbringlich eingeschneit, weithin in die Ebene verstreut. Wie ein unwirtlicher, in einer lebensfeindlichen Umgebung gelegener Ort, so fühlt es sich an, das Allein-Sein, wund und zusammengepfercht mit den eigenen Erinnerungen. Man müht sich weiter, versucht irgendwelchen Aufgaben und Ordern nachzukommen, ab und an erkenne ich einen milchig-hellen Fleck am Himmel, es muss die Sonne sein, irgendein mir längst fremd gewordener Himmelskörper, doch ist es nicht weiter wichtig, sie strahlt keinerlei Wärme ab, dazu ist immerzu Winter.“

Dieser Auszug stammt aus dem Roman „Fremdes Licht“ des österreichisch-tschechischen Autors Michael Stavaric (vielfacher Preisträger, u.a. Adelbert-von-Chamisso-Preis), der gerade zur rechten Zeit erschienen ist. Er stellt so etwas wie die passende Krisenlektüre dar, mit deren Hilfe sich die momentan vorherrschende apokalyptische Endzeitstimmung und die staatlich verordnete Zwangsisolation während der „Corona Pandemie“ einigermaßen erträglich überwinden lässt. Man könnte den Text sogar als eine Art Gebrauchsanweisung lesen oder als Survival Kit verstehen, um die Zeit der maximalen sozialen Minimierung und das damit einhergehende Auf-sich-selbst-Zurückgeworfen-Sein oder All-ein-Sein gerade noch zu  überleben, eine nicht geringe Herausforderung für den nach permanenter Zerstreuung süchtigen Menschen der Postmoderne. Denn in dem fulminant bildreichen und sprachgewaltigen Text des Autors Stavari? geht es um nichts Geringeres als die Welt nach einem Kometeneinschlag und das Überleben des letzten Menschen in einer zu Eis gewordenen Umwelt, dem nichts geblieben ist, außer seiner Erinnerung.

Neben dem „Licht“ ist die zentrale Metapher des Romans demnach die „Eiseskälte“, die die verschiedenen Erzählstränge thematisch miteinander verbindet. Auf drei erzählerischen Zeitebenen, der ferneren und jüngeren Vergangenheit wie auch der Erzählgegenwart, die zugleich auch auf eine weit in der Zukunft liegende verweist, wird der Leser jeweils in die unwirtliche Welt einer polaren Eiswüste versetzt. Die Ich-Erzählerin Elaine Duval erinnert sich, wie sie einst als Elite-Hochschulabsolventin   und Wissenschaftlerin der sog. Reproduktionsgenetik in dem nicht ganz zufällig gewählten Schweizer Ort „Winter-thur“ für einen Konzern im Rahmen eines Forschungsprogramms namens „Arche“ mit der künstlichen Kreation von Lebensformen beschäftigt war. Das in ironischer Überhöhung angesprochene biblische Motiv ist augenfällig. Zugleich beschreibt sie als Nachfahrin der Inuit, ihr selbstgewählter Name lautet demnach „Inuksuk“ („einem Menschen gleich sein“), wie sie durch die Expeditionen zur grönländischen Küste, aber vor allem durch die Erzählungen ihres Großvaters mit der Kultur und Lebensweise der Naturvölker vertraut gemacht wurde. Hier tritt dann auch der eigentliche Konflikt der Romanhandlung zutage. Die durch den Großvater vertretene Tradition der Vergangenheit stellt sich gegen die technokratisierte Welt der Zukunft, die natürlich gerade auch durch die Wissenschaftlerin Elaine symbolisch verkörpert wird. So können seine Geschichten in der „hochtechnisierte[n] Welt“ nur wie „Märchen“ aus einer längst vergangenen Zeit klingen. Doch auch als anerkannte und erfolgreiche Spitzenwissenschaftlerin bricht ihre Sehnsucht nach diesem ursprünglichen und einfachen Leben im arktischen Grönland nicht ab: „Ich lebte in der Vergangenheit, die noch vor mir lag, die sich wie eine Talsohle vor mir öffnete, breiter und lichter wurde, die grau marmorierten Felswände, die sie zuvor noch eingeengt hatten, wichen zurück, während die Zukunft von einem abfiel, hinter einem zum Liegen kam, man entfernte sich mit einem jeden Schritt von ihr, als wäre sie ein alter Rucksack, dessen Inhalt man nicht mehr benötigte.“ Hier bezieht sie sich auf die ebenfalls vom Großvater überlieferte archaische Zeitvorstellung des in den Anden beheimateten indigenen Volkes der Aymara.


Und zur Erschließung der Vergangenheit steht seit Anbeginn der Menschheit wiederum nur ein Medium zur Verfügung, nämlich die Erzählung oder das „Narrativ“. Das Erzählen von Geschichten mag das eigentliche Thema des Romans und das Anliegen seines Autors Stavari? sein: der Mythos, das Wort oder die Erzählung. Darauf verweist bereits die radikaler kaum denkbare literarische Spielanlage: Nach dem Weltuntergang durch einen Kometeneinschlag, der Flucht mit einem jenseits der Lichtgeschwindigkeit fliegenden Raumschiff durchs Weltall auf der Suche nach einem bewohnbaren Exoplaneten außerhalb des Sonnensystems, dem zeitlich unbestimmten Kälteschlaf in einem der sog. „Schlafkokons“, die nach dem Prinzip der „Transdifferenzkryonik“ funktionieren und die Körper durch Einfrieren und Wiederbelebung im Prinzip unsterblich machen, überlebt die Protagonistin als Einzige den Absturz auf einem (vermeintlich) fremden Planeten aus Eis. Ironischerweise benennt sie diesen wiederum nach ihrem Herkunftsort „Winterthur“. Um nicht verrückt zu werden und aufzugeben, bleibt ihr nur die Erinnerung, die Phantasie und die Erzählung. Schon ihr Großvater machte sie darauf aufmerksam, dass sie sich das „gesamte Universum“ in ihren Träumen erschließen könne.

Vor dieser an die Dramen von Beckett und Camus einerseits und an die Filme „2001: Odyssee im Weltraum“, „Alien“, „Solaris“ und „Stalker“ andererseits erinnernden existenzialistischen Science-Fiction-Kulisse, mit den deutlich erkennbaren intertextuellen Versatzstücken, erzählt die Ich-Erzählerin sich zurückerinnernd die wiederum von ihrem Großvater aus einem Buch vorgelesene Geschichte von ihrer einst in Ostgrönland, dem vom ewigen Packeis umgebenden menschenfeindlichsten Landesteil, beheimateten und in der Inuit-Sprache genannten Urgroßmutter „ukiutaq“ („langer Winter“ oder „Winterkind). Diese wird im Zuge der ersten Kulturberührung mit den weißen Forschungsreisenden durch die schicksalhafte Begegnung mit dem sog. „Vogelmann“ (Fridtjof Nansen) vom plötzlichen Fernweh gepackt, was unweigerlich dazu führen muss, dass sie sich zusammen mit ihm auf eine Reise nach New York und weiter zur im Jahr 1893 stattfindenden Weltausstellung in Chicago, wo die legendäre „Weiße Stadt errichtet wurde, macht und somit die Rolle des „Kivioq“, des inuitischen Odysseus, einnimmt. Die Hommage an den Homerischen Urmythos der Heldenreise ist unverkennbar. In diesem Erzählstrang wechselt auch das Genre in spielerisch gekonnter Art vom dystopisch phantastischen Science-Fiction-Roman zum eher traditionellen Abenteuerroman und zum Schluss gar zur klassischen Kriminal- oder Horrorgeschichte, wenn die Verschleppung und Gefangenschaft der Urgroßmutter durch den während der Weltausstellung in Chicago sein Unwesen treibenden Serienmörder H. H. Holmes geschildert wird. Erzähltechnisch hat der Autor hier auf die Unmittelbarkeitsfiktion hervorrufende  Form des Tagebuchromans zurückgegriffen und den fiktiven Tagebucheinträgen (Fridtjof Nansens) die Perspektive der zweiten Ich-Erzählerin multiperspektivisch gegenübergestellt. Ebenfalls nicht zufällig wird diese in der Sprache des weißen Mannes wiederum Elaine, „die Strahlende“, genannt.

Das Zyklische und sich stets Wiederholende des erzählten Vergangenen als Charakteristikum des Mythos wird nicht zuletzt durch die von der Ich-Erzählerin der Erzählgegenwart wiederhergestellte Reproduktionsmaschine, mit Hilfe derer sie „gottgleich“ die arktische Fauna des unbewohnten Planeten wiederauferstehen lassen möchte, mehr als deutlich. Diese „Schöpfungsmaschine“ erinnert, wenngleich im umgekehrten Sinne, wohl auch nicht ganz zufällig an die „Tötungsmaschine“ in Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“. In beiden Fällen wird das Verhältnis Mensch – Maschine und die Hybris des Menschen, „Gott zu spielen“, literarisch verhandelt. Der (Schöpfungs)mythos als Urdichtung und unerschöpfliche Quelle der Poesie tritt der absoluten Rationalisierung des Lebens, dem zum modernen Lebensprinzip erklärten Szientismus und der schließlich stattfindenden kapitalistischen Zurichtung des Menschen zur verdinglichten und austauschbaren Ware entgegen, indem er ganz im Sinne des romantischen Programms nichts weniger als die Mythisierung der Bilder und Vorstellungen betreibt und neben der gefühlsbetonten Auseinandersetzung mit der Welt eben auch zur Demut des modernen Menschen aufruft.

 
Dieses für eine gewisse Zeit betäubte Gefühl ist im Angesicht der aktuellen biologischen Bedrohung durch das urwüchsige Virus unweigerlich wieder zum Leben erweckt worden. Das heißt nicht, dass in diesem Text einer diffusen Metaphysik gehuldigt würde, sondern dieser weist schlichtweg auf die Grenzen des technischen Verstandes und seiner Möglichkeiten hin und bietet zur Überwindung der Isolation des Einzelnen, nicht nur zu „Corona Zeiten“, die Erzählung als das uns im Innersten Verbindende an. Nicht zuletzt stellt die Erzählung von der fiktiven Begegnung zwischen dem „Vogelmann“ (Fridtjof Nansen) und der Inuk Elaine an der ostgrönländischen Küste die Möglichkeit eines friedlichen Kulturkontaktes bzw. -austausches und damit einen Gegenentwurf zur „Entdeckung“ und brutalen Kolonisierung Amerikas durch Kolumbus dar, war der Anlass der Weltausstellung in Chicago doch das 400. Jubiläum seiner Landung in Amerika. Neben der Frage nach der Identität des Einzelnen, die in den Werken von Stavari? immer wieder aufgeworfen wird, geht es ihm als aus der damaligen Tschechoslowakei stammenden zweisprachigen Autor auch stets um das Fremdverstehen verschiedener Kulturen, wobei er sich nicht zuletzt des Kunstgriffes der Onomatopoesie und der Montagetechnik bedient und die morphologisch reichen Wörter aus dem Inuktitut auch in der entsprechenden Schriftform wiedergibt und dabei das bildhaft Poetische dieser Sprache deutlich macht, wie z. B. anhand des Inuit-Wortes „naatsiiaq“, übersetzt „etwas worauf man lange warten muss, bis es wächst, außerhalb Grönlands auch Kartoffel genannt“. Auch das „Licht“, die zweite Großmetapher des Romans, erweist sich in seiner naturhaften und unnachahmlichen Form als Nordlicht oder „Aurora borealis“ gegenüber dem künstlichen Licht der unterirdische Genlabore, den zerstörerischen „Lichtkriegen“, der künstlich illuminierten „Weißen Stadt“ auf der Chicagoer Weltausstellung, den dort von Nikola Tesla vorgeführten elektrischen Lichtspielen und dem fahl leuchtenden „rossköpfigen Gestirn“ des imaginierten Planeten „Winterthur“ als eindeutig überlegen.
Das Happy End mutet auf den ersten Blick zunächst etwas kitschig an, wenn es heißt: „[…] und dass ich Dallas wirklich würde umarmen und küssen können, es schien mir das größte Wunder zu sein, zu dem ein Universum imstande ist.“ Aber auch hier ist die ironische Überhöhung Erzählprinzip; denn das postapokalyptische Setting ist für eine beginnende Romanze doch eher untypisch.  Nichtsdestoweniger ist die Botschaft klar:  Auch in Katastrophenzeiten zählt am Ende nur die Liebe zwischen den Menschen.

Dieser Roman überzeugt nicht nur durch seine faszinierend gewaltigen Sprachbilder, deren kunstvoll gestaltete Überzeichnung zugleich aber jegliche Monstrosität verhindert und den Leser immer wieder zum Schmunzeln einlädt, sondern er ist schlichtweg auch spannend geschrieben und als poetische Antwort auf die technische Verblendung des Menschen zu verstehen, als Lektüre somit natürlich nicht nur für Ausnahmezeiten unbedingt zu empfehlen. 

Zur musikalischen Einstimmung in das literarische Geschehen findet sich im Anhang zudem eine vom Autor empfohlene Playlist, die u. a. die NASA-Aufnahme von Planetengeräuschen in unserem Sonnensystem und Songtitel wie „Kaltes klares Wasser“ von Chicks on Speed und „The Cold Song“ von An Pierlé enthält. Ebenfalls absolut hörenswert!

Michael Stavaric: Fremdes Licht. Luchterhand Literaturverlag, München 2020, 509 Seiten, 22 Euro

zum Autor: Michael Stavaric, geboren 1972 in Brno, lebt als freier Schriftsteller in Wien, zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u. a.: LeseLenz-Preis für Junge Literatur, Adelbert-von-Chamisso-Preis, Österreichischer Staatspreis für Kinder und Jugendliteratur.

 

 

 

 







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