Neuerscheinungen Architektur und Kultur

27.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Ulrich Maly/Cornelia Dörries: Ausgezeichneter Wohnungsbau 2020, Callwey, München 2020, ISBN: 978-3-7667-2488-5, 98.00€ (D)

Der „Award Deutscher Wohnungsbau“ ist die erste Architektur-Auszeichnung für Auftraggeber im Bereich Geschosswohnungsbau. Sie versammelt die besten 30 realisierten Wohnungsbau-Projekte verschiedener Kategorien, ausgewählt von einer Fachjury bestehend aus sechs Personen.

Die Kriterien für die Auswahl sind auch durch die Folgen der Corona-Krise beeinflusst worden. Nicht nur gute Architektur und intelligente Wohnungsbaugrundrisse zählten, sondern auch das „Wechselverhältnis zwischen (halb-)öffentlichem Draußen und privatem Drinnen, dem physisch verknüpften Zusammenhang von Rückzugsräumen und gemeinschaftlichen Bereichen.“ Außerdem belegten die Ergebnisse, dass „Wohnungsbauvorhaben, zumal die größeren Quartiersentwicklungen, längst keine sortenreinen Projekte mehr sind, die ausschließlich zu Wohnzwecken entstehen. Sie öffnen sich anderen Nutzungen – Büros, Handel, Gastronomie, Kindergärten, Freizeit oder Räumen für die Gemeinschaft – einer größeren Öffentlichkeit und verbinden so das Wohnen mit dem, was Wohnende zu Mitgliedern einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft werden lässt.“ (S. 8)

Nach zwei Vorworten werden die Mitglieder der Jury vorgestellt. Danach folgen die prämierten Projekte.

Den ersten Preis ein Metropolenhaus Am Jüdischen Museum in Berlin-Friedrichsstadt, das sich durch eine partizipative Planungsidee auszeichnet. Die Käufer der insgesamt 40 Einheiten finanzierten nicht nur ihre eigenes Projekt, sondern auch eine hauseigene Non-Profit-Kulturplattform im Erdgeschoss. Funktionen und Grundrisse fußten auf dem Prinzip großer Flexibilität mit nachhaltiger Wirkung. Eine Sonderauszeichnung bekam ein neues Wohnviertel in Garmisch-Partenkirchen: Dort wurden Wohnungsbau, Kleingewerbe und Hotellerie zu einer gelungenen Nutzungsmischung vereint. Das Neubauquartier verschmilzt mit seinem Kontext und knüpft an traditionelle dörfliche Strukturen an.

Vier Anerkennungen wurden vergeben. Der Komplex „Der Eisberg“ mit Holz-Hybridkonstruktion in Berlin-Moabit, fünf freistehende Stadtvillen in Freiburg, die Wohnbebauung Liebighöfe in Aschaffenburg mit einer Diversität der Wohntypologien und ein Sozialwohnungsbau in Dessau-Roßlau als nachhaltiges Bauwerk bekamen dieses Prädikat.

Dann folgen die ausgezeichneten Projekte für die elf Bereiche Außenraum/Landschaftsarchitektur, modularer Wohnungsbau, nachhaltiges Energiekonzept, Nachverdichtung, partizipative Planung, Premiumwohnen, Quartiersentwicklung, Revitalisierung/Umbau, sozialer Wohnungsbau und Wohnhochhaus.

Die ausgewählten Projekte werden mit der Nennung der Auftraggeber, der Architekten oder des Architekturbüros, einer ausführlichen Beschreibung, zahlreichen hochwertigen Bildern, Zeichnungen, Plänen und Grundrissen dargestellt. Zusätzlich enthält jedes Projekt ein einem persönlichen Interview des mit dem Auftraggeber und ein Kurzporträt des Architekturbüros. Im Anhang findet man noch Adressen und Webseiten der Architekten oder des Büros.

Das Buch bietet die neuesten Trends beim Wohnungsbau und Quartiersentwicklung und gibt Architekten, Bauherren und privaten und städtischen Auftraggebern einen Einblick prämierter Projekte. Die Projekte haben unterschiedliches Finanzierungsvolumen, decken die Bandbreite von Berlin bis hin zur Kleinstadt ab und gehen auf die besonderen Bedürfnisse der Nutzer mit einem nachhaltigen Konzept ein. Alle wichtigen Daten und Informationen gibt es dazu, auch pro Objekt mehrere Farbbilder aus unterschiedlichen Perspektiven.

 

Buch 2

Beton. Architekturpreis Beton 2020, Callwey, München 2020, ISBN: 978-3-7667-2478-4, 49,95 EURO (D)

Dieses Buch stellt die prämierten Gewinner und Bauten des Architekturpreises Beton aus. Zum diesjährigen Verfahren wurden 143 ausgeführte Projekte eingereicht – Schulen, Wohnhäuser, Verwaltungs-, Industrie- und Gewerbebauten, Verkehrsbauwerke, Museen und Sakralbauten.

Daraus wurden acht Stück von einer siebenköpfigen Fachjury ausgewählt, die hier ausführlich vorgestellt und gewürdigt werden: „Die ausgezeichneten Projekte präsentieren die in jeder Hinsicht kreative und meisterhafte Verwendung des Baustoffs Beton, von der Visualisierung des Entwurfs über die Konstruktion, die Gebäudehülle, die Farbe bis zur Textur der Oberfläche.“ (S. 7) Neben diesen werden auch die Projekte der engeren Wahl sowie alle anderen Einreichungen vorgestellt.

Nach einem Editorial und einem Grußwort werden die Jurymitglieder vorgestellt. Danach folgen Essays zu den vier Preisträgern.

Dies ist erstens das Terrassenhaus Berlin/Lobe Block in Berlin-Wedding, das Zeichen für eine Gemeinschaft von Wohnen und Arbeiten setzt. Das multifunktionale Gebäude wurde als Atelierhaus entworfen, als Gewerbebau, der zugleich Raum bietet für eine Community, die über Terrassen und Ebenen hinweg zueinander finden kann und auch die Grenzen zwischen privatem und öffentlichen Leben vermischt. Zweitens ist dies die bekannte James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel. Direkt an der Spree entstand eine Betonskulptur, deren Elemente das historische Umfeld weiterdenken. Die Stützen sind extrem verschlankt und abstrahiert, die Proportionen auf die des benachbarten Pergamonmuseums abgestimmt.

Die Erweiterung der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart wird als Lernort inmitten der Gesellschaft, der stadträumlich wirksam ist und sich in die Umgebung einpasst, gewürdigt. Viertens ist dies eine schmale Baulücke in einer denkmalgeschützten Häuserzeile aus der Gründerzeit in Köln-Ehrenfeld, wo ein sechsgeschossiges Haus entstand, das die Wahl des Materials ebenso reduziert wie der entstandene Raum. Glas, Stahl und Beton kamen dabei zum Einsatz.

Danach werden die vier prämierten Projekte noch ausführlicher einzeln vorgestellt. Zunächst werden tabellarisch Adresse, Architekten, Projektteam, andere Mitwirkende, Nutzfläche und Zeit der Fertigstellung genannt. Danach erfolgt eine Begründung der Jury für die Auswahl, bevor die Visualisierung beginnt. Bilder aus verschiedenen Perspektiven, innen und außen, bei Tag und Nacht, Zeichnungen der Grundrisse, des Längsschnitts und des Querschnitts werden dort gezeigt.

Anschließend werden die Projekte vorgestellt, die mit dem Prädikat Anerkennung bewertet wurden: Dies ist der taz Neubau in Berlin, das Haus am Buddenturm in Münster, die Bücherei Kressbronn am Bodensee und die vier Grundschulen in modularer Bauweise in München/Freiham Quartierszentrum. Danach folgen die Projekte der engeren Wahl. In beiden Bereichen gibt es auch Bilder von innen und außen, aus verschiedenen Perspektiven, Grundrisse, die Nennung des Architekten und des Bauherrn.

Als Gesamtverzeichnis werden dann alle eingereichten Objekte aufgelistet. Ein kleines Bild zeigt die Objekte, darunter findet man den Objektnamen und die Architekten.

Im Anhang werden die Adressen der Architekturbüros der prämierten Objekte aufgelistet und man findet einen Bildnachweis.

Das Buch bietet aktuelle Einblicke in moderne Betonarchitektur, wo Auftraggeber und Architekten sich Inspirationen holen können. Dabei sind ganz unterschiedliche Typen von Gebäuden und unterschiedliche Herangehensweisen zu beobachten.

Besonders bei ästhetischen und gestalterischen Fragen ist der Vergleich immer schwierig, die Meinung der Jury muss nicht dabei nicht den eigenen Geschmack und Anspruch widerspiegeln. Von daher sollte die gesamte Breite der hier vorgestellten Projekte in den Augenschein genommen werden, nicht nur die prämierten.

Buch 3

Ute Laatz: Das große Callwey Wohnbuch, Callwey, München 2020, ISBN: 978-3-7667-2492-2, 39,95 EURO (D)

Die Interior-Expertin und die Bildredakteurin Heide Christiansen stellen in diesem Einrichtungsratgeber die besten Lösungen für jede Raumsituation Zimmer für Zimmer vor. das Buch führt in die Kunst der Gestaltung ein, erklärt verschiedene Stile und gibt Aussichten auf künftige Wohnungstrends.

In fünfzehn Kapiteln verbinden sich Abbildungen mit praxisnahen Erklärungen, die die ganze Bandbreite von Möglichkeiten aufzeigen, wie man das Wohnumfeld passend zu seiner Persönlichkeit gestalten kann.

Im ersten Kapitel werden Hilfen, die eigenen Wohnbedürfnisse zu erkennen, gegeben. Dazu werden verschiedene aktuelle Stile wie Scandi-Look, Wabi Sabi (Kunst der Improvisation), New Mediterranean und Mid-Century vorgestellt. Chabby Chic fehlt allerdings.

Danach werden für verschiedene Zimmer in eigenen Kapiteln Anregungen gegeben: Küche, Esszimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad, Diele, Gästezimmer, grünes Zimmer, Zimmer für Homeoffice. Dazu werden immer zahlreiche bildnerische Gestaltungsideen gezeigt. Im Text geht es um eine Bestandsaufnahme des Status Quo, dann werden Vorschläge für einzelne Elemente, Einrichtungsgegenstände, Materialien, Licht, Raumgestaltung, die Integration persönlicher Gegenstände und die Kombination mit Pflanzen unterbreitet.

Dem aktuellen Zeitgeist entsprechende Trends kommen dann zur Sprache. Dies sind Qualität statt Billigware, Nachhaltigkeit, Reduzierung, Dinge, die glücklich machen, Upcycling, Recycling, Urban Gardening, Open-Air-Wohnraum, Outdoor Lounge und Outdoor-Küche. Die Zukunft des Wohnens mit smarten Lichtlösungen, Alarm- und Sicherheitssystemen und Künstliche Intelligenz wird danach kurz vorgestellt, bevor das Leben auf engem Raum (Mikro-Living) thematisiert wird und Tipps zur Reduzierung auf das Wesentliche gegeben werden.

Ein Herstellerverzeichnis mit Adressen und den Bildnachweis findet man noch im Anhang.

Das Buch ist so angelegt, dass nicht der Geldbeutel entscheidend dafür ist, wie man seine Inneneinrichtung gestaltet, sondern es wird das Augenmerk auf ein persönlich maßgeschneidertes Umfeld gelegt. Dazu gibt es viele Anregungen, Tipps und Trends verbunden mit tollen großformatigen Bildern. Diese werden mit Schwerpunkte wie Pflanzen, dem Kontrastprogramm Schwarz-Weiß und Farbe, der Schaffung räumlicher Zonen, der Gestaltung mit Leuchten und Bildern verbunden. Einzig ein Register zum schnellen Nachschlagen fehlt.

Buch 4

Rob Mc Farland/Georg Spitaler/Ingo Zechner (Hrsg.): Das rote Wien. Schlüsseltexte der Zweiten Wiener Moderne 1919-1934, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2020, ISBN: 978-3-11-064003-8, 49,95 EURO (D)

Als Rotes Wien wird die Epoche in der Hauptstadt Wien in der Zeit von 1919 bis 1934 bezeichnet, als die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP) bei den Wahlen zu Landtag und Gemeinderat wiederholt die absolute Mehrheit erreichte. In diesem Band zum Verständnis des Roten Wiens wird eine Sammlung von Schlüsseltexten eines internationalen Wissenschaftsnetzwerkes präsentiert die „alle für sich und ihrem Verhältnis zu anderen Texten betrachtet werden.“ (S. 13) Die Texte waren Bestandteil von Diskursen, die rund um und über das Rote Wien geführt wurden. Sie sollen zur Debatte und Auseinandersetzungen anregen, neue Lesarten ermöglichen und wollen belegen, wie stark „sich bestimmte Schlüsseldebatten und experimentelle Zugänge durch unterschiedliche soziale und politische Felder im Roten Wien ziehen.“ (S. 13)

Es wurden nur solche Texte einbezogen, die zwischen 1919 und 1934 Teil öffentlicher Debatten waren bzw. sein konnten, die ein breites Publikum erreichten. Nicht aufgenommen wurden Sekundärliteratur sowie Briefe oder andere unveröffentlichte Archivquellen. Es sind Texte, die im Roten Wien entstanden, und solche mit Bezug zu Ereignissen und Debatten, die das Rote Wien oder seinen breiteren österreichischen Kontext betrafen. Neben Protagonist*innen jener Jahre wurden auch Veröffentlichungen von konservativen und extrem rechten Gegner*innen des Roten Wien aufgenommen. Es wurde Wert darauf gelegt, neben bekannten Autor*innen wie Sigmund Freud oder Robert Musil auch weniger bekannte abzudrucken.

Die Texte des Roten Wien will auch Brücken zur Gegenwart bauen: „Sie sollen nicht einfach als gescheiterte Konzepte der Vergangenheit gelesen werden, sondern als möglicherweise brauchbare Ideen, die nie die Chance auf volle Verwirklichung hatten. (…) Was erzählen sie uns über historische Möglichkeiten, vergangene und gegenwärtige politische Kämpfe, Kontinuitäten und Brüche sowie erfüllte und nicht erfüllte emanzipative Hoffnungen?“ (S. 15)

Die Zeit nach dem Ende des Baus der Ringstraße nach 1865 bis zum „apokalyptischem Ende mit dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie“ wird als produktive und kreative Epoche als Wiener Moderne bezeichnet. (S. 7) In Fortführung dieses Epochenbegriffs wird die Zeit des Roten Wiens als Zweite Wiener Moderne gesehen.

In diesem Band wollen die Autor*innen zeigen, dass „die transformativen Ideen (…) kein Abglanz der vorangegangenen Ära, sondern Antworten auf zentrale Fragen in einer radikal veränderten Welt waren. Geprägt von neuen Konzepten, Methoden und Werken war das Rote Wien „ein intellektuelles, ästhetisches und politisches Laboratorium, dessen Freiräume von der Politik (…) geschaffen und gewährleistet wurden.“ Es ist „eine Epoche, in der sich ein gesamtes intellektuelles Koordinatensystem verschoben hat: vom Individuum zur Gesellschaft, von der individuellen Psyche zu jener der Massen, vom Körper des Einzelnen zum sozialen Körper, vom Begehren zum Bedürfnis, von einer vertikalen zu einer horizontalen Ordnung.“ (S. 8)

Neben der sozialdemokratischen Kommunalpolitik dieser Jahre, die war geprägt von umfassenden sozialen Wohnbauprojekten und von einer Finanzpolitik, die neben dem Wohnbau auch umfangreiche Reformen in der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik unterstützen sollte, stand das Rote Wien für „Strategien städtischer ökonomischer Krisenbewältigung und eine Re-Demokratisierung urbanen Raums“. (S. 8) Neben dem ästhetischen Ausdruck lag das Paradigma im Zugang zu Bildung und Kultur für alle. Ein demokratischer Pluralismus schuf ein Experimentierfeld für Künstler wie Oskar Kokoschka, Robert Musil oder Gina Kaus. Im Unterschied zu früheren Epochen stammten viele der bedeutendsten Beiträge aus dem Bereich von Kunst, Forschung, Journalismus, Literatur und Politik von Frauen.

Das Rote Wien sehen die Autor*innen von daher nicht als Zwischenspiel vor dem Bürgerkrieg 1934 und der Zerschlagung der Demokratie und wollen die Epoche nicht von ihrem Ende her betrachten: „Anstatt die Errungenschaften dieser Ära als von Anfang an dem Untergang geweiht zu sehen, können stattdessen die vielfältigen Möglichkeiten in Zentrum gerückt werden, die das Rote Wien eröffnete.“ (S. 12)

Diese Originaltexte sind in zwölf Abschnitte mit 36 Kapiteln gegliedert, die ein breites Spektrum an Themen des Roten Wiens abdecken. Jedes Kapitel wurde von einzelnen oder mehreren Personen editiert, von denen auch die Einleitung und die Kurzkommentare zu den darin enthaltenen Texten stammen. Längere Quellentexte wurden bisweilen gekürzt, buchlange Texte exzerpiert. Zusatzinformationen zum Verständnis der einzelnen Texte (Namen von Personen, Organisationen, Begriffe und historische Bezugsrahmen) werden in Fußnoten ergänzt. Zu Beginn geben immer Angaben zur Erstveröffentlichung, am Ende Verweise auf Literatur im Anfang.

Die zwölf Abschnitte sind Fundamente (Verfassung, Gesetzgebung, Rechtsprechung, Steuerpolitik, Konsum und Unterhaltung), Weltauffassungen (empirische Sozialforschung, logischer Empirismus, Austromarxismus, Freudomarxismus und Individualpsychologie), Zugehörigkeiten (Post-Empire, Demografie, Migration, jüdisches Leben), Neue Werte (Religion, Säkularismus, die „neue Frau“ und Frauenrechte, Sexualität), Gesellschaftsplanung (Gesundheit, Wohlfahrt, Fürsorge, Bildung für alle), Vitalität (Arbeit und Freizeit, Sport und Körperkultur, Natur.

Es folgen die Schwerpunkte Wohnen (Stadtplanung, Architektur, Wohndesign), Kulturpolitik (bildende Kunst, neue Musik, Literatur, Theater), Massenmedien (Film und Fotografie, Zeitungen und Rundfunk), Internationaler Austausch (Amerikanismus, internationale Resonanz), Reaktion (Antisemitismus, das schwarze Wien, das braune Wien) und Macht (Wahlen und Machtkämpfe, Kommunikation und Propaganda, politische Gewalt)

Im Anhang gibt es noch eine ausführliche Zeittafel des Roten Wiens, ein Literaturverzeichnis, Angaben zu den Autor*innen, Rechtenachweise, ein Sachregister und ein Personenregister.

Das Konzept des Sammelbandes mit pluralistischen Quellen ist insgesamt gesehen gelungen, auch der Ansatz, nicht nur bekannte Personen, sondern auch unbekanntere Autor*innen zu Wort kommen zu lassen. Damit wird ein breiteres Spektrum abgedeckt. Die Vorteile von Originaltexten liegt in der Unmittelbarkeit von Primärquellen, der Nachteil, dass doch schon Wissen von Zusammenhängen vorher erforderlich ist, um sie richtig einordnen zu können. Die dort erreichten Leistungen und Fortschritte vor allem nach der Ausnahmesituation des Krieges und der bitteren Armut weiter Kreise danach, hätten ruhig stärker herausgestellt werden können, vor allem die Wohnungspolitik und die Hegemonie des Gemeinwohls.

Buch 5

Benjamin Wihstutz/Benjamin Hoesch (Hrsg.): Neue Methoden der Theaterwissenschaft, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5240-1, 35 EURO (D)

In diesem Sammelband liefern die Beiträge interdisziplinäre Positionen zu methodischen Fragen und Verfahren aktueller theaterwissenschaftlicher Forschung. Es geht dabei um die Frage, welche Werkzeuge, Verfahrensweisen und Perspektiven als sinnvoll und erkenntnisweisend anerkannt werden und welche Wege die theaterwissenschaftliche Forschung in Zukunft einschlagen wird. Der „strukturellen Methodenblindheit“ (S. 9) soll begegnet werden und „die Aufmerksamkeit auf (Re-)Kombinationen, Weiterentwicklungen und originelle Anwendungen von Methoden und deren Explikationen zu lenken und damit eine Diskussion fortzusetzen, welche die theaterwissenschaftliche Forschung einerseits stärker vernetzt und andererseits zur Ausdifferenzierung und Pluralität des Faches beiträgt.“ (S. 9f) Die Schwerpunkte liegen dabei auf Erweiterungen der Aufführungsanalyse, neuen Theaterhistoriografien sowie der Institutionenforschung. Auch die Theaterwissenschaften selbst werden in Anlehnung und Abgrenzung zu anderen Fächern verortet.

Im ersten Beitrag der Herausgeber werden drei Entwicklungen skizziert, die die Methodendiskussion in den Theaterwissenschaften in den vergangenen Jahren als Fach maßgeblich geprägt haben und der Aufbau des Sammelbandes behandelt.

Danach geht es im ersten Teil um die Erweiterungen der Aufführungsanalyse. Zunächst stellen Doris Kolesch und Theresa Schütz polyperspektivische und immersive Theaterformen vor. Anschließend geht Matthias Warstat auf die wirkungsorientierten Prozesse von applied theatre ein, bevor Susanne Foellmer sich mit den Phänomenen der Wiederholung in Reenactments, Rekonstruktionen und Reperformance beschäftigt. Die Verantwortung für die eigene ästhetische Wahrnehmung in der Übertragung zwischen begehrenden Subjekten bespricht Eva Holling.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit neuen Theaterhistoriografien. Den Anfang macht ein Essay von Kati Röttger, die das Spektakel zum zentralen Begriff einer interkonnektiven Historiografie aufwertet. Benjamin Wihstutz entwickelt danach aus der Untersuchung von Disability Performances einen neuen Ansatz historisch vergleichender Performances Studies. Nora Probst und Vito Pinto stellen die neuen digitalen Möglichkeiten archivarischer und vernetzender Verfahren zur Nachlassforschung und komplexer historischer Beziehungsgeflechte zwischen Objekten, Personen, Ereignissen und Ideen vor.

Die Untersuchung institutioneller und organisatorischer Voraussetzungen, Prozesse und Kontexte von Theater werden im dritten Teil angesprochen.

Wie aus dem Instrument des Scenariums eine Organisationsgeschichte des Theaters gewonnen werden kann, zeigt Andreas Wolfsteiner. Stefanie Hasel stellt dann dar, wie mit der Methodik sozial- und kulturwissenschaftlicher Praxistheorien und der künstlerischen Forschung die Grenze zwischen Produktions- und Rezeptionsästhetik unterlaufen werden kann. Benjamin Hoersch geht mit Hilfe sozialempirischer Begriffe von Institution und Organisation auf das konzeptionelle Spannungsfeld für die Erforschung der ambivalenten sozialen Ordnung von Theater ein. Ulf Otto präsentiert eine negative Methodik, um die überkommenen distanzierten Gewissheiten und Begriffe der Theaterwissenschaften aufzugeben.

Dies ist ein Beitrag zur Suche nach einem neuem eigenen Selbstverständnis: Hier werden verschiedene Pluralismen zu methodischen Fragen und Verfahren aktueller theaterwissenschaftlicher Forschung veranschaulicht. Diese weisen mehr Anerkennung für andere Disziplinen wie Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Kulturwissenschaften, Organisationstheorie und digitale Archivierung auf. Dies ist keine endgültige Ausarbeitung, sondern eine Anregung zur Diskussion um neue Forschungsgebiete und Methoden unter Anerkennung von anderen Zugängen. Die Hinwendung zu mehr interdisziplinärem Arbeiten ist zu begrüßen, wobei Ausdrucksformen des Politischen mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

 

 







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