Neuerscheinungen Sachbuch

31.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Dirk Liesemer: Streifzüge durch die Nacht. Wie ich unsere Heimat neu entdeckte, Malik, München 2020, ISBN: 978-3-89029-530-5, 20 EURO (D)

Nicht nur als am längsten währende Tageszeit verdient es die Nacht, dass man ihr besondere Zuwendung schenkt, sondern auch gerade deshalb, da mit ihr eine erweiterte Symbolik einher zu gehen scheint. Der Autor wanderte durch verschiedene Gegenden im deutschsprachigen Raum in verschiedenen Touren ein Jahr nachts allein und beschreibt die Atmosphäre, seine Bekanntschaften auf den verschiedenen Touren quer durch die Jahreszeiten und seine Erlebnisse anhand in einem Stil von Reisebeschreibungen.

Manche Orte sind nicht zufällig gewählt, sondern haben bestimmte Merkmale: wie die dunkelste und die hellste Region in der BRD, die Verbindung mit Sagen und Märchen oder das Verhältnis Stadt und Land.

Die Nacht besitzt dabei eine schwammige Doppeldeutigkeit, einem Ort der Phantasie und Sehnsuchtsentfaltung auf der einen Seite und der Gefahr, der Verirrung und ewiger Dunkelheit die auf der anderen. Der Charme der Umgebung hängt auch stark von der Jahreszeit ab, wenn sonst kein anderer Mensch nachts unterwegs ist. Dies ist jedoch oft der Fall: Astronomen, Fotografen, Jäger; Schlafwandler oder Diebe nicht. In Informationskästen gibt es zusätzliche Hinweise zur Nacht bei den verschiedenen Jahreszeiten.

Bei der Herangehensweise hätte man vieles anders gestalten können: Die Präsenz der atmosphärischen Dunkelheit wurde von vielen Schriftstellern wie Eichendorff, Spirituellen oder Mystikern behandelt, dies hätte mehr Beachtung verdient. Oder die Hell-Dunkel-Metaphorik der katholischen Kirche, die bis heute noch prägt.

Warum die Spaziergänge auf das deutschsprachige Gebiet beschränkt bleiben, ist auch nicht nachvollziehbar. Skandinavien mit seinen langen Perioden der Dunkelheit oder dem Polarlicht bietet sich da an. Die Ergüsse über „Lichtverschmutzung“ sind auch abwegig, da ohne Licht und Sonne nachgewiesenermaßen Menschen depressiver werden.

Das Buch besticht andererseits durch die tollen Bilder von Liesemers Erkundungen und durch den fesselnden Erzählstil mit der Empathie für die Beschreibung verschiedener atmosphärischer Zustände.

 

Buch 2

Moritz Rauchmann/Tobias Roth (Hrsg.): Eine Sammlung amerikanischer, britischer, deutscher, französischer und sowjetischer Feindflugblätter des Zweiten Weltkrieges, Verlag Kulturelles Gedächtnis, Berlin 2020, ISBN: 978-3-946990-41-3, 28 EURO (D)

Das Feindflugblatt wurde im Zweiten Weltkrieg von allen Nationen, ihren Kriegsministerien und Geheimdiensten, als Propagandamittel eingesetzt. Die Propaganda hatte vor allem die Beeinflussung, Verunsicherung und Demoralisierung des Kriegsgegners zum Ziel. Zu diesem Zweck wurden die Flugblätter aus Flugblattballons oder -granaten in den vom Feind besetzten Gebieten und hinter den Fronten abgeworfen. Ihr Besitz war unter Androhung der Todesstrafe verboten.

Die Staatsbibliothek zu Berlin führt in ihrer Sammlung historischer Drucke mehr als 20.000 Flugblätter, eine besondere Unterkategorie sind die Feindflugblätter. Hier werden die aussagekräftigsten amerikanischen, britischen, deutschen, französische und sowjetischen gezeigt und analysiert.

Neben Texten umfassten die Flugblätter Karikaturen, Fotomontagen, aber auch Passierscheine oder Gefangenenlisten. Sprache, Sicht- und Ausdrucksweise der Flugblätter wurden der jeweiligen Zielgruppe angepasst. Die Vorstellung wird von Informationen über die Abwurforte, Zeitpunkte, Umstände und manchmal auch die Auflagenzahl begleitet.

In Begleittexten wird auf Hintergründe und Zusammenhänge eingegangen. Dabei wird auf Techniken der Demotivation, Anleitungen zur Kapitulation, Anleitungen zur Simulation oder Selbstverstümmelung, um in ein Lazarett zu kommen, berühmte Autoren wie Erich Weinert, Johannes R. Becher, ungenannte Autoren wie Klaus Mann und Stefan Heym, das Mittel der Karikatur, die Botschaften der beiden Lager bei der Schlacht um Italien sowie das Erzeugen von Sehnsucht nach Heimat durch Familienmotive. Außerdem gibt es Flugblätter der Weißen Rose, erotische Darstellungen als oft benutztes Mittel, die Umdeutung der bildnischen und sprachlichen Formel Gentlemen prefer Blondes, die Kontrastierung Life & Death durch das Life Magazine, antisemitische Nazipropraganda, die Nachteile einer unnötigen Kriegsverlängerung und die Vorteile einer Gefangenschaft.

Die Sammlung von Flugblättern der Staatsbibliothek zu Berlin wird danach noch einem Essay beleuchtet. Dann folgen die Übersetzungen der abgedruckten nicht deutschsprachigen Feindflugblätter. Am Ende findet man noch ein Verzeichnis der Feindflugblätter mit Datum, Absender, Codezeichen und Signatur sowie ein Literatur- und Bildverzeichnis.

Diese gelungene Präsentation erlaubt nicht nur Einblicke in die Propaganda im Zweiten Weltkrieg, sondern es sind auch Primärquellen der taktischen, mentalen und intellektuellen Kriegsführung oder des Widerstandes. Manche sind plumpe Agitation, einige haben psychologischen und rhetorischen Tiefgang. Besonders spannend sind die Karikaturen von Hitler und Goebbels und die verschwörungstheoretische antisemitistische Propaganda der Nazis, wo sie an ihre eigene Vorkriegsagitation anknüpften und sie weiterentwickelten. 

 

Buch 3

Aksel Lund Svindal. Die Autobiografie. Größer als ich, Malik, München 2020, ISBN: 978-3-89029-542-8, 22 EURO (D)

Der norwegische Skirennläufer Aksel Lund Svindal gehört zu den erfolgreichsten Athleten der jüngeren Geschichte. In dieser Autobiografie gewährt der 2019 zurückgetretene Svindal Einblicke in seine außergewöhnliche Karriere, Sternstunden, Niederlagen und sein Umgang mit zahlreichen Verletzungen.

Er hatte schon früh lernen müssen mit Schicksalsschlägen fertig zu werden: Bei der Geburt seines Bruders stirbt seine Mutter. Wenig später stirbt auch sein Bruder. Seine Kindheit und Jugend litt darunter. Svindal verarbeitete dies durch den Sport und entschied sich – damals noch recht untypisch – nicht für Nordischen Sport, sondern für den Skirennsport.

Dort erlebte er viele Höhen und Tiefen. Mitten in der Weltspitze stürzte er im Training zur Abfahrt in Beaver Creek 2007 schwer und zog sich dabei schwere Verletzungen zu, so dass ihm  vorübergehend ein künstlicher Darmausgang gelegt werden musste. Dennoch fand er den Mut und die Kraft zurückzukommen und ein erstaunliches Comeback zu feiern: Im Folgewinter 2008/09 gewann er den Gesamtweltcup und konnte zudem neun Weltcup-Disziplinenwertungen für sich entscheiden. Obwohl er zweimal Olympiasieger und fünfmal Weltmeister und mehrere Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, gibt er zu, dass er im Laufe seiner Karriere immer wieder Angst hatte und sich bei schweren Pisten überwinden musste.

Seine letzte Saison im Skizirkus ist ein Spiegelbild seiner Karriere: Nach einer Verletzung und der Bekanntgabe seines baldigen Karriereendes nach der WM 2019 in Schweden kämpfte er sich nochmals zur Silbermedaille in der Abfahrt.

Trotz seiner Erfolge kommt seine Autobiografie eher bescheiden und bodenständig rüber. Dies heißt aber nicht, dass er keinen Stolz auf seine erreichten Leistungen empfindet, aber er weiß auch, dass seine lange Karriere einer Achterbahnfahrt glich.

Diese Reflexion über seine sportliche Karriere ist auch der Schwerpunkt, viel Privates erzählt er nicht. Dennoch gewinnt man den Eindruck, dass er das jahrzehntelange Leben als Skistar etwas hinter sich gelassen hat und sich auf sein künftiges Leben freut.

Über seine Mannschaftskollegen, Trainer, das Leben in der Blase Skizirkus schreibt er wenig, vielleicht eine Abrechnung nicht seinem Naturell entspricht.

Bis auf ein paar Episoden, wo es ein paar zeitliche Sprünge gibt, ist das Buch flüssig zu lesen Ein sympathischer Charakter kommt zum Vorschein, der trotz seiner Erfolge nicht abgehoben ist.

Buch 4

Massimo Pigliucci/Gregory Lopez: Gelassen bleiben mit den Stoikern. 52 Lektionen für ein gutes Leben, Piper, München 2020, ISBN: 978-3-49206-219-0, 20 EURO (D)

Im ersten Kapitel wird die Geschichte des Stoizismus in der griechischen Zeit und der römischen Zeit beschrieben. Der Stoizismus hat seinen Ursprung im antiken Griechenland und erstreckt sich über fast sechs Jahrhunderte in drei distinkten Strömungen: der antiken, der mittleren und der jüngeren Stoa, wobei Seneca, Epiktet und Mark Aurel (1. und 2. Jahrhundert n. Chr.) bedeutende Vertreter letzterer sind. Die einzigen vollständigen Werke des Stoizismus, die uns erhalten geblieben sind, entstammen der Zeit der jüngeren Stoa. Es sind besonders diese mit denen sich dieser Artikel befasst. In dieser umfangreichen philosophischen Strömung wird das Glück durch ein Negativ definiert: es besteht in der Ataraxie, d. h. in der Abwesenheit von Leiden der Seele, also der geistigen Ausgeglichenheit. Es handelt sich um eine eudämonistische Philosophie, die das Glück für das Ziel der menschlichen Existenz hält, und Besonnenheit für die Bedingung, um es zu erreichen.

Die beiden Autoren übertragen die antiken Weisheiten, Konzepte und Techniken bedeutender Vertreter des Stoizismus auf die heutige Gegenwart. Dies geschieht in Form von 52 Lektionen, für jede Woche des Jahres eine und zahlreichen praktischen Übungen. Diese sind in drei großen Teilbereichen geordnet : Die Disziplin des Begehrens, die Disziplin des Handelns und die Disziplin der Zustimmung.

Pro Lektion gibt es ein eigenes Kapitel : Am Anfang findet man ein Szenario aus dem Alltagsleben. Dann folgt ein antiker Textauszug, der für diese Problemlage von Belang ist und dazu eine ausführliche Erläuterung. Danach folgen die Übungen dazu, dazu gibt es immer etwas freien Raum, um dort schriftlich über die gemachten Erfahrungen reflektieren zu können.

Dabei wird empfohlen, sich Anfang der Woche die Lektion ganz durchzulesen und dann am nächsten Tag mit den Übungen zu beginnen. Am Ende des Jahres kann man sic hein individuelles Ensemble mit passenden Übungen raussuchen, die auch längerfristig betrieben werden wollen. In der Einleitung wird der Gebrauch des Buches näher beschrieben.

Im Anhang findet man noch Anmerkungen des Autors bzw. Literaturnachweise.

In diesem Buch wird gezeigt, wie man die alte Kunst des Stoizismus und deren psychologische Techniken für das eigene Leben nutzen kann. Der Stoizismus wird als Lebensphilosophie mit Anwendbarkeit auf moderne westliche Welt veranschaulicht, wobei dennoch nahe an Originaltexten gearbeitet wird. Tiefere Einblicke in die antike Philosophie in Form eines Literaturverzeichnisses zum eigenständigen Weiterlesen fehlen jedoch.

 

Buch 5

Emily Carr: KLEE WYCK – DIE, DIE LACHT. Reportagen. Aus dem Englischen übersetzt von Marion Hertle, herausgegeben von Peter Graf, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020, ISBN: 978-3-946990-37-6, 20,— € (D)

Emily Carr (1871 - 1945) ist eine der bekanntesten Künstlerinnen Westkanadas. Carr war eine begeisterte Reisende und erkundete zu ihren Lebzeiten einen Großteil der Westküste von British Columbia. Sie malte sie Themen aus der Natur sowie Bilder aus den Kulturen der First Nations an der Westküste. In kurzen Skizzen erzählt die Künstlerin in diesem Buch aus dem Jahre 1941 von ihren Erfahrungen mit Menschen und Kulturen der First Nations.

Es ist eine Sammlung von einundzwanzig Geschichten, die Carrs Reisen als Künstler durch verschiedene einheimische Dörfer und ihre Totempfähle nachzeichnen. Carrs Sympathien sind eindeutig mit den Eingeborenen verbunden. Sie drückt Verachtung für Missionare, Ressentiments gegen die Art und Weise aus, wie sie Indigene behandelten, und Empörung über die Praxis, Kinder aus ihren Familien zu entwurzeln und sie in Wohnschulen zu schicken. Das Buch spart dabei nicht an Kritik und Anklagen am Raub der Lebensgrundlagen, die vor im Einklang mit der Natur lebten und von der Gier der weißen Eroberer fast ausgelöscht wurden. Kriege, Schlachten, Rassismus, faule Verträge, Krankheiten, unaufhaltsamer wirtschaftlicher Fortschritt und die systematische Zerstörung der Lebensgrundlagen drängten die Angehörigen der First Nation immer weiter zurück. Es ist die traurige Geschichte einst so selbstbestimmt lebender Menschen, die als solche nie akzeptiert wurden.

Diskriminierungen sind sie heute auch noch ausgesetzt und noch immer von vielen Weißen als unzivilisiert und minderwertig angesehen. Die Geschichte wird meistens von den Siegern oder in diesem Falle von den weißen Kolonialherren geschrieben, diese Sichtweise ist eher die Ausnahme, wo die Angehörigen der First Nation eine Stimme bekommen.

Die Debatte um Rassismus und weiße Vorherrschaft ist im Augenblick nicht nur in Nordamerika aktueller denn je. Das Buch zeigt deutlich auf, dass Carrs Haltung gegenüber Eingeborenen weitaus vorausschauender war als die ihrer Zeitgenossen.

Buch 6

Marco Gerhard Schinze-Gerber: Franz Josef Strauß. Wegbereiter der deutschen Einheit und Europäer aus Überzeugung, Olms, Hildesheim 2020, ISBN: 978-3-487-15904-1, 48 EURO (D)

In seiner Dissertation an der Universität Hildesheim untersucht Marco Gerhard Schinze-Gerber die Kombination von Franz Josef Strauß‘ Deutschland-, Ost- und Europapolitik. Das Ziel der Arbeit ist eine „differenzierte Beurteilung seines außenpolitischen Wirkens im europäischen Raum, in der Zeit von 1952 bis zu seinem Tode im Oktober 1988.“ (S. 19) Die Arbeit bieten neue Quellen in Form von Interviews mit Weggefährten und Familienangehörigen wie Egon Bahr, Monika Hohlmeier, Wilhelm Knittel, Edmund Stoiber, Franz Georg Strauß, Max Josef Strauß, Horst Teltschik, Hans Tietmeyer und Theo Waigel.

Außerdem wurden Dokumente aus dem Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP) der Hanns-Seidel-Stiftung in München, aus dem Bundesarchiv in Koblenz und Berlin, Fachliteratur, Medienberichte und die Reden von Strauß herangezogen und ausgewertet.

Dies sind die wichtigsten Thesen:

Strauß startete ab 1952 den Versuch, in Anbindung an die Linie Adenauers die „Lösung der deutschen Frage“ zu europäisieren. (S. 13) Für ihn war sie nur ein Stück der Teilung ganz Europas. Die Wiedervereinigung nach westlichen Kriterien sollte mit friedlichen Mitteln erreicht werden. In den 1950er und 1960er Jahren befürwortete Strauß eine Politik der Stärke gegenüber der Sowjetunion und den anderen osteuropäischen sozialistischen Staaten. Sicherheitspolitische Aspekte hatten dabei Vorrang vor einer Entspannungspolitik. Die Ostverträge der sozial-liberalen Koalition, vor allem der Moskauer Vertrag, wurden von ihm heftig kritisiert. Dennoch war sein Verhalten ambivalent: „Strauß stimmte im Bundestag nicht per se gegen den Vertrag, allerdings gegen die von hervorgehobenen Einwände.“ (S. 264)

Strauß kritisierte ebenfalls den Grundlagenvertrag als „völkerrechtliche de facto-Anerkennung der DDR“. Um diesen zu verhindern, zog er bis zum Verfassungsgericht.

Er stellte in der Deutschlandpolitik der 1980er Jahre die Frage nach der grundsätzlichen Ausrichtung: „entweder Härte oder ‚die DDR mit Geld ködern‘“. Seine und die Politik der schwarz-gelben Koalition lagen in einer „modifizierten Kontinuität, mit der die DDR durch Kredite aus der Bundesrepublik Deutschland abhängig und gefügig gemacht werden sollte.“ (S. 265). Die Vermittlung der beiden Milliardenkredite bewertet der Autor nicht als Zäsur in Strauß Ost- und Deutschlandpolitik, sondern als realpolitischer Ausdruck des vorgegebenen Rahmens. Sein Ziel war die langfristige Bindung der DDR an die BRD, um eine finanzielle Abhängigkeit zu erschaffen und eine Distanz zur Sowjetunion aufzubauen. Sichtbare Erfolge dieser Politik sind laut dem Autor die „menschlichen Erleichterungen“ für DDR-Bürger und der Abbau der Selbstschussanlagen und die Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. (S. 266)

Strauß entwickelte in den 1950er und 1960er Jahren ein umfassendes europäisches Konzept, das der BRD eine zentrale integrative Bedeutung zumaß und die transatlantische Beziehung betonte. Neben der Paneuropa-Idee von Coudenhove-Kalergi floss eine realorientierte Sichtweise ein. Eine zentrale Bedeutung maß er dem Verhältnis zu Frankreich bei. Das Dreieck Paris-London-Bonn war ein Kernstück. Das Europabild von Strauß wurde mit dem Grundsatzprogramm seit 1976 das Europabild der CSU.

Der Atomsperrwaffenvertrag war für Strauß ein Hemmnis für seine Vorstellungen einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, die über Atomwaffen verfügte. Den NATO-Doppelbeschluss kritisierte er, da er darin Abrüstungsvereinbarungen zu Ungunsten der NATO sah.

Strauß verband die Ostpolitik mit der „Deutschlandfrage“ und der Europapolitik, die in ihrer wechselseitigen Verbundenheit jeweils Möglichkeiten boten, aber auch an Grenzen stießen. (S. 9) Sein politisches Lebensziel galt „der Wiedervereinigung Deutschlands in einem freien und geeinten Europa. Als Historiker und Realpolitiker hat Strauß stets in langfristigen geopolitischen Prozessen gedacht (…).“ (S. 268)

So kommt der Autor zu dem Fazit, dass Strauß ein Wegbereiter der deutschen Einheit und ein Europäer aus Überzeugung war.

Im Anhang findet man noch einen Abdruck der oben erwähnten Interviews und ein Quellen- und Literaturverzeichnis.

Es handelt sich um eine stringente, strukturierte und mit viel Hintergrundwissen verfasste Arbeit, die auch Zeitzeugen in die Betrachtung einbindet und bislang unerforschte Quellen hinzuzieht.

Die Arbeit will ein differenziertes Bild zeichnen, ist aber in einigen Punkten nicht kritisch genug gegenüber den außenpolitischen Leitlinien von Strauß, seinen Praktiken als Figur des Kalten Krieges und seinen Eklats auf außenpolitischer Bühne.

Die Auseinandersetzung mit Strauß‘ Nationalismus bleibt eher ein Randaspekt der Arbeit. Ist dies ein Widerspruch zu seinem Verständnis von Europa? Oder kann dies gleichzeitig nebeneinander existieren?

Strauß ist auch eher einer der späten Nutznießer von Brandts Ostpolitik. Sie hat die deutsche Einheit weiter ermöglicht („Wandel durch Annäherung“) und den Prozess des Friedens für Europa und für das gesamte Ost-West-Verhältnis verbessert. An diese Voraussetzungen konnte Strauß erst anknüpfen und profitierte davon bei seinem Kurswechsel mit den Verhandlungen mit der DDR-Führung in den 1980er Jahren erheblich.

Nicht immer zeigte Strauß, dass er die europäisch-demokratischen Werte verinnerlicht hat. Als langjähriger gern gesehener Gast des Apartheidregimes verteidigte Franz Josef Strauß die weiße Regierung des Landes und äußerte Verständnis für die Unterdrückung der schwarzen Mehrheit durch die weiße Bevölkerung.

Noch 1988 war Strauß Ehrengast von Außenminister Pik Botha. Die Abschaffung der Apartheid nannte Strauß „unverantwortlich“ und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit „nicht wünschenswert“. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab.

 

 

 







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