Neuerscheinungen Krimi und Romane

15.06.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Volker Klüpfel, Michael Kobr: Affenhitze. Kluftinger neuer Fall, Ullstein, Berlin 2022, ISBN: 978-3-550-20146-2, 24,99 EURO (D)

Dies ist der zwölfte Fall mit Kommissar Kluftinger und seinem Team. Das Cover verrät schon einiges, worum es in dem neuen Fall geht.

Im Allgäu wurden neben anderen fossilen Ausgrabungsfunde das Skelett eines Urzeitaffen entdeckt. Der dafür verantwortliche Professor Brunner hat den Affen den Namen Udo verliehen. Dieser sensationelle Fund sollte in einer Ausstellung vorgestellt werden, doch bei deren feierlichen Eröffnung wird die Leiche von Brunner in einer Tongrube gefunden.

Kommissar Kluftinger und sein Team werden bei extremen sommerlichen Temperaturen gerufen und ermitteln in alle Richtungen. Udo hat ein todsicheres Alibi und kann von der Liste der Verdächtigen gestrichen werden. Das trifft aber nicht auf eine sektenähnliche Gemeinschaft in der Nähe der Grabungen zu, die dort Naturseminare abhalten, und schnell in den Fokus rücken. Ebenso der Eigentümer der Grube, der sich um seinen Profit sorgt, um dort endlich weiter Ton abbauen will.

Einen großen Raum nimmt auch das Privatleben Kluftingers ein. Um Geflüchteten zu helfen, mistet er alte Sachen aus und muss sich in der digitalen Welt behaupten und sich mit „Sozialen Medien“ wie Facebook herumplagen.

Der ewige Schlagabtausch zwischen ihm und dem Arzt Dr. Langhammer geht auch in die nächste Runde, die für amüsante Momente sorgt.

Die Versuche Kluftingers, die englischsprachigen Forschungen über Paläontologie zu verstehen, sorgen nicht nur für Heiterkeit, sondern vermitteln auch den Leser*innen viel Wissen über Urzeitgeschichte im beschaulichen Allgäu, die es wohl tatsächlich gegeben hat.

Die Figur des kauzigen Kommissars und sein Privatleben ist genauso Thema wie der Fall selbst. Dies hat den Vorteil, dass es viele witzige Gegebenheiten und kernige Dialoge gibt. Der Nachteil ist, dass der Fall selbst und die eigentliche Ermittlungsarbeit etwas zu kurz kommt.

Dennoch ist es ein guter Mix aus Unterhaltung, Humor und Spannung, der für ein kurzweiliges Lesevergnügen sorgt.


Buch 2

Miranda Cowley Heller: Der Papier Palast. Roman, Ullstein, Berlin 2022, ISBN: 978-3-550-20337-0, 23,99 EURO (D)

Dieses Buch wurde in den USA zu einem Bestseller und liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Er spielt in der Sommerresidenz der Familie Bishop, die innen mit viel Papier ausgestattet ist. Seit Generationen verbringt dort die ganze Familie die Sommerzeit.

Das Buch handelt von zwei Hauptdarstellern, Elle und Jonas, die sich seit ihrer Kindheit kennen. Als Teenager passiert Elle ein prägendes Ereignis, das sie nur Jonas anvertraut. Das bleibt ihr gemeinsames Geheimnis.

Sie blieben miteinander befreundet, Elle heiratete Peter und hat drei Kinder, während Jonas mit Gina verheiratet ist. Trotzdem gibt es immer eine starke Anziehung zwischen den beiden. Dies kulminiert in diesem Sommer zu einem leidenschaftlichen One-Night-Stand, wovon ihre Partner nichts mitbekommen. Es ist das erste Mal, dass Elle untreu ist und ihre Gefühlswelt ist auf den Kopf gestellt.

Mit dieser Szene beginnt auch das Buch. Elle ist alleine, geht schwimmen und lässt den vorherigen Abend Revue passieren. Sie empfindet sowohl für ihren Mann Peter als auch für Jonas starke Gefühle.

Durch den Roman hinweg, der eigentlich nur einen Tag umfasst, erzählt Elle ihr komplettes 50jähriges Leben. Innerhalb der Kapitel wechseln sich Gegenwart und Vergangenheit miteinander ab. Der gegenwärtige Tag wird stundengenau rekapituliert, und immer wieder zwischendurch gibt es Episoden aus der Vergangenheit.

Elles Leben verlief sehr wechselhaft, da die Mutter wieder heiratete und dadurch auch Stiefgeschwister mit in die Ehe kamen. Sie ist einer Patchworkfamilie aufgewachsen, was nicht immer konfliktfrei verlief. Ihre einzige Konstante in ihrem Leben waren die Sommer in ihrem Haus. Stiefmütter und -väter, Stiefgeschwister und Stiefgrosseltern mögen kommen und gehen, aber die Aufenthalte im Papierpalast im Sommer blieben. Die einzige wirkliche Konstante war auch Anna, ihre große Schwester.

Im folgenden entwickelt sich eine Achterbahn der Gefühle, die zwischen Scham, Schuld, Selbstanklage, Zuneigung, Liebe, Identität und Zugehörigkeit bestimmt sind. Aber auch düsterer Geheimnisse und Traumata.

Dies ist mehr als ein leichter Sommerroman. Er kreist um Familiendynamik in Vergangenheit und Gegenwart, lange gehütete Geheimnisse und (unerwiderte) Liebe. Es braucht eine Weile, um sich darauf einzulassen, weil er zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt. Dann aber folgt ein ohne Kitsch berührender Roman, der mit Empathie, Schärfe und emotionaler Tiefe geschrieben wurde und viele Fragen des (eigenen) Lebens berührt.


Buch 3

Hoeps & Toes: Der Talinn-Twist. Thriller, Unionsverlag, Zürich 2022, ISBN: 978-3-293-00375-4, 18 EURO (D)

Das deutsch-niederländische Autorenduo Hoeps & Toes präsentiert einen politischen Thriller mit der Ermittlerin Marie Vos. In Brüssel wird sie von der Security Abteilung der EU von einem anderen Projekt abgezogen, um sich einem Spionagefall zu widmen, der den Abschluss eines wichtigen Vertrages in der estnischen Hauptstadt Talinn gefährdet. Dieses Projekt soll die bislang private städtische Wasserversorgung wieder in kommunale Hände übergeben, damit die Versorgungssicherheit gewährleistet wird und Wasser nicht als Grundlage von Erpressung oder Bereicherung dienen kann.

In Estland selbst gibt es eine Koalitionsregierung mit dem rechtspopulistischen „Freien Estland“, das gegen die EU wettert und nationalistische Positionen aggressiv artikuliert. Sie wollen den Vertrag über Wasserversorgung verhindern, mit allen Mitteln.

Marie Vos fliegt undercover als Mitglied einer internationalen Task-Force nach Talinn, unter der es wahrscheinlich einen Verräter gibt, der geheime Informationen weitergibt. Innerhalb der Gruppe selbst gibt es divergierende, zum Teil widersprüchliche Interessen, die EU und ihre Vertreter selbst kommen dort nicht gut weg.

Aber auch der russische Geheimdienst mischt in diesem undurchsichtigen Spiel mit. Russland würde von Streitigkeiten innerhalb der EU profitieren und seinen Einfluss auch durch die große russische Minderheit in Estland vergrößern.

Die verschiedenen Gegner des Projektes und ihre Interessen führen zu einer multiperspektivischen Handlungsebene, die kulminiert, als Anschläge auf die Gruppe passieren und vermeintlich enttarnter Verräter ermordet wird.

Ob das Autorenduo den Angriffskrieg Putin in der Ukraine und die gefühlte Bedrohung des Baltikums sowie die Aufrüstung der NATO und deren militärische „Übungen“ mit eingeflossen sind, bleibt unklar.

Der Thriller basiert auf einer guten Recherche der Institutionen der EU und der politischen Handlungsfähigkeit.

Die teils grotesk und humorig dargestellten EU-Bürokraten und ihre mitunter gegeneinander eingestellte Arbeit werden hier kritisch dargestellt. Außerdem werden innere Problemfelder wie nationalistische Alleingänge und Abspaltungen innerhalb der EU angesprochen. Warum dies gerade Estland ist, wird aber nicht deutlich.

Der Thriller selbst baut Spannung auf, die teilweise Zerfahrenheit der einzelnen Interessengruppen werden später zusammengeführt und der Plot ist gut gelungen.

 

Buch 4

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind. Roman, Unionsverlag, Zürich 2022, ISBN: 978-3-293-00579-2, 26 EURO (D)

Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen.

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer Gruppe von Freunden, der Clan, der sich in den 1990er Jahren auf Kuba bildete. Ein kleiner elitärer Kreis von Freunden, die sich treffen und verbunden fühlen. Dieser Kreis zerbricht, viele gehen ins Exil und zerstreuen sich ins Ausland, jeder auf der Suche nach Glück und einem selbstbestimmten Leben.

Sie wandern in andere spanischsprachige Länder aus, sie suchen ihr Glück in Barcelona, Puerto Rico, in Buenos Aires oder anderen Zentren. Einige zieht es auch in verschiedene Teile der USA, wo eine mächtige Gemeinde von Exil-Kubanern lebt.

Die Leser folgen ihnen in ihre Wahlheimaten und bekommen mit, dass das Exil wohl die wirtschaftliche Situation verbessern und auch eine größere individuelle Freiheit verheißt, aber nicht unbedingt ein glücklicheres Leben bringen kann. Die enge Bindung an ihre ursprüngliche Heimat geht nie verloren, die Erinnerung oder die Imagination dessen, was erinnernswert ist, bricht immer mal wieder durch. Aber auch das Leben in der Diaspora ist ein Schwerpunkt des Buches.

Jahrzehnte später führt jene, die wie Staub im Wind verloren schienen, wieder zusammen. Es ist ein Roman über Freundschaft, Identität und Zusammengehörigkeit und Geheimnisse aus der Vergangenheit, die die Gegenwart beeinflussen.

Die Themen sind spannend gewählt, aber die Charaktere sind nicht so, dass man als Leser sich mit ihnen identifizieren kann. Ihre Lebensentscheidungen und Umstände sind verwirrend und bleiben eher an der Oberfläche. Dies mag auch mit den vielen Sprüngen zwischen den Zeitebenen zusammenhängen, die für eine Hemmung der Lesefluss sorgen.

Paduras Roman verliert sich auch in zu vielen Einzelheiten, so dass der rote Faden und auch der Spannungsbogen verlorengeht. Einiges an diesem Roman hätte gekürzt werden können.


Buch 5

Margaret Laurence. Eine Laune Gottes. Roman, Mit einem Nachwort von Margaret Atwood, Eisele, München 2022, ISBN: 978-3-96161-130-0, 22 EURO (D)

Dieser Roman von Margaret Atwood erschien in den 1960er Jahren und wurde nun erstmals ins Deutsche übersetzt. Die Handlung spielt in der kanadischen Kleinstadt Manitoba, wo die Hauptfigur Rachel Cameron in einer Vorstadt lebt. Es ist ein typisches Kleinstadtflair, wo wenig passiert und jeder irgendwie über den anderen Bescheid weiß.

Rachel lebt in diesem verschlafenen Klima, das vom puristischen protestantischem Leben und seinen Moralvorstellungen geprägt ist. Sie unterrichtet Grundschulkinder und hat einen Vorgesetzten, der sehr schwierig ist und tyrannische Züge aufweist. Sie fühlt sich als Außenseiterin in der Stadt: Sie ist ledig und hat noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr, sie lebt immer noch mit ihrer hypochondrischen Mutter oben über dem Bestattungsinstitut, das einst von ihrem verstorbenen Vater betrieben wurde. Es ist eine Zeit, wo ein Singledasein Mitte Dreißig nicht normal war.

Rachel selbst passt sich stark den Normen ihrer Umgebung an, ist das Gegenteil von extrovertiert und traut sich nicht, ihre inneren Wünschen und Sehnsüchte den Platz zu lassen, den sie brauchen.

Die Rückkehr eines alten Schulfreundes, Nick Kazlik, verleiht Rachels freudlosem Leben einen Wendepunkt. Nick macht einen kurzen Besuch in der Stadt, wo er nach seiner Mutter sieht. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine intimere Beziehung. Rachel will Nick unbedingt gefallen und will eine festere Bindung, er entpuppt sich aber im Laufe der Zeit als unzuverlässig und lieblos.

Der Roman selbst wird aus Rachels Perspektive in der ersten Person erzählt: ihre inneren Gedanken und Kämpfe stehen mehr im Mittelpunkt als die äußeren Geschehnisse. Rachel ist zwiegespalten: ihre Gefühle und ihre Begierden bejahen die Affäre mit Nick, ihre Ratio und ihre Moralvorstellungen raten ihr davon ab. Sie hat Angst davor, dass die Affäre publik wird und vor allem unverheiratet, schwanger zu werden.

Ihr geheimes Innenleben wird dem Leser offen präsentiert. Dies alles vor dem Sittengemälde der frühen 1960er Jahre, wo Selbstverwirklichung und Emanzipation noch weit weg schienen. Rachel ist wohl das Paradebeispiel: der Kampf zwischen tiefsten Wünsche und Bedürfnissen und die Angst vor ihren Folgen und Auswirkungen der verinnerlichten und tatsächlichen Erwartungshaltungen. Die inneren und äußeren Zwänge zu befolgen würde ein einsames und verzweifeltes Leben bedeuten, die Befreiung davon nicht gekannten Mut und gesellschaftliche Ausgrenzung bedeuten. Ihr innerer Kampf zwischen ihren Wünschen und dem Wissen, dass diese (scheinbar) keine reelle Existenzberechtigung haben, wird tiefgründig vermittelt.

Ihre widersprüchlichen Haltungen und Emotionen treiben die Handlung voran, es werden immer wieder ethische und moralische Fragen des Lebens gestellt.

Der Roman behandelt einen anderen Lebensstil als den heutigen mit völlig anderen Werten und Vorstellungen. Von daher wirkt vieles wie aus der Zeit gefallen und altmodisch. Die Handlung selbst ist nicht sonderlich aufregend, das Buch hebt sich von anderen durch die empathisch geschriebene innere Zerrissenheit von Rachel, die Innerlichkeit und die gute charakterliche Darstellung ab.







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